Mr. 17.
Marburg, Donnerstag, 21. Januar 1875.
x Mw.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattet, sowie die Annoncen-Bureanx von Th. Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfutt a. M-; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a- M., Berlin, Leipzig, Cölnrc.; Rudolf Moss» in Berlin, Frankfurt a- M- rc.
WtchtMe Jrihiiiii.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expeditton d. Blattet, sowie die Annoncen-Bureaux von G. L. Daube & Co. in Frankfurt a. M.- Jäger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M-; Jnvalidendank, 31. Stete» meyer in Berlin; Carl Schüß» ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.
__tn der Expedition zu ertherlende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet. " ”"•*
Tagesbericht.
Die CapitinS zur See Bätsch und Werner sind am KrönungStage zu Contre-AdmirSlen befördert worden. Admiral Werner ist durch feine vielseitige literarische und maritime Thätigkeit bekannt. Admiral Bätsch ist einer der hervorragendsten deutschen See Offiziere. ES ist derselbe, welcher vor zwei Jahren in Hayti mit großer Energie zwei Corvettm nahm und lange Jahre Chef des Stabes des ObercommandoS der Marine war.
Die „Köln. Ztg." spricht ihre Befriedigung darüber aus, daß die Reform der Gemeindeordnung für Rheinland und Westfalen noch verschoben worden ist.
Da einzelne Blätter sich im entgegengesetzten Sinne geäußert und ihr Bedauern darüber ausgesprochen haben, daß die Resorm der Gemeindeordnung noch vertagt wird, so bemerkt die „Nordd. Allg. Zeitung* darüber: „Dieses Bedauern wird nur von der Seite erhoben, welche ein direktes practisches Interesse nicht aufzuweisen hat, während die unmittelbar Betheiligten — namentlich auch die liberalen Rheinländer — von einer Ausdehnung der Berwal- tungSreform auf die westlichen Provinzen augenblicklich nichts wisien wollen.
Ueber Vie Anerkennung des Königs Alfonso von Spa nien hört man, daß die drei Mächte Deutschland, Ruß land, Oesterreich sich dahin geeinigt haben, die Anerkennung von der wirklichen Etablirung des neuen Regime und der Annahme desselben von der spanischen Nation abhängig zu machen. Die Einberufung der Corte« wird nicht für nöthig gehalten, weil ein Theil des Lande« noch insur- gent fei.
Ueber die kirchliche Frage in Spanien sind neuerdings günstige Berichte eingelaufen. Zunächst wird berichtet, daß die Unterdrückung der protestantischen Blätter zurück- genommen ist. La Lutz darf wieder erscheinen und das Verbot der Raudera a panolo, da« auf 14 Tage lautete, ist auf zwei Tage beschränkt. Gleichfalls ist die protestan tische Capelle in Cadix wieder eröffnet. Ganz besonders wichtig aber ist die Aeußerung dcS Königs Alfonso über sein Verhalten zur Kirche. Er hat sich dahin ausgesprochen, daß er die Rechte der katholischen Geistlichkeit achten und schützen werde, aber zugleich auf das Bestimmteste erklärt, daß er den Wunsch hege, in Spanien die Freiheit der Culie ebenso, wie dieselbe in dm aufgeklärten Staaten bestehe, aufrecht erhalten zu sehen.
Zu dieser Nachricht, die in hiesigen maßgebenden Krci sen sehr befriedigend ausgenommen wordm ist, bemerkt die ministerielle „Nordd. «llgem. Ztg.": „Die Aeußerung des Königs über die Aufrechthaltung der Cultusfrciheit wird sicherlich einen beifälligen Wiederhall in allen civilisirten Ländern der Welt finden. Die bisherigen gegenteiligen
Deutsches Reich.
