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Sr. 62.

Marburg, Sonntag, 14. März 1875.

x Jahrgang.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte-, sowie die Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M.; Haasenstcin & Vogler in Frankfurt a. M-, Berlin, Leip­zig, Cöln rc; Rudolf Mosse in Berlin, Frankfurt a. M. rc.

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Palitische Wachen-Ueberftcht.

Unser Kaiser hat in der vorigen Woche seine gewohn­ten Ausfahrten wieder ausgenommen, leider aber an einem der letzten Tage sich einen Erkällungsrückfall zugezogen, der ihn von Neuem an das Zimmer fesselt. Doch beginnt der erneuerte Katarrh bereits wieder sich zu lösen und Fieberzustände sind nicht vorhanden. Dagegen fühlte sich Fürst Bismarck, wie cs heißt, durch den von Neuem ver­schärften kirchenpolitischen Kampf lebhaft in Anspruch ge­nommen und über das Gefühl seiner Nervenschmerzen mehr als gewöhnlich LhinauSgeschoben. Der vor acht Tagen eingebrachte Gesetzentwurf wegen allgemeiner Einhaltung der Staatsleistungen an die katholischen Bischöfe und Geistlichen bis zu der schriftlich erklärten Rückkehr derselben zur Anerkennung der staatlichen HoheitSrcchte ist nach der Absicht der Staatsregierung aufzufasien als Ankündigung und erster Schrillt einer Revision und Reconstruction der gesammten Grundlagen des Verhältnisses zwischen dem preußischen Staate und der römisch-katholischen Kirche seines Gebietes. Es werden noch weitere ergänzende Vorlagen erwartet. In der bayerischen Kammer der Abgeordneten hat am Montage die ultramontan-particularistische Mi­norität das von der Regierung eingebrachte „Militär- beamlengesetz" zum Falle gebracht, indem dasselbe nicht die erforderliche Zweidrittelmehrheit erhielt. Dem mecklen­burgischen Landtage zu Malchin haben beide großherzog- liche Regierungen eine Mahnung zur endlichen Verständi­gung in der Verfassungsangelegenheit zugehen lasten; viel Wirkung auf die Ritterschaft ist bis jetzt wohl kaum zu ermatten.

In Cis leithanien geht die Reichsrathssession am 20. März zu Ende. Der nächste Monat gehört den Land­tagen, deren Einberufung auf den 6. April durch Patent vom 6. März erfolgt ist. In Ungarn hat sich die Or­ganisation der Parteien leichter vollzogen als die Bildung der Regierung selbst, weil der König von Anfang an darauf gedrungen hatte, daß erstere klar sein müste, bevor die Vertheilung der Portefeuilles erfolge. Die neue Regie­rungspartei hat sich als „liberale Partei" eingeführt und ist ebenso stark an Zahl, wie an Zuversicht.

Am Montag (8. März) ist die schweizerische Bundesversammlung wieder zusammengetreten, und der Nationalrath beschäftigte sich mit Feststellung der neuen Geldscala für die Vertheilung der Bundesausgaben nach der Steuerkrast auf die Canlone für die nächsten zwanzig Jahre.

Der König von Italien hat sich nach Neapel be­geben, wird aber nur kurze Zeit dort bleiben. Im italie nische» Senate wurde eine Abänderung des Strafgesetzes genehmigt, nach welchem die Todesstrafe nicht mehr ßffent lich vollzogen werden soll. In der Deputirtenkammer er regte der Antrag des Marineministers, eine Anzahl nicht Mehr ganz brauchbare Schiffe der Flotte zu verkaufen, eine

D»S Maufolenm der gnädige» Fr«.

- Novelle von Max Alt.

(Schluß.)

