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Sr. 18

Marburg, Dienstag, 19. Januar 1875.

X. Jahrgang.

OhcrhrMr Jritung

Stoffe verwandeln. Auch noch andere Äröfte schrieb man jentm Trünke zu; gewiffe damit angefeuchtete Kügelchen sollten die späten Fröste und Reise abwehren, der aufbe­wahrte Wein selbst bei mancherlei Krankheiten von Men. scheu und Vieh heilsam sein. Daher war es noch am Ende des 17. Jahrhundert» in Guciera Sitte, daß man am Johannistage große und kleine Flaschen Wein in die Kirche brachte, welche auf einem Tische neben dem Altäre aufgestellt, durch den von dem Priester über den heiligen Kelch ausgesprochenen Segen zugleich mit diesem geweiht wurden. Von solchem geweihten Weine gab man seinen Hausgenossen ein wenig zu trinken und hob das Uebrige sorgfältig auf, als ein geistliches Hausmittel für mancherlei Unfälle zu brauchen, z. B. um gebiffeneS Vieh zu curiren, und Weinfässern, die umschlagen wollten, wieder aufzuhelfen, und zu ähnlichen ökonomischen Zwecken, wie denn über­haupt Gott nebst allen seinen Heiligen von jeher vorzugs­weise als die hilfreichen Patrone des Haushaltes nutzbar verwendet wurden. - Außer jenem Trünke gab eS auch einen profanen, den man am Feste des Evangelisten in weit stärkerem Maße zu sich nahm; man glaubte, der Wein, bett, man an diesem Tage trinke, sei beiden Ge- schlechtem überaus heilsam, die Männer würden dadurch stärker, die Weiber schöner. Da nun Jene nie stark genug und diese nie schön genug werden können, beide ober bei diesem Mittel leichter als bei anderen fich überredeten viel helfe viel, so wurde am Johann Stag, gewaltig ge' zecht; man beschloß also die Feiertage, wie man fie ange­fangen und fortgesetzt hatte. Schon in 'der Christnacht wurde stark pomlirt, am zweiten Feiertag fehlte eS auch nicht, weil er dem heiligen Stephanus geweiht war, der seit allen Zeiten mit dem Lecher in der Hand verehrt wurde, so daß seiner Zeit schon Karl der Große die Trinkgesellschaften (compotationea), welche sich in St

Folgen haben kann, liegt auf der Hand.

Madrid, 14. Jan. Ganz Madrid rüstet sich, um in würdiger Weise den jungen König zu begrüßen. In den Salons und CafvS spricht man nur von der baldigen «nkunft Alfonso XII. Noch ist eS zweiselhaft, ob der König am Donnerstag oder Sonnabend eintreffen wird aber soviel steht schon jetzt fest, daß er nur zwei Tage bei unS weilen wird, um sich alsdann zur Nordarmee zu be­geben. Ob er dann bei der Armee bleiben wird, oder sich auch nach den anderen Heeren begeben wird, um sich ihnen nur zu zeigen, darüber ist nichts Näheres bekannt.

Inzwischen arbeitet ganz Madrid an den Vorbereitun­gen zum feierlichen Empfange. Zahllose Triumphbogen werden erbaut. Ein besonders glänzend und geschmackvoll verzierter erhebt sich vor dem königlichen Schlosse und ist errichtet auf Kosten der Herzogin von MedinaSvei, einen andern vor dem PallaiS des Marquis von MirafloreS hat eine Gesellschaft adeliger Damen erbauen lassen. Der ganze Adel Spaniens ist herbeigeeilt um dem jungen Könige seine Sympathien zu bezeugen. Er will sich diesmal von seiner glänzendsten Seite zeigen und hat bedeutende Sum­men zusammengebracht, damit das Volk auf seine Kosten gespeist werde. Auch die Studirenden der Universität wer­den sich an den EinzugSfeierlichkeiten betheiligen.

Aber in all' diese Feierlichkeiten und äußeren Freuden m scht sich bereits eine schwere Besorgniß ein, daß die neue Regierung nicht die rechte Grenze zwischen den Ausschrei­tungen der republikanischen und einer reactinär-ultramon- tonen Regierung aufrecht zu erhalten vermögen wird.

