Sr. M,
Marburg, Sonntag, 17. Januar 1875
X. Iahrglwg.
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ObcrhcMc Zcilung
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Der russische Reichshaushalt für dieses Zahr ist in der Einnahme auf 559,300,000 Rubel, in der Ausgabe auf 552,100,000 Rubel veranschlagt. Auf letzterer Seite stehen die Staatsschulden mit 106,900,000, das Krieg«- Ministcrium mit 176,600,000, die Marine mit 25,800.000 Rubeln. Am russischen Neujahrslage (Mittwoch) fand im Winterpalais beim Kaiser der feierliche Empfang sämmt- licher fremden Gesandten, auch deS spanischen, Statt.
Gegrn die Pforte und deren staatsrechtliche Behandlung der armenischen Katholiken alter und neuester Lehre hat der Vatikan die. Bestimmungen d«S Pariser Vertrages von 1856 angerufen, um damit ein Einschreiten der Diplomatie zu Gunsten seines Werkzeuges Haffun zu erwirken.
Die Session der griechischen Kammern wird zu Ende dS. MtS. geschloßen werden. Beschlüsie können ohnehin nicht mehr gefaßt werden, da nur noch 92 De- putirte anwesend sind.
Pliwdereint emrS Physiologen über die Miinnerkleidung.
(Schluß.)
Ganz unmöglich ist cs nicht, daß unter den Lesern, die bis hierher kommen, ein paar unverbesserliche Zweifler sind, denen wie mir selbst die Unfehlbarkeit deS Schneiders fraglich ist. Sie werden dann ganz ernsthaft fragen: Hast Du denn für das Kleid, das Du uns abdisputiren willst, auch ein anderes bei der Hand? Denn wir würden unter unserem nordischen Himmel frieren und dazu mit der Polizei in Streit kommen. Diesem angenommen, wirklich geneigten Leser könnte ich dann, Scherz bei Seite antwortm, daß allerdings eine ebenso schöne als zweckmäßige und unserem Klima durchaus angemesiene Kleidung fertig bereit liegt. Ich meine keine andere als die, welche wir unfern Knaben anzulegen pflegen. Eine weite Pumphose reicht bis unter die Knie und ist daselbst locker gebunden. Gehalten wird sie durch Anknöpfen an ein WammS, da» nirgends Druck auszuüben braucht, da die Gegenden, wo ein knappes Anschließen jetzt vom Auge gefordert wird, durch das Oberkleid bedeckt sein würden. Diese» besteht in einem faltigen Kittel von nicht zu stei fern Wollenzeug oder Sammet, der bis zur Mitte der Oberschenkel herabreicht. Dicht über den Hüften und nicht in der Gegend der unteren Rippen ist der Kittel zusammengenommen durch eine Schärpe oder einen Gurt, der nicht im mindesten die Athmung bewegt und doch eine stylvolle Scheidung zwischen dem Rumpf und den stützenden Gliedern hervorhebt. Der Arm ist von einem sal tigen Aermel umgeben, der am Handgelenk eng anschließt — offenbar die einzig mögliche zweckmäßige Einrichtung. Der Unterschenkel, der stch vom Oberschenkel nunmehr auch für das Auge abhebt, ist von einem anschließenden Sttumpf oder von einem hohen, bis zur Kniescheibe reichenden Sticselschaft bedeckt. Oben ist der Kittel weit aurge
das Gesetz wegen der Armee-Cadres, dessen erster Artikel am l 12. zur Annahme gelangte. Am 8. brachte das officielle
Journal den Bericht des Finanz-Ministers, wonach die 1 aus dem Kriege von 1870 erwachsenen Ausgaben sich auf 1 9886 Millionen belaufen, was eine Erhöhung der budget- 1 mäßigen Ausgaben von 775 Millionen veranlaßte, wäh rend diese Summe nur 719 Millionen budgetgemäßer Einnahmen entsprechen; das thatsächliche Deficit des Budgets für 1872 betrug 166 Millionen, das von 1873 weitere 209, das von 1874 fernere 52 Millionen, das Budget für 1875 schließt mit einem Deficit von 24 Millionen, da bei den Zahlungen an die Bank 40 Mill, in Wegfall kommen. Der Bericht veranschlagt für das Budget von 1876 die Einnahmen auf 2528, die Ausgaben auf 2616 und da« Deficit auf 881/2 Million. Bei dieser Lage denke man stch einen Krieg oder eine Revolution, welcher Krach! Aber eben in diesem financiellen Blei gewichte liegt auch ein Hauptgrund der Furcht aller Besitzenden vor wirklichen politischen oder constitutionellen Katastrophen.
