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1fr. 295.

Marburg, Donnerstag, den 17. December.

18741.

Anzeigen nimmt entgegen: *te Lxvedition d. Blatte-, sowie die Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Raffel unb Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M-; Haasenstein & Bögler in Frankfutt a. M., Berlin, Leip» jtg. Cöln re.; Rudolf Moss« in Berlin, Frankfurt a. M. re.

WcrheUchr Jritung.

Anzeigen nimmt entgegen: die (Krpebttiox d Blattes, sowie bie Annoncen-Bureaux von @. L. Daube & Co. in Frankfutt a. M.: Iäger'sche Buchhanblung in Frankfutt a. M.; Jnvalibenbank, A- Rete» me^er in Berlin; Carl Schüß- ler m Hannover; E. Schlotte in Bremen-

fcfdjemt täglich außer den Werktagen nach Sonn» und Feiertagen. PrelS für das Quartal durch bte Expedition («och'fche Buchbruckerei) bezogen 334 Egr., durch die Postämter deS deutschen Reiches 35 @gr. (excl. Bestellgebühr). Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Egr. Für in der Expedition zu erthellen^e

Auskunft und Annahme von Adressen werden 24 Egr. berechnet.

Tagesbericht.

Der Justizausschuß des BundeSratheS hat sich nunmehr in vier Sitzungen mit dem Civilehegesetz Entwurf beschäftigt Den Dorsitz führte UnlerstaatSsekretair Dr. Friedberg. ES wird, derN. Zig." zufolge, zum Abschluß der Ausschuß arbeit höchsten- noch eine Sitzung erforderlich sein und alsdann unverzüglich an das Plenum berichtet werden können. Der Entwurf wird einige 70 Paragraphen um« faßen und sich in den meisten Bestimmungen an die früheren ReichStagSbeschlüsie anlehnen, so daß die Berathung im Reichstage von vornherein wesentlich vereinfacht sein wird. Bestimmungen über die Ehescheidung kommen nicht in den Entwurf, diese werden zwar lediglich an die bürgerlichen Gerichte verwiesen, jedoch hier nach dem Landesgesetz zum AuStrag gebracht werden, dagegen werden Bestimmungen über die Ehehrnderniffe in daS Gesetz ausgenommen und nach chkeser Richtung soll einheitliche- Recht geschaffen werden.

Der Abg. Dr. Tellkampf hat folgenden Antrag einge­bracht : Der Reichstag wolle beschließen: den Herrn Reichs­kanzler aufzufordern, in Gemäßheit beS Artikels 4 Nr. 13 der Reich-Verfassung den Entwurf eines Gefängnißgesetzes, betreffend die zu regelnde Strafvollstreckung und die Re­form de- GefängnißwesenS, dem Reichstage baldthunlichst vorlegen zu taffen.

Der deutsche Deterinärrath^ hat eine Resolution be- schloffen, welche sich auf die Nothwendigkeit einer Reform des ärztlichen Unterrichts- und PrüfungS- wesenS bezieht und dem Reichskanzleramt überreicht. Im laNdwitthschaftlichen Ministerium ist dieselbe bereits in Erwägung gezogen und einer Kommission zur Begut­achtung übergeben worden. Die Resolution lautet:I. der deutsche Veterinärrath erklärt: 1. die in der Verordnung de« norddeutschen Bundeskanzleramtes am 25. September 1869 gegebenen Vorschriften über die Prüfung der Thier­ärzte genügen nicht, einen wissenschaftlich gebildeten und praktisch tüchtigen thierärztlichen Stand, wie er zum Voll zug eine- geordneten Reichs- und Lande« Vcterinärwesens erforderlich ist, zu erzielen; 2. eine Reform der PrüfungS- botfdjrlften und deS thierärztlichen Unterrichts ist daher ein dringendes Bedürfniß und es ist hierbei zu erstreben: a eint höhere humanistische Vorbildung für bie Zulassung zum thierärztlichen Studium; b. eine längere Studienzeit; c eine gründliche fachwiffenfchaftliche Ausbildung mit be­sonderer Berücksichtigung der Naturwissenschaften; d bie Vornahme der thierärztlichen Approbalions - Prüfung auf der vollständigen Erledigung der Fachstudien. II. Der ständige Ausschuß deS deutschen Veterinärrathes wird be­auftragt, dem Fürsten-ReichSkanzler vorstehende Resolution in einer motiöirten Eingabe mit der Bitte vorzulegen, eine Revision der Prüfungsvorschriften für die deutschen Thier

ärzte baldigst veranlaffen zu wollen." ES ist hierbei zu bemerken, daß daS Veterinärwesen eine allgemein deutsche Geltung hat, weshalb die vorstehende Resolution auch dem Reichskanzleramte überreicht worden ist.