ES sind in diesen Tagen einige Anzeichen hervorge­treten, die besorgen lassen, daß die dental gesinnten Mit­glieder der Regierung nicht die nothendige Mäßigung wer- den innehalten können. Die Unterdrückung der protestan­tischen Blätter la Luz und Rauda de la Reform» sowie die Schließung der protestantischen Capelle in Cadix sind nicht dazu geeignet, große Zuversicht zu dem Liberalismus der Regierung zu erwecken. Es soll nun freilich bereits di« letzte Anordnung zurückgenommen sein; auch wird als Grund für die Unterdrückung der protestantischen Blätter angeführt, daß ihnen nicht wegen ihres konfessionellen Charakters, sondern wegen ihrer politischen Haltung die Concesston entzogen worden sei und hebt dabei hervor daß das bedeutendste protestantische Blatt El Christino nicht unterdrückt sei. Auffallend ist eS und bezeichnend für den Charakter deS spanischen Volkes, daß Madrid in wenig Tagen wieder einen ganz monarchischen Charakter angenommen hat. Da« Volk liebt eine gewisse Repräsen­tation, weswegen König Amadeus mit seinen bürgerlichen Neigungen eine traurige Rolle in Madrid spielte.

UebrigenS versicherte der Premierminister CanovaS del

Stephanus Namen versammelten, in einer besonderen Verordnung (man sehe Capital IIL ad atm. 789.) streng untersagt; der treffliche Mann erkannte wohl, daß eS den Gläubigen weit mehr um den irdischen Becher als um die himmlischen Heiligen zu thun war. Daß der Erfolg dieses Verbotes, wie der aller ähnlichen sumtuarischen Gesetze, ein sehr schwacher gewesen sei, läßt. sich leicht denken. Der dritte Feiertag aber mit dem St. Johannis- trunke stieß dem Fasse den Boden gar auS. Daher auch einige Sprachforscher auf den Einfall kamen, ob man nichtWeinnachten" anstatt Weihnachten schreiben und den Namen deS Festes von dem Weintrinken, womit eS gefeiert wurde, ableiten müßte.

Auch außer an jenen Feiertagen that man zuweilen einen St. Johannistrunk. Wenn bei Gastmälern, be­sonder« bei großen Nachtbanketten, die Gäste schon auf- stehend nach Hause ober zur Ruhe gehen wollten, so wurde noch ein großer Becher mit dem besten Wein ge- bracht, den ihnen der Wirth zutrank, und der dann in der Runde herumging. Dieser Schlaf, und Rundtrunk wurde auch St. Johannistrunk oder St. Johannissegen, später­hin in manchen Gegenden, besonders bei den Protestanten, Unseres Herrn Gottes Segen genannt. Unter beiderlei Namen sollte er ausdrücken und bekräftigen, was man sich in neuerer Zeit durch die Wortegesegnete Mahlzeit" und angenehme Ruhe" mit trockenem Munde zu wünschen pflegt, wie überhaupt unsere Vorfahren fast alle die Höf­lichkeiten, - die wir mit Worten und Verbeugungen abthun, durch gefüllte Pokale feierlicher und herzlicher zu machen pflegten. Bekam man einen Besuch, zumal von Freunden, welche lange abwesend gewesen waren, so wurde sofort Wein geholt, und ihnen zur glücklichen Ankunft in rem schönsten und größten Becher, den man im Hause hatte, ein Trunk gereicht, daher noch jetzt dergleichen Becher

Tagesbericht.

Der BundeSrath genehmigte in der Sonnabend-Plenar. sitzung den Entwurf einer deutschen Gemeinschuldordnung nach den Anträgen deS Justizausschusses mit unwesentlichen Modifikationen.

