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Kr. 29.

Marburg, Donnerstag, 4. Februar 1875.

X. Jahrgang.

Hnje gen nimmt entgegen: *ie e»ebition d. Blatter, sowie bie Annoncen-Bureaux een Th. Dietrich & 6o. in Kassel unb Hannover; Tb Dietrich in Frankfurt a. M-; Haasenstein & Vogler in Franksutt a. M., Berlin, Leip« zig, LSln rc.; Rubolf Moss« in Berlin, Frankfurt a. M. ic.

OhrchrUlisc Jrihmg.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expebition b. Blatte», sowie bie Annoncen-Bureaux von ®. L. Daube & Co. in Frankfurt a. M.: Jägerische Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidenbank, 11. Rete» meyer in Berlin; Carl Schütz» ler m Hannover; C. Schlotte in Bremen.

3ür tn der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annabm- von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.

Tagesbericht.

Der BundeSrath hat die Gesetzentwürfe über den Land­sturm, die Ausübung der MilitSr-Controle und das Groß jihrigkeitS-AIter genehmigt. Die Abstimmung über das Eivilehe-Gesetz wurde bis zur nächsten Sitzung ausgesetzt. Der BundeSrath ermächtigte ferner den Reichskanzler zum Abschluß eines Au-lirferungS-VertrageS mit der nordameri­kanischen Union.

Von einem Berliner Correspondenten wird dem „Rhein. Äur." tn Wiesbaden die folgende Nachricht telegraphirt, die indessen der Bestätigung noch bedarf: „Gutem Ver nehmen nach wird der Kaiser sich zu einer Frühjahrskur nach Wiesbaden entschließen. In Hoskreisen will man wissen, daß die Kaiserin ihren Einfluß auf den Monarchen deshalb geltend machen wollte, weil der gute Erfolg der vorjährigen Badereise nach Wiesbaden zu einer Wieder­holung auffordere. Die Dispositionen für die weiteren Sommerreisen des Kaisers sind noch nicht getroffen, doch wird Bad Gastein in Aussicht genommen, was darauf hindeuttt, daß das Reiseprojekt nach Italien aufgegeben sei."

Professor v. Sybel, der hauptsächlich eS veranlaßt hat, daß die Gemeinde- und KreiSotdnung für die westlichen Provinzen nicht eingebracht ist, befindet sich seit einigen Tagen in Berlin und man erzählt, Fürst Bismarck habe bereits ihn, zugleich aber auch einem Abgeordneten, welcher die entgegengesetzte Ansicht vertritt, zu sich eingeladen und in mehrstündiger Unterredung mit beiden Männern die Frag- erwogm, ob eS zweckmäßig sei, obige Entwürfe schon jetzt dem Landtage zur Beschlußfassung vorzulegen. Sehnliches soll von anderen Ministern geschehen sein.

Langsam, aber stetig mehrt sich die Zahl derjenigen Geistlichen, welche ihre starre Opposition wider die Regie rung aufgegeben, und vernünftigere Ansichten anmhmen. Als Beweis dafür dient ein PaffuS einer Correspondenz des „Kuryer Pozn." aus Regasen, welcher lautet: „Was mit den übrigen Geistlichen des Dekanates vorgeht, weiß ich nicht genau, aber eS ist leider schon eine bekannte Sache, daß einer der Senioren des Dekanate» sich den neuen Ge­setzen unterworfen hat."

Einer Meldung aus Santander zufolge ist ein Matrose der Corvette „Augusta" am Lande im Streite verwundet »nd, an Bord des Schiffes zurückgebracht, gestorben.

DenlscheS Reich.

•• Berlin, 2. Februar. Mit den jüngsten Mitthei­lungen hiesiger Blätter über die vermeintlichen Zwecke einer Reise de» Herrn v. Dachrödcn nach Italien scheint die Reihe der Conjekturen zu beginnen, welche das Heran nahen der schönen Jahreszeit mit sich bringt. Wir theilten

