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Ur 290,

Marburg, Freüag, den 11. December.

1874,

) Anzeigen nimmt entgegen: li# Exveditien d. Blatte», jotnie die Annoncen-Bureaux oen Th. Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M.; Kaasenstei» & Vogler in Krankfutt a. M., Berlin, Leiv- ,ig, Cöln rc.; Rudolf M-ffe , in Berlin, Frankfurt a. M. rc.

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Anzeigen nimmt entgegen: die Expedittou d. Blatte», sowie Die Annoncen-Bureaux von G. L. Daube & Co. in Frankfutt a. M.; Jägettsche Buchhandlung in Frankfutt a. M.; Jnvalidendank, A. Rete- rneyer in Berlin; Carl Schüß- ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen-

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j., Tagesbericht.

In Bezug auf die Eröffnungen, welche der Reichs­kanzler vor Kurzem im Reichstage in seiner Rede über die klerikalen Umtriebe in Beziehungen auf den deutsch franzö »schen Krieg machte, möchten wir noch ganz besonder» aus den Antheil, den die Kaiserin Eugenie an dem Ausbruch de» Kriege« genommen hat, und daß sie zu wiederholten Malen erklärt hat, daß die«ihr Krieg" sei, aufmerksam machen. ES ist hinlänglich bekannt, daß Napoleon III. nut mit Widerstreben dem Drängen der Kaiserin Eugenie und der KriegSpartei nachgegeben hat, daß aber diese un­aufhörlich von den Jesuiten beeinflußt gewesen sei, um den Krieg zu Stande zu bringen und daß diese wieder im Interesse der deutschfeindlichen Pläne der Curie handelten.

Die Commission für den LandeShaushaltS-Etat für Elsaß-Lothringen hat beschlossen, die Besserstellung der Justizbeamten anzuregen, die Petition des Elsaß Lothringer Notariat» wegen Abschaffung der EnregistrementS abzuleh neu und den Reichskanzler aufzufordern, eine anderweitc Vergütung der Erhebungskosten jür Zölle und VerbrauchS- stmern herbeizusühren.

In den Kreisen der lieberalen bayerischen Abgeordneten wird über bk Rothwendigkeit, jetzt auch dm bayerischen Gesandten beim Päpstlichen Stuhle zurückzuziehen delibrirt. Bayern ist der einzige dmtsche Staat, der noch einen Ge­sandtm bei der Cutte hält, nämlich den Grasen Tanskirch. Nachdem der Reichskanzler die feindlichen Umtriebe des Vatikan» gegen Dmtschland kürzlich nachgewiesen hat, halten jene Abgeordneten e» für unmöglich, daß Bayern allein noch fortgesetzt jenen GesandischastSposten aufrechterhält und sich dadurch gewissermaßen in Gegmsatz zu der Polittk des deutschen Reichskanzler« setzt. Von Seiten der ReichS- regierung wird freilich kein Zwang auf Bayern geübt werden, dagegen wollen die bayettschen Abgeordneten die Sache selber im bayrischen Landtage zur Sprache bringen und auf die Aufhebung der bayerische« Gesandtschaft beim päpstlichen Stuhle dringen.

ES verlautet, daß kn kürzer Frist noch eine Anzahl von anderen hochgestellten Beatmen au» ähnlichem Grunde wie der Oberpräsident von Schlesien, Herr von Nordenflycht, zur Disposition gestellt werden sollen.

Deutsche» «etch.

Berlin, 9. Dez. DieProv.-Korrespondenz" schreibt in ihrem heutigen ersten Artikel mit der UeberfchriftDer Abgeordnete Windthorst und daS Kijsinger Attentat":Die Wendung, welche dem Gange der Reichstagsverhandlungen in der Sitzung vom 4. Dezember durch den Abgeordneten Jörg gegeben worden ist, hat unS in die Julitage d. I. zurückversetzt. Unmittelbar nach dem frevelhaften Kissinger Attentat wurde in der ultramontanen Presse der Versuch

NrueS Lede».

Novelle von Max Alt (A. Mödinger und Sophie Verena). (Fottsetznng.)