Jahre sind vergangen und ich bin immer im Sommer ein Paar Wochen auf Grüneck gewesen, wo das glücklichste Familienleben reicher und reicher seine Llüthen entfaltet. — ES ist noch Alles beim Alten; — nur der Baron ist älter geworden und sein alter Feind, die Gicht, hat ihn mit den Jahren fester «d fester gefaßt. Sie müssen ihn zuweilen im Rollstuhl im Park umher und zu dem kleinen Tempel fahren, vor dem er jetzt häufiger weilt. Aber sein Auge gleitet nicht wehmüthig, sondern mit voller Freude von diesem hinweg auf ein Paar flleine, in den Jahren hinzugekommene rosige Mädchen, die ihre Reifen tteibend, ihn umspringen.

„Der Junker", wie ihn der alte Krause siegreich ge­tauft hat, ist nun 7 Jahre alt geworden und ist wirklich der beste, gesundeste, hübscheste und wunderbarste Junge, den man sich denken kann. — Nur etwas hoch hinaus will er. — Er steht schon ziemlich verächtlich aus seinen Ponny herab und will auf Triton hinauf, der noch im­mer in den Ställen von Grüneck gepflegt wird, .... als wenn er gestern erst den Preis des Derby gewonnen hätte.

Frau v. Bardeck wohnt oben in dem kleinen weißen Haust, von jungen Birken und Tannen umgeben, und die Mädchen holen sie jeden Nachmittag, wenn ste nicht früher von selbst gekommen ist, herunter, wit sammt ihren Filttnadeln.

Sie sind Alle noch die Slten, Alle.....nur Herr

Don Damkow nicht, — der sich in da- volle Gegeiltheil perwgndest Hat. Er fängt an, stark zu werden, und

lebhafte Debatte, an der sich auch Garibaldi betheiligte, und zwar im Sinne des Ministers. Schließlich nahm die Kammer den Vorschlag des Ministers an und genehmigte auch dessen Budget für 1875.

In Frankreich drohte die nunmehr gelöste Cabinets- krisis permanent zu werden. Seit zwölf Tagen er­wartete da« Land mit Ungeduld die neue Minister- lifte im „Journal officiel", doch jeder Morgen brachte neue Enttäuschungen. Endlich brachte dasselbe am Donner, stag folgende Zusammensetzung: Buffet, Vicepräsident und Inneres, Dufaure Justiz, Leon Say Finanzen, Wallon öffentlicher Unterricht, DecazeS auswärtige Angelegenheiten, de Meaux Ackerbau und Handel, de Montaigne Marine, de Cissey Krieg, Caillaux öffentliche Arbeiten. Der Ver­lauf der Dinge in Versailles war folgender: Am 8. d. nahm die Nationalversammlung das Gesetz über Frei- gebung der Fabrikation und des Verkaufs von Dynamit und in dritter Lesung die zwei ersten Artikel über das Cadresgcsetz an, doch war die Theilnahme an den Verhand­lungen bei der steigenden Spannung auf die CabinetSkrisiS gering. Auf die Nachricht, daß wiederum Alles gescheitert fei, traten am 8. März die drei Gruppen der Linken zu­sammen, und beschlossen eine Interpellation, die jedoch erst erfolgen sollte, wenn der Bruch officiel sei. Am 9. sprach Buffet der Nationalversammlung seinen Dank für dir Wiederwahl zum Präsidenten aus, fand jedoch nur einen kühlen Beifall. Hierauf brachte Cissey einen Zusatzartikrl zum Rekruiirungsgesetze ein, wonach die Mobilmachung der Reserven in kürzerer Frist erfolgen soll, als das Gesetz ursprünglich bestimmt; die Vorlage ward an den Armee- ausschuß verwiesen nachdem die Dringlichkeit der Berathung im Plenum bewilligt worden ist. Sodann ward Art. 3 des CadreSgcsetzes angenommen.

Es ist dem deutschen Gesandten inM a dri d gelungen, der spanischen Regierung eine richtigere Auffassung von dem Vorfälle bei Zarauz beizubringen, als ste noch vor einigen Wochen zu haben schien; denn nach zuverlässiger Mittheilung befindet sich die Gustav-Angelegenheit auf dem besten Wege, erledigt zu werden. Auch hat König AlfonS das gute Einvernehmen mit Deutschland durch die Heber« scndung des goldenen Vließes an den Fürsten Bismarck besiegelt.

