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JTlarßurg, Donnerstag, 7. Januar 1875.
X. Jahrgang.
MmhFHc Jritung
Deutsches Reich.
Der junge Tambour hatte inzwischen sein Meisterstück
„Annette? . .
Die Alte aber schüttelte hestig den häßlichen, mit einem bunten Tuche halbverhüllten Kopf, zum Zeichen, daß sie nicht- von bi. fern Handel wissen wolle.
„Na, dmn nicht, alte Hexe!" brummte der Bursche ärgerlich und drehte sich wieder nach dem Kamin um.
Mutter Pitag — wie sie allgemein genannt wurde — war eine langjährige Bekannte der jetzt krank liegenden HauSwirthin und wollte dieselbe besuchen. Sie stammte aus Schloß Lombey oder vielmehr von der dortigen Meierei, wo ihr verstorbener Mann Gärtner gewesen.
Bis vor Kurzem, wo der Verkehr mit Metz noch nicht allzu streng gehemmt war, hatte Mutter Pitag den Weg von der Festung nach dem Schlosse hinaus öfter gemacht, um für ihren Herrn den Hauptmann v. Segur, allerlei kleine Bedürfnisse, namentlich auch schönes frisches Gemüse und Obst von dem Gute nach Metz hereinzuholen. Daß sie aber auch jetzt noch, wo die Absperrung strenger ge worden, durch die Vorposten hindurchzuschleichen wußte, zeugte eben sowohl von einer großen Schlauheit der Alten, als es auch auf ganz besondere Absichten derselben hinzu- druten schien.
Sollte sie wirklich den immerhin weiten Weg von Metz nach Schloß Lombey machen, um nur einen Korb voll Kohl zu holen? Setzte sie sich wirklich nur darum der Möglichkeit aus, von unfern Vorposten aufgehalten und vielleicht unter allerhand Plackereien und Verlegenheiten
Berlin, 5. Januar. Wie bereits telegraphisch mit- getheilt, gelangte heute der Prozeß gegen den Bischof Dr. Conrad Martin von Paderborn vor dem Königl. Gerichis- >of für kirchliche Angelegenheiten zur öffentlichen Verhand- ung. Der Gerichtshof war zusammengesetzt aus dem Viceprästdenten des Ober-TribunalS, Geh. Rath HeinnecciuS, dem Viceprästdenten v. Schelling, den Ober-Tribunals- rälhen v. Diepenbrock - Grüter und ©geling, dem Oberstaatsanwalt Hartmann, dem AppellationSgerichtsrath Kanngießer und dem Pfarrer Nieder. Der Angeklagte war. nicht erschienen, hatte auch, wie der Prästdent Heiner
rantie für die Anbahnung geordneter Zustände in Spanien und die Fortsetzung jene« RegierungSsystemS, welchem bereits die Anerkennung der deutschen Regierung zu Theil wurde. Man hegt durchaus nicht die Besorgniß, daß etwa Don Alfonso stch von klerikalen Einflüssen umstricken lassen werde, sondern steht in dem Zusammenhang der Vorgänge, in dem Antheil, den die liberalen Parteien, sowie da« spanische Volk an der Proklamation genommen haben, eine Bestätigung dafür, daß König Alphonio auch die liberale und nationale Bahn beschreiten wird und jede Trübung zwischen Spanien und Deutschland dadurch hinten gehalten würde. Unter solchen Umständen wird auch der baldigen Anerkennung deS neuen König« Seitens der deutschen Reichsregierung schwerlich ein längerer Aufschub be vorstehen.
Wie man der „Magd. Ztg." auS Paris mittheilt, sind die dortigen Repräsentanten der Großmächte, ihren Instructionen folgend, überemgekommen, beziehentlich deS Königs Alfons eine wohlwollende, aber reservirte Haltung zu bewahren. Sie werden e« also unterlaßen, ihm einen Besuch abzustatten, bis seine Regierung officiell anerkannt sein wird.
Dagegen hat sich die französische Regierung bereits mit dem neuen König gut gestellt. Der ViScomte d'Harcourt Secretair der Präsidentschaft, hat demselben gestern im Namen be« MarrschallS iMac Mahon einen Besuch ab- gestatlet.