Bei der zweiten Lesung des Bankgesetzes strich die Commission zu $ 10 die Iproceniige Steuer ungedeckter Banknoten und erhöhte nach den Anträgen Varnbühlers die ContiugentimngSziffer von 380 auf 385 Millionen. Der Mehrbetrag von 5 Mill, soll den Banken von Bremen, Lübeck und Hannover zugewandt werden. Ferner wurde der Barrengoldpreis allenthalben aus 1392 (statt 12921/2) fixirl und die Verpflichtung, Privatbanknoten in Städten über 100,000 Einwohner in Zahlung zu nehmen, zu §. 19 «iederhergestellt. Im §. 21 wurde die Stcuerfreih it der Reichsbank von Communalsteueru gestrichen, zu §. 24 be­schlossen, nach Zahlung von 8 pCt. an die Aktionäre an letztere nur noch 1/4 deS Restgewinnes zu vertheilen.

Der preußische Staatshaushaltsetat pro 1875 schließt in Einnahme und Ausgabe mit 619 Mill. Mark ab. In demselben ist das landwirthschaftliche Ministerium na­mentlich reichlich bedacht.

AuS Spanien liegen folgende neueste Nachrichten vor:

Ferrol, 16. Jan. Drei spanische Kanonenbote lie­gen segelfertig auf der Rhede, um morgen früh von hier nach Santander zu gehen. Sie sollen sich mit den deut­schen Kriegsschiffen vereinigen, um die Carlisteu in Gue- taria und Zarauz zu blokiren und sie von dort zu ver treiben.

Madrid, 16. Jan. Die Circulardepesche an die Vertreter Spanien» in den verschiedenen Staaten, um die Thronbesteigung König AlfonS XII. denselben anzuzeigen, ist gestern vom Minister deS Aeußer» an die spanischen Vertreter abgeschickt worden, so daß sie bis zum 18. d. M. in dm Händen der Gesandten sein wird. Denselben ist der Auftrag ertheilt, sofort daS Cirrularschreiben bei den betreffenden Staaten zu notifidren.

Der Telegraph brachte ferner die wichtige Nachricht, daß die Stadt Zarauz in der Nähe von Guetaria an der Küste deS biscayischen Meerbusen», wo bekanntlich rin deut­sche» Schiff von den Carlisten geplündert wurde, von der Mannschaft de» dmtschm KriegsschiffsNautilus" besetzt und die Carlisten zurückgeworfen worden sind. Unsere Marine ist also zur dewaffnetm Intervention gegen die Räuberbanden Don Carlos geschritten und was sie einmal begonnen muß sie auch fortsetzen. Es scheint demnach, daß von der Regierung des Königs Alfons keine genügenden Versprechungen gemacht worden sind, und da diese Regie­rung von der deutschen überhaupt noch nicht anerkannt ist, so kann gegen daS selbstständige Einschreiten der dmischcn Marine völkerrechtlich nichts eingewendet werden. Daß aber

Deutsches Reich.

Berlin, 16. Jan. In Gemäßheit der Allerhöchsten Verordnung vom 5. d. MtS. fand heute Mittag 11 Uhr im Weißen Saale des hiesigen Königlichen Schlosses die feierliche Eröffnung des Landtages der Monarchie statt. Derselben war Gottesdienst vorangegangen, und zwar für die Mitglieder der evangelischen Kirche im Dom, wo der Ober-Conststorialrath, Hof- und Domprediger Dr. Kögel die Predigt hielt, für die der katholischen Kirche in der St. Hedwigskirche. Beide Kaiserliche Majestäten wohnten dem Gottesdienst im Dome bei. Nach Beendigung der kirchlichen Feier nahmen die Mitglieder des Landtags im Weißen Saale in dem mittleren, dem verhüllten Throne gegenüber belegenen Raum Ausstellung Für das diplo­matische Corps war auf der nach der Kapelle zu belegenen Tribüne eine Loge bereit gehalten. Sobald im Weißen Saale die Aufstellung vollendet war, erschienen die Mi­nister unter Vortritt deS ViceprSsidenten des Staalsmi- ntsteriumS, Staats» und Finanzministers Camphausen, welchen Se. Majestät der Kaiser und König mit der Er- iffnung deS Landtages zu beauftragen geruht hatten, und stellten sich links vorn Throne auf. Der Vicepräsident de« Staatsministeriums, Staats- und Finanzminister Camp­hausen, verlas hierauf die nachstehende Rede:

Erlauchte, edle und geehrte Herren von beiden Häusern des Landtags! Se. Majestät der Kaiser und König haben

DerAgmce HavaS" wird über Bayonne (16.) aus Sau Sebastian vom 15. d. gemeldet: DerNautilus" ist ist am 14. Abend» im Hafen von Los PassageS vor Anker gegangen; er kam von Santander und erwartet die An­kunft de»Albatros". Die Nachricht von einer Aus­schiffung der Besatzung deSNautiliS" vor Zarauz ist sonach unwahrscheinlich.

