Mr. 22
Marburg, Mittwoch, 27. Januar 1875.
X Jahrgang.
OhrrMchr Jritmiij
Deutsches «eich.
Der Beruf der Glocken: zu rufen, ist aus altheid nifchen Zeilen in die christlich-religiösen Gebräuche hinübergekommen.
Wie das Morgenland die Götter durch Klingeln und Schellen zu ehren oder herbeizulocken vermeinte, so bedienten sich die Christen der größeren Glocken zur Versammlung der Gläubigen.
Im Anfang wurden die Bekenner deS Christenthums durch Klopfen an ihren Häusern zum Gottrsdienft geladen, Ipater wurden zu demselben Zweck sogenannte heilige Bretter zusammengeschlagen und erst um 400 nach Christus soll ein Bischof in Campanien, Paulinus von Nola, die Kirchen glocken unter den lateinischen Namen: campana und nola in Gebrauch genommen haben. In den Klöstern hingen auf dem Dach in einem Holzgestell Glocken seit dem 6 Jahrhundert, gegen dessen Ende auch schon mehrere Städte ihre Kirchen mit Glocken versehen hatten. In Frankreich herrschte deren Gebrauch seit 550 und der 605 gestorbene Papst Sabinian war der Erste, der alle Stunden durch Glockenschläge anzeigen ließ, besonders zu dem Zweck, die Betstunden genauer einhalten zu können. '
Zm 11. Jahrhundert erhielt der Augsburger Dom zwei Glockenthürme, und man suchte allgemein eine Ehre der
hat dagegen folgenden Gesetzentwurf eingebracht. Einziger Paragraph: Die Controlle des gesammten Haushalts des deutschen Reiches, sowie des Landeshaushalts von Elsaß- Lothringen wird für das Jahr 1874 von der Preußischen Oberrechnungskammer unter der Benennung „Rechnungshof" des deutschen Reichs nach Maßgabe der im Gesetze vom 4. Juli 1868 (Bundesgesetzblatt Seite 433) betreffend die Controle des Bundeshaushalts für die Jahre 1867 bis 1869 enthaltenen Vorschriften geführt. In den Motiven wird bemerkt, bei der gegenwärtigen Geschäftslage des Reichstages erscheine es zweifelhaft, ob es möglich sein werde, die Verhandlungen über die beiden unter dem 29. Oktober vorgelegten Gesetzentwürfe noch in der laufenden Session zum Abschluß zu bringen.
Beschlüsse der BundeSraths-Auöschüffe über die Tarif reform gehen nicht ganz so weit, wie das ReichScisenbahn- amt beantragt hatte. Die Zahl der vom Zuschläge zu be- freienden Artikel ist vermindert, und neben den zwingenden Gründen soll auch „die Rücksicht auf die Betriebs- und Finanzverhältniffe der betreffenden Eisenbahn" für die Fortdauer deS Zuschlages maßgebend sein. Die Angelegenheit hat damit an Klarheit gewonnen, nur tritt eine gleichzeitige Abhängigkeit der Eisenbahnverwaltungen von dem Ausspruche zweier Behörden, der Landesbehörden und deS Reichseisenbahnamtes ein. Diese werden zu entscheiden haben, ob die Tariferhöhung die im vorigen Jahre mit dem Anerkenntniffe zwingender Vcrhältniffe gewährt worden ist, für sie einen Werth haben soll oder nicht. Diese« Anerkenntniß wurde in einer Denkschrift des ReichSeisen bahnamteS ausgesprochen und ausführlich mottvirt, dort wurden auch die Gründe dargelegt, welche eine Ausschließung der Kohlen, Erze, Steine u. s. w. wie sie jetzt eintreten soll nicht gestatten.
Anze gen nimmt entgegen: die Spedition d. Blatte-, sowie btt Annimcen-Bureailr von Th. Dietrich & So. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfntt a. M-; Haasenstcin & Vogler in Frankfntt a. M., Berlin, Leipzig, Cöln ic.; Rudolf Moss« in Berlin, Frankfurt a. M. ic.