ES war am 9. Januar als Spaniens König Don Alphonfo den vaterländischen Boden wieder betrat, den er als zehnjähriger Knabe fliehend verlaffen hatte. Der junge Herrscher fand einen glänzenden Empfang vorbereitet. Mag auch die Arbeiterbevölkcrung Barcelonas, wo er zu. erst seinen Fuß aufs Land setzte, trotz allen Enttäuschungen der letzten Jahre den republicanischen Gesinnungen treu geblieben sein, so sind doch viele Tausende übrig, welche vvn der Wiederaufrichtung der Monarchie neues Heil für Spanien erwarten. Die Behörden, welche zum Theil schon von der neuen Regierung eingesetzt worden, sorgen selbstverständlich nach Kräften für großartiges Schauge- pränge bei dem Einzüge Alphons XII.
Die englischen Minister find in der Hauptstadt versammelt und bereiten stch auf die beginnende Parla- mentSsesston vor. Wieder sind einige Unglücksfälle zur See vorgekommen; der Dampfer CorteS Ist an der gaS- cognifchen Küste mit dem Verluste von einigen 20 Leuten untergegangen, desgleichen der Dampfer Ruffell gegenüber vom Cap Finisterre, glücklicher Weise ohne Verlust an Menschenleben.
Der dänische Reichstag hat seine durch die Weih- 1 nachtsferien unterbrochenen Sitzungen am 6. d. M. wieder ! ausgenommen, es halten sich aber erst 42 Mitglieder ein- 1 gefunden, so daß die bisherigen Präsidenten Krabbe, 1 HögSbro und I. A. Hansen mit nur beziehungsweise 32, 1 28 und 24 Stimmen wiedergewählt wurden.
Der schwedische Reichstag tritt am 15. d. Mts. zusammen. Im vorigen Jahre erreichten Schwedens Zoll- I Einnahmen die bisher nie dagewesene Höhe von 29,436,348 1 Kronen, 13 Millionen über den Voranschlag.
Ja, wenn eö verständige Wege geht, da schwimmt der- richtige Holzapfel nicht einmal mit Dem, den er sonst für einen echten BorSdorfer zu halten gewohnt ist. Was haben zum Beispiele wir guten Deutschen für Narrheiten den Franzosen seit Jahrhunderten nachgemacht, aber wenn die Urbilder aller Feinheit sich wie wirklich vernünftige Leute mit ihren ehrlichen Namen anreden, da stutzen wir und bleiben hübsch bei der Frau Geheimen Kanzleiräthin, beim Herrn Hofrath! daß Gott erbarm.
Da werde ich mich also wohl hüten, selbst den Anfang zu machen. Ich müßte es allenfalls versuchen, einige hoch- gestellte Herren für meinen Vorschlag zu geronnen. Dazu ist aber sür'S Erste keine Aussicht. Ein hochgestellter Herr würde, wenn er mein Costüm trüge, wohl ein Beispiel und einen segensreichen Anstoß geben; allein er würde vielleicht kaum mehr als einer seines Standes angesehen und in guten Kreisen zugelassen werden. DaS wird also nicht gehen, und doch brauche ich Jemanden, der vorangehen könnte, in der Anbahiiung einer beffern und gesündern Kleidung: versuchen wir cs also mit einem Stutzer. Aber ach, der wird wohl kaum sich selbst für hervorragender als seinen Schneider halten, und so werde ich denn auch hier scheitern mit meinnem Reformirungsversuche. Nein, mit den großen Herren oder den Stutzern wird'« nicht gehen. Ich will mir einen Friseurgesellen suchen. Ein solcher wird von allen Stutzern der bewohnten Eide als höheres Wesen willig anerkannt, der soll meine Kleider tragen, der trägt sie um die Welt.
