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Marburg, Dienstag, 31. März 1875
x Jahrgang.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie die Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich L Co. in Kassel und- Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M.; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a. M-, Berlin, Leipzig, Cöln ic ; Rudolf Mosse in Berlin, Frankfurt a. M. ic.
OhrrhrWr Zeilung.
Anzeigen nimmt entgegen: die Spedition d. Blatte-, sowie bie Annoncen-Bureaux von ® L- Daube & Co. in Frankfutt a. M.: Jägexsche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, A. Rete- meyer in Berlin; Carl Schüß- ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.
Erscheint, tLgUch außer den Werktagen nach Sonn- und Feiettagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JllllstrirleS Sonntagsblatt" durch die Expedition (K o ch'sche Buch drucke re >) bezogen 2*t Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. iexl. Bestellgebühr). - Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg
Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 25 Pfg. berechnet.
Bestellungen auf das mit dem 1. April begin- nende neue Quartalabonnement der DH»t* heffische« Zeitung bitten wir bei den betreffenden Postanstalten baldigst machen zu. wollen. Im Feuilleton kommt im nächsten Quartal zum Abruck die sehr spannende Erzählung:
Der Kaleerensträffing von C. Wartenburg und im „Jllustrirten Sonntagsblatt" beginnt die russische Hofgeschichte:
Die Tochter der Kaiserin von L. Schubar.
Die Exp. d. Oberh. Ztg.
Tagesbericht.
Fürst und Fürstin Bismarck sind am Sonnabend, Nachmittag«, nach FriedrichSruh (in Lauenburg) abgereist. — Bald nach Anwesenheit des Kaisers von Rußland in Berlin (Milte Mai) wirb nach den bei dem gegenwärtig gekräftigten Gesundheitszustand .des Kaisers getroffenen Bestimmungen die italienische Reise deffelben stattfinden.
Der „Reichs-Anzeiger" publizirt eine Verordnung deg Reichskanzlers, welche Bestimmungen für die Wahl der Mitglieder und des Vorsitzenden des küstigen LandeöauS- schuffeS von Elsaß Lothringen festgesetzt.
Die gegenwärtige Anwesenheit des FürstenHohenlohe in Berlin hat wohl eine sehr naheliegende Erklärung. Rach der stattgefundenen Umgestaltung der Versaffungs- und Re- gierungsverhältnisse Frankreichs mußte eS dem Reichskanzler wünschenswerth sein, sich mit dem Vertreter DeutschlandS dei dem Präsidenten der Republik über die aus jener Umgestaltung sich ergebenden Aspekten in vertraulicher Form zu verständigen. Diese selbstverständliche Erklärung des Besuches des Fürsten Hohenlohe ist aber eben zu einsack), um zu gefallen und man verwerthet sie zu Gunsten der Eonjectural - Politik. • Fürst Hohenlohe soll Minister der Auswärtigen Angelegenheiten werden, um die Vertretung des Fürsten Bismarck in dieser Sphäre zu übernehmen. Dabei übersieht man, daß die Vertretung in dieser Sphäre schon vorhanden ist. Der Staatssccretär von Bülow hat ja nicht bloS den Rang eines Staatsministers, sondern übt auch die Functionen eines Ministers und hat die Stellvertretung des Reichskanzlers in Bezug auf das Aus, wärtige Amt.
Im Herzogthum Lauenburg ist, der Voss. Z. zufolge, die Gesetzvorlage über die Einverleibung dcS Herzogthums in den preußischen Staat eingetroffen. Ritter- und Land schäft treten am 7. April zur Berathung derselben zusammen.
Die von Paris aus verbreitete Nachricht, wonach die deutsche Regierung wegen der Angriffe der nltramontanen belgischen Presse gegen Deutschland und wegen der Samm> langen zu Gunsten der deutschen Klerikalen in Brüssel eine Beschwerde ■- Note habe überreichen laffen, wird stark bezweifelt.
Deutsches Reich.
