Nr. «to.
Marburg, Sonnabend, 27. Februar 1875.
X Jahrgang.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattti, sowie die Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Saffet und Hannover; Th. Dietrich in Klantfntt a. M , Haasenstein & Vogler in Frankfurt a. M., Berlin, Leipzig, Cöln rc; Rudolf Moffe in Berlin, Frankfurt a. M. rc.
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Anzeigen nimmt entgegen: die E^reditio« d. Blattti, sowie die Annoncen-Bureaux tzou ® L. Daube & Co. in Zrqpkfurt a. M.: Jäger'fche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, A Rete- meyer in Berlin; Carl Schütz- ler in Hannover; E. Schlotte in Bremen.
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Lage-bericht.
Man war wohl darauf gespannt, ob dir „Prov.-Corr." aus ihrer halbamtlichen Sphäre über di« alle Gemüchet beschäftigende LiSmarck Frage sich aussprechen werde. DaS Regierungsorgan beschränkt sich aber lediglich auf die Meldung, daß der Kaiser den Fürsten Bismarck wieder« hott empfangen habe. Man ist geneigt, aus dieser Zurückhaltung dm Schluß zu ziehen, daß jedenfalls positive Schritte in Bezug auf die vielbesprochene Absicht des Fürsten noch nicht geschehen sind, noch auch in unmittelbarer Au-stcht stehen. Andererseits hört man jedoch, daß schon jetzt die Erwägungen in den leitenden Regionen sich mit dm Maßnahmen beschäftigen, welche geeignet wäre«, schon in nächster Zeit eine Geschäftsentlastung deö Fürsten herbeizuführen. Namentlich ist davon die Rebe, daß in Beziehung auf dl« Geschäfte des auswärtigen Anrtes auf eine Erleichterung des Reichskanzlers Bedacht genommen werden soll. Dagegen ist von der Einführung eines neuen Räderwerks in das auswärtige Amt, von der Berufung auswärtiger Kräfte, auf welche manche Gerüchte hindeuten, dis jetzt nicht die Rede. Ueberhaupt ist namentlich die Idee von einer Vicefkanzlerschaft schon deshalb als eine ganz willkürliche zu bezeichnen, weil ein Vieckanzler, wie er von den Verbreitern solcher Gerüchte gedacht zu sein scheint, also ein Vicekanzler, der dem Fürsten BiSmarck nicht nur einen wesentlichen Theil der Geschäftsleitung, sondern auch die Verantwortlichkeit abnähme, ohne Ver- fasiungSänderung, mithin in Abwesenheit des Reichstages creirt werden könnte.
Eine dem Abgeordnetenhaus« zugegangene Nachweisung der Verwendung dcS VolkSschullehrer EmcritirungsfondS ergiebt, daß sich am 15. November 1874 unter den 2919 emeritirten Lehrern 717 befanden, wilchr unter 100 Thlr. Ruhegehalt bezogen. Unter diesen befinden sich 397, welche wegen günstiger Vermögenslage oder Nebeneiuuahmen eines ZuschuffeS nicht bedurften. Einige find wegen Unwürdig keil nicht bedacht worden. ES blieben sonach 310 Emeriten, denen daS Ruhegehalt bis jr Zeit der Nachweisung »och nicht auf den Betrag von 100 Thalern hatte gebracht werden können. Durch Verwendung der Bestände, die am 15. November noch vorhanden waren, ist dies seitdem bei einem Theile geschehen. Inzwischen ist auch der hier zurückbehaltene Reservefonds biß auf den Betrag von 1973 Mark 25 Pf an diejenigen Regierungen vertheilt worden, welche des ZuschuffeS am meisten bedurften. Ob
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Deutsches «eich.
werden können, läßt sich erst demnächst ermitteln. Die Provinz Hannover hat einen besonderen EmeritirungSfondS, über deffen Verwendung der Rach Weisung eine besondere Auskunft beigelegt ist.
