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Vr. LS.

Marburg, Sonnabend, 30. Januar 1875.

x. Jahrgang.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte«, sowie die Annoncen-Bureanx von Th. Dietrich L Co. in Kassel und'Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M-; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a. M., Berlin, Leip­zig, Lölnrc.; Rudolf Moss» in Berlin, Frankfurt a. M. rc.

©brdjrfltfdjr Jritung.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d- Blatte-, sowie bte Annoncen-Bureaux von G. L. Daube & Co. in Frankfurt a. M.- Jäger',sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, A. Rete- meyer in Berlin; Carl Schuß­ler in Hannover; 6. Schlotte in Bremen-

Erschein tägli^ au^er den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen BeilageJllustrirteS Tonntaasblatt" durch die Ervedition lKock'icbe Buchdruck-re.) bezogen 2\ Mark, durch di- Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 PfglexelBestellgebüh/) -Jns-rtionsge^hrfürdie gespaltene Z-ilelOPa ^

Für tn der Expedition zu eriheilcnde Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet. V

Zur die Monate Februar und März werden j* Bestellungen von allen Postanstalten ange­nommen.

k Mit Anfang Februar beginnt eine höchst span­nende Erzählung im Feuilleton.

Lagetbericht.

Aus gut unterrichteter Quelle ei fährt dieNordd Allg. Ztg", daß das Projekt, daS Zeughaus in Berlin in eine RuhmeShalle für die preußische Armee umzuwan­deln, näheren Erörterungen unterzogen wird. Seine Majestät der Kaiser widmet diesem Plan lebhaftes Interesse und hat Sich Detailvorschläge für die weitere Ausführung des Projekts von einer hierzu ernannten Kommission ein­reichen lassen. So viel uns bekannt geworden, liegt die Absicht vor, daS Erdgeschoß des Zeughauses zur Errich­tung eines Artillerie- und Ingenieur-Museums zu benutzen, während da« erste Stockwerk für die Ausnahme der Waffen, Trophäen, Feldzeichen und Reliquien rc.- Sammlungen be­stimmt ist.

Der im Innern und Aeußern architektonisch schöne Bau des Zeughauses eignet sich vorzüglich für die zuge dachte neue Bestimmung.

Die Hoffnung ist gewiß begründet, daß die Landes Vertretung, sofern die Beschaffung der zur Verwirklichung des Plane- erforderlichen Geldmittel in Frage kommt, zur Gewährung derselben bereit sein werde, da es sich hier um Errichtung eine» alle patriotischen Herzen mit Stolz er füllenden RuhmeSdenkmal« für das preußische Volk und besten Herrscher handelt.

Im Staatsministerium sind die Erwägungen über die Ausdehnung der VerwaltungSreform auf die westlichen Pro­vinzen noch nicht geschloffen. Am Dienstag Abend fand in dem Hotel des Fürsten Bismarck ein Ministerrath statt, aus besten Tagesordnung jedenfalls auch diese Frage zur Erörterung stand. Die vielfachen Mittheilungen in der Preste über die auS dem Ministerium des Innern kom wenden Vorlagen haben alle mehr oder weniger eine un richtige Auffastung. Dahin gehört auch die Mitthetlung, daß sich im Staatsministerium erhebliche Differenzen bei Erörterung der Frage über die Ausdehnung der Gemeinde- Ordnung auf die westlichen Provinzen herauSgestellt hatten und daß namentlich Graf Eulenburg dagegen aufgetreten, während ein jüngeres Mitglied solche vom Ministerium befürwortet. Diese Darstellung ist in allen ihren Aus­führungen falsch. DieKöln. Zig." schreibt: Graf Eulenburg sei nicht allein der Vertreter der liberalen A s fastungen, sondern er rühme sich auch besten btsenderS.j Das Letztere dürste denn doch etwa- baroque sein, Graf!