Zn England hat, jedenfalls in Folge der neuer? dings auf kirchliche und religiöse Dinge gerichteten Auf- mcrkjamkeit und der durch das Vorgehen der päpstlichen Kirche Statt gehabten Kräfligung und Aufraffung des protestantischen Geistes, die Bewegung wider den Ritua lismus noch eine Verstärkung erfahren. Von der einen Seite hat der englische Episcopat ein langes Hirtenschreiben an die anglikanischen Geistlichen erlassen, in welchem die Gründe erörtert werden, die eS verhindern, daß in der anglicanischen Kirche die Dinge so stehen, wie sie stehen sollten.

Gesicht und Hände, die er sonst so sorgfältig pflegte, wie seine ganze Person, sind roth und verbrannt von der Sonne.

„Er übertreibt es, Bester", sagte der Baron zu mir, als ich die Bemerkung machte, — „und ich kann Ihnen sagen, daß ich nie in meinem Leben so gearbeitet habe, wie er eS jetzt seit Jahren thut, und es sollle mich wundern, wenn er nicht in 10 Jahren den Ertrag deS Gutes auf das Doppelte bringen sollte."

„Das werde ich, Onkel", ttef Damkow überzeugt aus, „wenn Gott mir das Leben schenkt ... und seinen Segen, ohne bett wir ja nichts können!"

Es war eine Mondnacht, wie jene denkwürdige einst, — nur daß die erdrückende Schwüle nicht herrschte und daß kein Wetter aufzog, — als ich mit meinem Freunde spät vor dem Schloß im Freien saß. Alle waren zur Ruhe gegangen und wir saßen noch allein bei einem Schlaftrunk, den uns der alte Krause — meinetwegen — herausgebracht hatte. ES war gerade heute viel die Rede von DamkowS unermüdlicher Thätigkeit gewesen, und der Baron hatte, im Scherz wohl, die Bemerkung gemacht, er hoffe, sein Schwiegersohn werde ihm nicht den Kummer bereiten, einmal geizig zu werden.

Er hat es gewiß nicht im Ernst gesprochen, ich fühlte es, — und Damkow hatte sich nicht einmal gegen den leisen Zweifel vertheidigt, der vielleicht doch in der Brust dcö alten Mannes herrschen mochte. — Kam ihm jetzt, wie wir schweigend dasaßen, und in daS wechselnde Licht hineinsahen, das der Mond auf den Park warf, dieser Zweifel in den Sinn? — ES mußte wohl, denn er brach plötzlich sein Schweigen und sagte ernst:

Im dänischen Folkething ist der von der Linken gestellte Antrag, die Regierung über ihre dem AuSlande gegenüber befolgte Politik zur Verantwortung zu ziehen oder, milder ausgedrückt, um gefällige Auskunft zu er­suchen, denn nun endlich auch zur Verhandlung gekommen. I. A. Hausen als Führer der Linken suchte das Begehren seiner Partei so darzustellen, als ob damit der Regierung eine freundschaftliche Hand geboten sei; der Conseilpräsident Fonncsbech aber hatte fein Gefühl für daS Wohlwollen der Opposition, sondern empfand den ganzen Antrag nur als einen regierungsfeindlichen Eingriff in die Staatslei­tung, erklärte sich indessen gern bereit, über die auswärtige Politik Aufklärungen zu geben, sofern dieselben in einer anderen Form nachgesucht würden.

Der schwedische Reichstag hat auf Antrag der Regierung beschlossen, den Grundbesitz und alle die Ein- nahmen, aus denen die Jnveltatruppen ausgelohnt wurden, dem Staate zu überweisen, der dann fortan die Löhnung baor zu leisten hat.