Der Täufling, zumal im Winter, verläßt selten die W-liche Schwelle, so daß kein Feierklang seinen ersten Gang begrüßt; jedoch zur Einsegnung, die der Dichter dicht erwähnt, da ehren die metallenen Zungen der jungen «hristen Einführung in die Gemeinde. Zu den Braut- vdcken reimen sich kaum mehr Hochzeitsglocken, fast scheint W noch traurigen Vorkommnissen der eherne Mund Stimme zu geben.
Was Schiller gleichfalls nicht berühtte, das Armesün- «nglöcklein, ist wohl längst verstummt, nur der Gebrauch
GrabgeläulS ist herrschender geblieben, und so ruft der Glockenklang meist nur tief wehmüthige Erinnerungen in Hörer wach.
2" der Großstadt verhallen die hehren Töne fast gänz- «ch, bringt doch ein eingeläutetes Fest sttts mehr Gäste °nd mehr Bewegung noch in das bunte Treiben; nur auf °nn friedlichm Dorfe klingt das Abendglöcklein anheimelnd, -ur traulichen Ruhe ladend. Denn dort bringt das Ende »rs Tages ja auch das Ende der Arbeit.
Darum ist auch auf dem Lande die Sehnsucht nach ^ Besitz einer Glocke so groß; wo eine Kirche fehlt, mindestens ein Thurm mit, wenn es irgend möglich ttt, zwei abgestimmten Glockm sich erheben, die Schulstun- m anzuschlagen, die Sonntagsruhe zu verkünden. Am ^hebendsten wird dieser Klang am stillen heiligen Abend ot tinfm Festtag. Da geht der erquickende Ton wie ein i
Moten und Mocklrirt.
Im Gatten und out der Wiese sind Vorboten des Frühlings die glockenförmigen Blumen wie einst zu Schillers Zeit metallener Glocken Klang jedes freudige Ereigniß ein« Muteten. Der Jetztzeit blieb wenig übrig von dem jedes Begebniß mittönenden Schalle.
E« sind jetzt neue offizielle Nachrichten vom „Nautilus" gekommen, in welchen die letzten Mittheilungen bestätigt werden. Der Corvettenkapitain Zembsch schickte am 14. d. M. Morgens nach Ausführung der Recognoscirung einen Bttef an den in Zarauz sich aufhaltenden C-Pitain des „Gustav" Zepplin, auf einem Boot mit der Aufforderung, er möge nach San Sebastian zu einer Unterredung kommen. Er ließ darauf antworten, daß er kommen würde wenn er von den Carlisten einen Paß erhielte. Vergebens erwartete Capilain Zembsch ihn, bis er endlich unvermuthet zu Fuß am 19. d. M. in San Sebastian einttaf, »nv dtt beabsichtigte Unterredung zur Feststellung des erlittenen Schadens mit dem Corvettencapilain hatte. Am Schluß derselben erkätte er, er müsse wieder nach Zarauz zurück nicht etwa weil er den Earlisten ein Versprechen gegeben hatte, sondern weil er der Meinung ist, er müsse so lange in Zarauz bleiben, bi« er seine Forderung durchgesetzt und dm Ersatz bekommen habe, außerdem hatte er auch seinen Steuermann in Zarauz zurückgelassen. Der Coivettenca- pitain Zembsch suchte ihn vergebens zurückzuhallen, er blieb Duflhauch durch das Herz; die Alltagssorgen klingen letft aus, um der FeiettagSmelodie rein und ungetrübt den Eingang zu gewähren.
Bei dem Gustav-Adolphverein wird Seitens der Pro- testantengemeinden in der Diaspora verheiße Wunsch nach Glocken gar dringend laut, wenn erst der nach einer Orgel erfüllt ward, und die wiederholte kaiserliche Gabe des Ra nonenmetallS zum Gusse von Kirchenglocken erweckt den innigsten Dank.