damals mit, daß nur persönliche Gründe die Ursache der betreffenden Reise gewesen. Was die Absicht unseres Kai­sers, den Besuch des Königs von Italien zu erwiedern, betrifft, so ist dieselbe in einem direkt an den König ge richtetm Schreiben ausgesprochen. Unser Monarch beab stchtigt, dieses Versprechen bald möglichst zu erfüllen. Aus Wiesbaden wird berichtet, daß der König dott zu einer Frühjahrskur angemeldet sei und für seinen Aufenthalt Vorbereitungen getroffen würden. Dem Aufenthalt in Wiesbaden solle dann eine Kur in Gastein folgen, so daß die Reise nach Italien als aufgeschoben zu betrachten sei. Dem gegenüber ist zu bemerken, daß noch keine definitiven Entscheidungen oder gar Vorbereitungen betreffs des SommeraufenthaltS des Kaisers getroffen find. Alle be­züglichen Nachrichten sind auf das Gebiet der Vermuthung wenn nicht auf das der Reklame zu verweisen. Die Wieder­holung einer Kur in Gastein, welche im vergangenen Jahre so segensreiche Folgen für den Gesundheitszustand deS Kaisers gehabt hat, dürste als gewiß angesehen werden. Doch schließt daS die Möglichkeit einer Reise nach Italien nicht aus, da die Monate Juli unb August, welche zur Kur bestimmt sind, sich bekanntlich nicht für eine Reise nach dem Süden eignen. — Der BundeSrath setzt seine Thätigkeit noch fort und beschäftigt sich schon mit vorbe­reitenden Arbeiten für die nächste Reichstagssesston. Von dem Reichskanzleramt ist dem BundeSrathe ein Entwurf eines Gesetzes betreffend die Naturalisation von Aus­ländern, welche im Reichsdienfte angestellt find. In den Motiven wird auSgesührt, daß die im ReichSdicnstr ange- stellten Ausländer, welchen durch ihr Amt der beständige Aufenthalt im Auslande zur Pflicht gemacht wird, von dem Erwerb der Staatsangehörigkeit in einem Bundes staate und der ReichSangehörigkeit auSgeschloffen sind. Um ihnen dieselben zu ermöglichen, ist in dem neuen Gesetze von der Bedingung der Naturalisation der Niederlassung in einem Bundesstaate abgesehen und denselben freigestellt wird, in welchem Lande sie die Naturalisation nachsuch-n wollen. —

— Die Berliner „Volkszeitung" schreibt: Falsche 25- Thalernoten mit der Nr. 719.895 B. sind in neuerer Zeit zum Vorschein gekommen, auf deren Rückseite die Unter­christ fehlt; in den drei ersten Zeilen der Strafbestim­mungen heißt rS3Mal: „Wer selbst oder durch Ände rc." .statt „Andere") und der große Adler auf der Vorderseite tritt schärfer (schwärzer) zu Tage.

Birnbaum (Proo. Posen), 2. Febr. Die Einführung deS vcn dem Oberpräsidenten «nannten Vikars Kick al» Probst in Kährne ist ohne Störungen erfolgt. Trotz der ihm gewordenen Warnung, die Kirche nicht zu betreten ging Kick hinein, worauf Deran H banowski unter

I Protest gegen den Eingriff der weltlichen Macht mit dem | äUerbeiliflften sich entfernte.

Darmstadt, 1. Febr. Die hiesige Stadt wird sich im Laufe dieses Jahres zur Aufnahme eines bedeutenden Anlehens an den GeldmatÜ wenden muffen. Ihr Schulden­stand beträgt dermalen etwa 1,150,000 fl.

Stuttgart, 26. Jan. Der evangelische SynoduS hat sich heute zur Berathung der Vorlagen für die Lande« - Synode wieder versammelt.