Er war erfreut fast, als ein Bekannter ihn begrüßte, als käme dieser, um ihn von dem zauberhaften Bann zu befreien, der aus ihm lastete, und kttnen besseren hätte er sich zu diesem Zwecke selbst herbeiwünschen können, als der Zufall ihm smdtte. Der LegationSrath de Castro war wirklich ein so behaglicher Gesell, daß feiten mürrische Ge­sichter in ttner Gesellschaft weilten, in welche er sich mischte. Er war ein Altersgenosse von Warrstädt, ein paar Jahre noch diesem voran», und hatte den Dienst quittitt, um feine ganze Zeit feiner Lieblingsneigung wid­men zu können, die in den höheren Ständen auffallend betbreitet ist und die man Familienchronikomanie nennen möchte. Wer den LegationSrath de Castro zur Hand hatte, konnte sich die Mühe ersparen, in dem Gotha'schen Adelskalender zu blättern, um die weitverzweigten Glie­der einer alten Familie zu verfolgen. Da» wußte de Castro schon Alles auswendig, als er noch im Dienste war. Seit er diesen verlaflen, haben sich sttne Äenntmffe bedeu tend erweitert, und er kennt nun auch ganz genau die Familien der Gentry, welche aus jenen geheiligten Blättern «icht verzeichnet sind, er studirt die genealo-sifchen Ver­zweigungen in ben hervorragenben Geschlechtern der Robe nnb die Kreuzung großfinanziellen Blutes genau in feinem menemotechnifch geschulten Hirn zu registriren, ist bet Gipfel seiner Wünsche. Er muß vom Monde kommen, der Mann, der Herrn de Castro vorgestelll sein will, ohne daß dieser ganz gelasien zu ihm jagt:Wie befindet sich ihre Frau Tante, die Präsidentin? Bäckt sie noch immer die köstlichen Sultan-cakes?" Ober: »Schlägt sich Ihr Onkel, der General, immer noch mit frinem alten, unversöhnlichen Feinde, der Gicht herum?"

gemacht, die Schuld de» Verbrechers in der Weise abzu mindern, daß er zunächst al» das Opfer einer Politik er­schien, deren Leiter eigentlich die Last der Verantwortung für die gegen ihn gerichtete Thal zu tragen hätte. Da mals wurde die Theorie aufgestellt, daß gleichsam na­turgemäß der Eindruck der preußischen Kirchen-Politik in dem Kopfe des Kullmann sich zu dem Attentatverdichtet" habe. In der neulichen Reichstagssitzung, nachdem die erste Aufregung sich gelegt und der Mssethäter längst seine Strafe angetreten, hat nun der Abgeordnete Windthorst zu dieser Lehre, die alle Begriffe von Zurechnung und Straf­barkeit auf den Kopf stellt, sich öffentlich bekannt. Der­selbe sagte, laut dem stenographischen Bericht, über den Fall desunglücklichen" Kullmann Folgendes:Meine Herren, wenn die politischen und kirchlichen Streitigkeiten zu einem Siedepunkte gelangen, dann muß man sich nicht wundern, wenn hier und da unglückliche Menschen zu einem wahnsinnigen Unternehmen hingerissen werden. Das liegt eben an der unglücklichen Konstellation und diejenigen mögen es sich zuschreiben, welche diese Konstellation herbei» führen." Der Abgeordnete Windthorst sprach es also mit dürren Worten auS, bet Reichskanzlermüsse sich nicht wundern", wennhier und da unglückliche Menschen" zu demwahnsinnigen" Unternehmen, d. h. einem solchen, da» ihnen nicht zuzurechnen ist, hingerissen werden, ihm nach dem Leben zu trachten; vielmehr habe der Reichskanzler es sich zuzuschteiben, der diese Konstellation herbeigeführt. Danach wäre der Verbrechet im Grunde unschuldig, schul­dig aber der Staatsmann, gegen den Jener die Mord­waffe gerichtet, der Verbrecher nur das Opfer der Politik, das Verbrechen dem Leitet dieser Politik zuzuschreiben. Wir haben die Versuche zur Rechtfertigung der Mörder gekannt, welchen im 16. und 17. Jahrhundert die Jesuiten unbequemen Königen und Staatsmännern gegenüber Dolch oder Pistole in die Hand gedrückt: wir sind aber doch überrascht, derselben Logik, welche statt der Mißbilligung anschuldigt und rechtfertigt, in unfern Tagen und in Deutsch­land zu begegnen." Dasselbe Blatt schreibt ferner: Der Oberpräsident von Schlesien, Freiherr v. Nordenflycht, ist von dieser Stellung abberufen und mit Wartegeid in den einstweiligen Ruhestand versetzt. Zu seinem Nachfolger hat Se. Majestät den bisherigen Bezirks-Präsidenten von Lothringen, Grafen Adolph v. Arnim Boytzenburg, ernannt.