Berlin, 28. März. Fürst Hohenlohe ist gestern vom Kaiser in nochmaliger Audirnz empfangen worden und hat Abends seine Rückreise nach Paris angetreten. — Mit dem 1. Oktober d. I. wird außer dem Geh. Ober Regierungsrath Dr. Wiese auch der Geh. Ober-Regierungsrath Dr. Stieve aus seiner Stelle als Vortragender Rath im Unterrichts-Ministerium ausscheiden. Zum Nachfolger des letzteren ist der Provinzial - Schulrath Dr. Stander au- Coblenz designirt und von dem Cultus - Minister dieser Tage bereits empfangen worden. Ob Herr Stander sich zur Annahme bereit erklärt hat, ist noch nicht bekannt. — Vor dem Ausbruch des Krieges hatte die französische Regierung die Idee, auf dem Rhein gepanzerte Kanonenboote zum Schutze ihrer Rheinfestung zu stalioniren. Dieser Gedanke ist später deutscherseits ausgenommen worden, und cs soll demnächst mit den ersten beiden Fahrzeugen dieser Art der Versuch gemacht werden. Dieselben sind fertig gebaut und ausgerüstet. Es wird mit ihnen, wie die „Nordd. Allg. Ztg." berichtet, im kommenden Monat dem Vernehmen nach eine erste Uebungsfahrt Statt finden, vielleicht auch eine kleine Schießübung in ;ber Nähe von Köln. Erst hiernach wird ein sicheres Ucthcil über die praktische Brauchbarkeit der projectitten Einrichtung zu fällen sein.
Bochum, 27. März. Der ehemalige Redakteur der ultramontanen „WestsälischMVolkszeitung," Joseph Blum, hat sich durch Abreise der Vollstreckung der gegen ihn ver- verhängten mehrmonatlichen Gefängnißstrafe entzogen.
'Meiningen, 25. März. Des Herzogs Bernhard Ehejubiläum hat zwar der Stadt eine Stiftung von 25,000 Mark für arme hiesige Waisenkinder eingebracht, aber die an dieses Fest geknüpften Hoffnungen auf Versöhnung mit Nahen und Fernen nicht verwirklicht. So war zur Festtafel bei dem Jubelpaar der Herzog Georg mit seinen Kindern und Gästen, nicht aber seine Gemahlin geladen. Im Uebrigen waren von Fürstlichkeiten der Erbgroßherzog von Weimar, der Herzog von Altenburg, die Fürstin von Waldeck und Reuß j. L. erschienen, auch hatten der König von Sachsen, der Großherzog von Oldenburg, der Herzog von Coburg und die Fürsten von Schwarzburg und Reuß ä. L. Gesandtschaften abgeordnet; aber von Berlin, München, Stuttgart, Karlsruhe, Darmstadt
und auch von Wien wurde eine Vertretung nicht bemerkt. UebrigenS sind dem Jubelpaar aus dem Herzogthum viele Zeichen der Anhänglichkeit gewidmet worden; einige Landgemeinden haben sogar zur Erinnerung an den Jubeltag Stiftungen für Arme gegründet.
Karlsruhe, 26. März. Nach aus ministeriellen Kreisen gegebenen Andeutungen verlautet, daß dem bereits im Sommer zusammentretenden Landtage in erster Reihe ein Gesetz über die Dotation der Geistlichen beider Con- fesstonen vorgelegt werden wird, in dem beziehentlich der Aufbesserung der gegenwärtigen Gehalte die Bedingung als, tyqhgestettd ypr-psgesetzt wird, daß die betreffenden Kirchendiener sich unbedingt den Staatsgesetzen zu unterwerfen haben. Da der testende Minister schon ans dem letzten Landtage eine Besteuerung der Kirche als „unausführbar" motivirte, so dürfte die Form der Staatsdotation keinen allzn großen Schtpierigkeiten begegnen. — Das Ministerium des Innern hat bezüglich des Lehrplans der neu errichteten Fortbildungsschulen einem auf dem letzten Landtage kundgegebenen Wunsche dahin entsprochen, daß es Mr den geschichtlichen Lesestoff „das Wichtigste über die Verfassung und politische Einrichtung des Großherzogthumö mit Erweiterung auf daS deutsche Reich" bestimmt hat. Dem von klerikaler Seite ausgesprochenen Verlangen nach Aufnahme deS Refigions - Unterrichts konnte nicht entsprochen werden.