Münche«, 30. Jan. Die bereits erwähnte Vor­stellung des Gesammt Episkopates Bayerns in Betreff der obligatorischen Civilehe an den König laut.t wörtlich: Die allerehrfurchtsvollsten unterzeichneten OberhirtenBayerns sehen sich genöthigt, dem Th.one Ew. k. Maj mit nach stehender allerehrerbietigsten Vorstellung zu nahen. Au« dem Schooße des deutschen BundeSrathS ist an den deut­schen Reichstag zur Berathung unb Beichlußfaffung ein Gesetzentwurf gelangt, welcher die Einführung der odtiga torischen Civilehe, sowie den AuS)chluß aller kirchlichen Jurisdiction in Ehe-Sachen für das d.utsche Reich zum Gegenstand hat. ES soll also auch für die Unter thanen Ew. k. Maj., die ihrer großen Mehrzahl nach der katholischen Kirche anzehören, ote bürgerliche Form der Eheschließung gesetzlich vorgeschrieben werden. Die aller» unterthänigst Unterzeichneten sind jetzt nicht in der Lage, von den voraussichtlichen, gewiß nicht erfreulichen Folgen zu reden, welche ein solches Gesetz unferm them en Vater­lande Bayern in religiöser und svklaler Beziehung bringen wird. Aber daS Urtheil, welkes die katholstche Kirche über die Civilehe fällen muß, ist längst gebildet und all­gemein bekannt. Die allerehrfurwtSvoUft Unterzeichneten wollen sich, um jeden Zweifel auszufchlteßen, nicht ihrer Worte hier bedienen, sondern erinnern an den kurzen AuS- spmL Pin» IX, unsere» heiligen Vaters, den et in seinem am 9. September 1852 an König Victor Emanuel ge- nchteten Briefe Über die Civilehe gethan, und welcher also lautet: „ES ist ein Glaubenssatz, baß vie Ehe von un­serem Herrn JesuS Christus zur Würde eines Sakrament« erhoben worden ist, und es ist Lehre der katholischen Kirche, daß daS Sakrament in der Ehe nicht eine zufällige Eigenschaft ist, die zum Ehevertrag hinzukommt, sondern der Ehe wesentlich einwohnt, so daß eine Eheschließung unter Christen nur in der sakramentalen Ehe rechtmäßig, außer ihr aber nur Conrubinat ist. Ein Cwilgeietz, wel­ches unter Katholiken da« Sakrament der Ehe von dem Vertrage der Ehe trennen zu können glaubt und de« letz. ieren Gültigkeit zu bestimmen unternimmt, widerspricht oer Lehre der Kirche, greift in ihre unveräußerlichen Rechte ein und macht praktisch den Coircubinat dem Sakramente gleich, indem e» den einen wie das andere al« rechtmäßig

--, und Jedermann anoere als die verwerflichsten uno eigen­nützigsten Beweggründe bei mir vorausfeyen könnten. Und so taffen Sie uns scheiben."

»Ist das Ihr l-tzter, f.ster Entschluß?" wurde mit kif-t kaum vernehmlicher Stimme gefragt.

„Mein letzter, unwiderruflicher Entschluß," erwirberte ich bestimmt.

»Nun, bann hat eS keine Gefahr mehr, daß ich bie MaSke ablege."

Mit diesen schnell unb heiter gesprochenen Worten riß die Dame die Maske herunter.

Himmel! was sehe ich? Ein jungenbliche« Gesicht! Ein zweiter Blick ließ mich aufschre.en: „Luttnbel Lu- cindel" —

Sie war'«; schöner, blühenber, strahlender, al» sie in meiner Erinnerung lebte. Ich wollte am sie zustürzen.

„Zu ück, mein Herr!" rief sie mit Heller Sllberftimme unb glänzenden Blicken. „Sie haben mim ausg-schtagen."

„Nicht Sie, Lucinbe, nicht Sie! N in die>es Maje stätSverbrechen« an Jugenb, Saönheit unb Liebe habe ich mich nicht schuldig gemacht."

In diesem Augenblicke öffnete sich eine Seitenthüre, unb eine Stimme von borther uef: „Mein Gott, um­gibt e» denn hier?" '

3<h blickte hin Neue Ueberraschung, neue« Erstaunen. Meine Tante ft‘nb leibhaftig vor mir. Ich mar ganz ftarr und angebonnert, al« sähe ich einen Geist vor mir.

„Öi, ei," riet sie gutmüthig scheltend; „sind Sie'«, mein Herr Nffe? Was haben Sie hier mit meiner Tochter zu schaffen?" —

Da fiel mir’« wie Schuppen von den Augen „O nun w'rb mir Alles klar," jubelte ich auf. „Sie, Sie waren die liebe vortreffliche Wittwe, bie mich gestern ben Besitz ihrer Hand hoffen ließ?" 9

Eine Herrath auf dr» „nicht »ehr ungewihu- liche« Wege."

Episode au» dem Leben eines jungen Juristen.

(Schluß.)