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Eulenburg'« politischer Charakter ist wahrlich nicht der Art, daß ihm ein Prahlen und- Rühmen eigen ist. Ebenso un­richtig ist aber, daß Graf Eulenburg der entschiedene Ver­treter der Wahl der Bürgermeister in den rheinischen Ge meinden sein soll, wie die Köln. Zig. denselben darstellt Graf Eulenburg hat sich bei der jüngsten Berathung über diesen Gegenstand dahin ausgesprochen, daß gerade, wenn die regierungsseitige Ernennung der Bürgermeister im Rheinlande und Westpfalen gesetzlich zu erreichen sei, er den vollen Erfolg seiner Bemühungen für die Umwandlung der KreiS- Gemeinde» und Provinzialordnung verzeichnen muffe, und er ferner seine ganze Macht an die Durchfüh­rung dieser Reformgesetzgebung setzen werde. Die Stel lung deS Staatsministeriums ist überhaupt der Art, daß alle Entschließungen in jedem Stadium der Verwaltungs­reform mit voller Einmüthigkeit gefaßt sind und daß auch bei den jüngsten Erörterungen von einer Demission irgend welcher Att nicht die Rede sein kann.

Der Reichstag ist am Mittwoch mit Mühe eine, entsetzlichen Unglück entgangen. Auf die nationalliberale Partei hat das Schicksal jetzt es abgesehen; die Decke des Sitzungssaales schleuderte eines ihrer besten, aber auch schwersten Ornamenstücke zwischen dienationalliberalen Reihen mitten hinein." Die Abgeordneten Oettker und Bähr, die glücklicher Weise nicht selber getroffen, deren Pult vielmehr die Wucht deS Falles hat ettrageu müsten, wurde von allen Seiten zu ihrer glücklichen Ret­tung beglückwünscht. Oettker ist nach langer Krankheit noch RekonvaleScent, und kaum wieder in das Parlament cingetreten, entging er mit Roth dem Tode. Es wird gefährlich, im Parlamente zu tagen! Die Reichsboten weigern sich, länger ein jeder sein Damoklesschwert über sich zu haben. Windthorst verlangte Verlegung des Par lamentS nach dem Dönhofsplatze, wo er die Decke des Abgeordnetenhauses für sicherer hält, überdies auf seinem Sitze dem Ministertisch den Rücken zuwendet, was ihm sympathischer zu sein scheint. Präsident v. Forckenbeck erklärte, der Reichstag sei in Gefahr, und schloß die Sitzung. Gleich nach dem Schluß der Sitzung erschien ein Baumeister mit Handwerkern im Sitzungssaale, um den Schaden zu repariren. Ob das Parlament da­durch das Gefühl der Sicherheit wieder gewinnen wird, ist zweifelhaft.

Deutsches «etch.

Berlin, 28. Jan. Mehrere hiesige Blätter be richten in ihren Hofnachrichten über die Reisedispositiouen des Kaisers. Es wird gesagt, daß, da der Gesundheits zustand unseres Monarchen während des Winters ein so

befriedigender gewesen sei, die Aerzie ihre Bedenken gegen eine Reise nach Italien, die zu den persönlichen Wünschen unserers Kaisers gehört, hätten fallen lassen. Der Schloß­hauptmann und Kammerherr v. Dachröder habe sich des­halb in Allerhöchstem Auftrag nach Italien begeben, um dort die vorläufigen Dispositionen zu der Reise zu treffen. Die Nachrichten, daß der Gesundheitszustand Sr. Majestät ein befriedigender sei, und daß ein Gegenbesuch am italienischen Hofe zu den persönlichen Wünschen des Kaisers gehöre, nicht in Abrede gestellt, ist dennoch zu bezweifeln, daß schon bestimmte Dispositionen getroffen werden. Die Gerüchte datiren wahrscheinlich von der Reise des Herrn v. Dachröden. In dieser Beziehung ist nach Nachrichten aus guter Ouelle zu constatiren, daß die Reise des Herrn v. Dachröden durchaus nicht im Aller­höchsten Auftrage geschehen, sondern da der Grundheits- zustand deS betreffenden Herrn einen längeren Aufenthalt in Italien nöthig macht. Ueber den speziellen Inhalt des Gesetzentwurfs über die Dotation der Provtnzial- vttbände erfahre ich Folgendes: Bekanntlich hat Die Re­gierung schon lange beabsichtigt, den noch nicht dotirten Provinzen auS Staatseinnahmen 13'/2 Millionen Mark für die Zwecke provinzieller Selbstverwaltung zu überwei­sen. Durch da» Gesetz vom 20. April 1873 sind bereits 6 Millionen Mark vom 1. Januar 1873 ab zur Ver­fügung gestellt. Zur Deckung der noch fehlenden 71/2 Mill, sollen 6 Mill, aus dem Chauffee-NeubaufondS des Handels­ministeriums entnommen werden und li/2 Millionen durch Ueberweisung auS Positionen des StaatShauShallsetats für solche Zwecke verfügbar gemacht werden, wie sie bereits dem Prcvinzialverband von Hannover überwiefen sind. Außer­dem bezweckt die Vorlage, den einzelnen zu dotirenden Provinzialverbänden über die Summe von 13% Mill. Mark hinaus sowie den schon dotirten Provinzen außer den bereits gewährten Renten und Capitalien noch weitere Summen au« dem Staatshaushaltsetat unter Ueber- tragung der enffprechenden Verpflichtungen, welche sich be­sonders aus den Bau und die Erhaltung der StaatS- Ehauffeen beziehen, zu überweisen, eine erfolgreiche Thälig- feit zu gewähren. AuS der Hauptdotation fallen auf Preußen 2% Mill., Brandenburg 1% Mill., Pommern und Posen je 1 Mill., Schlesien 2 Mill., Sachsen 1% Mill., Schleswig-Holstein % MlU., Westfalen 1 Mill., Rheinprovinz 1% Mill., Berlin % Mill., Frankfurt a. M. 36,000 Mark, Hohenzollern 50,000 Mark.

