Marburg, Dienstag, 2. Febmar 1875.
X. Iahrgmg.
ilung
Deutsches Reich.
Berlin, 30. Januar. Dem nun heute geschlossenen Reichstage waren nicht weniger als 270 Petitionen zugegangen, die sämmtlich eine Abänderung verschiedener Be- stimmungen der Gewerbeordnung beantragen. Dieselben sind von nahezu 500 verschiedenen Korporationen und Vereinen, vorwiegend Handwerkerinungen, unterschrieben, aus allen Gegenden Deutschlands. Diese Vereine repräsentiren angeblich über 46,000 Mitglieder; auch haben sich den Petitionen derselben außerdem noch über 1200 Einzelpersonen angeschloffen. In drei wesentlichen Punkten wird eine Modifikation der Gewerbeordnung angestrebt und wird demnach gebeten, bei der bevorstehenden Berathung der Novelle zur Reichsgewerbeordnung folgende gesetzliche Be. stimmungen in die Reichsgewerbeordnung aufzunehmen: 1) Jeder Lehrling ist verpflichtet, seine auf Grund abgeschlossener Kontrakte bestimmte Lehrzeit durchzuführen, 2) Zeder gewerbliche Geselle, Gehilfe oder Arbeiter ist ver pflichtet, eine regelmäßig geführte, gesetzliche Legitimation zu besitzen. 3) Gewerbliche Schiedsgerichte mit Executiv- kraft sind in allen Orten obligatorisch einzusühren. In
jedes Eingehen auf die Sonnemann'schen Pläne kurzweg ab und stellt dem Herrn Abgeordneten anheim, seine Anträge da zu stellen, wohin ste gehören, nämlich im Reichs lag, welchem der Reichskanzler die Berathung und Volirung des Bankgesetzes überläßt, ohne sich irgendwie persönlich einmischen zu wollen. Es scheint, der.deutsche Reichs, kanzler denkt konstitutioneller, als der Frankfurter Ban- quierdemokrat.
Auf Antrag der königlich italienischen Regierung schweben bereits seit dem Juni 1873 Verhandlungen über dm Abschluß einer Uebereinkunft zwischen dem deutschen Reiche und Italien wegen gegenseitigen Verzichts auf die Beibringung von Trauerlaubnißscheinen. Nachdem diese Ver Handlungen durch eine am 3. Dezember vorigen Jahres hier vollzogene Vereinbarung zum Abschluß gelangt find, welche im Wesentlichen mit den von Deutschland zur Regelung desselben Gegenstandes mit den Niederlanden im Jahre 1871 und mit Schweden Norwegen im Jahre 1874 ausgetauschten Erklärungen übereinstimmt, hat der Reichs« kanzler die gedachte Vereinbarung mit Italien dem Bundes- rathe zur Genehmigung vorgelegt.
Telegraphisch wird gemeldet:
Santander, 29. Jan. „Augusta' und „Albatroß" sind heute Abend hier eingetroffen. An Bord Alles wohl.
Ebenso wird aus Athen vom 29. Januar gemeldet: Das Ministerium Bulgari» beabsichtigt nicht seine Demis ston zu geben. Die Kammer wird am 5. Febmar geschloffen und Ende desselben Monats aufs Nme in der ordentlichen Session für das Jahr 1875 einberufen. Die Anleihe von 26 Millionen Francs ist in Griechenland selbst in sehr kurzer Frist vollständig gezeichnet worden.
Eixe Heirath auf de» „nicht »ehr mkgrwihn- lichen Wege."
Spisode aus dem Leben eines jungen Juristen.
(Fortsetzung)
Wmn sie reich, sehr reich war, das heißt, wenn auf jedes Jahr ihres Lebens so ein Tausend Thälerchen kämen, dann schien es freilich der Billigkeit angemessen, über etliche Jahre mehr oder weniger, so wie über einige Linien in Gestalt und Antlitz, die sich ein wenig von der Schön- heitSlinie verirrten, bescheiden ein Auge zuzudrücken. Aber das konnte doch nur bis zu einer gewissen Grmze gehen. Dreißig Jahre wollte ich zugeben mehr nicht. Darüber hinauSdcnkend, empfand ich immer das erwähnte Frösteln und Schütteln. Ich habe zwar die größte Hochachtung vor dem schönen Geschlecht, wenn eS in gewisse Jahre tritt und Niemand kann bereitwilliger sein, Verdienst und Würde einer wohlbetagten Matrone anzuerkennen; aber sie mir als Gattin an meiner Hand zu denken, in den Juni meines Lebens die Schauer des Januar hineinfrösteln zu laffen, das geht mir doch über allen Spaß.
