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Nr. 54.

Marburg, Freitag, 5. März 1875

x Jahrgang.

Anzeigen nimmt entgegen: die G-Peditio» d. Blatte-, sowie die Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M.; Haasenstein L Vogler in Frankfurt«. M., Berkin, Leip­zig, Cöln rc; Rudolf Moffe in Berlin, Frankfurt a. M. rc.

WerhtWe Jalung.

Anzeigen nimmt entgegen: die Eq»editton d. Blattes, sowie die Annoncen-Bureaux von G L. Daube & Co. in Frankfurt a. M. • Jägerische Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, A. Rete- meyer in Berlin; Carl Schüß, ler in Hannover; C. Schlott- in Bremen.

^scheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JlluftrirteS SonntaaSblatt" durch die Ervedition rft'nA'f*.' Buchdrucker-.) bezogen 2', Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 W. (ejl V&Ä)-gehaltene 3dk 10 ®fa * W Fär in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adrefsen werden 25 Psg. berechnet.

Tagesbericht

Die „Prov.-Cotresp." vom 3. d. MtS. schreibt: Die „Germania* hat die neulichen Darlegungen der „Prov.- Correfp." über die Stellung des Papstes und der deutschen Bischöfe mit einem Erguß unglaublicher Frechheit und Ge­meinheit erwidert. Zu einer sachlichen Erörterung geben ihre Artikel nach Inhalt und Ton keinen Anlaß. ES muß jedoch erwähnt werden, daß daS ultramontane Blatt, unter dem Scheine, den Vorwurf revolutionärer Aufreizung in Bezug auf den Papst zu entkräften, seinerseits in künstlich heuchlerischen Wendungen die unverschämtesten hochver- räthcrtschen Drohungen, nicht bloS gegen den Staat, son> dein gegen unser HohenzvllernscheS Herrscherhaus erhebt. Was die Sache selbst betrifft, so hat die päpstliche Bulle vom 5. Februar, wie cS nach ihrem Inhalt zu erwarten war, weitere ernste Erwägungen unserer Regierung veran­laßt, deren Ergebnisse in Kurzem an die Oeffentlichkeit gelangen dürften.

Die Budgetcommisston des Abgeordnetenhauses berieth den Etat über den Elementarunterricht, wozu Petitionen aus allen Theilen deS Landes vorliegen. Der Vertreter des Finanzministeriums mahnte bei der sehr eingehenden Erörterung dieser Petitionen zur äußersten Vorsicht bei neuen Mehrbewilligungen, die ungerechtfertigte Hoffnungen erwecken könnten. Die Commisston beschloß, die Besoldung der Hilfslehrer au den Seminarien von denen der ordent­lichen Lehrer zu trennen, wodurch die Stellung der letzteren um ein Geringes verbessert wird. Ferner erklärte der Re- gierungScommiffar, die Regierung werde von Neuem prüfen, ob die Besoldung der ordentlichen Lehrer eine ausreichende sei. Für die Seminarlehrer, welche ohne Dienstwohnungen sind, sei außerdem im Etat für 1876 eine anderweitige MiethSentschädigung gewährt. Zur Verbesserung der Ge­halte der Elementarlehrer und zur Ausgleichung der Mi» nimalgehalte derselben wurde der von der Regierung ge­forderte Zuschuß von drei Millionen Mark bewilligt. Man nahm hierbei im Einverständniß mit der Regierung an, daß DienstalterSzulagcn an Orten mit fester GehaltSscala nicht ausgeschlossen seien. Hiermit hat die Commission denjenigen Theil deS CultuSetatS, der von den höheren, mittleren und niederen Schulen handelt, für daS Plenum freigestellt.

Am Schluß eines Artikels über die republikanische Verfassung Frankreichs äußert sich die „Prov.-Cotresp.": „Die nächste Zeit wird zeigen, ob in dem politisch tief zerrütteten Lande genug Kraft und Hingebung bei den großen Parteien vorhanden ist, um eine solche Einigung für den inneren Frieden erstehen und sich befestigen zu lassen. Wir werden uns in Deutschland gern der Wohl­fahrt deS großen Nachbarlandes freuen, um so mehr, als

jede besonnene Regierung in Frankreich sicherlich auch be­strebt sein wird, den Frieden nach außen zu wahren.*

Die „Nordd. Allg. Ztg." knüpft an die Mittheilung, daß die französische Regierung zur Beschaffung guten Ma terials für ihre Cavallerie bei Gelegenheit der Armee- organisation den Auftrag zum Ankauf von 10,000 Pferden 'n Deutschland gegeben habe, die Hoffnung, daß bei dem volkSwirthschastlichen Bedenken, die eine solche Waffen­ausfuhr inländischer Pferde erregen müsse, diesem Vorhaben durch geeignete Maßregeln vorgebeugt werde.