DieTimes" bringt über die Probefahrt des deutschen PanzerschiffesKaiser" einen Leitartikel, in wel­chem sie diese« Schiff als einen großen Erfolg bezeichnet. In diesen Tagen heißt es in dem betreffenden Artikel unter anderem bot sich bei den Maplin Sands ein

Eiur Heirath auf 6cmnicht mehr ungewöhn­lichen Wege."

Episode au» dem Leben eines jungen Juristen.

Wenn der geneigte Leser dieser wahrhaften Geschichte wißen will, wer ich bin, so ist da« mit wenigen Motten gesagt. Ich bin ein Mensch ohne Mittel, ohne Titel, ohne Amt und Stellung; doch, wie ich ohne Schmeichelei von mir sagen darf, höchst würdig und fähig zu diesem Allen. So lange ich jung war, bin ich rin verzärteltes Kind des Glücks gewesen, das heißt: ich habe unter übergroßer Liebe und Nachsicht und reichlicher Unterstützung meines Vaters welcher ein höheres StaatSamt bekleidete, deS Lebens Cham- pagnerschaum getrunken. Glückliche UniversitätSzeit, doch freilich mehr außer als in den Collegien I Berauschendes Schwelgen in Freiheit, Freundschaft und Frauengunst, nur freilich, daß aus dem Duft und Glanz dieser Blüthen keine Frucht für daS ernsthafte Bewußtleben hervorgegangen ift! Ich galt allgemein für einen ziemlich leichtsinnigen Burschen, und solange ich'S war, lächelte mir Fortuna mit ihren Liebesblicken. Aber sie ist ein Weib, wie alle, deren Name Schwachheit und Gebrcchlichlrit ist. Jetzt, da ich rin Mann geworden bin und gern abthun möchte, was kindisch war, bin ich der unterste auf ihrem Rade. Mein Vater ist toct und hat nichts hinterlassen. Achtundzwanzig Jahre alt, bin ich nicht im Stande, mit Gewißheit auf das Brod des nächsten Tages zu rechnen. Das erste Exa- omen ich bin Jurist habe ich überstanden; aber der Weg ins Amt ist weit, dornig und verlangt, was wir auf der UniversitätMose» und die Propheten" nannten. Und dann sind noch au« alter Zeit gewisse Blutigel, unver­schämte drängende Burschen, welche durchaus nicht glauben Zollen, daß, wo Nichts ist, seiest der Kaiser sein Recht derloren hat.

