JllarÖurg, Sonntag, 31. Januar 1875.
x. Zhrgang.
Nnzeigm nimmt entgehn: )ie SÄeditio« d. vl es, somit bu Annoncen-Bur«. _ux gon Th. Dietrich & 60. in Kaffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a- M-; Haasenstein & Bögler in Frankfurt a. M., Berlin, Leipzig, Löln 2C.; Rudolf Moff, in Berlin, Frankfurt a- M. rc.
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Mit Anfang Februar beginnt eine höchst spannende Erzählung im Feuilleton.
Politische Wschkn-Urberstcht.
Die in Berlin hergebrachten Winterhoffestlichkeiten waren die vorige Woche im vollen Gang und Kaiser Wilhelm wohnte denselben mit heiterer Theilnahme und be wunderter Ausdauer an. Die Genugthuung für die deutsche Flagge in Sachen der Brigg „Gustav" wird Seiten- de- Deutschen Reiche- vorläufig mit Vertrauen von der Regierung Alfons erwartet, und wenn die Ausrüstung der Verstärkung für da- Geschwader an den baskilischen Küsten in Kiel fortgesetzt wird, so wird allgemein nur eine moralische Unterstützung der spanischen Regierung, nicht eine materielle Einmischung al- Zweck angesehen. Ein unter geordneter Etiquettenstreit, der sich unter den Vertretern und Agenten der fremden Mächte in Belgrad erhoben, und eine Abreise deS deutschen GeneralconsulS Rosen auf Urlaub veranlaßt hat, ist im Begriff der deutschen Auffassung entsprechend geordnet zu werden. Der Deutsche Reichstag gehr raschen Schritte- der Beendigung seiner Arbeiten ent gegen, um den beiden Häusern des Landtage- die Fortsetzung der gesetzgeberischen Thätigkeit zu überlassen, die nächsten Montag ihren Anfang nehmen wird.
Seit dem 20. Januar tagen in Wim wieder beide Häuser de- österreichischen ReichSratheS. Die Session, die bi- Palmsonntag dauern soll, wird voraussichtlich keine großen politischen Controversen bringen, sondern sich auf da- Börsengesetz, da- ExecutionSgesetz, dm Ver- waltungSgerichtöhof, die Gebäudesteuer und vielleicht auch »och auf das Actiengesetz erstrecken, in welchem das Herren- Hau« starke Abänderungen vorzunehmeu enischloffen sein soll. In der ofener KönigSburg fanden unter des Königs Vorsitz die Berathungen über die Frage Statt, mit welchem Gelbe die Kosten bei einer Mobilmachung der Landwehren bestritten werden sollm. Fürst Auersperg vertritt hierbei den Standpunkt, daß die Auslagen für Betheiligung des Reiche» auch bei den Landwehren au» gemeinsamen Reichs- mittel« zu bestreiten wären. Im ungarischen Abgeordnetenhause begann am 27. Januar der große Kampf über die Finanzlage, bereit Krone da» Wie der Deckung be» Deficit» von 13 Millionen durch Einführung neuer Steuern ist. « Der schweizerische Bundesrath hat sich veranlaßt gesehen, bei der Gvlthardbahn-Direction auf vertragsmäßige größere Förderung des vollen Ausbaues des großen Tun- j
nels — mehr entsprechend dem Vorrücken des Richtstollens — zu dringen.
Der italienische Finanzminister hat der Kammer eine Uebersicht der Finanzlage vorgelegt, nach welcher sich der Zustand derselben gegen da» Vorjahr erheblich besser darstellt. Der Minister schlägt zur Deckung außerordentlicher Ausgaben eine Reorganisation der Consumsteuer vor, welche mit der nach Revision der Handelsverträge zu erwartenden Mehreinnahme aus den Zöllen 20 Millionen ergeben soll. Mit der TabakSregie hat der Minister eine Ueberetnkunft getroffen, nach welcher die Amortisation von den zwei Obligationsserien von 1875 und 1876 auf die Jahre 1882 und 1883 verlegt werden soll. Garibaldi ist am 24. über Civita-Vecchia in Rom angekommen und mit großem Enthusiasmus empfangen worden. Er Hal den Deputirteneid geleistet und feinen Platz auf der äußersten Linken der Kammer genommen.