Der Kaiser von Rußland wird in diesem Frühling wieder Ems besuche«, im Juli aber wieder in Petersburg sein. Die Kaiserin verläßt in den nächsten Tagen San Remo, um sich über Paris, Köln (wo sic «m.16, b. durch­reist) und Berlin (wo sie sich aufhalten wird) nach Peters­burg zu begeben.

Die Pforte hat die ihren Mißrnuth beschwichtigende Versicherung empfangen, daß eS der spanischen Regierung durchaus fern gelegen habe, durch eine dem Fürsten Karl von Rumänien erwiesene Artigkeit irgendwie die Suzeräne- tälSrechte des Sultans in Frage zu stellen.

Tagesbericht.

Nach den neuesten telegraphischen Nachrichten ist in dem Befinden des Kaisers keine Aenderung eingetreten.

Am Donnerstag fand im Ministersaale des Abgeord­netenhauses ein Ministerrath unter dem Vorsitz des Vice- Präsidenten des Staatsministeriums, Camphausen, statt. Es steht die Einbringung von weiteren Vorlagen an den Landtag demnächst zu erwarten, die indessen, wie die Rat Ztg. hört, mit der Kirchenpolitik nichts zu thun haben.

Wie der Abgeordnete Windhorst bereits im Abgeord­netenhause andeutete, wird demnächst die Centrumspartei einen Antrag auf Aufhebung des geistlichen Gerichtshofes stellen. Auch ist, wie man hört, im Schooße jener Partei wieder der Gedanke aufgetaucht, die Zurücknahme der gan­zen jüngsten kirchenpolitischen Gesetzgebung zu beantragen. Ob die Partei wirklich zu so nutzlosen Schritten sich her­beilassen wird, darüber scheinen die Erwägungen noch zu schweben. Es ist kaum einzusehen, was mit solchen An­trägen bezweckt werden soll, wenn nicht lediglich die Pro­vokation aufregender Debatten, zu diesen ja ohnehin reich­liche Gelegenheit gegeben ist.

„Glauben Sie mir Freund, ich werde niemals das Geld" zu meinen Götzen machen, niemals. — Aber ich möchte genug von ihm erwerben, um meine Kinder von Dem zu bewahren, was mir einst . . . gedroht l — Ich war kein schlechter Mensch, nie 1 . . . und ich würde mich trotz des Leichtsinns der Jugend, trotz meiner, nach Seite des Gemüths hin vernachlässigten Erziehung, niemals allein in solche Wirren gestürzt haben, wie jene alte Fran sie mir, in falsch verstandener Liebe bereitete. — Unmerklich anfangs kam ich hinein, und wie sie mich nut erst hatten da mehrten und mehrten ste sich, ^is sie mich mit Har- pyenarmeu umklammerten und mich drückten und quälten auf den Tod, bis ste mich in einer Art verwandelt hatten daß ich mich selbst nicht mehr kannte. — Der arme On­kel der seinerseits ebenso schlimm daran war als ich hatte sich seinen alten Zweifel wieder in den Kopf gesetzt __

daß ich das Ganze wie eine Komödie in Scene gesetzt fcabeu möchte. — Ich glaube, er hielt mich für fähig, jene Dündfluth ins Gebirge getragen zu haben, und dann schnell die vielen Meilen hinaufgelaufen zu fein, um sie mit Triton zu durchschwimmen. Er traute mir nicht; das machte mich bitter, immer bitterer . . . und ich sah, was Sie manchmal von mir dachten, während ich selbst kaum wußte, was ich sprach, weil ich an mir selbst und an Allem verzweifelte."

„Wären Sie in jener Schreckensnacht, deren Ereignisse mich noch heut schaudern machen, mit mir gekommen," fuhr » nach einer kurzen Pause fort, „so hätte ich mich nicht all biefe. Jahre hindurch mit jenem furchtbaren Vor- M"ef zu quälen gehabt l — Sie allein wissen, wa« in zener Nacht geschah, . . . aber ich meinte es nicht so, bei Gott nicht, wie es ... beinah gekommen wä«I —.