** Sttlitlj, 19. Jan. Zu der heutigm Sitzung des Abgeordnetenhauses gab der Finanzminister ein Expose aus welchem die erfreuliche Thatsache zu mtnehmen ist, daß, trotzdem in Folge der ungünstigen GeschäftSverhältniffe die Einnahmen zurückgeblieben sind, sich dennoch im ver gangenen Jahre ein Ueberschuß ergeben hat. Jntereffant ist ferner die Mittheilung, daß durch den staatlichen An- theil an den Eisenbahnen sämmtliche Staatsschulden gedeckt sind. Mit Recht konnte der Finanzminister konstatiren, daß kein anderes Land sich in einer so glücklichen Finanz, läge befindet. Der Landtag vertagte sich darauf, indem er dem Präsidenten die Befugniß übergab, den Landtag zu der Zeit zu berufen, wenn keine Collision mit den Arbeiten des Reichstages eintrete, doch soll die erste Sitzung frühestens Montag über acht Tage s,in. — Die Urtheile der Preffe über den Stand der BerwaltnngSreform haben sich wesentlich geklärt. Die „B. A. C.," welche bisher am heftigsten die Regierung in dieser Sache angriff, verlangt jetzt nur, daß wenigstens keine Sistirung der VerwaltungS- resorm einträte. DieS ist nun niemals die Absicht der Regierung gewesen, es handelt sich für sie nur darum, einen praktischen Weg zu finden und diejenigen Reformen, welche sich jetzt schon erfolgreich durchführen lasten, voran zustellen. — Betreffs des negativen Erfolgs der Conferenzen im Ministerium deS Innern über die Städteordnung, sind alle Urtheile als unbegründet zurückzuweisen. Die Conferenzen dauern noch fort, gestern fand eine solche im Ministerium des Innern Statt, welche bis tief in die Nacht hinein dauerte und heute fortgesetzt werden soll. Es ist im Gegentheil anzunehmm, daß die Sache zu den Akten gelegt ist. Man ist vielleicht der Ansicht, daß die Berathung keineswegs die Vorlage in der jetzigen Session ausschließt. — Dem BundeSrath ist eine Ueberstcht der bei dem Reichs-Oberhandelsgericht im Geschäftsjahr 1874 ZU erledigen gewesenen Sachen zugegangen. 1275 Spruch- wb Beschwerdesachen haben Vorgelegen, davon sind 867 bestätigt resp. unbegründet gefunden, 408 abgeändert resp. begründet.
Kiel, 16. Januar. Der „Kieler Zeitung" zufolge ind die brieflichen Sendungen für die Korvette „Augusta" und für das Kanonmboot „Albatros" nach Santander zu richten. — Derselbm Zeitung zufolge ist der Korvctten- Capitain Rodenacker zum Kommandanten der Korvette „Victoria", der Capitain - Lieutenant Braunschweig zum
boote« „Komet" und der Capitain Lieutenant Starke zum Kommandanten des Kanonenboote« „Delphin" designirt.
Wlttchen, 19. Jan. Der Oberbürgermeister Contzen ist in der vergangenen Nacht gestorben.
Leipzig, 17. Jan. Vom königlichen Finanzministerium in Dresden ist zur Ausführung der vom letzten Landtag beschloffenen neuen Steuergesetze eine Instruktion für die Schätzungscommission auSgearbeiter und an die Handels- und Gewerbekammern zur Begutachtung versendet worden. Mehrfach peinliches Aufsehen hat folgende Stelle m der Instruction veranlaßt: „Die Commissionen haben daher in allen Fällen, in denen die Kaufleute und Fablik- besitzer, sowie jeder Gewerbetreibende, welcher Geschäfts- bücher führt, einen Nachweis über die Höhe seines Einkommen« beizubringen hat, darauf zu achten, daß außer der Bilanz ein spezieller Auszug aus feinen Büchern über das Gewinn- und Verlust-Conto, oder wo an dieser Stelle ein Betriebs Conto geführt wird, ein Auszug aus diesem letzteren eingereicht werde; auch sind nach Befinden durch Befragung des Betheiligten darüber zu vergewissern, welcher Betrag an Zinsen de« von demselben in seinem Geschäft angelegten eigenen Kapital«, beziehentlich an Haushaltungskosten vorweg in den Büchern verausgabt worden ist." Von den Handels und Gewerbekasfen steht zu erhoffen, daß sie dieser doch zu starken Jnformatiom mit aller Energie entgegentreten werden. — Am 15. d. M war die NcujahrSmeffe zu Ende — bevor sie noch begonnen. Alle Meßberichte gehen dahin conform, daß sie an Bedeutung jedem Jahrmärkte uachgestanden, auch weist die polizeilich geführte Fremdenliste eine erhebliche Verminderung des Verkehrs gegen frühere Jahre nach. — In betreffenden Kreisen tst der Geburtstag Pestalozzis, des um die beutfd e Pädagogik hochverdienten Mannes, würdig begangen worden. — Der kaufmännische Verein wird sich ein eigenes Vercinsgrundstück erbauen. - In Schneeberg ist die 300- jährige Jubelfeier der durch Barbara Uttmann begründeten und für die industrielle Stellung deS gejammten sächsischen Erzgebirges einflußreiche Klöppelschule festlich begangen worden.