Dem Pariser „Monde" zufolge, hat König Alphons lediglich Neujahrs Gratulationen an den Papst, als seinen Pathen, gerichtet, welche der Papst telegraphisch beantwor tete. Eine weitere Correspondenz hat nicht stattgefunden. Mehrere Abendblätter theilm Jndicien deS Abfalls carli- tischer Truppen mit, bisher liegt indessen noch keine betätigte Meldung vor.
„Bist Du taub geworden, Mutter Pitag?" brüllte ihr der Marketender unsanft inS OHr „r* ' ---
moifette Annette?"
zurückgewiesen zu werden? Gewiß nicht! Dahinter mußte etwas Anderes stecken.
Dieser Meinung war eigentlich auch der Marketender Peter Wenk, den man inzwischen — begreiflicher Weise zu seinem großen Verdruß — derselben Compagnie zugewiesen hatte, bei welcher sein Bruder Heinrich diente und deren eine Corporalschaft wir oben in ihrem ergötzlichen Treiben auf dem Boden über dem Pferdestall beobachtet haben. Der muntere Bursche trat jetzt gerade ins Zimmer der HauSwirthin und wunderte stch nicht wenig, dieselbe Alle hier zu treffen, welche er so oft in Schloß Lombay gesehen. Zugleich ober war er höchlich erfreut darüber, denn er hoffte, von der Alten etwas über Annettens Befinden zu ersahren. DaS war ihm das Wichtigste.
Der Marketender.
Erzählung von Hermann Kleinsteuber.
(Fortsetzung.)
„Da« gäbe ein prächtiges Gericht für meinen Corpora!, bet ißt so gerne Kohl. Will doch sehen, ob fie ihn mir gegen Geld und gute Worte abläßt."
Er machte der alten,' die kein Deutsch zu verstehen schien, seinen Wunsch durch Geberden begreiflich, indem er ihr ein Honte« Frankenstück zeigte und dabei auf den.Jnhalt be« Korbe« beutete.
»Du kommst von Schloß Lombay. Mutter Pitag?" hob er baher zunächst an. „Ich schließe eS baraus, baß Du ben unvermeidlichen Gemüsekorb wieber einmal gefüllt bei Dir hast. Bei Dir heißt's nämlich: „ich unb mein Körbchen find immer beisammen!" fuhr der Marketender lachend fort. „Und ich könnt' Dir ausrichtig gram fein, wril Du mir mit Deinem Gemüsehandel aufrichtig in’« Handwerk pfuschst; aber Du bist eine Bekannte bet hübschen, braven Annette, unb barum verzeihe ich Dir Alles. Aber sage mir auch schnell, wie e« jetzt dem guten Mädchen ergeht!"
Die Alte schien von dieser ganzen Anrede nichts zu verstehen. Sie wendete sich mit ärgerlicher Miene ab.
Tagesbericht.
Die Bank Commission nahm ferner §. 14 der Vorlage nach ben Anträgen Harnier's, § 9 nach längerer Debatte mit 12 gegen 9 Stimmen an. Lasker will bie unverzinslichen Depositen von ber Summe ber Deckungsmittel abziehen. Sonnemann, Kardorff unb Mosle sind gegen bie Iprocenlige Steuer. Der Regierungs Commissär Mi chaeliS bestreitet, baß ber Steuer ein fiScalischeS Interesse zu Grunbe liege, biefelbe fei eine Abgabe ber Banken für bie Befugniß, zinslose Geldzeichen zu schaffen. Die Steuer werbe eine Erhöhung be« DiScontoS nicht herbeiführen.
Die „Nordb. Allg. Ztg." theilt mit, daß bas Berliner Polizeipräsibium bk Erklärung nicht abgegeben habe, es könne ben Fürsten Bismarck vor neuen Morbanschlägen nicht schützen. Aber zu einer Warnung beS Fürsten, fährt baS officiife Blatt fort, lag unb liegt Grunb genug vor. Einstweilen möge e« mit dieser Bemerkung sein Be wenden hoben.