Der Reichstag hat in den letztm Tagm mit großem Eifer gearbeitet. Zwei wichtige Gesetze nahmen seine ganze Zeit in Anspruch. Zunächst wurde daS Landsturmgesetz in 3. Lesung genehmigt. Wieder war eS die Opposition des Centrum«, der Socialdemokraten und Polen, welche dasselbe anfeindeten und bei der namentlichen Abstimmung, bei ihrer Gegnerschaft beharrten. Aber das Centrum begnügte sich nicht bloS mit einer diskutirenden Abstimmung, es verkün- dtte auch, daß eine fortgesetzte Agitation gegen dasselbe er öffnet werden solle. Bei näherer Betrachtung wird jeder Besonnene zugebrn, daß dies Gesetz im Frieden der Be völkttung keine Last auferlegt, für den Krieg aber eS eine Nothwendigkeit ist, selbst für die äußersten Fälle gerüste! zu sein und in dem Landsturm eine letzte Reserve zu haben.
DaS Civilehegesetz hatte gleichfalls die 3. Lesung zu bestehen; aber eS kam noch nicht zur definitiven Abstim mung, weil noch einige kleine Abänderungen vorgenommen »erden sollen; danach ist die Abstimmung noch auf Montag verschoben. Die Bcrathung über das Civilehegesetz nahm in der letzten Sitzung 7 Stunden in Anspruch; dennoch »ar die Debatte keineswegs besonders bedeutend. Es kam nichts Neue«, nicht- Aufregendes zur Sprache, vielmehr wurde die Lachlust der Reichstags-Mitglteder vielfach kttegt.
Nun ist nur noch das wichtige Bankgesetz zu berathen. Diese Woche wird wohl noch mit dem Gesetz dahingehen. Dir Gesetze über die Einnahmen und Ausgaben des Reiches und den Rechnungshof totroen in der gegenwärtigen Session nicht mehr zu Stande kommen. Die Reichsregierung
dabei, er müsse zurück, weil er nur dadurch zu dem Ersatz seines Schadens kommen könne, daß er in Zarauz bleibe Zepplin ist nämlich Mitbesitzer des Schiffes und scheint von seinem UnglüÄfolle schwer betroffen zu sein. Nach seiner freiwilligen Rückkehr wird er erst als Geißel von den Carlisten behandelt. Anfangs hatten diese nach der Aussage des Zepplin große Furcht, daß die deutschen Krtegsschtffe Zarauz in Brand schießen mürben und ließen ihn deshalb ungehindert nach San Sebastian. Erst nachträglich scheinen sie sich die Sache überlegt zu haben und zu der Einsicht gekommen zu sein, daß es vortheilhafier für sie sei, Zepplin als Geißel zu behalten. So hat Zepplin durch seine Rückkehr die Sache bedeutend erschwert
Die „Morning Post" schreibt: „Wenn die Nachrichten aus Spanien richttg sind, stellen sich die Carlisten außerhalb des Bereiches der Civilisation. Es wird au« Berlin wie aus Madrid versichert, daß sie als Repressalien für offene KriegSakte drohen, die Civilmannschaft der deutschen Brigg „Gustav" zu erschießen, mit kaltem Blut harmlose schiffbrüchige Mattosen zu ermorden. Ein solcher Act würde sie zu Feinden der menschlichen Gesellschaft machen, und die Sache des Prätendenten würde die eines Mörders sein. Wir glauben zuversichtlich, daß die englische Nation, die vor 40 Jahren eine Legion nach Spanien sandte, um den constitutionellen Thron wieder herzu- stellen, begierig das Vorgehen unserer Regierung gutheißen wurde, man sie sofort dazu schritte, Don Alphonso, der em- phatisch der Vertreter von Gesetz und Ordnung ist, anzuerkennen. Es würde diesem Lande gebühren, diesen Schritt zu thun, ohne auf die vorherige Action anderer uno weniger constitutioneller Staaten zu warten."
: Stadl im Besitz großer Glocken. In Moskau vernichtete im 1701 eine Glocke, die im Ganzen 4400 Zentner, oeren Klöppel allein 10,000 Pfd wva • eine anoere dort wurde auf 4320 Zentner geschätzt.
1680 kam auf den Pariser Dom eine Glocke von 310 Zentnern und 1711 wurde eine in Wien gegossen, die 354 Zentner im Gewicht hatte. Noch 4 Zentner schwerer ist vie im mitt eten Domthurrne der mäh- nschen Stadt Olmütz befindliche Glocke unv die von Er- surt, die Susanne genannt, wiegt 275 Zentner, ihr 4 Fuß langer Klöppel deren 11.
