Mr. 291.
Marburg, Sonnabend, den 12. December.
1874.
Anzeigen nimmt entgegen: »re ®n>ebitien d. Blattes, sowie bie Lnnvncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Aasiel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M-; Haasenstein & Bögler in Krankfutt a. M., Berlin, Leiv- iig 66ln ic.; Rudolf Moss« in Berlin, Frankfutt a- M. ic.
OberhtMe Inlung.
Anzeigen nimmt entgegen: die Cxpebttten d. Blattes, sowie die Annoncen-Bureaux von G- L- Daube & Co. in Frankfurt a. M.; Jäger'sche Buchhandlung in Frankfurt ir. M-; Jnvalidendank, A. Rete- meyer in Berlin; Carl Schüß- lrr in Hannover; 6. Schlotte in Bremen.
Erscheint ttalich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiettagen. Preis für das Quartal durch die Expedition («och'sche Buchdruckerei) bezogen 224 68t., durch die Postämter des deutschen Reiches 25 6gr. (excl. Bestellgebühr). — JnsertionSgebühr für die gespaltene Zelle 1 Sgr. — Für in der Expedition zu erthellendr
Auskunft und Annahme von Adressen werden Sgr- berechnet.
Tagesbericht.
Das Errigmß des TageS ist der Prozeß Arnim. Die Anklageschrift, wir die Verhandlungen finden beim Stra- ßenverkaus reißenden Absatz. In Berlin ist man geneigt, an rin hohe- Strafmaß zu glauben, eS sind Wetten auf eine Verurtheilung zu einem Jahr in erster Instanz gemacht worden. Das böse Wetter hatte die großen Ansammlungen vor dem GerichtSlokal verhindert. Jntereflant ist eS aber, daß trotz der enormen Schwierigkeit, Zuschauerplätze zü erhalten, vor dem Criminalgerichte Karten für drn Zuschauerraum von Billethändlern zu 100 Mark (33 Thlr. 10) angeboten und verkauft wurden.
Das StaatSministeriüm hat vor längerer Zeit au» Anlaß eines besonderen Falles alle seine Beamten angewiesen, über amtlich zu ihrer Kenntniß gekommene Angelegenheiten aus ihrem Ressort auch vor dem Gericht jede Auskunft zu verweigern. In Befolgung dieser Bestimmung hat der Geh. LeganonSrath Argidi in der Untersuchungssache wider Gustav Rasch jede Auskunft vor Gericht verweigert.
Beim Reichstage wird um gesetzliche Regelung des einjährigen FreiwilligenriensteS petitionirt. Wie die „Voff. Zeitung" erfährt, ist im Kriegsministerium eine Vorlage in der Ausarbeitung begriffen, welche den Zweck hat, die Bedingungen, unter welchen die auf bloßen Verordnungen beruhend^ Berechtigung zum Dienste als Einjährig Freiwilliger in der Armee erworben wird, im Wege de« Gesetzes zu regeln.
Ucber die Ar eiten der Kommistonen, welche auf Wunsch deS Minister« Dr. Friedenthal das Landes Oekonomie- «ollegium au« seinen Mitgliedern zusammen gesetzt hat, liegen jetzt Berichte vor. Die Kommission über Agrargesetzgebung hat sich mit der Ausdehnung des Gesetzes, betreffend die Ertheilung von UnschädlichkeitSattesten bei Abtrennung kleiner Grundstücke, auf die neuen Provinzen beschäftigt. Sie hat allseitig anerkannt, daß diese Maßregel zur Erleichterung bei Arrondirungen, Austauschen und Zusammenlegungen sehr vortheilhast ist, soweit nicht die Hypotheken-Gesetzgebung, z. B. in der Rheinprovinz, entgegensteht. — Die Kommission über die Arbeiter-Gesetzgebung hat den vorgelegten Gesetzentwurf, über dcffen Inhalt von uns schon früher Mittheilung gemacht worden ist, durchberatheu. Die Hauptpunkte, nämlich Schließung des Kontrakte», schnelle vorläufige Entscheidung in Zwistigkeiten , wurden angenommen. Im Uebrigen aber wurden die Bestimmungen deS Gesetzentwurfes vielfach so amendirt, daß eine nochmalige Umarbeitung deffelben zweckmäßig erscheint. — Die Veterinär-Kommission stimmte dem Entwurse einer Seuchenordnung, wie er nach den Berathungen der jüngst im landwirthschaftlichen Ministerium versammelten thierärztlichen Kommission umgearbeitet war, im Allgemeinen bei und wünschte nur eine Ausdehnung der EntschädigunS-
pfiichten deS Staates. Viele Stimmen sprachen sich auch entschieden für die Zwangsimpfung bei der Lungenseuche aus. — Die Wegebau - Kommission beschäftigte sich eingehend mit den Grundprinzipien, welche der im Handelsministerium ausgearbeiteten neuen Wegebauordnung zu Grunde liegen, und suchte eine bessere Würdigung der ländlichen Verhältnisse und die Möglichkeit deS Ergreifens schärferer Maßregeln zur Erzwingung des Baues und der Erhaltung befferer Wege in das Gesetz, welches übrigens als ein großer Fortschritt anerkannt wurde, hinein zu amendiren.