München, 27. März. Die Mittheilung der „Donauzeitung," wonach der Candidat der bayerischen Regierung für den erzbischöflichen Stuhl ip, Bamberg wäre, entbehrt, wie daS „Süddeutsche Correspondenz-Bureau" meldet, jeder Begründung und ist als eine lediglich Parteizwecken die nende Erfindung zu bezeichnen.
LuSliulv.
Bern, 27. März. Der BundeSraih hat in Betreff des Rekurses gegen die Ausweisung jurassischer Geistlicher die Berner Regierung zur Anzeige eingeladen, ob und wie lange die Ausweisung noch fortbestehen solle und welche Gründe sie für diese außerordentliche Maßregel geltend mache. Der Bundesrath hat sich Vorbehalten, je nach Umständen angemessene Verfügungen zu treffen. — Der Rccurs, betreffs Rückgabe der Kirchengüter und Wiederherstellung des römisch katholischen Cultus wurde abge- wiesen. — Der Bundesrath beschloß bezüglich der Ausweisung der katholischen Geistlichen aus dem Jura die Berner Regierung nochmals apfzufordern, die Gründe dieser Maßregel auseinanderzusetzen.
Paris, 28. März. Das Wetter, welches gestern prachtvoll war, begünstigte nicht das heutige Osterfest. Es stürmte, hagelte und regnete fast ohne Aufhören und die
Sim den Wirkungen des Lächelns.
Humoreske von Fritz Brentano.
(Fottsetzung.)
„O, daS will ich nicht sagen", gab Heistenberger zur antwort mit demselben Lächeln. Ich fühlte mich entsetzlich unbehaglich. Hatte er die Blöße meines Hauptes entdeckt ober nicht? Seiner Ruhe nach hätte ich daS Letztere hoffen dürfen, aber dieses stereotype Lächeln mußte Etwas verbergen. War eS das Wetterleuchten vor dem Ausbruch des Gewitters? Ich nahm meine ganze Ruhe zusammen und sagte: „Jst'S Wetter heute schön?"
„Recht angenehm I Nicht zu heiß, gar nicht zu heiß", war bie Antwort und das Lächeln blieb auf dem Gesicht, gleichzeitig machte Heistenberger einige Schritte gegen daS Fenster, in deffen Nähe der Nachttisch und vor diesem ich selbst stand. In mir stieg die Idee auf, die Pcrrücke meiner Siebe zu opfern und sie mit starker Hand durch das Fenster auf die Straße zu schleudern und ihr Dasein für immer zu verleugnen; aber deS Schützenkönigs Zorn hatte sich ja nicht nur gegen das Bedeckungsmittel, sondern auch gegen bie vorzeitige Blöße selbst, die er eine Schmach nannte, gerichtet. Mein Opfer würde nichts genützt haben. Heistenberger stand jetzt dicht vor mir und drohte, an mir vorbei zum Fenster tretend, mich und den Nachttisch in die Flanke zu faffen; ich machte eine halbe Wendung um den Tisch herum und entzog durch meinen Körper noch einmal den fatale» Gegenstand seinen Blicken.
„Ist heute noch ein Nachsest in Erbelhausen?" fragte ich.
„Nein, eigentlich nicht« l" entgegnete Heistenberger.
„Ist also gar nichts loö heute?" fragte ich von Neuem verzweifelnd.
„Heute, Vetterchen, heute kommen die Ueberraschungen", Hküche der Schützenkönig.
„Satan!" rief’« in meinem Innern. „Für so ras finirt maltiös hätte ich Alt-Germanen nicht gehalten!"
