ür. S».
Marburg, Donnerstag, 11. März 1875.
X. Mrgaig.
WtcheMe Jalung
geht aus dem Entwürfe hervor, daß die Auflösung der besonderen Fideieommißverwaltung in Aussicht genommen ist. Die einzelnen Zweige derselben sollen, soweit sie nicht ganz fortsallen, auf die zuständigen RessortS der Staatsverwaltung übergehen.
. i Die erste Lesung des Gesetzes über die Einstellung der Leistung-» an die katholische Geistlichkeit wird den jetzt getroffene» Dispositionen gemäß am Freitag beginnen. Fürst Bismark wird zu dieser Debatte im Abgeordneten- hanse erwartet. Bei der Berathung deS CultusetalS wird Seiteu« des CentrumS beantragt werden, den von der Regierung für die evangelische Geistlichkeit geforderten Zuschuß vpm Etat abzusetzen.
Der Reichstagsabgcordnete Graf Ferd. Frankenberg aus Tillowitz, einer der Urheber der früheren StaatS- katholikenadresfe, erläßt in der „Post" einen Aufruf an diejenigen Katholiken, „die. nicht zum Heerbann der Ultramontanen zählen", ihre Stimmen gegen die neueste päpstliche Bulle zu erheben.
Zn der Verhandlung gegen den .früheren Redacteur der „Germania", Kosiolek, wegen verschiedener Preßrer- gehen, beantragte der Staatsanwalt eine dreijährige Ge- fängnitzstrafc und sofortige Verhaftung, um die Bürger des Staates gegen fernere Beleidigungen des Angeklagten zu schütz,». Der UrtheilSspruch wurde bis Samstag Nachmittag ausgesetzt.
•• Berlin, 9. März. Die dirigirende Commission ° der internationalen chilenischen Ausstellung, welche in die- 1 stm Jahre abgehalten werden soll, macht große Anstren- - gungen, um Theilnahme an dem Unternehmen in Europa . zu erwecken. Die Beförderungskosten für AuSstellungS- • gegenstände sind erheblich herabgesetzt, die Zölle werden l erlassen. Nach einem offiziell hier eingegangenen Schreiben 1 soll der Transport der Ausstellungsgegenstände von der Eisenbahnstation Santjagos zum AusstellungSpalaste, sowie die Abladung und Ausstellung unentgeltlich bewirkt werden. Wafier, Gas und Dampfmaschinenkraft soll frei sein. Fer ner soll der Brennstoff, mag er aus Kohle, Brennholz, Torf oder Leuchtgas bestehen, welcher in reglementSmäßig bestimmten Stunden dargeboten wird, zur unenigeltlichen Benutzung angeschaffl werden. — Die wechselnde Witterung der letzten Tage hat auch auf das Befinden unseres Kai fers einen unheilvollen Einfluß ausgeübt. Derselbe hat sich auf einer Ausfahrt wiederum eine Erkältung zugezogen, welche es nothwendig macht, daß der hohe Patient das Zimmer hüten muß. Die schon gestern gemeldeten Besuche an unserem Hofe beginnen mit dem Besuche der Kaiserin von Rußlanv, welche auf ihrer Rückreise von San Remi in nächster Woche einige Zeit hier zu verweilen gedenkt. — Zu den Nachrichten, welche nicht bloß als Hofnachrichten zu betrachten sind, sondern auch politische Bedeutung haben, gehört Vie Verleihung des Ordens vom goldenen Vließe durch Alfons XII. an den Fürsten Bis- marck. Diese Thatsache widerlegt in unzweideutiger Werse alle Gerüchte von einer augenblicklichen Verstimmung der Cabinete von Berlin und Madrid. Auch in Betreff der „Gustav" - Affaire erwartet man schon in nächster Frist einen befriedigenden Ausgang der schwebenden Verhand langen. — Ein Gerücht hat gestern nicht bloß die Börsenkreise alterirt, sondern auch in größere politische Organe Eingang gesunden, trotzdem es offenbar einer Ausgeburt der politischen Phantasie offenbar seinen Ursprung verdankt. Die französische Regierung soll, wie das hiesige „Tgbl." meldet, beabsichtigt haben, eine probeweise Mobilmachung an der französisch-preußischen Grenze in's Werk zu setzen, ; womit auch der maffenweise Pferdeankauf in Deutschland zusammenhängt. Fürst Hohenlohe soll darauf den Auftrag : bekommen haben, im Elysäe eine Note zu überreichen, l welche eine Mobilmachung auch preußifcherfeits in Aussicht । stelle, sobald die französische Regierung ihien Plau auSzu- führen gedächte. Diese Nachricht ist durchaus erfunden. — Der regelmäßige Fortgang der EtatSberathungeu berechtigt zu der Hoffnung, daß die Etatsberathungen schon f im Laufe dieser Woche ihr Ende erreichen, damit der Etat i
Langsam floffen die Stunden dahin; Hoffnung wurde rege jetzt, um gleich darauf wieder zu sinken, und wieder zu erstehen, und wieder zu schwinden. Der Tag war angebrochen, und der alte Arzt konnte nicht länger bleiben. Er hatte ein Paar andere schwere Kranke und erklärte nicht« mehr nützen zu können. Er dürfe kein weiteres Blut entziehen, — nur mit den Eisumschlägen sollten sie fortfahren. Es stehe nun in Gottes Hanv, ob er seine Besinnung wieder erhalten solle. Es fei möglich, — er hoffe eS, — aber es muffe bald geschehen, — bald. — I" Wei, drei Stunden, werde er zu neuem Leben erwachen oder ruhig entschlummern.
Wie^ drängte sich die Sorge überwältigend in diese kurze Spanne Zeit zusammen, und machte sie doch so endlos lang. — Die Sonne hatte draußen die zu neuem Leben erwachte Natur im Morgenkuß rosig erglühen lassen, und sie spiegelte sich nun in dem thamgen Grase, und verwandelte die Tropfen, die von den Blätter der Bäume langsam niederglilten, in tausendfarbig zur Erde fallende Diamanten — Eine halbe Stunde später erst glitt ihr erster Strahl in das Zimmer, in welchem die Sorge noch immer schwarz brütend thronte. Er zuckte erst wie ver- uchend hinein, dieser erste «Sonnenstrahl, als wolle er sehen, ob seines Bleibens da fei, ob es möglich sei, die Herrschaft hier zu gewinnen, und als eS ihm schien,' da winkte er den Brüdern, die im strahlenden Gedränge ihm siegreich folgten. Es war den Trauernden am Lager des Kranken erschienen, als wenn et nun einschlummert sei, und sie hatten auf seinen Äthern gelauscht, mit bang klo pf-ndem Herzen, als muffe sich nun entscheiden, ob es der
DuS SRaxfilcx» 6er pfoiyi Ara».
Novelle von Max Alt.
., (Fortsetzung.)
So hatte sich wieder jener unheimliche schwarze Gast aus Schloß Grüneck Herniedergelaffen und hob und senkte seine dunklen gütige über das erlerne Opfer, das sie sich von Neuem mühten, ihm streitig zu machen, in umgekehrter Art nur wie damals. — Jpllie v. Damkow saß am Lager ihres Onkels, wie er einst an dem ihren und sah feuchten Auges auf den heißen, bitteren Kampf. — Für ihn stieg nun ihr Gebet zu Gott empor, ans treuem, kindlichem Herzen, und sie vermochte nichts anderes zu denken, als solche Bitten, wenn sie nicht zuweilen einen Blick der Rührung für ihren Mann gehabt hätte, der trostlos neben ihr saß, oder unermüdlich sich mit dem alten Krause in der schwereren Sorge für den Kranken ablöste.
Sie hatte ja nie an ihm gezweifelt, nie! ... an ihm und seinem guten Herzen, ... er war nur auf Irrwege gedrängt wordm durch die Verhältnisse. Jetzt war et der Wahre und ste hatte nur den einen Wunsch, daß der On kel ihn sehen möge in feiner Untröstlichkeit; ja, zuweilen »ar es ihr sogar, als ob sich dieser Wunsch erfülle, . . . wenn jener die Augen aufschlug und sie nach der Seite ihres Mannes hinwendete, als wollte er ihn rufen.