Von ihrem Berliner Correspondenten wird der „Times" gemeldet: „Die „Gustav-Affaire" nimmt nun, nachdem sie der Reihe nach durch verschiedene Stadien gegangen, einen unerwarteten Aspekt an. Während die deutsche Re­gierung nicht allein eine volle Entschädigung für die Eig­ner des schiffbrüchigen Fahrzeuges verlangt, sondern auch auf die gerichtliche Verfolgung gewisser jüngst von General Loma in Zarauz gefangen genommener Carlisten besteht, hat dem Vernehmen nach der spanische Minister der aus­wärtigen Angelegenheiten eine Circular Depesche an die Mächte des Auslandes gerichtet, die den Zweck hat, die Ungerechtigkeit dieser Forderungen nachzuweisen.*

" Deutsches Strich.

— Berlin, 3. März. Es ist natürlich, daß man gespannt daraus ist, welche Stellung die deutschen Bischöfe der päpstlichen Encyclica gegenüber nehmen werden. Die Nachrichten darüber lauten sehr verschieden, sind aber be­greiflicher Weise durchaus nicht authentisch, weil schwerlich die Bischöfe die liberale Presse mit ihren Absichten bekannt machen würden. Bisher ist diese päpstliche Bulle noch nicht von den Bischöfen veröffentlicht worden, noch auch den Geistlichen zur Verbreitung zugestellt. Begreiflicher Weise zögern die Bischöse noch, da sie sich schwerlich ver­hehlen können, welche Folgen die Sache nach sich ziehen würde. Ob sie unter sich darüber conferiren, oder ob sie erst in Rom anfragen wollen, ist zweifellos eine Conjectur. Wenn ihnen die Bulle von Rom aus direkt zugestellt ist, und daS behaupten die klerikalen Blätter, so kann dieS nur zu dem Zwecke der Veröffentlichung geschehen sein, also die Anfrage wäre vollständig unnütz. — Auch über die bevorstehenden Maßnahmen der Regierung werden bereit- die verschiedensten Miltheilungen gemacht. So soll ein Gesetzentwurf in diesen Tagen dem Abgeordnetenhause zu gehen, nach welchem allen Geistlichen, die offen den Gesetzen den Gehorsam kündigen, die StaatSbotationen entzogen würden. Nach anderen Mittheilungen soll daS Placet sür alle kirchlichen Publikationen hergestellt werden. — An neuen Gesetzentwürfen ist dem Abgeordnetenhause zugegan­gen: über das Hinterlegungswesen, welche- den Zweck ver-

I folgt, die Ausführungen deS Gesetzes über das Vormund­schaftswesen zu erleichtern und zu sichern, welches jetzt dem Herrenhause vorliegt und von dessen Commisston schon ziemlich weit gefördert ist. Ein zweiter Entwurf betrifft die staatsrechtliche Stellung deS fürstlichen HauseS zu Sayn-Wittgenstein-Berlebnrg. Beide Vorlagen waren schon in der vorigen Session eingebracht, sind aber nicht zur Erledigung gelangt, weil die Session darüber geschlossen wurde. — Eine große Anzahl von Mannschaften aus Elsaß-Lothringen, welche nach dem Kriege in Berliner Re­gimenter eingereiht worden waren, und ihrer Militärpflicht genügt haben, wird im Herbste dieses Jahres in die Hei- malh entlassen werden. Ein Theil der Mannschaften hat jedoch kapimlirt und bleibt bei den verschiedenen Heeres- abthcilungen. Es befinden sich unter denselben Söhne reicher Wein- und Landbauern aus dem Elsaß und Lo­thringen, deren Schulbildung jedoch eine so geringe war, daß sie bei der nachsichtigsten Prüfung nicht die Qualifi­kations-Berechtigung zum einjährig-freiwilligen Dienst er­langen konnten, und deshalb drei Jahre dienen mußten. Unter ihnen befinden sich Oekonomie-Jnfpektore und Kauf­leute. Einigen von ihnen scheint es hier besser zu gefallen als in den ehemaligen französischen Departements, denn sie haben beschlossen, nicht nach ihrer Heimath zurückzu­kehren, sondern in Berlin zu bleiben. Außerdem befindet sich hier bei Berliner Regimentern ein Theil Einjährig- Freiwilligen aus dem Elsaß, namentlich bei den Garde- Cavallerie - Regimentern. Sie halten, was als ein gutes Zeichen angesehen werden mag, treue Kameradschaft mit ihren Brüdern aus anderen Gauen Deutschlands.