„Bitte, laffen Sie sich nur nicht im Ankleiden stören!" setzte er hinzu und dasselbe Lächeln flog Über sein fettes Gesicht. Es war klar, er hatte die Perrücke oder mein kahles Haupt bemerkt. Dieses Lächeln bewies es genug. Sollte ich nun gleich einem auf einem Vergehen ertappten Schulknaben vor ihm stehen und ihm die Freude laffen, sich an meiner Verlegenheit zu weiden mit seinem ewig gleichen Lächeln? Nein, ich war entschlossen, das Aeußerste zu wagen und ihm mit einer eleganten Nonchalance ent* gegenzutreten.
„Gewiß, weshalb sollte ich mich genirtn", begann ich. „Sind wir doch Männer! Mit dem, was Sie durch einen Zufall entdeckt haben, würde ich Ihnen sonst selbst eine Ueberraschung gemacht haben." Bei diesen Worten nahm ich mit möglichst kaltem Blute meinen Hut ab und griff nach meiner Perrücke. Heistenberger hatte mittlerweile das Fenster geöffnet, bei meinen Worten drehte er sich um. Als er mich kahlhäuptig mit der Perrücke in der Hand sah, wurde sein Antlitz bleich, seine Augen traten aus ihren Höhlen und sein Mund blieb einige Sekunden offen stehen.
„Sie — tragen — eine Perrücke!" stieß er mühsam heraus. „Sie — haben — keine Haare mehr?" — Diese Worte trafen mich härter, als jeder Wuthauöbruch, denn sie gaben mir den Beweis, daß Heistenberger nichts gewußt hatte, daß ich mich selbst verrathen! In demselben Augenblick ließen sich harmonische Laute von der Straße her hören, Heistenberger schrie und gestikulirte zum Fenster hinaus: „Still! still! Es ist ein Unwürdiger, ein Betrüger!"
Erstaunt blickte ich über seine Schultern zum Fenster hinaus und vergaß in per Aufregung sowohl Hut wie Perrücke aufzusetzen; ein vielstimmiges Gelächter empfing mich. |
„DaS war eine Ueberraschung!" keuchte Heistenberger. „Die Schützengilde sollte Ihnen eine Morgenmusik bringen, aber Sie sind ein Nichtswürdiger! — Perrückenaffe! —"
— WaS soll ich noch hinzufügen? Eine Viertelstunde später verließ ich per Extrapost Erbelhausen I — Eine tüchtige Grobheit ins Gesicht sagen, selbst eine kleine Thät- lichkeit laß ich gelten, man weiß, woran man ist, aber ein Lächeln, deffen Grund man nicht kennt, führt zur Verzweiflung, ja, macht Einen zum SelbstankläLer. Mich hat es um eine Ehehälfte gebracht — oder, da man jedem Ding bie beste Seite abgewinnen muß, mit hat es den goldenen Junggesellenstand erhalten."
Die Gesellschaft lachte über Henningers Mißgeschick und Herr v. Hallen bemerkte:
„Herr Henninger, Sie haben mich an einen ähnlichen Vorfall aus meiner Jugend erinnert; nur endigte er für mich befriedigender. Wir haben noch eine Viertelstunde bis zum Mittagessen, wenn es den Herren genehm, erzähle ich ihn!"
„Gewiß! gewiß!" tönte eS von allen Seiten und von Hallen begann:
„Ich hatte meinen Vater frühzeitig verloren und ward von meiner Mutter, die sich auf ein kleines Gut zurückgezogen hatte,' aufs Sorgfältigste erzogen. Sie wurde hierbei von dem alten, ehrwürdigen Geistlichen des nächsten Dorfes unterstützt. Als ich das 21. Jahr erreicht hatte, spiegelte sich in meinem Charakter der meiner Mutter fast ausschließlich wieder. Unter ihrem Einfliß hatte ich eine sehr hohe, heilige Achtung vor dem weiblichen Geschlecht empfangen und bewahrt; die Begriffe von Ehre und Tugend waren meiner Idee nach unzertrennlich mit dem Dasein eines Edelmannes. Um diese Zeit sollte ich versuchen, hinaus in die Welt zu gehen und zwar den Anfang mit einem Ausflug auf daS Gut des Oberst von Borstell machen. (Forts, folgt.)