Der parlamentarische Eisgang in Fra nkreich dauert noch immer ungeschwächt fort; die Lösung der verwickelten und verwirrten Frage, ob die National-Versammlung noch die Kraft hat, eine Majorität für die Verfaffungsvorlagen zu Stande zu bringen, ist in der letzten Woche nur deß- halb näher gerückt, weil der Streit doch füglich nicht ewig währen kann. Das Land blieb zwar ruhiger Zuschauer wie bisher, indeß die Ungeduld ist sichtbar im Steigen begriffen. Die zweite Lesung des Ventavon'schen Entwurf« wurde nach stürmischen Auftritten und einer Rede von Jule» Favre gegen die Royalisten, welche einen fast betäu benben Eindruck in Versailles, doch keineswegs den im ersten Moment erwarteten schlimmen im Lande machte, mit 538 gegen 145 Stimmen, zu denen sich die äußerste Rechte mit der äußersten Linken zusammenfand, am 22 Januar bewilligt, desgleichen am 25. die zweite Lefung des Senatsentwurfs mit 512 gegen 188 Stimmen beschlossen, dagegen die Berichterstattung in Betreff der Regierung vom 4. September bis nach der gänzlichen Durchberathung der konstitutionellen Gesetze vertagt. Die zweiten Lesungen dürften, nach den Parteibeschlüflen der Linken zu schließen, minder günstige Abstimmungen ergeben, obwohl nicht zu vergeffen ist, daß in Versailles häufig der entscheidende Augenblick unvorhergesehene Beschlüffe bringt.
Der junge König von Spanien kann mit dem Empfange, der ihm jetzt beim Besuche der Nordarmee zu Theil geworden, eben so zufrieden sein wie mit seiner Auf nähme in Barcelona, Valencia und Madrid. Wenn auch die Urtheile, wie laut und kräftig die Jubelrufe erschollen, nicht ganz übereinstimmen, so scheint wenigsten» so viel festzustehen, daß sich kein erheblicher Mißklang in die Begrüßung gemischt hat. In Tudela, Peraita, Falce» hielt König Alfon» große Paraden ab. Während dieser Be
bei
man incognito reife. Jedes Glied habe zu Scherz und
keine Spur znrückläßl, an mir vorübergegangen. Ich wußte nicht, woher? wohin? weß Namens, Stande« und Geschickes? In gleicher Unwissenheit befand sich Lucinde über meine arme Person. Das Alle« sollte ja erst am anberen Tage erforscht und an-getauscht »erben.
Eben damals, als ich recht tief und fest in Liebe saß wie ein Vogel in seinem Neste, nur nicht so geduldig und friedlich, — kam ein Brief von meiner Berliner Frau Taute mit dem wunderlichsten Anträge von der Welt. Sie habe ein Pflegekind, das sie als Waise zu sich genommen, eine Perle, ein Juwel, eine Krone ihres Geschlechte»; sie hege keinen dringenderen Wunsch al» diesen, ihren Liebling glücklich zu sehen, und habe dabei an mich gedacht, deffen Glück ihr nicht minder am Herzen liege, wenn ich mich deffen werth zeigte, da» heißt, wenn ich fleißig stu- dirte, Examina absolvitte und dereinst ein anständiges Aemtchen aufzu veisen hätte, dann könnten wir wohl ein glückliches Pärchen werden; sie werde sicherlich das gute Kind als ihre rechte und -ahre Tochter betrachten. — Die letzteren Worte waren unterstrichen und stachen meinemVater besonder» in die Augen. Nimm'« an, sagte er; sie ist ein Paradiesvogel I — Ich nehm'S nicht an! sagte ich mit Herz und Mund und behandelte überhaupt nach meiner Art die Sache leichtsinnig. Wie hätte ich auch, dessen einziger Gedanke damals „Lucinde" war, ohne Widerstreben und Grauen an eine Verlobung mit der „Waffe," dem „Pflegekinde" denken können. Die allzu gütige Tante erhielt von meinem Vater
