Nr. 67.
JRarßurg, Sonnabend, 20. März 1875.
x. Jahrgang.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie die Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a- M.; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a. M., Berlin, Leipzig, Cöln rc; Rudolf Moffe in Berlin, Frankfurt a. M. rc.
(PlitrhcHifdic Irilmig.
Anzeigen nimmt entgegen: die Spedition d. Blattes, sowie bte Annoncen-Bureaux von G L. Daube & Co. in Frankfurt a. M.; Jäger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, 8L Rcte- meyer in Berlin; Carl Schütz-' ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.
Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiettagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JlluftrtrteS Sonntagsblatt" durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (exl. Bestellgebühr). — Insertionsgebühr für die gespaltene Zelle 10 Pfg.
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Abstellungen auf das mit dem 1. April begin- nende neue Quartalabonnement der Ober» hessische« Zeitung bitten wir bei den betreffenden Postanstalten baldigst machen zu. wollen. Im Feuilleton kommt im nächsten Quartal zum Abruck die sehr spannende Erzählung:
Der Kakeerensiräffing von C. Wartenburg und im „Jllustrirten Sonntagsblatt" beginnt die russische Hofgeschichte:
Die Tochter der Kaiserin von L. Schubar.^ Die Exp. d. Oberh: Ztg.
Tagesbericht.
Die gerichtliche Vorladung des Fürstbischofs von BreSlau aus den 16. d. M. war in Folge Requisition des Staatsanwalts in Meseritz in der Angelegenheit des Propstes Kjck in Kähme geschehen.
Der Antrag zu dem kaiholischen VermösjenSverwal- tungSgesetze, wonach der Kirchenvorstand Besoldungen au Geistlicher nur mit Genehmigung der Staatsbehörde auszahlen darf, und diese Genehmigung bei Sperrung der S aatSdotation versagt werden muß, ist von außerordent- lichet Tragweite und würde im Falle er Gesetzkraft gc winnt, die Zurückziehung der Staatsleistungen an intensiver Wirkung um ebensoviel übertreffen, als die Einüinfte der Geistlichen aus dem örtlichen Kirchenvermögen diejenigen auS Staatsmitteln überwiegen. Die Ausnahme, welche der Gedanke Seitens der Volksvertretung find-en wird, dürfte, wie vsficiös geschrieben wird, von bestimme.n- tem Einfluß auf die weiteren Schritte der Regierung seid', und es ist kaum anzunehmen, daß der Antragsteller ohne < Verständigung mit den maßgebenden Kreisen vorgegangen ist.
Dem Vernehmen nach will das Reichskanzleramt den landwirthschaftlicheu Schulen, welche die erforderlichen Bedingungen erfüllen, das Recht zur Ausstellungen von Zeug- nisien zum einjährigen Militärdienst bewilligen.
DaS Reichsbaukgefetz hat unterem 14. d. Mts. die kaiferliche Sanktion erhalten und ist am 18. promulgirt worden.
Fürst Hohenlohe, der deutsche Botschafter wird morgen in Berlin erwartet; der Aufenthalt des Fürsten wird indesien nur von kurzer Dauer-, sein. Seine Hierherkunst gilt neben der Erledigung von Familienangelegenheiten einer persönlichen Besprechung mit dem Fürsten Bismarck über die augenblickliche Lage Frankreichs.
In betreff des Rücktritts des bayerischen Kriegsministers verlautet neuerdings, daß dasselbe aus Veranlassung der Ablehnung des Militärbeamten-GesetzeS in der Abgeordnetenkammer allerdings um seine Demission nachgesucht habe, die ihm aber vom Könige nicht ertheilt worden ist. Wie es heißt, hätte der Kriegsminifter jetzt von Neuem
ein DemisstonSgesuch eingereicht, auf welche die Entscheidung des Königs bisher noch nicht erfolgt, sei.