Doch alle» Denken, Phantasiren und Plänemachen über dem Briefe half zu weiter nichts, als daß eS mich über die peinlich langen Stundm bis zu dem Rendezvous endlich glücklich hinwegführte.
Man wird es mir nicht verargen, daß ich an diesem Morgen eine besonders sorgsälttge Toilette machte. Mein Spiegel sagte mir manches Schmeichelhafte, als ich einen letzten prüfenden Blick hineinwarf. Die leisen unnennbaren Spuren, welch« die Fröste und Stürme des Nachfrühling» auf meinem Antlitze zurückgelassen hatten, vrr- schwandm unter meiner kundigen Hand gänzlich, und ich
durfte wohl mit einiger Zuversicht einer Dame gegenüber treten, welche, wie ich mir jetzt ganz bestimmt sagte, nicht deßhalb die Maske vorgenommen hatte, um mich armen Sterblichen durch den göttlichen Glanz ihrer Schönheit nicht mit einem Male zu Boden zu werfen. Wenige Mi nuten nach 10 Uhr stand ich mit gekrümmtem Finger vor der verhängnißvollen Thüre Nr. 3, jenseits, welcher ich entweder glücklich werden oder mich unaussprechlich lächerlich machen sollt-.
Ein leises Herein, meinem leisen Klopfen entsprechend, öffnete mir die Zauberthüre. Was sah ich? Ein reich und elegant ausgestatieteS Zimmer, unstreitig eins der besten und stattlichsten im Hotel. DaS schien ein gutes Vor« zeichen. Vom Fenster her schwebte mit eine weibliche Gestalt entgegen. Nur die Größe, sonst Nichts konnte ich erkennen. DaS Angesicht war mit einer Sammetmaske daS Haupt mit rincm Schleier verhüllt; von den Schultern herab fiel ein weites und faltiges seidenes Gewand, welche- die Taille ganz mid gar unkenntlich machte. Es war mei nem in solchen Dingen sehr geübten Auge absolut unmög lich, auf Alter und Gestalt nur die geringsten Schlüsse zu machen. Zudem war keine Zeit zur Beobachtung; der Augenblick drängte zum Reden. Was aber reden- In meinem ganzen Leben habe ich mich nicht in einer solchen Herz und HalS zusammenschnürenden Verlegenheit befunden. Meine dem schönen Geschlechte gegenüber sonst so berühmte Suade versagte mir ganz und gar den Dienst. Ich wußte nichts Besseres zu thun, als mit der Grazie, die einem Tanzmeister Ehre gemacht hätte, die Dame nach dem Sopha zu führen und mich auf einen Stuhl vor sie : hin zu setzen. Endlich stammelte ich ziemlich albern hervor:
Tage»bertcht.
Gestern (31. Januar) waren eS fünfundzwanzig Jahre seit Verleihung der preußischen Verfassung durch König Wilhelm IV.
Der BundeSrath trat am Freitag Mittag 1 Uhr im ReichStagSgebäude zu einer Plenarsitzung unter dem Vorsitz de» Präsidenten Delbrück zusammen, welche etwa zwei Stunden währfe. Den hauptsächlichsten Gegenstand bildete, wie die „N. Z." berichtet, die Berathung über die Stellung, welche die Reichsregierung zu den Beschlüssen de» Reichs tage« über das Bankgesetz einzunehmen gedenkt. Der BundeSrath wird sich im Großen und Ganzen mit den bisherigen Reichstagsbeschlüssen einverstanden erklären, dagegen für den Fall, daß die einprozentige Steuer in dritter Lesung beschlossen werden sollte, auch eine Veränderung der Gewinuvertheilung, wie sie Angesichts der einprozentigen Steuer früher in Aussicht genommen war, verlangen. Auch gegen die Heranziehung der Reichsbank zur Kommunalsteuer wird der Bundesrath sich aussprechen, jedoch an etwaiger Festhaltung der bisherigen Beschlüsse da» Gesetz nicht scheitern laffen. Im Uebrigen nahm der Bundesrath noch den Au-schußbericht über die Maßregeln gegen die Einschleppung der Cholera und über die Einsetzung einer internationalen Seuchen-Kommission entgegen und beschloß in Bezug aus den erstgedachten Gegenstand die Annahme der Au-schußanträge bezw der internationalen Seuchenkommisston die Einleitung von Verhandlungen über einen Vertrag mit der österreichisch-ungarischen Regierung.