Weimar, 17. Jan. Sv schnell man auch in Fulda bei der Hand war, gegen die Schließung des Pnester- Semmars die Vertragsrechte unseres Landes behufs Er- Mung des Seminars geltend zu machen, so konnte die Reklamation doch schon deswegen keinen Erfolg haben, al« oasDomtapiiel von hier aus durchaus ohne Auslrag dazu war. Ebenso wird unsere Regierung, wie wir vernehmen, gegen die Maßregeln nicht remonstriren. Auch sind unsere Vertragsrechte nicht verletzt; da die Schließung eine rein
Siete _ des Regentschaftsministerium waren überall gleich j Kommandanten deS Kanonenbootes „Drache", der Cavitain- scharf kritistrt worden; auch die Wiener Blätter constatiren 1 Lieutenant Satanbon zum Äommanbanten bes Kanonenden schlechten Einbruck, den jene Maßregeln in den dorti- ------- - " ----- - ~ ■ -
gen politischen Kreisen gemacht haben."
General «ad Sekretär.
Eine vaterländische Geschichte.
In seiner bescheidenen Wohnung zu Stargardt in Pommern saß der Regierungssekretär Lormz hinter einem Aktenberge vergraben. Trotz allen Fleißes und der Zu- friedenheit seiner Vorgesetzten wollte eS dem tüchtigen Mann nicht glücken. Er hatte nur ein spärliches Einkommen, mit dem er bei seiner zahlreichen Familie nicht auskommen konnte. Mancher jüngere Kollege hatte ihn überholt und war längst Rath bei der Regierung mit einem ansehnlichen Gehalt. Das lag einmal daran, weil der Sekretär gar zu bescheiden und schüchtern war, und zweitens weil eS ihm an einflußreichen Gönnern oder Settern fehlte. Unter so bewandten Umständen mußte et sich so viel als möglich einschränken. Er trug immer denselben allen Rock von blauem Tuch und einen abgeschabten Hut. Selbst die Perrücke, welche damals keinem anständigen Manne fehlen durste, hatte er au« Ersparniß abgelegt. Statt derselben ließ er sein eigene« Haar lang wachsen und in einen strammen Zopf zusammenbinden, wie e« nur bei den Soldaten in jener Zeit der Brauch wat. —
Länger als drei Stunde« hatte er heute bereits geschrieben, als ihn feine Frau beim Aermel zupfte.
«Was giebt's?" fragte er, kaum vom Papier aufblickend.
„Lorenz! ES ist Zeit, daß Du aufhörft. Wir wollen noch bot’» Thor mit den Kindern gehen."
„Gleich! Nur noch eine Seite laß mich schreiben, Du kannst Dich indeß anziehen."
„Da Hal sich was anzuziehen", klagte die arme Frau. „Ich brauche nut den Mantel umzunehmen, damit Niemand sieht, wie ausgewaschen mein Kleid ist."