tatter angenommen, und es fei streng verpönt, au» demselben in die Rolle de» Alltagleben» zurückzufallen. Auch ich hatte mich diesem heiteren Spiele angeschloffen, welche«
ju vielen munteren ©eenen und Verwickelungen Beran laffung gab. So «ar Lucinde wie ein Traumbild, das
u" Wirklich schien die Sache ganz unbedeutend; aber bet weiteren Wanderung wurden die Schmerzen immer heftiger, ja zuletzt fast unerträglich, so daß ich mit Mühe die Herberge erreichte. Alle angewandten Mittel fruchteten Nicht», und über Nacht war der Fuß so angeschwollen, daß ich an ein Weiterreisen nicht denken, ja nicht einmal mein Lager verlaffen konnte. Ich habe Lucinden nicht wiedergesehen; vor Sonnenaufgang war sie mit ihrer Ge sellschaft aufgebrochm. Wer malt sich das Elend meiner Lage! Die körperlichen Schmerzen, welche mich folterten, waren da» Geringste. Aber die flammende Sehnsucht meine» zmn ersten Male in wirklicher Liebe aufgeblühten Herzens verzehrte mich ganz und gar. Kein Wort von Liebe war zwischen un« gewechselt worden, und doch war mein ganzes Wesen an jenem Tage Nichts als Lieb- gewesen. Ob sie mich wieder liebe? ob ich sie wiedersehen werde? wie ich ohne ihren Anblick, ihren Besitz leben solle? Diese und hundert andere Fragen sammt einer Menge abenteuerlicher Entwürfe und Pläne, wie sie nur die Raserei eines verliebten Herzens von drei und zwanzig Jahren ersinnen kann, marterten mich während bet acht Tage meine» Schmerzenslager». Ach, meine Hoffnung war äußerst gering. Bald nach meinem Eintreten in die Gesellschaft hatte mir das Haupt derselben angezeigt, daß
Gitte Heintth auf de« „nicht mehr ungewiihn» lichm Wege."
Episode au» dem Leben eines jungen Juristen.
- -■ (Fortsetzung.)
tinen bedauernden, von mir einen ziemlich lustigen und .humoristischen Absagebrief, welcher letztere ihren äußersten Kurzweil einen für die Reise geltenden Namen und Cha-1 Zorn gegen mich erregt und auch wohl verdient hat. Seil jener Zeit hat keine Gemeinschaft zwischen ihr und un» mehr stattgefunden, und von einem Berliner Freunde, der meine Tante kennt, weiß ich, daß ihr Haupt auch jetzt noch in zürnende Wolken gehüllt ist. Vielleicht haben meine leichtsinnigen Streiche, die ihr gewiß nicht verborgen ge-
schäftigung erließ et an die Bewohner der vom Bürgerkriege betroffenen Nordprovinzen eine Ansprache, worin er seinen Wunsch ankündigt, als Friedensfürst dem Volke zu erscheinen, zugleich aber auch den festen Entschluß, im Nothfall mit Gewalt der Waffen den Aufstand niederzuwerfen. Schon gehen Gerüchte von Unterhandlungen über ein „Conventio," doch wird man denselben schwerlich einen größeren Umfang beimeffen dürfen, als daß sie ohne Betheiligung den Prätendenten, vielmehr gegen deffen Willen, von carlistischen Officieren betrieben werden, welche den Zusammenbruch deS CarliSmuS kommen sehen und sich für die Zukunft nicht nur Straflosigkeit, sondern auch Rang und Stellung sichern möchten.