Die VertheidigungSrede des Professors von Holtzen- dorff im Prozeß Arnim ist nun erschienen. Herr von Holtzeudorff, der trotz der Bemühungen des Grafen Arnim nicht mehr bei der zweiten Verhandlung in Berlin erscheinen will, erklärt im Vorworte dadirt vom 13. v. M.:
I den Motiven, die durchaus auf thatfächliche Veihältnisse 1 Rücksicht nehmen, wird unter anderm hervorgehoben, daß im Jahre 1873 in 12 Städten von 3500 bei 634 Tischler i Arbeitgebern in Arbeit stehenden Arbeitern 2700, sowie 1 von 692 Lehrlingen 186 ihren Akkord gebrochen haben. 1 Die Kommission für Petitionen nahm nach eingehender Berathung folgenden Antrag des Referenten mit überwiegender Mehrheit an: Der Reichstag wolle beschließen, in Erwägung, daß die Reichsregierung mit den Erhebungen der diesbezüglichen gewerblichen Verhältnisse in eingehender Weise beschäftigt ist, und die gesetzliche Regelung derselben ihrer Erwägung unterliegt, die betreffenden Petionen dem Herrn Reichskanzler als Material zu überweisen, zugleich mit dem Ersuchen, möglichst bis zur nächsten Session deS Reichstage» die bezüglichen Arbeiten zum Abschluß zu bringen und das Resultat derselben dem Reichstage vorzulegen.
König-berg, 30. Januar. Die Provinzialiynode wählte in engerer Wahl entschieden den Provinzialschulrath Schrader mit 67 Stimmen zum Vorsitzenden. Der Gegen- caudidat, Geheimrath Hellwig erhielt 29 Stimmen.
BreSla«, 30. Jan. Die Provinzialsynode hat 11 Orthodoxe und 10 Liberale zur Generalsynode gewählt. Die liberale Minorität erklärte, daß sie im Falle ihrer Nichtberücksichtigung durch Ausscheiden die Provinzialsynode beschlußuniäbig machen würde.
Darmstadt, 28. Januar. In der heutigen Stadtverordnetensitzung wurde der von Dr. Osann gestellte Antrag, die hier bestehenden ConfesstonSschulen in Communal« Schulen umzuwandeln, an die Schulkommission verwiesen, und die Annahme dieses Antrags ist als vollständig gesichert zu betrachten. — Der zur Bertheilung gelangte städtische Etat für daS laufende Jahr schließt in Einnahme und Ausgabe mit 892,439 Mark ab. Tie Umlagen sollen um etwa ein Zwölstheil erhöht, dagegen vom 1 Juli d. 3- an da» Oktroi auf Mehl, Backwerk und Hülsenfrüchte, welche seither etwa 27000 fl. ertrug, in Wegfall kommen.
RxSisxS.
Wien, 30 Jan. Sicherem Vernehmen nach ist das Beglaubigungsschreiben für den Grafen Ludolf als auftro- ungarischen Gesandten bei dem Könige AlfonS bereits nach Madrid abgegangen. Die Anerk-nnung AttonsoS Seiten» Oesterreichs ist daher als vollzogen zu betrachten. — Die „Wiener Zig." meldet, daß der Fina- zminister aus Grund des Gesetzes vom 13. Dezember 1873, zum Zwecke der Förderung des EiseubahnbaueS eine schwebende Schuld im Gesammtbetrage von 25 Millionen Gulden im Wege der Emmlsston von Schatzscheinen aufgenommen habe Die Schatzscheine lauten au Porteur, werden am 5. Mai 1878 im Nominalbeträge eingelöft und jährlich mit 5 pCt. verzinst — Mittheilungen der heutigen Morgenblätter zufolge gedenkt die Gruppe Roihschild demnächst eine Sudscnption auf 15 Millionen Seconve-Plioritäten der Ungaitschen
„Das liebenswürdige Bittet, welches mir diese glückliche Stunde bereitet, habe ich erhalten."
