Mr. 7.
Marburg, Sonnabend, 9. Januar 1875.
X. Jahrgang.
Anzeigen nimmt entgegen: Me Lflieditton d. Blattes, sowie die Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrichen Frankfurt a. M-; Haasenstein & Vogler in Frankfutt a. M-, Berlin, Leip- jig, Cöln ic.; Rudolf Moss« in Berlin, Frankfurt a- M. ic.
WmhrMt Jfllung.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie die Annoncen-Bureaux von G- L. Daube & Co. in Frankfutt a. M-: Jäger'sche Buchhandlung in Frankfutt a. M ; Jnvalidendank. A- Rete- meyer in Berlin; Carl Schußler in Hannover; C-Schlotte in Bremen-
Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn» und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „Jlluftrirtes Sonntaaöblatt" durch die Ervedition ।ftn Buchdrucker-.) bezogen Sh Mark, durch d.e Postämter des Deutschen Reiches S Mark 50 Pfg.(excl. Bestellgebühr). - Wiionsgebühr für die gespLne Ztttt 10 P a
Für m der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet. V
91 uf das erste Quartal 1875 werden noch fort- während Bestelluuge« bei allen Postanstalten und bei der Expedition angenommen.
Tagesbericht.
Der „Reichs • Anzeiger" veröffentlicht eine königliche Verordnung, durch welche der preußische Landtag auf den 16. Januar einberufen wird.
Bon der Bankgesetz-Commisston wurde § 13 unverändert angenommen. § 14 Position 3 B mit einem Amen dement von Schauß genehmigt, welches bei Beleihung von Eisenbahnactien verlangt, daß die Actien vollbezahlt und die Lahnen in Betrieb sind. Ein Ammendement Sonne- mannS, da« Beleihungs-Maximum nichtdeutscher Papiere von 50 aus 66V3 pEt. drS CourSwerthes zu erhöhen, wurde abgelehnt. Position 7, betreffend die Annahme ver zinslicher und unverzinslicher Depositen, wurde mit einem Anträge Berger'S angenommen, wonach die Summe der Depositen, mit Ausnahme der Gerichts- und Mündelgelder, auf die Höhe des Grund CapitalS der Bank zu beschränken ist. Position 8 wurde unverändert angenommen, ein Antrag Sonnemann'S, das Wort „verzinslich" zu streichen, zurückgezogen. § 15 wurde mit einem Zusatze Bambec ger'o genehmigt, daß die ReichSbank ve. pflichtet ist, Barrengold zum Satz« von 1392Vr Mark für ein Pfund fein gegen thre Noten umzutaujchen. In der fortgesetzten Be- rathung über Titel 2 (Reichsbank) wurden die §§16 und 17 ohne Debatte angenommen. Bei § 18 wird die Position 6, betreffs der Eintösungspflicht der Bank Anstalten in Städten über 100,000 Einwohner vor Ablauf deS dritten Tages, auf Antrag Bamberger'« gestrichen. Die übrigen Paragraphen werden angenommen.
Wie die „Weser Zeitung" vernimmt, wird der BundeS- rath den neuen Borschlägen de» ReichSeisenbahnamtS, bezüglich der Reform der Eisenbahntarise, provisorische Zulassung der Tariserhöhung und Vorbereitung der Reform mittelst einer Enquete seine Zustimmung ersheilen.
Der Gesetzentwurf über die Beurkundung deS Personenstandes rc., wie er dem Reichstage nunmehr zugegangen ist, läßt schon äußerlich das wesentliche Merkmal erkennen, worin er vom bezüglichen preußischen Gesetze vom 9. März 1874 abweicht. Der Titel lautet nämlich genau: „Entwurf eines Gesetzes über die Beurkundung de« Personenstandes und die „Eheschließung," während da« preußische Gesetz die Ueberschrift trägt: über die Beurkundung de« Personenstände« und „die Form der Eheschließung." Diese Abweichung wird dadurch begründet, daß der Reichsgesetzentwurf, wie schon früher bemerkt,
einen neuen Abschnitt enthält, welcher einen Theil de« materiellen EherechtS behandelt.