AuS ber von bet „Germania" eröffneten Polemik gegen die Circularbepesche beS Fürsten Bismarck vom 14. Mai 1872 verdient hervorgehoben zu werden, daß in diesem Blatte jetzt das Vorhandensein der päpstlichen Constitution über bie Papstwahl, welche vor einem Jahre von der „Kölnischen Ztg." veröffentlicht worden, zugestanden wird. Bekanntlich haben bisher bie ultramontanen Blätter jene publicirte Constitution für apokryph erklärt.
Anzeigen nimmt entgegen: bie Spedition b. Blatte«, sowie die Annoncen-Bnreaux von Th. Diettich & Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M-; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a. M., Berlin, Leipzig, Cöln rc.; Rudolf Moss» in Berlin, Frankfurt a. M. ic.
1 zu unterschreiben. Der Gerichtshof verhandelte demgemäß - in contumaciam. Noch Verlesung des Referats unb Begründung deS Strafantrags durch den Oberstaatsanwalt > Jrrgahn zog stch der Gerichtshof zurück und verkündete i nach breioiertelftünbiger Berathung baS Unheil das bahin geht: ber Bischof hat stch so gröblich gegen bie Kirchen-
1 gesetze vergangen, baß fein Verbleiben im Amte damit un- ' erträglich erscheint und daß et demgemäß seines Amtes ' «iS Bischof von Paderborn zu entheben sei. — Als eine ; Folge der in Kassel und Wiesbaden stattgefundenen Be- rathungen der Vertrauensmänner wird angegeben, daß Hessen - Nassau eine besondere KreiSordnung erhalten soll, während ursprünglich die neue KreiSordnung für Rhein- lanb, Westfalen und Hessen-Nassau gleichmäßig geregelt werben sollte. Der obligatorischen Einführung ber Amtsbezirke gegenüber verlangten die Vertrauensmänner, daß die Verbindung mehrerer Landgemeinden zu Amts- oder besser Bürgermeistereibezirken nur so weit vorgenommen werde, als fie auch bet §. 8 ber alten hessischen Gemeindeordnung von 1834 zulassen. Sie hatten ferner gefordert, »aß über das Bedürsniß, ob mehrere Landgemeinden zu einem Bürgermeistereibezirk zu bereinigen seien, die Hessen selbst durch bie Organe ihrer Selbstverwaltung, insbesondere durch ben Bezirksausschuß entscheiden sollten. Die Regie- rung ist diesen Forderungen in dem ersteren Punkte nachgekommen, und deshalb ist eS nöthig geworden, eine besondere KreiSordnung für Hessen zu entwerfen.
Bom Rhein, 3. Januar. Wie ber Cref. Ztg. aus Roermond (Holland) mitgetheilt wirb, »ar im Laufe »es Monats December der Erzbischof Paulus MelcherS aus Köln dort eingetroffen und hat das HauS eines vor Kurzem gestorbenen Advokaten gemiethet. Der Kirchenfürst soll beabsichtigen, falls die Consequenzen seiner Opposition gegen bie Regierung ihn zwingen, Preußen zu verlassen em Domictl in Roermonb zu nehmen unb von bort aus feine Diöcese zu verwalten. — Einer ber angesehensten und begütertsten Männer ber Umgegenb von B., Herr Th. Str. an« Rh. Rh., hat ber Louise Lateau bie Summe von 30,000 Fr», geboten, wenn sie stch entschlösse, in beliebiger Begleitung auf acht Tage in sein HauS zu kommen. Falls nach Ablauf genannter Frist ihre Wunden noch bluteten unb fie nichts genösse, als bie konfekrirte Hostie, sollten bre 30,000 FrcS. ihr gehören. Herr Th. Str. hat keine Antwort betommen — unb boch ist der Brief richtig angelangt, da er in ben belgischen Blättern „Echo du Par- Lement" unb „La Presse beige" abgedruckt worden ist Herr Str. wird, wie bie „D. V. C." schreibt, feitbem sein Anerbieten in seinem Orte bekannt geworden ist, als ein Re-
™ oin gedehntem Tone hinzu: „Nix Annette l" Wie heißt? Doch nicht etwa caput?"