Deutsche» «eich.

Berlin, 15. Dec. Wie ein rother Faden zieht sich durch die neuere Geschichte Preußens die wunderbare Thatsache hindurch, daß seine Interessen, daß die Ent­schließungen und Handlungen der Regierung in der großen politischen Entwickelung regelmäßig durch die Feinde selbst theilS veranlaßt, theils gefördert und herbeigeführt, oft mit aller Gewalt erzwungen und durch die bösen Absichten der Gegner in Erfolge verwandelt worden sind. Dieselbe Erfahrungen bringt auch der Prozeß Arnim. Ehe noch der Urtheilsspruch gefällt ist, und wenn als mittelbare Wirkung aber doch offenbar ganz unabhängig von dem Wollen und Thun des Fürsten Bismarck hat die erzwun­gene der aus den Prozeß bezüglichen diplomatischen Gorte- spondcnz und Aktenstücke dem leitenden Staatsmann einen großartigen Triumph bereitet, vor welchem seine Gegner beschämt und bestürzt die Waffen senken. Die Presse deS Zn- und Auslandes drückt allgemein ihr Erstaunen und ihre Bewunderung aus, daß ein Heer geschicktester und ergebenster Federn die Großartigkeit, die Ehrlichkeit und Achtungswürdigkeit der Preußischen Politik dieses Decen- niums nicht in so Helles günstiges Licht hätte stellen können, als es die aufgedrungene Veröffentlichung in den Gerichts­verhandlungen gethan hat. Der Verleumdung und Ver­dächtigung ist mit einem Schlag die Spitze abgebrochen und das niedrige schmutzige Handwerk gründlich gelegt worden. Aus jeder Kundgebung, auch der vertraulichsten, leuchtet immer und immer wieder als leuchtender Gmnd und höchstes Ziel die Wohlfahrt des Vaterlandes hervor, welchem jeder Gedanke und jeder Wunsch des Staatsmannes diente. Die Zurückberufung der deutschen Flotte aus den Spanischen Gewäffem bestätigt sich. Landrath Rothe ist als Hülfsarbeiter ins landwirthschaftliche Ministerium berufen worden. Die deutsche Gefandschast in Pari- wird jetzt durch die Noth deutscher Arbeiter in hohem Grade belästigt, da die Arbeitslosigkeit selbstverständlich in erster Reihe die gehaßten Deutschen trifft, welche, allen War­nungen zum Trotz, sich in Menge nach Paris gewendet halten.

Wiesbaden, 14. Dez. Die von hier aus angeregte Idee, vor Zusammentritt des Landtags eine LandeSver- sammlung zu berufen, um der Stimmung des Landes über die beabsichtigte neue Gemeindegejetzgebung einen unmittel­baren Ausdruck zu verschaffen, hat allerwärtS Anklang ge» funden. Auch aus den vormals homburgischen Theilen des Regierungsbezirks sind zustimmende Erklärungen ein