Das Hauptthema der Woche bildete in England Erörterungen über die Wahl deS FühtttS der liberalen Partei im Unterhause an Stelle Gladstones. Nachdem eine Reihe anderer Eandidaten, die Anfangs auf der Liste aufgetaucht waren, wieder von derselben verschwunden sind, handelt es sich zur Zeit nur noch um den MaiquiS von Hartington, einen Vertreter der alten whiggistischen, mit dem Radicalismu» der neueren Zeit nur sehr wenig Berührungspunkte besitzenden Partei, und Herrn Forster, der als ein Angehöriger der Mittelklaffen dem RadikaliSmuS nicht ganz so fern steht, von einem wesentlichen Toeile der Radikalen, aber vor Allem den Dissenters, wegen seines Wiverstandes gegen die Einführung der vollen CofesstonS- lostgkeit in der Volksschule und deren völliger Loslösung von oer Staatskirche verworfen wird. In Folge deffen wird Hartlngton höchst wahrscheinlich in der Parteiverfammlung am 3., Februar gewählt werden, obwohl die Diffenter von ihm für diese ihre besonderen Wünsche noch weit weniger zu erwarten haben, als von Forster.
Die dänische Regierung hat in ihrer Gesetzvorlage, welche die Errichtung von LanbeSvertheldigungsweeken betrifft, die Befestigung Kopenhagens, welche Den militärischen Mitgliedern des FotkethingS unerläßlich scheint, außer Ansatz gelaffen und sich daraus beschränkt, SeefortS im Sunde und in den Belten zu beantragen. Die Vorlage ist, nach- dem ihre erste Lesung drei Tage in Anspruch genommen, am 22. b. dem Militärausschuß überwiesen worden. Der Marineminister erklärte sein Amt niederlegen zu muffen, wenn man ihm abermals da« Geld für den Bau eines Panzerschiffes verweigere. Da» Folkething will, bevor es sich über die Fragen der Landesverlheidigung schlüssig macht, erst Gewißheit über die künftige Stellung Dänemarks zum AuSlande, namentlich zu Deutschland haben.
Da« schwedische Staatsbudget ist auf 67,507,000 Kronen in der Einnahme und aus 79,554,919 Kronen in der Ausgabe veranschlagt. Den Ueberschuß joU da« Reich« - schulden-Comptoir decken. Für Eisenbahnzwecke wird der blieben find, da» ihrige redlich dazu beigetragen. Wenn eS daher auch mein Stolz über sich gewinnen könnte, vor ihren-Augen Gnade zu suchen, so müßte ich doch eine schnöde und nicht unverdiente Abfertigung von ihr befürchten, welcher Gefahr und Beschämung ich mich nicht aussetzen will. Ich muß eben auf etwa» Anderes denken. —
Em Schiffbrüchiger, der ich gegmwättig bin, greift nach einem Strohhalm. An Lucindens Besitz denke ich nicht mehr. Alle Anstrengungen, sie wieoerzufinden, sind vergeblich gewesen. Dennoch kann ich sie nicht Der« geffen. Wie ein geliebte» und verehrte» Heiligenbild, mit den herrlichsten Blume» der (Srinnerung geschmückt, liegt sie in dem innersten meine» Herzen». Im Grunde ist eS mir völlig gleichgültig, ob und wen ich heiralhe. Aber gegen die Stürme und Wellen, die mein Lebensschifflein auf den Sand gesetzt haben und eine Planke nach Der onDeren loSreißen, kann ich nicht gleichgültig sein. Eine Fran könnte der Balken werden, der mich an das rettende Ufer trägt. Ich will'« versuchen. Täglich lieft man in den Zeitungen HeirathSgesuche, in welchen schüchterne Jünglinge oder ehrsame Witlwer au» „Mangel an Damenbe- kannffchast" ooer wegen „Ueberbürbung mit Geschäften" auf diesem „nicht mehr ungewöhnlichen Wege" nach einer Lebensgefährtin begehren. E« sind alles vortreifl che Leute wahre Phönixe unter den Männern, durch die Bank jung, wohlgebilvet, gesund, ehrbar vom Stande, zum Thnl sogar in Amt und Würoen. Man muß sich nur wunvern, vaß sie in ihren Ansprüchen so beschetven sind. Denn daß die Lebensgefährtin jung, schön, liebenswüroig, häuslich sein muffe, versteht sich ja ganz von selbst uno ist da« Geringste, wa« man verlangen kann. Ernsthafter freilich ist Die unausbleibliche Erwähnung eines „dtsponibeln Vermögen» von 6, 8 bi« 10,000 Thalern, welches, wenn eS verlangt wird, sicher gestellt werden kann." Aber man