2" vem Berhältniß, wie die Glockm an Größe abnehmen, wird ihr Zweck auch profaner und ihre Stimme weniger umfangreich. DeS DampfbootS große Glocke schrillt noch Tausenden ein jähe« Lebewohl zu; die Hausglocke der modernen Miethskaserne kündtt vielleicht Hun- derten die Ankunft eines MitwohnerS; die Schlittenglocke in den verschneeten rufst,chen Landwegen lenkt nur mehr ber wenigen Gefährte Aufmerksamkeit auf sich, die deren Ausgangspunkt zum Endziel wählten und der ganz zier- ltchen Tischglocke gehorcht nur noch der gelenke Diener ^ Selbst der Kinder liebe« Spielzeug ,st die leise tönende Schelle und das zarte Klingen stillte manche Tyräne.
Auch der den Höfen und vornehmen Haushaltungen etnst unentbehrliche Narr besetzte seine Kappe mit Schellen und jede Bewegung ließ sie ertönen.
Wenn in Shakespeares gewattigen Dramen die herzbewegenden Reden eines Timon, Hamlet, Lear rc. wie a(rolrC,L frn^te Glockenschläge hernieberhallen aus dem Glockenthurm des Genius, so klingt oft unmittelbar darnach daS witzelnde Wortspiel des Narren, wie die Glöcktein feine« Gewandes.
** d-rli«, 25. Jan. Die „Boss. Ztg." hält gegen- Uder der von unterrichteter Seite auSgegangenen Berichti- gung mit großem Pathos die Nachricht aufrecht, daß der Entwurf, welcher der „Bürgermeifterconferenz" im Mini- lerutm des Inneren al« Grundlage gedient hat, den Oberbürgermeister Kohlet« zum Verfasser hat. Es ist dem gegenüber wiederholt zu constatiren, daß allen Betheiligten von einem solchen Entwurf Nicht« bekannt ist. Da dem genannten Blatte kein mala fides zuzuirauen ist, so dürfte vielleicht diese Nachricht auf einen Lesefehler zurückzuführen ein; der Berichterstatter hat vielleicht ganz richtig dm Geh. Oberregierungsrath Wohlers als Verfasser bezeichnet. — Eine Entscheidung deS Obertribunals, nach welcher der ■ Setfaufer trichinenha-tigen Fleisches nur dann einer Strafe cerfällt, wenn er wüßte, daß oaS Fleisch tr.chinenhattig et oder wenn er seine Uukenntniß durch Fahrlässigkeit verschuldet, hat die königl. wtsseuschaftliche D-pulalion für da« Medizinalwesm zu dem Antrag bei dm betr. Ministe- tien veranlaßt, daß die obligatorischegleischschau in Preußen allgemein eingeführt werbe. Die Ministerien haben dem
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte«, sowie die Annoncen-Bureaux von G. L. Daube & Co. in Frankfurt a. M.-Jäger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, 21. «Rete- meyer in Berlin; Carl Schüß- ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.
/ür die Monate Februar und März werden Bestellungen von allen Postanstalten angenommen.
Mit Anfang Februar beginnt eine höchst spannende Erzählung im Feuilleton.
Lage-bericht.
Währmd deS Hoffestes, welche« am Donnerstag im königlichen Schlosse stattfand, wurden den kaiserlichen Maje stälen auch die Abgeordneten de« Reichstags vorgestellt. Mit großem Interesse sprach sich Se. Majestät der Kaiser einigen Herren gegenüber über die Arbeiten de« Reich« tage« aus. Se. Majestät äußerten, wie die „N. Pr. Ztg." mittheilt, unter Anderem zu dem Wirklichen Geh. Rath v. Mohl an« Laden: „Er freue sich, daß der Reichstag in dem Gesetze über Beurkundung des Personenstandes den S 79, welcher bestimme, daß die kirchlichen Verpflichtungen in Beziehung auf Taufe und Trauung durch dieses Gesetz nicht berührt würden, unbeanstandet gelassen, der Paragraph sei expreß auf seinen Wunsch in das Gesetz aufgenommen worden, da da« Fehlen einer solchen Bestimmung im preußischen Gesetz zu den größten Jrrthümern Veranlassung gegeben."