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bamit die noch verbliebenen bedürftigen Emeriten alle auf |hoben verleiten lassen, einen Theil ihres Vermögens in den Betrag dcS Ruhegehalts von 100 Thlr. haben gebracht jfpanischm Papieren (Gott weiß in welchen carliftifdten mpfhpn fXnnptl RA at*A XatMteXAR n«>twUufM (TM- '
ES sind mehrfach Fälle vorgekommen, daß einem Kinde in der Taufe andere Namen beigelegt worden sind, als die in die StandeSregister eingetragenen. Der Minister des Innern hat nun in einer Verfügung e« für zweckmäßig erklärt, daß die Bevölkerung mittels öffentlicher Bekanntmachung auf die Mißstände eines solchen Verfahrens aufmerksam gemacht werde, da nur die in die Staatsregister eingetragenen Namen rechtliche Gültigkeit haben. Außerdem wird in der Verfügung darauf aufmerksam gemacht, daß eine etwaige nachträgliche Berichtigung von Eingetragenen, die in daS StandeSregister erfolgt find, nur auf Grund gerichtlicher Anordnung erfolgen können.
Die Lage de» FürstenthumS Waldeck wird wahrschein« lick in einer der nächsten Sitzungen de- Abgeordnetenhauses zur Sprache kommen. Der vom Abg. Kapp eingebrachte Antrag, den im preußischen Etat geforderten Zuschuß zu den Ausgaben des FürstenthumS al» künftig wegfallend zu bezeichnen, d. h. die Regierung aufzufordern, den Acces- fionsvertrag zum 1. Januar 1878 zu kündigen, wird hoffentlich eine Erklärung vom Ministcrtifche zur Folge haben, die über den Weg, auf welchem der gegenwärtige geradezu monströse Zustand beseitigt werden tonn, einige Klarheit verbreitet. Eben so wenig wie die preußische Volksvertretung Lust hat, die nothwendrg noch immer mehr sich steigernden Bedürfnisse der waldeckschen Verwaltung auS der preußischen StaatSkaffe auf die Dauer zu befrie digen, eben so wenig gereicht eS den Waldeckern zum Vergnügen, sich Preußen gegenüber als Almofenempfänger zu wissen. Die Unzufriedenheit mit dem gegenwärtigen Ber- tragsverhältniffe beruht durchaus auf Gegenseitigkeit und es kann somit an eine Verlängerung desselben auf weitere 10 Jahre nicht gedacht werden.
Der Fürst von Lippe, der sich mit seinem Minister v. Flottwell nicht vertragen konnte, weil dieser noch zu liberal sein sollte, hat nun endlich einen Minister in der Person des Rittergutsbesitzers Dr. ». Lengerke gefunden, der jeder Reform widerstehen wird, und Lippo-Detmold möglichst in einem traurigen Zustand erhalten soll.
Wie unö mitgetheilt wird, hat einen guten Theil der Unterstützung an Geld, welche die Carlisten erhalten, Fürst Löwenstein hergegeben, deffen Tochter mit dem Infanten Alfonso, dem Bruder des Don Carlos, verheircuhet ist. Der Fürst soll in Folge deffen finauzi ll ambarasfirt sein. DaS schlimmste ist wohl dabei, daß seine Beamten sich
•• Berlin, 25. Februar. Die Besprechungen der Presse über das päpstliche Rundschreiben bezeugen, daß die öffentliche Meinung in Deutschland zur völligen Klarheit darüber gekommen ist, daß e» sich bei dem Kampfe gegen den UltramontaniSmus um eine Lebensfrage für den Staat handelt, um eine Machtfrage und eine Eulturfrage. Wer soll in Deutschland souverain sein? Die verfassungsmäßig eingesetzten Autoritäten und Gesetze, ober die Befehle des Mannes im Vatikan, der sich jetzt schon für berechtigt hält, diese Gesetze einfach für ungültig zu erklären und allen Katholiken een Widerstand gegen dieselben zur Pflicht zu machen. Kann andererseits die Entwicklung der staatlichen Institution