„Was haben Sie mir zu sagen?" flüsterte es leise und besangen unter der Maske hervor. Aber so leise die Stimme war, hatte mein scharfes und gespitztes Ohr doch sogleich vernommen, daß ihr der jugendliche Hauch und Klang fehlte.
„Mein Fräulein ..." Ich hielt einen Augenblick tnne, um zu hören, ob ste das „Atäulein" deSavouiren würde. Da sie aber schwieg, fuhr ich fort: „Mein Fräulein, ich bin in Verhältnissen und in den Jahren, wo es nicht wünschenSwerth ist, den Weg durchs Leben allein zu wandeln.
_ „Sie suchen also eine Lebensgefährtin. Aber gestehen Sie, daß Sie einen etwas ungewöhnlichen Weg gewählt haben."
„Doch nicht so ganz ungewöhnlich,' erwiederte ich mit dem G-fühle zurück!-hrenden Muihc». „In allen öffentlichen Blättern häufen sich Anfragen und Anerbietungen wie die, welche mir das Glück verschafft hat, mich Ihnen gegenüber zu sehen. Und wenn man zahlreichen Gerüchten glauben darf, so pflegen e» oft gerade die glücklichsten Ehen zu fein, welche so ohne alle vorherige Bekanntschaft durch ein anmuthiges Spiel des Zufalls geschlossen werden.
„Doch, mein Herr, einen ganz besonderen Grund muß eS immer haben, wenn Jemand in einer so wichtigen Angelegenheit sich dem anmuthigen Spiele deS Zufalls an vertrant. Darf ich mir dte Frage erlauben, was Sie bewogen hat, gerade auf diesem Wege, wenn er auch noch o gewöhnlich sein sollte, eine Lebensgefährtin zu suchen?
(Fortsetzung folgt.)
„Ich diene nicht auf Avancement und kenne keine „Interessen." Wären aber solche vorhanden, so würde ich sie getrost preisgeben um meiner Ueberzeugung willen. Diese Ueberzeugung war und bleibt, daß von Rechts wegen nach , meinem Berständniß deS Gesetzes der Graf Arnim, an - dessen persönliche Ehrenhaftigkeit ich glaube, nicht verur- theilt werden sollte. Ich habe den Grafen nicht politisch verthetdigt, ihm sogar vom Standpunkte der Amtsordnung aus öffentlich meine Mißbilligung kund gegeben." Herr von Holtzeudorff erklärt ferner das Gerücht, eine gewisse hohe Person befinde sich im Besitze eines TheileS der kritischen Schriftstücke, für ein „albernes."
Die „Tribüne" schreibt: „Der Frankfurter Reichstags-Abgeordnete Herr Sonnemann, welcher bekanntlich im Reichstage die äußerste Linke bildet, hat sich mit einem ausführlichen Schreiben in Bankangelegenheiten an den Reichskanzler Fürsten Bismarck gewandt. Leider ist es uns nicht gestattet, den höchst interessanten Inhalt der Eingabe mitzutheilen. Die Antwort des Reichskanzlers ist in knappem amtlichen GeschäfiSstyl gehalten. Sie lehnt
Anzeigen nimmt entgegen: feie Expedition d. Blatte», fowie die Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Kassel, und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M-; fiaafenftein & Vogler in Frankfurt a. M-, Berlin, Leipzig, Cöln ic.; Rudolf Moss« in Berlin, Frankfurt a. M. ic.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte», sowie bte Annoncen-Bureaux von G. L- Daube & Co. in Frankfurt a. M.- Jäger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.;Jnvalidendank,A. Rete- meyer in Berlin; Carl Schußler in Hannover; C-Schlotte in Bremen-