gelaufen. Nicht weniger hofft man auf eine zahlreiche Beiheiligung auS dem vormals darmstädtifchen Gebiet. Wahrscheinlich wird die Versammlung Sonntag den 3. Januar d. I. zu Lahnstein statthaben. Es wäre ein Jrr- thum, annehmen zu wollen, daß auf dieser Versammlung eine principielle Opposition gegen die Pläne der Regierung organistrt werde» soll. Nichts liegt ferner. Man ist all­seitig von der redlichen Absicht der Regierung überzeugt, welche sich sonst gewiß nicht veranlaßt gefunden hätte, durch die vor einiger Zeit berufenen Vertrauensmänner die Wünsche der Bevölkerung entgegen zu nehmen. Eben­sowenig wird man außer Auge lassen, daß die veröffent­lichten Gesetzentwürfe sich noch in dem Stadium der Vor- berathung befunden haben und vor ihrer Feststellung auf Grund der mit den Vertrauensmännern gepflogenen Be- ralhungen noch erhebliche Aenderungen erfahren werden. Auf der anderen Seite ist es aber namentlich für unsere Abgeordneten von dem höchsten Jnterefle, die Meinung der Bevölkerung in den eigentlichen principielle» Fragen kennen zu lernen und sich für ihr Verhalten in dem Landtag einen Rückhalt in ihren Wählern zu sichern. Auch der Regierung kann bei ihren redlichen Absichten eine solche unmittelbare Aeußerung der Bevölkerung nur erwünscht sein. Daß auf dieser Versammlung MeinungSdifferenzen in einzelnen Fragen zu Tage treten werden, ist zu erwar­ten. Dagegen darf aber auch bei dem schon jetzt allseitig bekundeten Willen, den Zweck der Versammlung zu er­reichen, darauf gerechnet werden, daß nicht die persönliche Anschauung, sondern da« Bedürfniß und die Wohlfahrt des Ganzen die Richtschnur des Einzelnen fein und zur Erzielung eines einmüthigen Beschluffes Jeder, wenn er- forderlich, auch sich unterzuordnen wiffen wird. Diese Hoffnung erscheint um so berechtigter, al« selbstredend nur ein möglichst einmüthig gefaßter Beschluß überhaupt eine Bedeutung hat und Berücksichtigung nach Oben finden wird.

Diez, 12. December. Zum Geschäft der klerikalen Presse gehört eS auch, ihr gläubiges Publikum fortwährend n der Meinung zu erhalten, der Krieg stehe nahe bevor. So druckt daSMzr. Journal" demBayr. Vaterland" olgenden Unsinn nach:Hierselbst, in der ehemals so ge« -flueten Stadt Diez, die aber seit 1866, «0 sie preußisch werden mußle, in allen Geschäften entsetzlich gesunken ist, bestehen auch mehrere Lederfabriken, die nur für« Militär arbeiten. Die große Fabrik der Gebrüder Mayer konnte, trotzdem sie Hunderte von Arbeitern beschäftigt, bet den kurzen, von der Militärbehörde gesetzten Terminen den un­geheuren Bedarf nicht liefern. Die Fabrik ist nun voll­ständig zur Kaserne geworden, denn sämmtliche Gerber, welche in dem hier garnisonirenden 29. Rheinischen In­fanterieregiment dienen, sind seit 8 Tagen den Gebrüdern

ReneS Lebe«.

Novelle von Max Alt (31. Mödinger und Sophie Verena). (Fortsetzung.)

Wie sie da- gemeint, fee zwar von ihr, Dina, nicht verstanden, doch habe sie sich immer wieder beschwichtigen lassen und den Tag nahe geträumt, da sie die Mutter zu sich in da« glänzende Leben holen werde. Und wie dann bet Abend genaht, an dem sie zuerst habe die Bühne be­treten sollen und sie da« Costüm gesehen, da« man ihr bestimmt, da habe sie e« zerrissen in heißer Empörung unb geschworen, nie einen Fuß auf die Bretter zu setzen, sei es um solchen Preis. Und da habe jenes Mädchen sie «tsgelacht und sie mehr als einfältig genannt; und am 8benb, al« sie in einem Concerte gewesen mit anderen jun­gen Damen und den Herren, welche diese immer begleiteten hätte die Versucherin diesen tollen Streich, wie sie eS ge Rannt, erzählt, und Alle hätten sich ausschütten wollen vor Lachen; nur Einer habe nicht mitgelacht, sondern gesagt: -Fräulein, da- war recht und brav von Ihnen 1" Und biefer sei auch der Einzige gewesen, der ihr der Beachtung werth geschienen, ein Gcntlemann durch und durch, und tt habe sich fortan zu ihrem Beschützer aufgeworfen und ihr gesagt, man könne auch auf andere Weise auf die Bühne kommen, wenn man fleißig lerne und ftubire und sie wür­dig mache der heiligen Kunst. Er wolle ihr dazu verhelfen wolle ihr gute Lehrmeister schaffen, sie möge ihn als ihren Freund, ihren Bruder betrachten; und ob sie auch Anfangs Bch gesträubt, sein Anerbieten anzunehmen, habe sic doch ®lb nicht mehr gewußt, wovon sie leben solle, weil jenes Mädchen in glühender Eifersucht ihre Feindin geworden, 8°b zuletzt sei sie gezwungen gewesen, sich seinem Schutze Auvertrauen, der ihr so zart, so rücksichtsvoll geboten sei.

habe ihr gesagt, er handle nur als Kunstmäcen, später fcftbt sie ihm wiedererstatten, wa« er ihr jetzt als kleines