abhängig gemacht »erben von einer Autorität, welche ben SyllabuS in bie Welt geschickt hat? Dadurch würde die Entwi luug nicht vorwärts gehen, sondern in da» finsterste Mittelalter zurückgedrängt werden. Nur in ben letzten Tagen ist wieder ein Beweis für den niedrigen sittlichen Standpunkt de» Klerus zu Tage getreten. — Bon dem Schwurgerichtshof von Paderborn ist ein Kaplan «egen Unzucht zu einer zweijährigen Zuchthausstrafe ver- urlheilt worden. Derselbe hat ein seiner Erziehung anver trautes Mädchen gemißbraucht und war auf eine Beschwerde des Vater« von Seiten seiner bischöflichen Behörde zu 14 Tagen Bußübungen verurtheilt worden. Wieder ein Beweis «ie weit bie Bestrebungen und Auffassungen des geistlichen Regiment» von ben Grunblagen des staatlichen Recht« unb sittlichen Ordnung entfernt find. — Von allen Seiten wird darauf hingewiesen, baß eine Entlastung des Fürsten Bismarck so schwer ist, da dieselbe mit der Verfassung ober ben tatsächlichen Verhältnissen in Widerspruch steht. Dies macht es auch erklärlich, daß eine so wichtige Frage so lange in der Schwebe bleibt. Ein ultramontane« Blatt hat «in unfehlbare- Mittel gefunden. Die „Schlesische Volkszeitung* schreibt nämlich: .Hat es Fürst Bismarck nicht ganz in der Hand, sich diese Entlastung in weitestem Umfange zu verschaffen? Er braucht nur verantwortliche Reichsminifterien herzustellen, den depoffedirten Fürsten da« ihnen einbehaltene Vermögen zurückzugeben und den Kampf gegen Rom abzubrechen, und er wird sich sofort so erleich- ert fühlen, daß da« Verlangen nach vollständiger Ruhe hu schwerlich so bald beschleichen würde." Solche Rath- schläge können für den GefundheitSzustanv des Fürsten Bismarck nur vortheilhaft fein, denn Erheiterung ist die beste Medizin. 0 '
DaS Äenfilnu» der gnädigen Fran.
Novelle von Max All.
(Forlfetzung.)
Da» kleine Souper, das un« eine Stunde darauf Der einte, »ar bi« in bie kleinsten Einzelheiten vortrefflich. Selbst Herr v. Damkow konnte nicht leugnen, baß sowohl die Küche al» ber Keller seines Schwiegervater« über jeben Tadel erhaben waren. Die blauen Forellen, bie Hummer artigen Krebse, unb ber Hammelsrücken a la jardiniere wetteiferten um die Krone mit einem chateau larose, wie «t erwiesenermaßen auf fünf Meilen in ber Runde nicht anzutreffen war.
Wir speisten in dem kleinen Zimmer de« Erbgeschoffe», «o jene Zusammenkunft mit ber Exeelleuz von Barth fottgefunben hatte, unb e« war mir ein paar Mal, als weny sie plötzlich eintneteu, unb mit ihrem Sonnenschirm unter un» Platz nehmen müsse. Aber ich schaute vergeben« nach ihr aus.
Dafür sah ein anderer Geist, mit wundervollen, unver geßlich blauen Augen auf unfern kleinen Kreis hernieder, und folgte all unfern Bewegungen mit glücklich lächelndem Munde, ber hoch wie zu» Sprechen geöffnet war. — Warum dachte ich an Sappho und Corinna, — wo doch keine Leier ober ein sonstige« Attribut bti Gesänge» daran erinnerte?
Schon als mein erster Blick auf das wunderbare Bild fiel, da» an per Hauptwand des Zimmers mir gegenüber hstig, hatte ich unwillkürlich aulgerufen: „Weich' ein bezaubernd anmuchigeS Gesicht!" —
Der Baron neigte sich mix zu und sagte mit strahlen , dem Blick: »Sie urtheilen al« Kenner, und Sie haben recht I — E« «ar die schönste Frau ihrer Zeit, ... und bi« Königin aller Herzen, ... und Sie können denken, . . wie glücklich e« mich machte, daß sie mich würdig fiflb, . , . ihr.mein Leben zu widmen!