Aber er konnte ja nicht, ... der arme Mann, .... das Gesicht war starr, ... er konnte nicht sprechen, . . . er gestikulirte nur so seltsam, daß eS aussah, als wenn er winke, . . . winke.....aber gerade dann immer, wenn
ihr Man» fortsah oder sein Gesicht schmerzlich mit den Händen bedeckte.
Tagesbericht.
Der Kaiser ist durch einen leichten Erkältungszustand an da» Zimmer gefesselt und zur Schonung genöthigt. — Die Präsidenten beider Häuser des Landtages waren am Dienstag beim Kaiser zum Diner.
Wie man zuverlässig hört, hat König Alfons von Spanien den Fürsten Bismarck zum Ritter des Ordens des goldenen Vließes ernannt. (S. unten *♦ Berlin.)
Als Nachtrag zu dem diesjährigen StaatShauShaltS- etat ist dem Abgeordnetenhause noch zugegangen: der Etat der Einnahme und Ausgabe der Verwaltung des vormaligen kurfürstlich hessischen Hausfideicommisses für 1875. Hierdurch treten dem Etat deS Finanzministeriums hinzu: An Einnahme 77,000 M., an Ausgabe der Verwaltung des vormaligen kurfürstlichen Haus-Fideieommißfonds 754,700 M., an Apanagen, Renten, Abfindungen u. s. w. 898,304 M. Der Abgang in der bisherigen Civilliste des verstorbenen Kurfürsten beträgt jährlich 900,000 M. Davon find für die sechs Tage deS laufenden Jahre», welche der Kurfürst noch erlebte, in Abzug zu bringen 14,794 M.; hiervon aber geht die vertragsmäßig an Preußen zu zahlende Summe mit 13,098 M. ab, so daß wirklich zu zahlen find 1695 M. und rund erspart werden 898,304 M. Dieser Nachtragsetat ist von einer erläuternden Denkschrift begleitet. Da die Einnahmen, wie oben bemerkt, 77,000 M., die dauernden Ausgaben 754,700 M. betragen, so beträgt der Zuschuß 677,700 M. Dazu kommen an einmaligen Ausgaben 52,300 M., so daß im Ganzen zuzuschießen bleiben 730,000 M. Es
1 vom Herrenhause schleunigst durchberathen und dann schon ' vor Ostern gesetzliche Geltung bekommen könnte. — Der I Finanzminister hat dem Hause den Etat von den Einnah- I men und Ausgaben der Verwaltung der vormaligen kurfürstlich hessischen Hansfideikommiß für 1875 und den Nachtrag zum StaatShanShaltsetats pro 1875 überreicht. Jo bem Etat find die Ausgaben für die Verwaltung 6et' i anschlagt auf 807,000 Mark, die Einnahmen auf 77000 : Mark festgesetzt, so daß die Slaatsregietung noch 730,OuO Mark zuschießen muß. Es wird aber von der Civilliste deS Ex-Kurfürsten für 1875 noch ein Betrag von 898,304 Mark disponibel, so daß nach Deckung des Staatszus'chuf- ses verbleiben 168,304 Mark. 5 W
Meckl-rrburg-Dchwerin, 4. März. Das Eivil- ehegesetz legt bekanntlich den Landesregierungen das Recht bei, die Ausführungsverordnungen selbstständig zu erlassen; man weiß, daß Bayerns wegen diese Bestimmung getroffen ist, letzt versuchen aber auch mecklenburgische Stände, wie «>- "M.' -8>g " erfährt, sich dagegen aufzulehnen und eine Mitwirkung bei den Ausführungsverordnungen zu erlangen; einzelne ritterliche Heißsporne wollten das geradezu von der Regierung verlangen, so weit ließen sich die Stände aber doch nicht fortreißen, sondern beschlossen, zahm genug, bet den Regierungen nur anzufragen, ob dem gegenwärtig tagenden Landtage noch eine solche Verordnung vorgelegt werden solle. Der ultramontane Freiherr von der Kettenburg, wenn wir nicht irren, auch preußischer Unterthaii, schien nicht übel Lust zu haben, sogar die Competenz der Reichsgesetzgebung für das legal publieirte Gesetz in Frage M ziehen und verlangte geradezu eine Prüfung dieser Sompetenj durch ein ComitS. Das grenzt denn fast an Rebellion gegen das Reich, doch werden die Bäume nicht IN den Himmel wachsen, v. Oerzen Lübberstorff hatte auch seine Competenzbedenken, die er geprüft wissen wollte Die Ausschließung von Geistlichen vom Standesamte schien ihm relchSverfaffungSwidrig!! Der Oberkirchenrath hat nämlich den jährlichen Ausfall der Geistlichkeit an Procla- mationS- und Condulationsgebühren auf 75,000 Mark berechnet und die Regierung um deren Capitalablöfung gebeten. Ein dahin gehender Entwurf, der das Capital mit dem 25fachen der JahreSrente berechnen und dasselbe aus der Kriegscontribution abtreten will, ist dann von der Regierung vorgelegt und hat jene grollenden Debatten her- vorgerufen.