schnitten, so daß der Hals unbeengt in seiner ganzen Länge hervorragcn kann. Ueber den Saum des Ausschnitts mag stch noch ein Ueberschlag des weißleinenen HemdeS legen, der aber auch aus wirklicher Leinwand bestehen muß, die nicht durch Kleister in Pappdeckel verwandelt fein darf. Ein dünnes seidenes Tuch wird paffend den Hemdkragen zufammenhalten, feine über den leichten Knoten vorragenden Zipfel hängen vorn beweglich herunter. Das gänzlich freie Tragen de» Halses schützt nicht blos vor abnormem Druck im Hirn, sondern auch, wie Allen, die es wissen wollen, bekannt ist vor HalSentzün düngen, die durch Verweichlichung der HalSgegend Haupt sächlich bedingt sind, vielleicht aber auch durch die Blutstauung befördert werden. Wer übrigens feine gewohnte Halsentzündung nicht entbehren zu können glaubt, dem bliebe eS auch bei dieser Kleidung unbenommen, zum AuS- gehen seinen Hals mit einem dicken Tuche oder, wie die gebildeten Deutschen sagen, Cachenez zu umwickein. Daß bei der vorgeschlagenen Kleidung Falten entstehen, dir bei jeder Bewegung wechseln, ist nicht bloS schön, sondern es ist auch ökonomisch, denn eS wird dadurch verminten, daß immer dieselben Stellen de« Kleide«.der Abnützung ausgesetzt sind.
„Aber," wird der angenommene geneigte Leser sagen, »das ist ja wirklich ganz verständig, warum gehst Du Nicht mit gutem Beispiele voran mid trägst diese Kleider? ES würden sich schon Leute finden, die es nachthuu." O lieber, geneigter Leser, Du hast wohl noch nicht das Schwalbenalier, sonst wüßtest Du, daß der Mensch nie etwas nachmacht, weil er e« für verständig hält, sondern weil es Der und Der thut, für dcssengleichen er gehalten lein möchte. Du kennst doch das schöne niederdeutsche Sprüchwott: „Da froemmt wi Aeppels säd de Holz- appel und swamm mit den BorSdorfer der Bake entlang *
Tagesbericht.
Die Braunschweigische Erbfolgefrage ist wieder bei Gelegenheit deS Todes des Kurfürsten von Hessen von englischen Blättern hervorgeholt und der deutschen Regierung sind dabei allerlei gute Rathschläge über die Regelung dieser Angelegenheit ertheilt worden, dieselben haben lediglich stilistische Bedeutung. Ganz abgesehen von der Rechtsfrage hieße eS denn doch nicht blos dem deutschen Volke, sondern auch dem deutschen Kaiser etwas viel zu- muthen, mit der Erhebung des Welfenprinzen auf den Braunschweigischen Thron, stch selber einen Pfahl in« Fleisch zu stecken. Wenn jener Prätendent sich wirklich al« deutscher Fürst fühlte, so war ihm im Jahre 1870 die beste Gelegenheit zur Rehabilltirung gegeben, indem er seine Dienste dem Vaterlande anbot. Da er dies vernachlässigte und gewissermaßen ben deutschen Krieg als deutscher Prinz verträumte, hat er eS nun stch selbst zuzuschreiben, wenn man seine eventuellen For.c.ungen zurückweisen wird.
Alle Gerüchte über Verhandlungen der Regierung mit >em Kronprinzen von Hannover wegen der braunjchweigi- chen Erbfolge beruhen übrigens lediglich auf Erfindung. - Die Regelung der kurhcsstschen ErbschafStangelegenhcit wird ohne besondere Hindernisse vor sich gehen. Ein Theil der Erbberechtigten hat einen festen Vertrag mit Preußen geschloffen, demzufolge feine Forderungen erfüllt werden; der andere Theil hat ste vor Gericht geltend ge. macht und ist demgemäß das Unheil abzuwanen. Eine politische Bedeutung hat die ganze Angelegenheit nicht; denn nachdem alle Ansprüche auf den kurhessischen Thron definitiv erloschen und beseitigt sind, hat die Frage nur noch einen rein cvilrechtlichen Charakter. Eine Vorent- faltung der Erbschaft von preußischer Seite unter irgend
Eine Walfischmetzgerei bei Wads».
