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Marburg, Dienstag, 15. März 1875.
x. Zahrgmg.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte-, sowie die Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M.; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a. M, Berlin, Leipzig, Cöln rc; Rudolf Messe in Berlin, Frankfurt a. M. rc.
OberheMe Intung.
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Tagesbericht
Wie verlantet, wird der Reichskanzler vor Ostern sich nach dem Laucnburgischen begeben, lieber die Dauer seines dortigen Aufenthaltes scheint noch keine Bestimmung ge troffen zu sein. Wenigstens ist darüber nichts zuver-z lässiges bekannt geworden.
Der kriegsgerichtlich zum Tode verurtheilte und von Sr. Majestät zu lebenslänglichem Zuchthause begnadigte Soldat Stephan Kohlgraff ist aus dem Regierungsbezirk Coblenz gebürtig (aus Denn im Kreise Adenau), seines Gewerbe- Korbmacher und römisch-katholischer Confessio». Er war schon früher (1867) wegen Selbstverstümmelung zu 3V2 Monat Festung und (in demselben Jahr) wegen Desertion zu 6 Monaten Festung verurtheilt. In der Schlacht bei St. Privat, wo sein Regiment (Königin Augusta Garde Grenadiere) sich mit Ruhm bedeckte, war er verschwunden, und fand sich erst Abends bei seiner Compagnie wieder ein. Er desertirte später zu den Franzosen, capitulirte für Algier, wurde zu einem Jahr Ge- fängniß verurtheilt, desertirte auch dort kam freiwillig nach Adenau zurück, und jist dann seiner verdienten Strafe verfallen.
Da- am Sonnabend verkündigte Urtheil in der Anklagesache gegen den Redakteur der „Germania", Kosiolek, lautet auf zweijähriges Gefängniß und sofortige Verhaftung. Kosiolek war nicht zu dem Termin erschienen; derselbe ist seit dem 7. März verschwunden.
Der Direktor des chirurgischen Hospitat« in Göttingen, Obermedizinalrath Baum beabsichtigt sein mit großer Aus Zeichnung versehene» Lehramt nächstens niederzulegen.
Aus Mecklenburg-Schwerin wird geschrieben: Der wegen Majestätsbeleidigung wider den deutschen Kaiser zu vier Monaten Festung rechtskräftig verurtheilte Hilfsprediger Schilde in Parchim, aus Kurhessen stammend, und mit den dortigen Lutheranern jympathistrend, ist, nachdem er von der zuerkannten Strafe zwei Monate verbüßt hat, vom Großherzog begnadigt worden.
Gustav Rasch, neuerdings Ritter eines hohen montenegrinischen Ordens, bemerkt in einer im „Pester Lloyd" abgedruckten Beschreibung seines neusten Besuchs bei dem Fürsten von Montenegro, „daß er in dem Centralgefängniß zu Cetinje unter den 67 Gefangenen auch nicht einen einzigen Dieb oder Räuber gefunden habe." Wer sollte bei dem Lesen dieser bemerkenSwerthen statistischen Nachricht des Herrn Rasch sich der Besorgniß erwehren, daß die den gedachten Kategorien angehörigen Individuen in Montenegro sich auf freiem Fuße befinden?
Erlebnisse eines Coucertgebers.
Eine wahre Begebenheit.*)
ES war im Monat November des letztvergangenen Jahres, als in eine Residenzstadt Deutschlands ein Jünger des Apoll in der Absicht kam, hier ein öffentliches Eoncert zu geben. Er war ein Virtuos auf seinem höchst schwierigen Instrument, und am Orte seines Wirkens, einer süddeut» scheu Residenz, gar wohl geehrt und bekannt. Kaum an- gekommeu, warf er sich in den schwarzen Frack, um einem mit Concertarrangiruug wohl vertrauten Musikalienhändler die Aufwartung zu machen.