Die Alte nickte mit einem unverkennbaren Zuge von Schadenfreude um bie eingefallenen Lippen, über welche sich von ben gelben Wangen her tausend kleine Fältchen fächerartig herabzogen.
Der Bursche stanb wie nkbergebonnert ba. Er verwünschte im Stillen seine Unkenntniß der sronzöstschen Sprache, welche ihn jetzt verhinderte, bie Alte weiter au«, zuforschen über eine Angelegenheit, bie ihm so sehr am Herzen log. Wa« war ba ober zu machen? Er verstaub kein Französisch unb die Alte ließ stch durchaus nicht herbei, mit ein paar deutschen Worten ihre Erklärung »u wiederholen. 08
Anzeigen nimmt entgegen: bie Expeditton b. Blattes, sowie die Annoncen-Bureaux von G. L. Daube & Co. in Frankfurt a. M.; Jäger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. , M.; Jnvalidendank/A. Rete- rneyer in Berlin; Carl Schüß- ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.
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bitterböfen Blick auf ben Burschen.
»Bist Du tolll" rief ber Bursche, beinahe erschreckt, ~
| Ä uf das erste Quartal 1875 werden noch fort während Bestellungen bei allen Postanstalten und bei der Expedition angenommen.
Die „Norb. Allg. Ztg." beschäftigt stch in ihrem Leit ortilel mit dem Artikel ber Schlesischen Volkszeitung, in welchem bieses ultramontane Blatt bem Papst bie Macht binbicirt, Könige unb Fürsten auch heute noch absetzen zu können, also ihm bk Universalherrschast nicht blo« ber Idee, sondern auch in Wirklichkeit nach zuspricht. Da« officiöse Blatt weist bk verkehrten und völlig revolutionären Deduktionen jene« Jesuitenblattes nach und kommt zu dem Resultat, daß e« bezeichnend für bie Hoffnungen unb Ziele ber ultramontanen Agitationen sei, nicht wie berartige Absurditäten formulirt würden, sondern daß derartige Deduc- tionen Überhaupt auf der Tagesordnung stehen. Es charak- terifire bie« am betulichsten bie Heuchelei, mit welcher sie bie Pflichten gegen Gott unb bk Obrigkeit intcrpellirten
Die Proklamation beS Königs Alson« hat in den maaßgebenben Kreisen der deutschen Regierung allgemeine ........... v„.lt „uW, wlc vtl ^einec
Befriedigung gefunben. Man sieht in derselben eine Ga-seins conftatirte, sich geweigert, ben JnsinnationS-Schein
Die Franzosen hatten überhaupt bloS bie beiben Worte: „nij und „caput" als Haupimittel der Verständigung mit den „Prusstens" ausersehen. „Nix Tobock, nix Cigarres" fand man an ben Läden angeschrieben. „Nix comprendS" (>ch begreife nichts) riefen Deutsche den Franzosen zu und umgekehrt Mit bem Worte „caput" bie französische Sprache bereichert zu haben, ist ein Verbienst der deutschen Soldaten. Seltsamer Weise hielten sie diesen Ausdruck sur einen ächt französischen und wandten ihn daher zuerst an, um sich im Feindesland verständlich zu machen.
^Also Annetie caput 1" . . . wiederholte kopfschüttelnd ber Bursche, bem tiefe kurze unb bündige Nachricht doch sehr zu Herzen ging, ohne baß er sie recht begreifen konnte. Er schüttelte dabei bk Alte etwas unsanft an an., aef.ta gn.h' l b.cr Schuller und sie murmelte mit unterbrütftem Zorn .öiege^t« es Wlabe- «o leife« sacre Prussien!" (verdammter Preuße). Die . . I betrübende Nachricht in Betreff Annettens hatte übrigens wiederholte die Alte jetzt mit einem!ben Marketender so sehr eingenommen, daß er es aam .?-ik anndt.l-p.-g.e, bi,«» äb« !.igratuÄ«,,