„Um so beffer," murmelte der Sekretär, fleißig fort« schreibend. „Dann verlierst Du keine Zett, wie die anderen
grauen, vor dem Spiegel. So wie Du bist, gefällst Du mit doch am Besten."
Diese Schmeichelei wollte indeß der Frau Sekretärin nicht gefallen. Sie verließ da« Zimmer mit einem tie sen Seufzer, welcher ihrer herunter gekommenen Toilette galt. Lorenz schaute ihr bedenklich nach, nahm eine Prffe anS der Dose, hütete sich ober, nur ein Stäubchen auf das geffiltete Jabot zu streuen, und arbeitete ruhig weiter.
Endlich war er fertig. Et schob die Acten sorgfältig bei Seite und legte die grauen Schreibärmel ab, die er aus Schonung für feinen alten Rock übetgezozen hatte, daun holte er feinen Hut herab und bürstete ihn fein säuberlich, um den wenigen Haaren leinen Schaden zu thun. Einen Blick warf er noch auf die Uhr.
„DaS heißt gearbeitet,“ sagte er selbstzufrieden. „Das macht mir kein Mensch nach. Dafür will ich mich auch jetzt erholen. Heute habe ich mein Schmalbier redlich verdient. Das soll mir schmecken."
Mit diesen angenehmen Gedanken holte et seinen Spa- zierstock aus dem Winkel und schickte sich an fortzugehen. Da klopfte eS an der Thür, erst leise, bann lauter.
„Herein!" tief der Sekretär. ■„
Es war der Regierungsbote. Lorenz erschrack bei seinem Erscheinen, weil der Mann nur in Begleitung neuer Acten flöße zu kommen pflegte.
„Was giebt's Kilian?" fragte er.
„Der Herr Sekretär," meldete dieser im Amtston, „soll sogleich zu dem Herrn Präsidenten kommen. Ein hoher General ist aus Berlin angereift und will den Herrn Lorenz sprechen."
„Mich?" sagte dieser ungläubig. „DaS muß gewiß ein Jtrthum fein. Er hat wieder einmal schlecht gehört, mein lieber Kilian!"
„Wahrhaftig nicht. Und c< muß sehr preffant fein,
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^nn ich habe den Auftrag, Ihn auf der Sülle mitzu- nehmen." — 6
„Was kann der General von mir wollen?"
„Ja, ich weiß das nicht. Kommen Sie nur schnell tbenn |o ein großer Herr verliert leicht die Gebuld." '
Mit einem Seufzer, welcher dem vereitelten Spaziergang und dem Schmalbier galt, folgte Lorenz dem Bolen nach dem Reglerungsgebäude. Raum gab ihm dieser «eit von ber Frau Sekretärin Abschied zu nehmen Und sie von seiner Berufung in Kenntniß zu setzen.
„Was wird'« geben ?„ meinte diese ärgerlich. Man wird Dir eine neue Kommission aufladen, denn Du bist und bleibst ein geduldiger Esel, bet Alles trägt, was die Andern nicht mögen, und zum Lohn mußt Du mit Disteln vorliebnehmen."
Mit klopfendem Herzen trat Lorenz in die Wohnung des Präsidenten. Hier fand er einen großen Herrn in Generalsumform, mit einem mächtigen, grauen Schnurrbart U"d einem langen Zopf. Der General sah Lorenz lange Zett prüfend an und wendete sich bann an den ihm befreundeten Präsidenten.
btt Mann?" fragte er mit einem grimmigen Gesicht. “
„Einer meiner tüchtigsten Arbeiter," bemerkte der Präsident.
„Aber er hat kaum da« Maß", brummte der General mit einem verächtlichen Achselzucken.
„Bei der Angelegenheit, wozu Eure Exzellenz ihn brauchen, kommt es doch hauptsächlich auf den Kopf an. Ich will Sie mit ihm allein lassen und Sie können so unge- stött nut ihm verhandeln. °
Darauf entfernte sich bet Präsident und Lorenz blieb mit dem Fremden, der kein Anderer als der General Maior Peter von Blankensee war, allein zurück.