Darlehen reiche. In jener stillen Wohnung habe sie nun gelernt und studirt, aber zuweilen auch in Concerten und Theatern die Freuden des Lebens genoffen; eS sei ihr wie ein schöner Traum gewesen, auS dem sie dann wieder die Reue und Sehnsucht nach der Mutter emporgeschrcckl, und als sie beschlossen, heimzukehren, weil ihr Gewiffen, nicht mehr beschwichtigt durch der Versucherin lockende Reden, zu laut gesprochen, da habe jene« Mädchen ihr beim Abschied gesagt:Es sei zu spät, zu spät, die Mutter sei tobt , während sie herrlich und in Freuden gelebt, sei jene ge­

storben ; vor Kummer gestorben I"

Da sei daS ganze Leben plötzlich verwanbelt gewesen, daS Wortzu spät" habe sie angeftarrt von allen Wänden. Ein Brief, be» sie an bie Mutter geschrieben, weil sies immer noch nicht für möglich gehalten, baß so Schreckliches geschehen, sei zurückgekommen mit bem Bemerken darauf: Adressatin verstorben", wenigstens habe ste damals tge- glaubt, baß das von ihrer zitternden Hand halb zerrissene Couvert daS Wortberftorben" getragen, jetzt meinte ste, daS zerstückelte Wort müsse wohlverzogen" gelautet haben.

Run sei bie Verzweiflung über ihrem Haupte zusam- mengeschlagen, sie habe sich al« Mörderin ihrer Mutter bettachtet, Alle«, Alle« sei ihr gleichgiltig gewesen, der Wunsch zur Bühne zu gehen, sei ganz erloschen, ja ste habe' sich mit Schauder davon abgewandt, denn er sei e« doch gewesen, der sie vom Heimathsheerde gelockt, die Ursache mm Tode der Mutter geworden.

Als er sie so in ihrem Jammer gesehen, so aller Freude, jeder Hoffnung abgestorben, ba habe er zum ersten Male von seiner Siebe gesprochen, und wie diese ihr fortan daS Leben licht machen, ihr Vater, Mutter, Alle« ersetzen solle. Und sie habe gelauscht unb gelauscht ben Himmel« klängen aber ein Wort habe gefehlt, ba6 allein solchem

Wonnelied erst Werth verleihe, und da es gefehlt, habe sie gefühlt, daß sie fliehen müsse, fliehen an einen stillen, Ort, um dort sich und ihren Gram zu Cerbergen, um, wenn Gott Erbarmen hätte, zu sterben, denn sie sei leben«, müde gewesen. Sie habe nicht gewußt wohin, wohl habe e« sie zurückgezogen zu jenen alten Leuten in dem Bücher» laden, aber so gebrochen heimzukehren, ste, die in ihrem Trotz unb Jugendü ermuth den Gespielinnen stets ver­sichert:Aus ihr werde etwa« Große«, eine Künstlerin, eine vornehme Dame, wohl gar eine Prinzessin", nun so geknickt zurückzukommen, da« sei ihr geradezu unmöglich gewesen. Doch fliehen habe sie müssen, der Boden habe ihr unter den Füßen gebranntda erschienen Sie als mein Retter und Beschützer," fuhr Dina zu Warrstädt gewendet fort, und brachten mich zu meiner Mutter unb nun ist Alles gut muß gut fein soll gut feint*

Da» junge Mädchen richtete sich mit einer energischen Bewegung bei dem Letzten:Soll gut sein!" empor. Der Zug deS Stolze«, be« Gebieten«, der neben dem holden Zauber weicher Jugendschöne hervottrat und in bem bei aller Aehnlichkeit in den Zügen und Formen doch wieder die Verschiedenheit mit ihrer Mutter lag, drückte sich stär- ker au«. Man sah in dem jungen Mädchen Kraft und Muth, mit dem eigenen Herzen zu ringen, vielleicht auch konnte ste sterben auS Schmerz und Liede, doch nicht lebend darin untergehen, und wenn sie sterben mußte, so geschah e« schweigend.

»Dina, welches war da- eine Wort, da« dem Zauber- liebe fehlte, weshalb mußten Sie fliehen?" fragte Warr­städt ernst.

Sie wandte sich ab, leise erröthend. Er folgte ihr, seine Augen fragten noch einmal die Frage, gebietend, Aut» wort erheischend.

Gattin!"