Malchin, 9. März. Die Mecklenburg. sch»erin'sche Regieruiig hat in einer Mittheilung an den Landtag die ernste Besorgniß ausgedrückt, daß auch der gegenwärtige ■lanblag in Bezug auf die Verfassungssache resultatlos verlaufen werde und zugleich die Aufforderutig an die Stände gerietet, durch ihr Eingehen auf die landesherrlichen Pro- postttonen noch im jetzigen ernsten Augenblick die Hand zur Verständigung zu bieten.
Darm-adt, 8. März. Heute Morgen trat bet Finanz Ausschuß ber zweiten Kammer zu einer Sitzung zusammen. Den Gegenstanb ber Berathung bilbeten bie
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte», sowie die Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M.; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a. M., Berlin, Leip- zig, Cöln zc; Rudolf Moffe in Berlin, Frankfurt a. M. rc.
Beginn jene« Schlummer« fei, bem ein ferner, schrecklicher -tag erst ein Erwachen bringen sollte. Aber er aihmete ruhig, — u»b ruhig unb gleichmäßig hob sich bie Brust. — Jetzt öffnete er die Augen, wie das Zimmer von goldigem Glanz erfüllt war, unb nachdem sie lange mit anem liebevollen Blick auf brr Rich e gelegen hatten, bie tu feinem Gesichtskreis, an feinem Belte saß, bewegte er bte Lippen, unb sagte dann leise aber deutlich: „Damkow Damkow." > ,
Dieser war am Kopfende deS BetieS beschäftigt gewesen und trat nun vor. Er beugte sich bewegt zu dem Kranken hernieder und sank bann auf die Äniee, als dieser ihm die Hand reichte. — Er wollte sie unter strömenden Thränen an die Lippen drücken, aber der Baron sagte mit matter Stimme: „Nein, nicht, . . . nicht, ... ich war hart' wenn ich leben bleibe, soll es anders werden nur habe' Vertrauen zu mir." — Und bann hatte er sich »„.gewandt unb war von Neuem entschlummert.
Die junge Frau erzählte mir das Alles ein Paar Tage später unter glücklichen Thränen; und bald nach dem gesegneten Augenblick, wo der Schlaf den Kranken von Neuem umfangen unb er wieder ruhig athmenb dalag, kam Dam - 'vw herab zu mir unb sagte mit anögebreileten Armen auf mich zueilend: „Gott hat meine Bitten erhört Freunb Der Onkel wird nicht sterben, — er ist erwacht ... bat mir die Haud gereicht, und hat mir .... ich . habe ihm - - versprochen ... mich zu bessern."
< Fortsetzung folgt.)
Anzeigen nimmt entgegen: die Mchedition d. Blatte», sowie die Annoncen-Bureaux von G. L. Daube & Co. in Aankfurt a. M.: Jägerische Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, A. Rete- ▲ meyer in Berlin; Carl Schütz-
ler in Hannover; C. Schlotte
-- . ________in Bremen.
In Bayern ist die Hoffnung geschwunden, daß die sich mit beinahe gleichen Kräften in der Abgeordnetenkammer gegenüber stehenden Parteien eine Vereinbarung über da» neue Wahlgesetz treffen werden. Der nächste Landtag wird also noch nach dem alten Modus gewählt werden.
Deutsches Reichl ~~ "