Der Untersuchungsrichter zu Madrid hat den Jnfanten Don Alfonso, Bruder des Don Karlos, vorgcladen, um sich wegen der in Cuenca begangenen Gräuelthaten zu verantworten. Da nun natürlich das Gericht selbst nicht der Meinung ist, daß der edle Prinz in Madrid erscheinen werde, so hat die spanische Regierung die Auslieferung des augenblicklich in München weilenden Jnfanten wegen ge meiner Verbrechen (Mord, Brandstiftung, Rothzucht u. s. w.) verlangt. Zwischen dem deutschen Reich und Spanien besteht kein Auslieferungsvertrag; dagegen haben die deutschen Staaten einzeln solche Verträge geschloffen, z. B. Bayern am 28. Juni 1860, Großherzogthum Hessen am 17. Februar 1862. Die spanischer Seit« dem Jnfanten zur Last gelegten Delikte fallen unter Artikel II. 1, 3, 4, deS bayerisch-spanischen Vertrages.
Die Reise des Kaisers von Oesterreich nach Dalmatien und sein Besuch des Königs von Italien in Venedig giebt der Wienex Presse zu den verschiedensten Betrachtungen Veranlaffung. Die deutschseindlichen Blätter benutzest diese Gelegenheit, um die deutsche Politik zu bekämpfen. Sie sehen in dieser Reise den Versuch, Italien von der „deutschen Diktatur" zu befreien, die nach nichts Geringerem streben soll, als Italien „dem direkten Einfluß des Pro testantismus" zu unterwerfen, und auf diesem Wege die Macht des Papstthums zu brechen. Diesem verhängniß vollen Zauber, dem selbst ein Garibaldi nicht habe widerstehen können. Es ist nicht nöthig, diese abgeschmackten Insinuationen zu widerlegen. Deutschland steht ohne Neid die Annäherung beider Staaten, und erblickt darin schwerlich eine Demonstration gegen seine Politik. — Andere Blätter geben dieser Reise eine wesentlich verschiedene Bedeutung und legen das Hauptgewicht auf die Reife nach Dalmatien. Das „Neue Wiener Tageblatt" läßt^ sich darüber folgendermaßen vernehmen: „Dalmatien ist jetzt ein Land von politischer Wichtigkeit geworden. Es schließt eilte der Pforte» des Orients, von Dalmatien aus kann eine Politik der Zukunft Operationen von großer Tragweite ins Werk setzen. Gewiß liegt Oesterreich jede kriegerische' Absicht fern, und eS wird den Zusammenbruch der Türkei nicht durch eine agrefstve Aktion zu beschleunigen suchen. Liber andererseits ist es auch gewiß, daß Oesterreich den Vorgängen im Oriente eine ernste Aufmerksamkeit widmet, daß es die Eventualitäten der Zukunft ins Auge faßt, sich eine solide Basis zu schaffen sucht, um nicht zu seinem Nochtheil von den Ereignissen überrascht zu werden. Oesterreich Hal allen Traditionen seiner Politik entsagt, eS denkt nicht daran, den Fuß wieder nach Deutschland zu setzen. Jtal'ien ist ihm ein verpöntes Gebiet, aber seine Hand ruht auf der Thürklinke des Ostens, um rechtzeitig die Pforte öffnen zu können."
Es scheinerr sich an der Donau überhaupt Bewegungen vvrzubereiten. In Serbien tritt die jungserbische Partei
immer ungethümer auf. Sie macht aus der Absicht eine Conflagration herbeizuführen kein Hohl, und es hat den Anschein, als ob sie bei ihren Bestrebungen von franzö- zöstschen Agenten unterstützt wird. Die europäische Diplomatie blickt mit steigender Besorgniß diesen Agitationen zu. Die Pforte hat erst kürzlich Rumänien gegenüber gezeigt, daß sie zur Nachgiebigkeit nicht geneigt ist, und in der Montenegrinischen Verwickelung ist sie nur durch den Ein fluß der drei Mächte zurückgchalten worden. Man unterschätzt irrthümlicher Weise die • Macht der Pforte, die Hoffnung auf ein baldiges Zusammenstürzen der'Pforte scheinen uns entschieden voreilig zu sein, wenigstens sind die souzerainen Staaten an der Donau nicht im Stande, mit ihrer Macht das Ende der Türkei herbeizuführen.