Auf das Rundschreiben der Schweiz wegen eines europäischen Eisenbahn-CongreffeS haben, wie die „Post" mit- lheilt, sowohl Oesterreich als Deutschland zuerst zustimmend geantwortet, ihnen sind Italien und Belgien jetzt gefolgt. Frankreich ist in Pourparler- mit der eidgenössischen Regierung getreten, die ebenfalls günstig ausgefallen fein sollen. ___________
Deutsches Reich.
Berlin, 10. Dez. Gestern Nachmittag gegen 5 Uhr ist auf dem Telegraphen-Apparat der hiesigen Sternwarte folgende Depesche von der deutschen Expedition in JSpahan zur Beobachtung deS VorüdergangS der Venus vor der Sonne eingegangen: Unter sehr ungünstigen Witterungs Verhältnissen heut neunzehn brauchbare photographische Auf nahmen gewonnen. Kontaktbcobachtung durch Wolken wesentlich gehindert. Hiernach ist in JSpahan trotz erschwe reuder Verhältnisse ein genügendes Resultat erreicht worden, da neunzehn photographische Aufnahmen eine hinreichend sichere Grundlage für die Messungen bieten werden. — Ferner liegen folgende telegraphische Meldungen von den Stationen der ausländischen Expeditionen vor:
Jassy, 9 Dez. DaS Ende des VenuSdurchgangS ist hier durch Weiß und Oppolzer mit Erfolg beobachtet. Beim Anfang war starker Nebel.
Kopenhagen, 10. Dezbr. Aus Wladiwostock wird durch die „Große Nordische Telegraphengesellschaft" vom gestrigen Tage hierher gemeldet, daß die dort angestellten Beobachtungen deS VenuSdurchgangS wegen trüben nebligen Wetters wenig erfolgreich gewesen. Doch gelang eS dem Profeflor Hall (Amerikaner) eine Anzahl photographischer Ausnahmen herzustellen.
London, 9. Dez. DaS „Reuter'sche Bureau" melde', daß die Beobachtung deS VenuSdurchgangS durch den Führer der englischen Expedition nach Ostindien, Oberst Tennant, glücklich von Statten gegangen ist. Es gelang, eine große Anzahl photographischer Aufnahmen herzustellen.
London. Dem „Reuter'fchrn Bureau" wird auS Suez und Kairo gemeldet, daß die dort mit Hülfe des Teleskops und de« Mikiomet rS angestellten Beobachiungen
deS VenuSdurchgangeS von Erfolg begleitet gewesen sind. — Außerdem wurden in Theben photographische Aufnahmen gemacht, die außerordentlich gut gelungen sind.
Kalkutta, 9. Dez. Die hier angcstellten Beobachtungen deS VenuSdurchgangeS sind vollständig gelungen. Der Eintritt des CentrumS erfolgte um 7 Uhr 56 Min., der Austritt fand um 12 Uhr 13 Minuten statt. — In Madras konnten wegm bewölkten Himmels nur sehr ungenügende Beobachtungen gemacht werden. — In Kur- raschee erfolgte die erste Berührung der äußeren Ränder noch vor Sonnenaufgang um 6 Uhr 10 Min. 26 Sek., der erste Kontakt des inneren Sonnenrandes durch die Venus wurde um 6 Uhr 47 Minuten beobachtet, als die Sonne sich ungefähr zum fünften oder vierten Theil ihres Durchmessers über dem Horizont befand. Die zweite Berührung des inneren Sonnenrandes beim AuSttitt der Venus fand gegen 10 Uhr 35 Minuten statt. Die letzte Berührung der äußeren Ränder erfolgte gegen 11 Uhr 3 Minuten. Die Venus hatte zu diesem Zeitpunkte ihre höchste Elevation fast erreicht.