Der Concertvater, wie wir den Musikalienhändler nennen wollen, erkannte sofort an dem langen Haar einen reifen den Virtuosen, hier zwar dem Publikum noch unbekannt, aber in musikalischen Zeitungen bereits rühmlichst erwähnt. Der Concertvater, welcher bei dem Eintritt des Fremdlings in den Laden noch die Protektormiene angeschnallt hatte, empfing ihn jetzt freundlich und citirte ihn in seinen Sabi- netverschlag. Nachdem der Virtuos sein Anliegen vorgetragen und der Musikalienhändler in ihm so eine Art Gottfried von Bouillon erkannt hatte, der einen Kreuzzug nach dem gelobten Lande der Musik unternommen, um die Thea» terroüen der Concertfreunde zu erobern, kam man der Sache so zu sagen gleich auf den Trichter. Man berieth sich über die einzuschlagenden Mittel und Wege. Als Lokal wurde der Saal eines Hotels bestimmt, zwar nicht allzu groß, aber bereits seit Jahren von den größten Künstlern und Virmosen zu Eoucerten benutzt, wenn auch manchmal etwas Braten- und Fettgemch aus der unten liegenden Küche herauf dampfte.
*) Da wir die Rücksicht nicht walten zu (affen brauchen, wie die „Dresdener Presse", welcher wir das oben beschriebene Abenteuer entnehmen, so fügen wir hinzu, daß der concertgebeude Virtuose der rühmlichst bekannte kgl. baierische Kammermusiker und Harfenist Tombo, der Schauplatz Dresden und der Concert- saal Hotel de Sachse ist. Daß die mitwtrkende kgl. Hofopern- fängerin sich auch noch mit 25 Thlrn. honoriren ließ, glauben wir ebenfalls nicht verschweigen zu dürfen. D. Red.
Fürst Milosch von Serbien hat an Kaiser Wilhelm ein Dankschreiben gerichtet für die wohlwollende Beilegung des bekannten ComularrangstreiteS, wobei er doch eigentlich der nachgebende Theil gewesen, damit aber, und das wird wohl daS Motiv zu der auffäligen Höflichkeit fein, die Anfrage verbunden, ob fein Besuch in Berlin Anfang Mai willkommen sei.
" ™ Deutsches «eich.
— Berlin 13. März. Die Sympathien der orthodoxen Lutheraner und der Fmdalconservativen treten neuerdings in sehr scharfer Weise in dem Hauptblatt der Letz teren, der „Kreuzzeitung", hervor. Dieses Blatt, das sich früher sogar für eine Hauptstütze der Regierung ausgab, ist jetzt so ziemlich das regierungsfeindlichste Blatt Preußens und steht darin mit der „Germania" auf ungefähr einer Stufe. Wenn man ihre letzten Leitartikel über „Staat und Kirche", über „Evangelische Kirche und Kulturkampf" liest, so glaubt man lediglich ein ultramontanes Blatt zu vernehmen, denn die betreffenden Ausführungen und Her- zenöergüffe können in der „Germania" wirklich nicht bester zum ultramontanen Ausdruck gebracht worden fein. „Die Staaten kommen und gehen, die Kirche bleibt. Das König thum Christi beruht nicht auf zeitlicher Grundlage, eS ragt nur in die Zeitlichkeit hinein. Die Zeitlichkeit und also auch die innerhalb derselben sich vollziehenden Staatsbildungen können ihr nichts anhaben. Wohl aber bestimmt sich das Schicksal dieser Staaten nach ihrem Verhalten zur christlichen Kirche." DaS sind die Grundgedanken, von welchen die „Kreuzzeitung" ausgeht. Ganz besonders aber feindet sie den Oberkirchenrath und den Cultusminister Dr. Falk an. Vor Kurzem stimmte sie schon ein Hoffnungslied an und meinte einen conservativen „Hauch" zu verspüren. Ein solcher weht allerdings durch Deutschland, aber nicht im Sinne der „Kreuzzeitung", die am liebsten das deutsche Reich wieder auflösen möchte, sondern in dem Sinne, daß sich gerade diese Schöpfung immer mehr befestigt.
Münster, 13. März. Die heute beabsichtigt gewesene Verhaftung deö Bischofs konnte nicht vollzogen werden, da derselbe sich vorher auf Reifen begeben hatte. Der Bischof verweilt angeblich in Cleve bei einer priesterlosen Gemeinde.