Münster, 1. März. Vorgestern ist, wie der „Wests. Mercur" meldet, dem Bischof von Münster eine vom 25. März d. MtS. datirte Verfügung deS Münsterschen Kreis- gerichtS instnuirt worden, sich zur Verbüßung einer 40- tägigen Gefängnißstrafe binnen 8 Tagen beim königlichen Kreisgerichte zu Warendorf einzufinden, widrigenfalls die Abführung angeordnet werden müsse. Da die durch rechts­kräftiges Erkenntniß vom 18. März 1874 auferlegte Geld- krafe von 600 Mk. wegen Unvermögens nicht habe beige- trieben werden können so sei die entsprechende Haft sub- stituirt.

Darmstadt, 1. März. Die „Hess. VolkS-Blätter* chreiben: „Bekanntlich hatte in unserem Lande eine grö- ßere Anzahl lutherischer Geistlicher gegen die neue Ver­fassung der evangelischen Landeskirche seiner Zeit Protest erhoben und Miene gemacht, sich der Durchführung der- elben zu widersetzen. Gegenüber der Energie, welche daS Ober - Consistorium indeß an den Tag legte, schmolz die Schaar der offen Farbe bekennenden Gegner immer mehr zusammen und als eS zur Wahl der Gemeindevertretungen

DaS Mausolea« der gnädigen Fra».

Novelle von Max Alt.

(Fortsetzung.) .

„Sie wußten eS nicht? — Ja, — sie wurde als ganz junges Mädchen von ihrer Familie gezwungen, einen enorm reichen, aber mehr als drei Mal so alten Mann zu hei- rathen. — Ihm gehörten außer Grüncck 5 bis 6 der größten Besitzungen in der Provinz, von denen er das sieben Meilen von hier gelegene Stammgut der Familie bewohnte, das mit allen anderen, außer Grüneck, bei feinem bald erfolgten Tode an die Seitenlinie der Familie zurückfiel."

„Ich kann mir denken,* sagte Damkow plötzlich, — „welche Höllenmartern der arme Baron bald nach der Hochzeit muß ausgestanden haben, als die treffliche Frau begann, jenes schöne Geld mit vollen Händen fortzu­werfen."

„Aber Hermanni ... dH weiß wirklich nicht, ob es nicht fast lieblos ist, an einem Tage so zu spotten, wo Du gesehen hast, mit welcher unendlichen Liebe der arme Mann noch an der Verstorbenen hängt?"

Der Ton der jungen Frau klang ernstlich zürnend, und dieses Gefühl schien mit im vollsten Maße gerecht­fertigt zu sein. — Auch erhob sich Herr v. Damkow und sagte, sie zärtlich umfangend: „Sei nicht böse mein Engel, — eS war so schlimm nicht gemeint; — Du weißt, ich kann einem Scherz so schwer widerstehen l — Aber weißt Du Julie, ... hat der Onkel wirklich keine Ahnung da­von, daß eS . . . mit dem Mausoleum . . . doch nicht ganz richtig ist?"

„Aber Herrmann l* rief sie erblassend, „wie kannst Du dem Gewäsch einfältiger Bauern auch nur einen Schimmer von Glauben schenken!"