Jenseits des Nordcaps, bespült von den Wogen des EiSmeerS, liegt am Varangerfjord die norwegische Stadt Wadsö. Arn gegenüberliegenden Ufer, auf einer kleinen -Insel, befindet stch ein ziemlich ansehnliche« Etablissement,
Politische W-chen-Ueberficht.
Der wieder zusammengetretene Deutsche Reichstag hat die ablaufende Woche hindurch mit bestem Erfolge seinen Arbeiten obgelegen. Die zweite und damit die eigentlich entscheidende Lesung des Landsturmgesetzes, gegen das während der Weihnachtsferien in der gelammten klerikalen und socialistischm Presse und selbst in einigen Fortschritts- Organen mit der äußersten Uebertreibung gehetzt worden war, ist (am Montag 11. Januar) in seiner am meisten angefochtenen Bestimmung, der eventuellen Verwendung von Landsturm-Jahrgängen zum Ersatz bei der Landwehr- mit 175 Stimmen gegen 104 in der mit der Regierung vereinbarten Commissionsfassung angenommen worden — und die Majorität für daS Ganze in der dritten Lesung wird wahrscheinlich eine noch größere sein. Arn (12. Jan.) hat der neu eingebrachte bundeSräthliche Reichsgesetzentwurf in Betreff der Beurkundung des Personenstandes und der Eheschließung, welcher — über den vorigjährigen Volk-HinschiuS'schen Gesetz-Antrag weit hinaus — nicht blo« die bürgerliche Standesbuchführung und Civilehe, sondern eine volle Einheit des Rechts hinsichtlich der Erfordernisse der Eheschließung einführt, die erste Lesung in solcher Art bestanden, daß an einer raschen und günstigen Erledigung nicht mehr zu zweifeln ist. Inzwischen wird die Bankcommission, die täglich Sitzungen hielt, ihre Aus- • gäbe, die Einfügung der ReichSbank gelöst haben, und eS wird dann wohl jedenfalls vor Ende deS Monats die Session deS Reichstages als eine sehr fruchtbare geschlossen werden können. — Am Dienstag schloß sich zu Kassel die Gruft über der Leiche de« Kurfürsten, die von Prag dorthin übergesührt worden. Ansprüche erlöschen mit ihm, da sein eventueller Thronfolger, Landgraf Friedrich von Hessen- Rumpenheim, bekanntlich mit der Krone Preußen ein dessen KriegSerwerb von 1866 anerkennendes Abkommen geschlossen hat.
Der Prozeß Ofenheim«, de« Apostels dc« österreichischen GründerthumS, vor dem Wiener Schwurgericht immer die Aufmerksamkeit des ganzen Landes und zumal der Hauptstadt so gänzlich in Beschlag, daß von sonstigen politischen Vorgängen kaum etwa« zu spüren ist. DaS ungarische Abgeordnetenhaus trat am 9. Januar nieder zusammen, jedoch nur, um sich nach einer inhaltsleeren Sitzung wieder auf unbestimmte Zeit zu vertagen.
Die italienische Presse beschäftigt sich bei dem Mangel an sonstigem politischen Material noch immer mit den Antworten de« Königs auf die Glückwünsche der Neujahr« Gratulanten, sowie mit den zahlreichen Reden de« Papste« an alle möglichen Deputationen.
Die französische Ministerkrisis hat auch in der , scheidenden Woche ihr Ende nicht erreicht. Am 11. er- 1 öffnete die National-Bersammlung die Verhandlungen Über ;
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte«, sowie die Annoncen-Bureaux von G. L. Daube & Co. in Frankfurt a. M.; Jäger'sche Buchhandlung in Frankfurta. M.; Jnvalidendank, A. Stete« meyer in Berlin; Carl Schußler m Hannover; C. Schlotte in Bremen.
Anzeigen nimmt entgegen: die Spedition d. Blatte«, sowie die Annoncen-Bureaux von Th. Diettich & Co. in Kassel und Hannover; Th. Diettich in Frankfurt a. M.; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a. M., Berlin, Leip, zig, CSln rr.; Rudolf Moss» in Berlin, Frankfurt a. M. rc.
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Für tn der Expedition zu ettheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet. • ■