Wie die „Post" hört, ist dem Geh. Regierungörath v. Raumer, von Seiten des Reichskanzleramts der Auftrag ertheilt worden, die Grundsätze für eine neue Rechtschreibung der deutschen Sprache, welche in allen Schulen Deutschland« zur Anwendung kommen soll, zusammenstellen.
Deutsche» Reich.
Berlin, 7. Jan. Aus der letzten Sitzung de« Bun- deSrathe« verlautet noch, daß zum Civilehegesetz von ver schiedenen Seiten Anträge ziemlich umfangreichen Inhalt« zu der AuSschußvorlage vorgelegt werden sollen, über welche lebhafte Debatten stattgefuuden. Die überwiegend große Mehrzahl derselben ist aber abgelehnt und durch die Annahme nur einzelner Amendement« der Entwurf nach den AuSschußanträgen nicht eben wesentlich abgeändert worden. Die frühere grundsätzliche Opposition hielt ihren Standpunkt fest und e« stimmten schließlich u. A. die beiden Mecklenburg, Braunschweig, Oldenburg gegen das ganze Gesetz. Auch in den Motiven sind noch einige Aenderun« gen beliebt worden. — Außerdem beschäftigte alsdann ven Bundesrath noch der AuSlieferungSvertrag mit Belgien. Derselbe ist am 24. Decbr. v. I. zu Brüssel und zwar seitens Deutschlands durch den Geschäftsträger des Reiches bei der belgischen Regierung, Legationsrath Stumm, und feiten« der belgischen Regierung durch den Minister de« Auswärtigen, Grafen v. Aspremont-Lynden, zu Brüssel unterzeichnet worden und liegt in französischem und deutschem Text vor. Er umfaßt 17 Artikel und schließt sich den übrigen internationalen Auslieferungsverträgen an. Bon Wichtigkeit ist Art. 6, welcher lautet: „Die Bestimmungen deS gegenwärtigen Vertrages finden auf solche Personen, die sich irgend eines politischen Verbrechens oder Vergehens schuldig gemacht haben, keine Anwendung. Die Person, welche wegen eines der in Art. 1 und 2 ausge- lührten gemeinen Verbrechen oder Vergehen ausgeliefert worden ist, darf demgemäß in demjenigen Staate, an welchen die Auslieferung erfolgt ist, in keinem Falle wegen eine« von ihr vor der Auslieferung verübten politijchen Verbrechen« oder Vergehen«, noch wegen einer Handlung, die mit einem solchen politischen Verbrechen oder Vergehen im Zusammenhang steht, noch wegen eine« Verbrechens oder Vergehens, welche« in dem gegenwärtigen Vertrage nicht vorgesehen ist, zur Untersuchung gezogen und bestraft werden. Der Angriff gegen da« Oderhaupt einer fremden Regierung oder gegen Mitglieder setner Familie soll weder al« politische« Vergehen, noch al« mit einem solchen in
s Zusammenhang stehend angesehen werden, wenn dieser An- griff den Thatbestand de« Todtschlage«, Morde« oder Giftmorde« bildet." Nach Art. 16 verpflichten sich die vertragenden Thelle zur gegenseitigen Uedersendung der Straf- ertenntniffe der Gerichte de« einen Lande« gegen einen Angehörigen de« anderen Lande« auf diplomatischem Wege. Der Vertrag soll 10 Tage nach seiner gesetzmäßig erfolgten Publikation in Kraft treten, und damit verlieren alle früheren AuSlieferungSvertrige zwischen Belgien und dem Norddeutschen Bunde bezw. den übrigen Einzelstaaten ihre Gültigkeit.
Görlitz, 7. Januar. Der hiesige Magistrat hat beschlossen, im Vereine mit anderen Stadtgemeinden den Reichstag durch eine Petition zu ersuchen, die in dem Bankgesetzentwurfe stipulirte Befreiung der Banken von der Zahlung der Communalsteuer abzulehnen, weil die Jntereffen der Stadtgemeinde durch Annahme des Gesetzentwurf« empfindlich würden geschädigt werden.
Ausland.