Weimar, 14. März. Wenn auch die Nachricht, daß Jena zum Sitz des künftigen Oberlandesgerichts bestimmt sei, von der „Weim. Ztg." damit dementirt wurde, daß die Verhandlungen darüber noch schweben, so darf doch die Mitiheilung als wohlbegründet gelten. Die für den
Ganz allein und auf eigene Person angewiesen, konnte das Concert nicht gegeben werden, Mithilfe war erforderlich und so wurde eine Sängerin des Hoftheaters und ein Geige spielender KammermustkuS angeworben. Letzterer war so gütig, den Concertgeber in die verschiedenen RedaktionS- büreauS der Preßorgane einzuführen, Vorstellung bei der Kritik, um diesen Cerberus am Bellen und Beißen zu verhindern. Nebenbei wurden noch etliche Rhadamanten und MinoS der Kritik in ihren Behausungen aufgesucht. Die Draschkenkntscher bekamen Arbeit.
Nach einigen Tagen las man im redaktionellen Theil der Tagesblätter, daß der „strebsame" Künstler 3E. I. nächstens eiu Concert geben werde, worauf man die Musikfreunde aufmerksam mache. In Blättern, wo der Can- didat große Concertanzeigen inseriren ließ, avancirte der „strebsame" Künstler über Nacht zu einem „Künster von Renommee".
Nach vielfachen Mühsalen und Beschwerden, nach wahren Tantalusqualen nathe für den Künstler der große Tag heran. Er hatte zwar Sorge wegen der vielfachen Kosten, aber es waren ja so viele BilletS bereits in das Publikum gekommen; man sprach von seinen vorttefflichen Leistungen, eS konnte ihm nicht fehlen, er hatte Perspettive, eine hübsche Einnahme zu machen. Also vorwärts! Schicksal gehe beineu Gang. „Der Sänger sah, als kühl der Abend graute", Droschken und Equipagen nach dem Hotel fahren; er kam, sah und spielte vor einer, man kann wohl sagen, recht ansehnlichen Versammlung. Ihn krönte Beifall in hohem Maß, er träumte von einer erklecklichen Ernte, aber —bre hinkende Bote lern hinterher in Gestalt von Rech nungen, die bereits quittirt waren ober doch auf Bezahlung warteten.
„Die nächtliche Heerschau" mag beginnen. Boran standen zwanzig Ehaler für Ertheilung der Erlaubniß zur Mitwirkung der Sängerin und des KammermustkuS, welche Summe der Unterstützung-kaffe für Wittwen und Waisen der k. Kapelle und dem Hoftheater Pensionsfond anheim fielen. Zu dieser Summe gesellen stch 35 Thlr. für Saal
etwaigen Sitz des Oberlandes Gerichts in Eisenach reser- virt gehaltenen Gebäulichkeiten sind jetzt zum Verkauf bereit gestellt, und damit wohl jeder Zweifel Über das Do- micil des Ober-LandeSgerichtS beseitigt.
München, 13. März. Die Abgeordnetenkammer nahm in ihrer heutigen Sitzung den Gesetzentwurf, betreff den Kredit für außerordentliche Bedürfnisse der Armee im Betrage von 3,827,800 fl-, bei namentlicher Abstimmung mit 78 gegen 68 Stimmen an. Cultusminister v. Lutz beantwortet in einem umfassenden Vortrage dje Sepp'» sche Interpellation. Er bemerkt: Die statistischen Angaben des Interpellanten seien in der Hauptsache richtig. Daß das bayerische Kirchenvermögen außer Lande- gebracht werde, müsse er in Abrede stellen, ein solcher Act müßte sogar strafrechtlich verfolgt werben. Daß ein schwunghafter Meßhandel bestehe, sei nicht zu bestreiten; die Staatsregierung könne stch aber in innere kirchliche Angelegenheiten nicht einmischen. Eine Rückgabe von Stiftungen an Familien unb Gemeinden sei schon aus civilrechtlichen Gründen ganz unstatthaft; der katholischen Bevölkerung die Möglichkeit zu nehmen, neue Stiftungen überhaupt zu machen, wäre ein unverantwortlicher Eingriff in die persönliche Freiheit; die Regierung werde nur bei neuen Meßstiftungen, die nicht vollziehbar seien, von Cu- rotel wegen die Zustimmung versagen. Was der Interpellant von der Errichtung von Pensionaten gesagt habe, sei wohl von klösterlichen Niederlassungen gemeint; diesen gegenüber werde stch die Staatsregierung verhalten, wie zu den Klöstern selbst, deren wir schon zur Genüge hätten.