Ich fand in dieser posthumen Huldigung etwas so echt ChevalereSkeS, daß es mich fast verletzte, einen Zug leisen Spottes auf den Lippen de« Herrn von Damkow herumirren zu sehen. Er bestimmte mich, mit gesteigerter Bewunderung fortzufahren: „Unb welch ein Meisterwerk von einem Silbe, Herr von Grönitz . . . diese keusche, einfache Vornehmheit, in einer mehr al« idealen, einer fast verklärten Weiblichkeit gipfelnd . . . fürwahr, — von seinen Vorzügen als Portrait abgesehen, würde es al« Bild allein zu ben Perlen eines jeben Museums gehören! — „Unb dabei gestehen zu müffen," — schloß ich nach einer kleinen Pause, — „als Maler gestehen zu müffen, daß ich den Meister nicht kenne. . . welche Beschämung."
Die Blicke des alten Herrn hatten, während ich sprach, mit inniger Siebe auf ben Zügen ber Verstorbenen gelegen, unb er antwortete jetzt: „DaS Bild wurde in ben Vierziger Jahren in Paris von einem Künstler gemalt, ben sie zu jener Zeit als ben ersten seines Faches anerkannten. — Er war burch ein Portrait einer märchenhaft reichen Creolin en vogue gekommen, die in jener Saison ganz Paris durch ihre exentrifchen Launen unterhielt, — unb eS würbe Mode für bie Schönheiten beS lügt life, sich von ihm malen zu lassen. Er nannte sie ©eignet."
„Coignetl" rief ich erfreut au«, — „also Coignet l.. ich sehnte mich lange barnach, ein Bild von ihm zu fthen, . . Coignet, ... ich kenne ihn auS bet Kunstgeschichte jener Zeit, ... et hatte noch einen Bruder, . . . ober Verwandten gleichen Namen«, ber sich einen sehr Men Rus al« Landschaft« «worben."
»Ganz recht," sagte der Baron vergnügt auflachend, „ganz recht! ... Sie rufen mir burch Ihre Kenntniß eine Geschichte wach, welche bamal« in Pari« ein ungewöhnliches Aufsehen machte, ... und die ich im Lauft ber Jahre vergessen hatte! — ... ein Landschafter . . . ganz recht!"
Ich »a$f der Fr«, von Damkow einen Blick zu, ben fte augenblicklich verstand unb badurch beantwortete daß sie sagte: „Sollen wir sie nicht haben Onkelchen' bie Geschichte? . ... ich kenne sie nicht unb Du weißt, daß ich Dich so gern erzählen höre."
®t saß euten Augenblick nachdenkend ba, al« wenn er feine Erinnerungen schnell überflöge, um sich zu sichern baß sie nicht lückenhaft seien, unb begann bann:
Die Mode, sich von jenem berühmten Künstler malen ju lassen, stand während meiner damaligen Anwesenheit in Pari« in vollster Blüthe, unb ba es Schönheiten genug gab, bie sich hinzubrängten, um, von dem Zauber seine» Pmsel» wtevergeschaffen, sich der allgemeinen Bewunderung preiSgeben zu können, so gewann e« beinahe den Anschein, ÄS wenn e« nur nöthig sei, sich von ihm malen zu taffen' um zu ben beautes par excellence gezählt zu werten. — Run lebte in bem Faudourg St. Germain, wohin sich die Legitimisten wie in einen Schmollwinkel zurückgezogen hatten, eine Herzogin, die obgleich schon sehr ... eur le retour . ... sich dennoch nicht entschließen konnte, bet Jugend und ihrem Privilegium zu gefallen — zu entsagen — Sie hatte von dem Zauderer gehört und gab ihrem Haushofmeister den Auftrag, den Wider Coignet zu ihr zu bestell«. — Der alte Diener machte sich auf den Weg, und ber Zufall, dieser boshafteste aller natürlichen Kobolde, führt« ihn zu dem Landschafter gleichen Namen-.
„Die Herzogin von St. Joe« läßt in Bette« eine» ®tlbe« um Ihren Besuch bitten, mein Herr!"
»2ch werde morgen — ober nein, übermorgen um 12 Uhr die Ehre haben, aufzuwarten." .... Große, unge- heitte Aufregung in dem Toilettenzimmer ber Herzogin. — S)ie Schminken und Essenzen stehen in Schlachtordnung und werden über den Haufen geworfen; — die Emailleuft H En fieberhafter Auftxguug sich chxer hohen Aufgabe be«