Betreffs der für den Sommer dieses Jahres in Petersburg Aussicht genommenen internationalen Zusammenkunft des Telegraphencongreffes, wird uns bestätigt, daß auch die großen Telegraphengesellschasten, welche eine internationale Stellung einnehmen, zur Vertretung ihrer Ansichten und Wünsche auf demselben zugelaffen werden, doch wird ihnen ein Stimmrecht nicht eingeräumt werden.
Deutsches Strich.
•• Berlin, 18. März. Vielfach heißt eS, die Regierung habe ursprünglich das Sperrgesetz schon am 1. April in Wirksamkeit setzen wollen. Diese Annahme ist durchaus unbegründet. Selbst bei einer schnellen Erledigung des Etats war wohl kaum di« Hoffnung begründet, die Vorlage noch vor Ostern durch beide Häuser de« Landtags zu bringen. Der Protest der Bischöfe wird übrigens weder im Herrenhause noch im Abgeordnetenhaus die Annahme des Gesetzes erschweren, dagegen ist" mit vollem Rechte in der Presse hervorgehoben worden, daß die angekündigte Haltung des Clerus die Folgen deffelbrn für die Kirche nur erschweren werde. — Der Telegraph meldet, daß auch der Bischof von Münster gefänglich ein- gezogen ist. — Der Bischof von Paderborn hat nach seiner jetzigen noch eine zweite Gefängnißstrafe zu verbüßen und dürfte denmach die bereits angekündigte Jnternirung in Wesel zur Ausführung kommen. — Bekanntlich sollen die Materialien zur Statistik der Bewegung der Bevölkerung, welche früher von den Geistlichen geliefert worden, nach Einführung des CivilstandsgesetzeS nun durch die Mitwirkung der Standesbeamten beschafft werden. Der Minister des Innern hat bereits vor längerer Zeit eine betreffende Verfügung erlaffen und ist auch die Mehrzahl der Standesbeamten dem Wunsche der Regierung im Jntereffe der Statistik bereitwilligst entgegengekommen, während einzelne allerdings sich beharrlich der Annahme dieser neuen Pflicht iweigern. Einen Zwang auszuüben steht nach dem Wortlaut deS Gesetzes der Regierung nicht zu und kann es daher auch nicht veranlaffen, die Ausfüllung der betreffenden Zählkarten einem Andern etwa auf Kosten, des betreffenden Standesbeamten zu übertragen. Det' Minister des Innern
Prinz LieSchm.
Novellete.
In den Vierziger Jahren ging eine von Moritz Heyde- rich geschriebene dreiaklige Posse unter dem Titel „Prinz Lieschen" über sämmtliche deutsche Bühnen, in welcher ein junges Mädchen in Männerkleidern austtitt und allgemein für den künftigen Thronfolger d«S Landes gehalten wird. Da dem Stücke alle näheren Angaben über Zeit und Ort fehlten, so nahm man allgemein au, daS Sujet beruhe auf bloßer Erfindung des VerfafferS, und nur Wenigen, welche mit der Geschichte der deutschen Höfe näher vertraut waren, mochte bekannt sein, daß die Poffe aus historischer Grundlage beruhte.