Zwar lebt mir in Berlin eine Tante, welche einen fabelhaften Reichthum besitzen soll. Sie ist Wittwe und

kinderlos und schwebt mir aus früheren Jahren, wo sie bisweilen bei uns zum Besuch war , al« eine stattliche, doch etwas launische und hochmüthige Dame vor. Leider bin ich ihr zerfallen. Die Sache verhält sich so. Vor etwa fünf Jahren machte ich eine Fußwanderung durch das prächtige Riesengebirge. Ich befand mich dam lS auf dem Gipfel meines jugendlichen Glückes. Gesund, srohherzig, voll blühender Hoffnungen sah ich die Welt in dem zaube rischen Glanze, der nur einmal, nur im Frühlinge des Lebens, über sie auSgebreitet ist und ein Mal verschwunden, durch kein noch so großes und reiches LebenSgut ersetzt werden kann. Ich war in einer wunderbar seligen Stirn mung, befriedigt und sehnsuchtsvoll zugleich, als stünde ich an der Stelle einer unaussprechlich wichtigen und herr­lichen Offenbarung. Ich hatte bis dahin noch nie eigent­lich geliebt; die Liebe war mir immer nur ein anmnthigeS Spiel, ein buntes flatterndes Band am Hute der Jugend gewesen. In jenen Stunden des einsamen Wanderlebens im . Wechsel der lieblichen Naturscenen, umlacht vom Grün der Berge und Thäler, umrauscht von freien Berge­lüsten, schweifte mein Herz mit seinen besten Empfindungen seinem reinsten Vttlangen in'S Freie und Weite, um zu finden was ihm fehlte. Wie konnte ich ahnen, daß die köstliche Perle meiner Wünsche so nahe am Wege lag I Qinen steilen Bergpsad zwischen hohen Tannen und Fichten hinansteigend, wurde mit plötzlich das reizendste Schauspiel. Vor mir, in einer Waldlichtung, von wo aus sich ein unermeßlicher Blick in die drunten leuchtende and dämmernde Thalwelt öffnete, lagerte auf grünem Moose eine bunte, fröhliche Gesellschaft von Herren und Damen, und in dieser tiefen, gewaltigen Berg- und Waldeinsamkeit hatte der Anblick wirklich etwas Feen- und Märchenhaftes. Ich stand wie bezaubett, grüßte, sprach ich weiß nicht was und siehe, bald war ich mitten in der Gesellschaft und Unter­haltung. ES waren da ältere und jüngere Damen, unter

Den letzteren ein sechszehn- bis siebenzehnjähriges Jung fräulein, welche« wie die eben eiblühende Ro,e unter den minder edlen und kostbaren Blumen hervorstrahlte. Nein, ich will sie nicht schildern; e« wäre Doch umsonst, den unaussprechlichen Liebreiz ihres guten sanften Engels- antlitze« in den kalten und tobten Worten wiederzugeben. Nach einer halben Stunde schon war ich völlig überwäl­tigt. Ich erbat und erhielt die Erlaubniß, mich iftr die­sen Tag Der Gesellschaft anzuschließen. O, welch ein Tag! Ich kam wenig von Lucindens Seite so hieß Das Hebt Kind wir plauDerten, scherzten und lachten zusammen, als hätten wir uns seit Jahren gekannt, unv die Gesell- jchafl war gebilbet und liebenswürdig genug, um in Dem harmlosen Spiel nicht« Unziemliches unv Verfängliche« zu befürchten. Auch ernstere und tiefere Saiten de« Gespräches wurden angeschlagen, und überall kam mir die enizückeiide Harmonie eine« wohlgebildeten Geistes und reingeftimmien Herzen« entgegen. Wie beflügelt waren nun die Schritte, wie doppelt der Genuß der immer reicher und großartiger sich entfaltenden Bergwelt I Wie schnell enteilten Die Stunden und ach, wie bald war der Abend da und mit ihm die Trennung. Denn in der Herberge, auf dem Hoch­gebirge, wo wir rasteten, suchten die von dem anstrengenden Marsche ermüdeten Damen bald das ihnen angewiesene Schlafkämmerchen. Leider wurde meine Hoffnung, des andern Tages au« dem Becher des jüßesten Glücke« weiter zu trinken, auf da« Graudsamste getäuscht. Es war mir rin Unfall begegnet. An einem mäßigen Abhänge hin« wandelnd, rief Lucinde plötzlich:O sehen Sie da unten, welche schöne Blume!" Wie ein Blitz war ich unten, aber ein Fehltritt machte mich ausgleiten, und ich rollte heftig eine beträchtliche Strecke des Abhangs hinunter. Schnell war ich wieder auf den Füßen, und der Angst­schrei Lueinvens im Augenblicke meines Sturzes, so wie ihr blasses Antlitz und sanftes, dankbares Lächeln, als ich ihr