Wie«, 7. Januar. (Prozeß Ofenheim.) Angeklagter lehnt die Verantwortung für die lückenhafte Buchhaltung ab, gibt indeß zu, daß eine cumulative Buchführung für garantirte und nichtgarantirte Linien, welche jedoch staat- licherseit« nicht bemängelt wurde, staltfand. Den Umstand, daß 1869 der Gesellschaft gegenüber ein Passioum, der Regierung gegenüber ein Activum auSgewiesen wurde, erklärt der Angeklagte damit, daß da« Deficit später dem Bau-Unternehmer zur Last gelegt wurde. Anläßlich des verlesenen gravtrenden Schreiben« de« verstorbenen Direc- tor« der Karl-Ludwigbahn, Herz, an Ofenheim erklärt Angeklagter den Empfänger de« Schreiben« hie, für nicht verantwortlich. Weiter wurden Briefe von Herz a» Ofenheim verlesen, welche da« Bau-Gebahren ver Engländer beklagen. Angeklagter gibt an, daß nicht er allem, sondern auch der VerwaltungSrath an den Geschäften Theil ge. uommen habe, auf die Vergebung der VerwaltungSraths- Stellen habe er keinen Einfluß geübt, für die mangelhafte Erfüllung bet Control-Aufgabe de« Revistonö-Eomile« erklärt sich der Angeklagte nicht verantwortlich, in dem Zuugiren von Strohmännern bei den General-Versamm- lungen erblickt er nichts Gesetzwidriges. Bezüglich der für die Durchführung der Grundeinlösung erhaltenen 10,000 Pfd., gibt Angeklagter an, daß er selbe Braffey zurückstellte, als er da« Deficit auSwte«. Hierauf folgt die Verlesung der diesbezüglichen Schrill,tücke.
Paris, 6. Januar. Die der Nattonalverfammlung mitgetheille Botschaft de« Präsidenten lautet: „Die Stunde ist gekommen, da Sie die Berathung der konstitutionellen
'Der Marketender.
L . Erzählung von Hermann Kleinsteuber.
(Fortsetzung.)
„Ach," sagte sie in weinerlichem Tone, der gute „Herr mutz eine Ahnung von seinem bevorstehenden Tode gehabt haben; denn bald nach Ausbruch des Krieges hat er sich in Metz diesen durabeln und mit einer Zinneinlage gefütterten Sarg selber anfertigen laffen und mir auf die Seele gebunden, fall« ihm etwas Menschliches begegne, solle ich dafür Sorge tragen, 'daß man seinen Leichnam in diesem Sarge in der ©ruft zu Lombey beisetze. Ich habe es ihm feierlich geloben müssen und bin recht froh, daß ich nun seinen Wunsch gewiffenhast ausführen kann'" —
Ein krampfhaftes Schluchzen unterbrach hier den Redestrom der alten Pitag, während sie der neben ihr stehenden Annette durch Zeichen andeutete, sie möchte da« eben Gehörte dem Unteroffizier und dem Marketender, welche betde der Bestattung ebenfalls als neugierige Zeugen beiwohnten, in deutscher Sprache verdolmetschten. E« schien demnach der Gärtnersfrau viel daran zu liegen, daß die Preußen Aufklimng erhielten, wenn sie sich etwa darüber wunderten, wo man für den Hauptmann in der Eile einen so gut gefertigten und schweren Sarg hergenommen habe, während man jetzt noch gemeiniglich froh war, die gefallenen Mi- UtirS einfach, mit ihrer Unifenn angethan, in die Erde betten zu können.
Die lothringischen Bauern trugen hierauf den Sarg die wenigen steinernen Stufen hinab in die dunkle Gruft, welche ihr Licht nur durch die offenstehende Thüre empfing. Ohne viel Umstände stellten sie den Sarg auf da« einzige, noch leerstehende Postament, welche« sich in der Gruft befand. Daffelbe war gleich am Fuße der Treppe au« Backsteinen auSgemauert und an den Seiten mit kleinen Blendnischen verziert. Die Bauern »mieteten ein
kurzes G-bet und eilten bann, au« dem Modergeruch der Gruft um wieder hinauf in’« Freie zu kommen.