In dem Städtchen Wolkenstein im Erzgebirge lebte zu Ansang des vorigen Jahrhunderts, zur Zeit als August der Starke seinen jugendlichen Sohn, den späteren Kurfürsten August III., zum Zweck der Convertirung nach Oesterreich und Italien geschickt hatte, die Tochter des Leinewebers, Namens Lieschen, dir mit ihrem Schicksal sehr unzufrieden war. Da sie beständig bei ihrem Vater als Geselle arbeiten und Zeug machen mußte, auch von benv selben sonst sehr streng gehalten wurde, so sann sie auf Mittel, ihre Lage zu verbeffern. Endlich gerieth sie auf den Gedanken, aus ihres Vaters Hause heimlich zu entfliehen und unter männlicher Verkleidung ihr Glück zu suchen. Nachdem sie verschiedene Gegenden durchstrichen und von der Mildthätigkeit der Menschen gelebt hatte, kam sie auch zu dem Schlöffe Augustusburg, welches der kurfürstliche Oberfifchmeister von Günther bewohnte. Der hohe Beamte glaubte an dem Schulmeister, für den sie sich auSgqb, wahrzunehmen, daß derselbe den,, damaligen Kur
prinzen ähnlich sähe und wirklich soll auch Lieschen einige, aber nicht bedeutende Aehnlichkeit mit demselben gehabt haben. Herr vorr Günther legte dem Pseudo-Schulmeister verschiedene Fragen vor, welche dieser gesetzt und ernsthaft beantwortete; der schlaue Oberfifchmeister meinte deßhalb, in diesen Antworten eine g'wiffe Hoheit und Majestät zu finden, und fiel eirdlich auf d.'e Vermulhung, daß eS wohl gar der Kurfürst selber sein ki)nne. Diese an sich schwer verständliche Voraussetzung hatte deßhalb eine gewiffe Berechtigung, weil eben damals das Gerücht allgemein verbreitet war. daß der Prinz im Eil-werständniß mit seiner protestantischen Mutter, um dem Ued'ertritt zum Katholi- cismus zu entgehen, die Reise nach Rom aufgegeben habe, nach Sachsen zurückgekehrt sei und incvgnito im Lande umher reise
Herr von Günther glaubte nun, unter der künftigen Regierung eine große Rolle spielen zu können, wenn er den Erbprinzen gut ausnähme. Er nöthigte also den Schulmeister ins Schloß zu treten, lleß ihm ausgesuchte Erfrischungen reichen und unterhielt sich angelegentlich mit ihm. Die klugen und vorsichtigen Antworten des Mädchens verstärkten ihn immer mehr in seiner Vermuthung, so daß er es ohne ferneres Bedenken zu sagen wagte, daß wenn ihn der Schein nicht trüge, er unter diesen Kleidern eine ganz andere Person als einen Schulmeister vor sich sähe. Als Lieschen eint Entdeckung fürchtend ein Erröthen nicht verbergen konnte, und sich bei mehrmaligen Fragen Günther'S immer brstürziier zeigte, blieb diesem kein Zweifel mehr, daß er die Hoffnung aller Sachsen, den Kurprinzen, in seiner Behausung bewirthe. Er sagte daher, daß er die Ursache, warum Se. Hoheit in der Verkleidung im Lande
umher reisten, gar wohl begreife, und daß Dieselben, um den Zweck noch bester zu erreichen, sein Haus mit Ihrer Gegenwart recht lange beehren möchten, wobei Sr. Hoheit sein ganzes Vermögen zu Diensten stände. Lieschen bedachte sich nicht lange, diese Gelegenheit, gute Tage zu haben, wahrzunehmen. Sie sah aber dabei auch ein, daß es nöthig sei, sich in dieser Sache klug und vorsichtig zu benehmen und bat daher den Oberfifchmeister, sie mit so hohen Titeln zu verschonen, weil ste weder ihrem Stande noch ihren Absichten entsprächen; übrigens wäre sie ihm für sein geneigtes Anerbieten sehr verbunden. Günther gab ihr hierauf das Versprechen, diese Titulationen wegzulaffen; er wiederholte aber das Anerbieten hinsichtlich seines Hauses und Vermögens und ließ mit Bitten nicht nach, bis end- lich Jungfer Lieschen erklätte, einige Zeit in seinem Hause zubringen zu wollen.
Günther schwamm in einem Meer von Seligkeit. Nach einer vor Aufregung schlaflosen Nacht that er dem vermeintlichen Prinzen den submißen Vorschlag, er möge doch die Verkleidung eines höheren Standes annehmen; auch so könne er seine Absicht, unerkannt zu bleiben, erreichen. Er setzte hinzu, daß er den gräflichen Stanö für die Pläne Sr. kurfürstlichen Hoheit am allcrschicklichsten halte. Da er wohl wiffe, daß Se. Hoheit auf die «osten, welche diese neue Verkleidung erfordern, nicht vorbereitet fein könne, so stelle er sein Vermögen zur Verfügung. Prinz Lieschen machte allerdings verschiedene Einwendungen, gab aber endlich dem dringmden Anhalten nach.
Run wurden kostbare Kleider angefertigt, vier Bediente für den Prinzen angenommen, dieser mit einer prächtigen Kutsche und sechs Pferden beschenkt, und damit eS auch