Sie war sonderbar erregt, eS fiel mit auf, während ihr Gatte achselzuckend fortfuhr: „Nun, ich weiß wirklich

nicht, mein Kind, ob Du das ganz ernst meinst, oder nicht. — Bisher war ich natürlich so ungläubig, wie Du noch heute bist oder thust; — aber ich kann nicht leugnen, daß diese Geschichte, welche unS doch bis jetzt eben so fremd war, als unserem Freunde, ... in seltener Art . . . dem ähnelt, . . . was dieser ober jener Bewohner des Dorfes . . . gesehen haben will!"

„Als ob das nicht ganz natürlich wäre," tief die junge Frau in gleicher Erregung wie vorhin. . . . „Die Bauern wissen Alle, daß die Tame in jenem Mausoleum dort be­graben ward, . . . denn sie waren zum großen Theil zu­gegen I — Und daß der auS weißem Marmor aufgesühtte Bau in Hellen Nächten auS der buntlen Umgebung hevor- leuchten muß, kann jedes Kind einsehen! und die weiße Gestalt, die von Zeit zu Zeit erscheint, ist eben so natur lich, .... kenn sie ist immer da, in der Büste der Ver­storbenen, auf weißem Postamentl"

„Aber sie bewegt sich, mein Engel, sich!?" -

sie bewegt

„Weil die einfältigen Bauern, wenn sie Hinsehen, auS Furcht am ganzen Leibe zittern und mit dem Kopf wackeln, . ... und sich dennoch im Stillen freuen, daß sie nun auf unserem schönen Grüneck auch ein Gespenst haben, mit dem sie die ungezogenen Kinder zu Bette graueln können!"

Wir mußten alle Drei über diese treffende Charakteri­stik der Dorfbewohner lachen, und ich that eS um so williger, als mir die Beweise für das Nichlvorhandensein dieses neu aufgetauchten Spuks, — welche die junge Frau vorbrachie, in jeder Beziehung vernünftig und stichhaltig zu fein schienen.

Auch Herr von Damkow lachte über den Zorn seiner kleinen Frau, aber er schien noch nicht gesonnen, sich zu ergeben.

„Wie willst Du eS erklären, Liebe,' sagte er, „daß

. . . eö immer nur dann bemerkt wurde, . . . wenn der Baron erkrankte? ...

Sie zuckte fast mitleidig mit den Achseln, als sie er­widertem „Das ist j« der beste Beweis l .... ober hast Du jemals baS Gerücht gehört als Vorläufer einer Krankheit des BaronS? ... kam es nicht jedesmal erst zum Vorschein, wenn er schon krank lag, und erklärte sich selbst'""" befannte“ 8iebe Zur Verstorbenen dadurch von

Er schwieg und gab dadurch gewissermaßen seine Zu­stimmung zu dem schlagenden Argument; aber so seht ich überzeugt war, das daß Ganze durch die junge Frau auf die natürlichste Att von der Welt erklärt war, — so ent­ging es mir doch nicht, daß in ihre« überzeugungskräf- tigm Schlüssen offenbar etwas lag, daS nicht allein für ihren Gatten berechnet war, ... daß sie selbst sich schützen wollte... vor aufsteigenden Zweifeln.

Sie erhob sich darauf und sagte, einen leichten Schauer unterdrückend, in einem saft kindlichen Ton: Mit Euren dummen Gespenstergeschichten l . . . . ich gehe" nach oben, ich hoffe, Du bleibst nicht lange, Hermann . ... und ich wünsche Ihnen eine gute, ruhige Nacht . . . ohne solche abscheuliche Heimsuchungen.".... Wit saßen eine Weile schweigend da und sahen in den Rauch unserer Cigarren. Herr von Damkow blies eine Reihe sehr gelungener Ringe in die Lust, welche sich unfehlbar, trotz aller Hast, einet durch den anderen drängten. Dann sagte et plötzlich, den luftigen Reigen mit der Hand zerstörend: „Es ist doch wunderbar I . . eS mag noch so erklärlich sein, , . . e« ist doch wunderbar! ... Sie fühlt es selbst, wie sie sich auch müht, stch und mich zu überzeugen. — Sie hörten heute Abend aus seinem eigenen Munde, daß er die Ge­schichte jener Nacht Niemand erzählt hatte, und dabei geht schon seit 2 Jahren das Gerücht, daß es im Mausoleum bet gnädigen Frau nicht richtig sei. — ES wurde Alle-