„Ja, ich weiß genug," sagte ich bitter, „um zu sehen, daß mein leichtsinniger Schritt Sie und mich in eine un glaubliche Verwirrung gestürzt hat. E« wird das Beste sein, zu einer raschen Entscheidung zu kommen. Ich fürchte, Madame, die Ungleichheit unserer Jahre steht als eine un übersteigliche Schranke zwischen unS. Da wir glücklicher Weise unsere beiderseitigen Namen und Verhältnisse nicht kennen, so können wir ohne Beschämung von einan- der scheiden und die ganze Sache als ungeschehen be­trachten."

„Nicht also, mein Herr!" sagte jene ernst und fest; »ich bin durchaus nicht geneigt, Sie so leichten Kaufs von mit zu lasten. Sie haben mich zu diesem thörichten Schritte veranlaßt, der in Ihren und meinen Augen nicht anbet« aU compromittirend sein kann. Ich habe ein Kkcht, zu fordern, daß Sie in biefer Angelegenheit, die auch bie meinige ist, nicht in leibenschaftlicher Hast, son dern nach reiflicher Ueberlegung entscheiden. Ich gebe Ihnen Bedenkzeit bis morgen um diese Stunde, wo ich 3hrer bestimmten Erklärung entgegen sehen werde."

„Und wenn sie verneinend lautet ?"

„Dann werde ich mich zufrieden geben. Sie werden also kommen? Ich verlange Ihr Wort, daß Sie kommen."

„Mein Ehrenwort!" tief ich und rannte davon.

Nein, man kann sich keinen Begriff von meiner Laune und Stimmung machen, al« ich mich wieder unter freiem Himmel sah. Ich hätte mich zugleich todtlachen unb tobt- «gern mögen. Was soll ich'« leugnen, baß bie hundert- iausenb Thaler einen mächtigen Zauber übet mich au«ge« "bi hatten. Da- überstieg ja meine hochmüthtgsten An­

sprüche unb kühnsten Erwartungen. Alle Sorgen unb Verlegenheiten waren damit ans einmal beseitigt unb meine hochfliegendsten Wünsche uttb Pläne eilten auf raschen Schwingen der Eifüllung entgegen. Aber auf btt anbern Seite bie angenehme Wittwe von sechzig I ihren! Ich iah mich im Geist an ber Seite be« lieben gebeugten Mütterchens stolziten, sah bie Blicke meiner Freunde unb Bekannten spott- unb hohnlächelnd auf mich gerichtet; hörte ihre Witze unb Schelmereien, die mich wie vergiftete Pfeile verwundeten. Unmöglich! unmöglich! Aber um mit Gerechtigkeit widerfahren zu lasten, so regte sich in mir noch etwa« Besseres als Eitelkeit. Ich fand eS mit meinen Begriffen von Ehre durchaus unverträglich, einen solchen Handel. abzuschließen. Unb wa« war e« anber«, als ein nichtSwürbiger Handel, wenn ich meine Person, meine btü henbe Jugend an eine verwittwete Greisin dahingab für schnödes Gold, mit bet bestimmten Voraussicht, daß ich sie und mich dadurch elend machen müßte. In Wahrheit, e» kostete mich einen großen Kampf, meinem gestrigen Ent­schlüsse treu zu bleiben, unb felsenfest unb entschieden in demselben begab ich mich zur bestimmten Stunde nach dem Hotel.

Ich fand die Dame in demselben Zimmer und ebenso maSktrt wie gestern. „Madame," sagte ich ehrerbietig zu ihr, „ich habe Sie zunächst inständig um Verzeihung zu bitten, daß ich Sie durch meine unüberlegte Handlungs­weise in eine so grausame Lage versetzt habe. Ich weiß nicht, wa» Sie bewogen hat, auf mein öffentliches Gesuch mit mir in Verhandlung zu treten. Aber, was e» auch sei, ick bitte Sie dringend, geben Sie jeden Gedanken an eine Verbindung zwischen uns auf. E» ist kein Glück und Segen dabei für unS Beide. Mir verbietet das Gewisten und die Ehre, Ihnen meint Hand anjubieten, ober die Ihrige anzunehmen. Die Ungleichheit unserer Jahre ist zu bedeutend und Ihr Vermögen zu groß, al« daß Sie