Posen, 10. Dec. Der Dekan PonkowSki ist auf Verfügung des KreiSgerichtS zu Kempen wegen Verweigerung der Zeugenaussage jüber den apostolischen Delegaten verhaftet worden.
Au- Bade«, 9. Dec. Wie dem „B. Beobachter" auS Freiburg berichtet wird, hatte in den Räumen deS ehemaligen Knadensewinars der Superior der barmherzigen Schwestern einen Kosttisch für junge Studenten errichtet. Aus einmal habe ihm der Polizei Commissär eine Weisung von höherer Stelle gebracht, wonach der Kosttisch innerhalb sechs Tagen aufzuheben sei. Der Superior habe wegen dieses Bescheides Recur« an das Staatsministerium ergriffen. — Demselben Blatte schreibt man auS Heidelberg vom 9. d.: „Wir erfahren, daß die theologische Fakultät Herrn Dr. Sevin die venia legendi entzogen hat. Dieser Beschluß erregt großes Aussehen."
Breslau, 10. Dec. Der „Schlesischen VolkSztg." zufolge wurde gestern in Brieg verurtheilt: der Caplan Mende wegen einer unbefugten Amtshandlung zu 45, von Schalfcha wegen Anstiftung des Vergehens zu 75 Thlrn. Geldbuße.
Ausland.
Wie«, 9. Dec. Unsere Blätter haben sich, wie Ihnen bekannt, in der rücksichtslosesten Weise über die preußische Justiz bei Gelegenheit deS Prozeffes Arnim geäußert, und es war erstaunlich, mit welchem Eifer man vor der fremden Thüre kehrte. Vor der eigenen Thüre thut man nun freilich gar säuberlich und rührt sich auch nicht im Entferntesten, mag da vorgehen, was da will. Eine ganz skandalöse Justizwiükür spielte in letzter Zeit in Prag und um die Person des vielgenannten ehemaligen
____________________________________________________________________________________. --- Neues Lebe».
Novelle von Max Alt (A. Mödinger und Sophie Verena) (Fortsetzung.)
Die Gesellschaft ist klein aber gewählt. — Die Tafeln sind gedeckt und in den großen sammtenen Fauteuils ruhen mehr ober minder schlanke Gestalten in seidenen Gewändern und vielfarbigen chauve-aonris, — Alle damit beschäftigt, sich Kühlung zuzufächeln; denn auS dem überfüllten Saal strömt die Hitze so stark empor, daß sie zuweilen die schweren Drapirungen der Gardinen leicht bewegt. — Die Unterhaltung ist trotzdem im lebhaftesten Gange; Neuigkeiten auS der vornehmen Welt werden von den jungen Damen halb erzählt, halb erlauscht und daS bunte Gemisch im Saal giebt ausdauernden Stoff zu einer eingehenden und meist unbarmherzigen Kritik.
Die Gäste werden mit großer Zuvorkommenkeit empfangen, und besonders die schönere Hälfte der Gesellschaft kommt ihnen mit um so ungeheuchelterer Freude entgegen, als der LegationSrath ohne Säumen an die Ausführung feiner Drohung geht und eine überraschende, fast blendende Liebenswürdigkeit entfaltet. Er sagt den jungen Mädchen die artigsten, verbindlichsten Sachen und erzählt ihnen so wunderbare Geschichten, daß eS bald in ihren Köpfen zu schwirren anfängt, und ihr muntere« Lachen ununterbrochen ertönt. — Das ernste und reservirte Wesen Warrstädt's erscheint dem gegenüber nur um so anziehender, denn er hat anfangs, fast unbemerkt, jede der anwesenden Damen mit prüfendem Blick gemustert und ist bald zu dem Schluß gekommen, daß die, welche er sucht, nicht unter ihnen ist. Sie sind Alle älter, als sie sein kann, und Aller Wesen t hat etwa«, was er bei ihr nicht zu finden wünschen würde.