Deutsche Trinkgebräuche.)

Unsere kräftigen, stet» durstleidenden Vorfahren hatten uralt heidnischer Sitte gemäß, bald zur Ehre Gotte» und verschiedener Heiligen, bald zur Nothdurft und Gesundheit bei Leibe», bald zu Friede und Einigkeit, bald zu Freude und gutem Muth mit gar vielerlei anregenden Tränken und Tränkleiu zu thun. Wir wollen die bauptsächlichsten derselben, wie sie erwähnt werden, in aller Kürze vorführen und zunächst, da die Geistlichen, die ehrwürdigen Gründer unserer christlichen Cullur, wie in gutem Essen, so auch in der stet» gepflegten und beliebten Zechkunst dem Volke durch ihr treffliche» Beispiel vorauSleuchteten, mit den reli giösen Tränken beginnen.

Von einem alten Kirchengebrauche rührt der St. Jo- hanniStrunk her, den man auch St. Johannisliebe oder Segen nannte. Am Tage des Evangelisten Johannis, der auf den sogenannten dritten Weihnachtfeiertag fällt, wurde nämlich (wie Jak. ThomastuS in Dissert de po- calo 8. Joannis. Lips. 1675. de» Weiteren ausführt) in vielen deutschen Kirchen über einen mit Wein gefüllten, geweihten Selch von den Priestern ein besonderer Segen ben man noch in alten Missalien findet, gesprochen und der consecrirte Wein dann den Laien, welche dafür eine kleine Gabe opferten, zu trinken gereicht. Dieser heilige Trunk sollte die Gläubigen vor aller Vergiftung schützen, also mit einer Wunderkraft durchdrungen fein, die man von bet Fürbitte de» heiligen Johannis darum erwartete, weil er einmal, wie die Legende erzählt, zu Ephesus einen , ihm gereichten Becher Gift ohne allen Schadm ausgc, trunken hatte, eine Legende, die um so schöner er­scheint, wenn man umgekehrt bebenlt, zu welchem Unrath, welchem Gifte in gemeinen Naturen sich selbst bie edelsten 1

*) Au» dem TomttagSblatt der Berliner Preffe.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte», sowie bxe Annoncen -Bureaux von Th. Dietrich <L Co. in Kaffe! und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M ; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a. M-, Berlin, Leip­zig, Cöln rc.; Rudolf Moff« in Berlin, Frankfurt a. M. rc.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte«, sowie die Annoncen-Bureaux von G. L. Daube & Co. in Frankfurt a. M.; Jügcr'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, A. Rete- meyer in Berlin; Carl Schüß- ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.

A".» »»griff aus eine spanische Stadt weittragende Castillo, daß die Regierung ernsthaft liberal sich zeigen Folaen haben kann, l.eat aus h,r und ultramontanen Uebergriffe abweisen werde. Auch er"

zählt man sich, daß bet junge König einen Brief an den Director be« Theresianums, Herrn von Schmerling, ge­richtet habe, in welchem er seinem Lehrer das Versprechen giebt, er werde auf seinem Throne seinen Grundsätzen Ehre machen und die liberalen Prinzipien, die er in dieser An- statt ringesogen habe, in seinem Reiche zur Wirkung brin­gen. Bedenklich bleibt immer, daß sich die Regierung Al­fonso» au« zwei entgegengesetzten Richtungen zusammensetzt, nämlich au« den ModeradoS der Schule Narvaez, die zu­gleich Absolutisten und ultramontan sind, und aus den Unionisten nach dem Muster O'Donnells, welche 1868 die Königin Isabella vertrieben und jetzt ihren Sohn zurück- rufen. Leider ist zu befürchten, daß die gegenwärtige Einig­keit zwischen beiden Parteien an der religiösen Frage auS- einanderfallen wird.