Mutter Pitag warf die mit Eisenstäben vergitterte Thür des Erbbegräbnisses zu, hing da« alte schwere Vorlegeschloß wieder in die Krampe, drehte den verrosteten Schlüffe! um und steckte denselben zu sich.
_ Somit war die Bestattung des Hauptmanns und «ochloßbesitzerS beenbet. Er hatte außer einem jüngeren Ömer, der auswärts weilte, keine nahen Verwandte; ba« Eefinde und die Dienerschaft war, mit Ausnahme der Wirlhschafterin, schon vor längerer Zeit geflohen; und so kam es, baß der Bestallung Niemand beiwohnte außer den wenigen von un« erwähnten Personen.
Annette wollte die Bauern noch ein wenig zurückhalten und sie über die näheren Umstände anSfragen, unter denen ver Hauptmann gefallen und gestorben sei, aber Mutter Pitag nahm da« Mädchen am Arm und zog e« mit sich fort.
@ieb mir schnell etwas zu effen und zu trinken, Annette, bat sie diese mit kläglicher Miene, während der Ton ihrer Stimme viel freundlicher und einichmelchelnber klang, alS dies sonst der Fall war, wenn sie mit Annetten sprach — dieser „Preußenfreundin," wie sie dieselbe zu schelten pflegte. „Ich bin feit einem Tage nüchtern, weil mich die Sorge für die Beerdigung unteres atmen Herrn gar nicht an« Effen denken liefe. Wer hat auch Appetit unter dem Diuck so trauriger Ereignisse 1 ... Nun aber meldet sich der Hunger bei mir mit unwiderstehlicher Gewalt. Und nicht wahr, gutes Kind," schloß sie, Annette» schier zärtlich die Hand drückend, „Du wirst gewiß noch einen Imbiß für mich auftreiben, wenn es auch sonst nicht viel zu brechen und zu beißen giebt, wo die Herren Preußen hausen."
„Im Gegmtheil, hätten wir hier die Preußen nicht, so würde e« z. B. mit dem Vorrath an Mehl, Brod, Speck und dergleichen sehr übel bestellt sein. Sie teilten
ihre Stationen mit mir und den Leuten, welche hier zuweilen vorsprechen, während ich den Soldaten dagegen nur etwas Milch und Butter liefern kann. Dank den Preußen also wird sich für Dich in meiner Küche schon eine Mahlzeit vorfinden, Mutter Pitag."
Unter diesem Gespräche hatten die beiden Frauenzimmer das Gartenhaus erreicht, und hier verschmähte e« die Alte nicht, fich wacker von dem Kommisbrod und dem Speck zuzulangen, welches die Preußen in Annettens Küche geliefert hatten. ”
Inzwischen entfernten sich jene Bauern wieder und Annette hatte keine Ahnung davon, daß die schlaue Alte nur einen Vorwand gesucht, um zu verhindern, daß sich Annette mit den Landleute» in eine Unterhaltung einigste Mutter Pitag hatte sehr richtig gerechnet; wo e« galt, Durstige zu trinken und Hungrige zu speisen, da war Annette ohne Unterschied der Person schnell bei der Hand.
(Fortsetzung folgt)
Die fürstlichen Künstler ix Deutschland.
Der Berichterstatter de« „Figaro", der einige Tage bei Gelegenheit deS Arnim schen ProzesteS, in Berlin gewesen, macht eine sehr humoristische Beitreibung der „Fürstlichen Künstler in Deutschland." Er sagt, baß die kleinstaatlichen Regenten, seitdem ihnen in der Politik keine Rolle mehr geblieben, sich mit Vorliebe dem Theater zugewandt und da viel Drolliges zu Tage gefördert. Man könnte eine prächtige Schauspielertruppe aus den kleinen deutschen Fürsten zu|ammenstellen, bte sich mit dem Theater beschäf- tigen; etwa so: Dramatischer Schriftsteller: Prinz Georg v. Preußen, Stellvertreter in demselben Fach: Prinz Elimar von Oldenburg. Componist: der regierende Herzog Ernst von Coburg. Regisseur: der regierende Herzog F.anz von Meiningen. Eister Darsteller: Der schon genannte Herzog Ernst. Einziger Zuschauer: der König von Baiern. —