Er athmet erleichtett auf, daß er ihre Spur hier nicht gefunden, und mischt sich eine Zeit lang frei und unge | zvgkfwungen in das Gespräch. Aber nur zu bald wird eS ihm
klar, daß diese tolle Ausgelassenheit, welche die Castro wachruft, seiner mneiften Stimmung nicht entspricht, und er zeigt Lust, den Heimweg anzulreten. Wunderbar angenehm berührt es ihn, als der Lieutenant v. Königsheim um die Erlaubniß bittet, ihn begleiten zu dürfen, während dieser Einschluß bei den Damen die offenste Mißstimmung her» vorruft. „Jetzt schon zu gehen, wo das Fest eben beginnt."
„UnS zu verlaffen, ohne einmal mit mir getanzt zu haben!" —
„Der Treulose, eS ist schändlich!"
So schwirrte eS durcheinander. — Nur ein zartes schlankes Mädchen, beffen elfenartige Figur ihre Zugehörigkeit zu den Jüngern Terpsichores deutlich zeigte, sagte anfangs nichts, und erst, als der Sturm sich gelegt hat, fügte sie bitter, mit zuckender Lippe hinzu:
„Laßt ihn gehen, — eS ist bester so, — er ist krank."
„8Bie," rief de Castro neugierig dazwischen, „Königs- heim krank? und ich weiß nichts davon?"
„Weil Sie ein Mann sind," erwiderte die Sängerin, sonst würden Sie längst bemerkt haben, daß unser armer Freund schwer, — schwer leidet?"
„Aber woran? woran?"
„Nun, — wenn Sie es zu wtsten verlangen," sagte bei Anklägerin bittet, an einer — zurückgetretenen Liebe!"
„Ah bah!" warf de Castro ungläubig ein, während Königsheim mit einem leichten Errölhen sagte: Möchten Sie sich nicht meiner Heilung unterziehen. Fiorina?"
Sie zuckte saft verächtlich mit den feinen Schultern und sagte mit bebender Stimme: „Ich konkurrier nicht mit unbekannten Personen, von denen Niemand weiß, wer fie sind, und woher sie kommen, und wenn sie auch noch blonder wären, als jenes junge Mädchen es ist!" — Und sie schüttelte bei diesen Worten ihre schwarzen glänzenden Locken,
daß sie wie Hunderte von Schlangen sich ringelnd durch- eiaanderfuhren.
Ter junge Offizier war jetzt heftig erröthet und eine dunkle Ader erschirn jetzt plötzlich auf seiner Stirn. In dieser Erregung sagte er schnell und scharf: „AL! Mademoiselle ipionir n? So mag sie mir erlauben zu bemerken, daß eS keine schlechte Empfehlung ist, selbst für blonde Mädchen, wenn Niemand, — Niemand sie kennt! — Und nun — bon soir lä! Herr Baron, ich bin zu Ihrer Verfügung!"
Schweigend gingen die beiden Männer durch den Thiergarten dem Brandenburger Thor zu; der Baron erwartete keine Erklärung, und fein Begleiter mußte ein Gefühl davon haben, denn er gab keine. Als sie zu sprechen begannen, waren eS miliiärische Angelegenheiten, über welche sie ihre Meinungen auStauschten, und es setzte den älteren Offizier nicht wenig in Erstaunen, als er von dem jungen Kollegen hörte, daß ihm nach den Aufregungen deS Feldzüge« das Garnison- und Paradeleben anfinge außerordentlich scheel zu erscheinen.
Von den Linden abbiezend, waren sie in eine stillere Seitenstraße gekommen, wie eigentlich, war dem Baron Warrstädt kaum klar, jedenfalls war er seinem Begleiter gefolgt. In der Nähe eines einfachen Hauses, daS fast dunkel dalag und nur noch einige erleuchtete Fenster zeigte, fing der junge Mann an, seine Schritte zu hemmen, eine Art Zerstreutheit hatte sich seiner bemächtigt, und indem er nach den matterleuchteten Fenstem blickte, entstieg ein leiser Seufzer seiner Brust, ein Seufzer, für den Warr- städt ihn hätte umarmen und segnen mögen. Ein Herz, daS so zu seufzen vermochte, konnte nicht glücklich, nicht befriedigt in seiner Liebe sein.
„Ich glaube, ich bin von meinem Wege abgekommen," sagte Warrstädt endlich, doch nicht eher, bis er sich das