Straßburg, 13. März. Oberpräsident v. Möller ist zum Bevollmächtigten bei» BundeSrathe ernannt worden, wodurch, wie die „Straßb. Ztg." commendirt, letzterem eine mehr unmittelbare Information über die Angelegenheiten der Reichslande ermöglicht ist.
AuSlaur.
Wie», 14. März. Die „Nene freie Presse" meldet: Die Verhandlungen zwischen der Unionbank unb der Seehandlung wegen Fusion beider Gesellschaften wurden gestern abgeschlossen. Für je 3 mit 100 Gulden eingezahlte Actien der Seehandlung werden 2 Aktien der Unionbank eingetauscht. Die zur Durchführung der Converston nothwen» Digen Stücke soll die Unionbank stch zum großen Theil gesichert haben und wird dieselbe den Rest auf offenem Martte laufen. — Die „Presse" erfährt, das Erträgniß der Unionbank pro 1874 betrage 1,300,000 Gulden und
Wiethe und Beleuchtung, sowie noch 53 Thlr. 2 Gr. für Jnsertionsgebühren der Concertanzeige in drei Lokalblättern. Beträgt in Summa schon 108 Thlr. 2 Gr. Aber nun — kleine Blumen, kleine Blätter — kommen noch die geringeren Forderungen. Man höre:
Ein Thaler Gewerbesteuer für ein Concert. Da- geht noch an, die Steuer der Stadt macht'S billig. Aber die Polizei, diese greift schon tiefer in den Säckel; sie holt stch aus solchem vier Thaler Almosen heraus unb liquibirt für den EonceffionS Schein zur Abhaltung auch noch 2 Thlr. 20 Gr.
Platz gemacht! Jetzt kommen die Transporteurs. Sie haben einen Concertflügel in ben Saal hin- unb zurück- getragen. Was bekommt Ihr ? „Sie wissen ja, wer machens billig. Bier Thälerchen!" Hinter ben Trägern kommt der Clavierstimmer. Er hat im Saal den Flügel gestimmt unb sagt: „Ein Thaler 10 Groschen l Das ist gewiß nicht zu hoch gegriffen." .
Jetzt, — Enbe gut, Alles gut — kommt noch der Concertdiener mit einer Rechnung angestiegen. Sie lautet wie folgt: Für Arrangirung des Saales 1 Thlr., — für Leihen der Stuhlnummern 20 Gr. — Sieben Mann Bedienung 5 Thlr. 25 Gr. — Ein Wagen 2 Thlr 10 Gr. - Hierzu ein Mann Bedienung 25 Gr. — Bier Stück Stearinlichte 10 Gr. — Transport des Notenpultes und der Violine 5 Gr. — Trantisme von 34 BilletS für ben kgl. Hof 2 Thlr. 8 Gr. — Trinkgeld für bie Bedienung im Hotel 1 Thlr. 15 Gr. — Für meine übrigen Bemühungen 4 Thlr.
Diese Kleinigkeiten machen mit den Druckkosten für bie Programme (2 Thlr. 15 Gr.) auch noch 34 Thlr. 14 Gr. Hierzu die 108 Thlr., stellt sich die Summe von Ein Hundert zwei und Vierzig Thalern 16 Groschen heraus.
Der Concertgeber kratzt stch hinter den Ohren ob dieser horrenden Opfer, die ein Concert in der Residenz fordert. Er aber hofft — im Hoffen sind bie Künstler groß — auf bie Ausbeute ber verkauften BilletS, von denen er allerdings 40 Stück für sich beansprucht hat, um solche