Darmstadt, 7. Dez. Gemäß einer vom Ministerium des Innern erlassenen Verordnung soll das neue Volk« schulgesctz in allen seinen Theilcn mit dem 1. Januar k. I. zur Einführung gelangen. Von da an hört die Wirk­samkeit der seitherigen KreiS-Schuleommisstonen auf, und beginnt die der neuen Commissionen, welche sofort nach ihrem Zusammentritt wegen definitiver Constituirung der neu angeordneten Schulvorstände da» Nöthige zu beschlie­

iz-t Er kannte Alles, der gute LegationSrath, Alles, was in dem Ameisenhaufen der Gesellschaft nur die geringste Bedeutung gewonnen hat, und Warrstädt war erfreut, ihn zu sehen, weit er Auskunft von ihm zu erhalten hoffte. Er schob seinen Arm unter den des Freundes, unv nach­dem sie ein Paar allgemeine auf den Abend bezügliche Redensarten ausgetauscht hatten, sagte Warrstädt, plötzlich stehen bleibend:Was wiffen Sie Über den Lieutenant v. Königsheim, Bester?"

Nun, ich hoffe etwa» wehr als alle Welt," er- »ieberte der LegationSrath befriedigt.

Wo stammt er her? Ich habe nie etwa» von dieser Familie gehört."

Briesadel, ganz junger BriefadeU" sagte de Castro achselzuckend.

Verdient?"

So und so, wie Sie wollen! Von Seiten des alten Kommerzienraths König gewiß, schon des­halb, weil er ihn nicht annehmen wollte, nachdem er da­hinter gekommen, daß seine Frau gewaltig dafür intrigukt hatte. Sie haben den stolzen alten Burschen lange be­arbeiten müssen, eh' er sich entschloß, ihn für sttne Kinder zu acceptiren."

Also reich?"

So ziemlich! etwa der achte Theil von ganz West­phalen!"

Oh!" sagte Warrstädt ungläubig.

Nun," erklätte der Legationsrath,Otto v. nigsheim, der besagte Herr ober, wenn Sie eS vorziehen, lange en question hat von Hause 6000 baS Jahr, ob­gleich er der jüngere von drei Brüdern ist, und nach dem, was ich höre, wird er wohl das Doppelte der Summe verbrauchen, wie wir e« ja Alle gemacht haben! Aber, wenn Sie Überhaupt Details haben wollen, Warrstädt,

ßen, insbesondere wegen Ernennung des Vorsitzenden dieser Vorstände Antrag bei dem Ministerium des Innern zu stellen haben. Nach definitiver Constituirung der neuen Schul-Vorstände und Ernennung der Vorsitzenden erlöscht die Thätigkeit der seitherigen Orts-Schulvorstände. Die Bestimmung des Volks-Schulgesetzes, wonach, wenn in einer Gemeinde eine Fortbildungsschule errichtet ist, die aus der Volksschule austretenden Knaben noch drei Jahre lang zum Besuche der Fortbildungsschule verpflichtet sind, ist vielfach so ausgelegt worden, als solle damit bestimmt werden, daß nur die erst nach dem Inkrafttreten des VolkS- fchulgesetzeS aus der Volksschule austretenden Knaben zum Besuche der Fortbildungsschule angehalten werden könnten, und namentlich hatte der ilbg. Heidenreich auf diese Auf­fassung einen Antrag gestützt, der eine Erweiterung jener Bestimmung bezweckte. Indessen hat die Regierung jetzt ausdrücklich als nicht auSgeschloffen erklärt, daß bei der Errichtung einer Fortbildungsschule auch die schon vor der Wirksamkeit de» Gesetzes, bezw. vor der Errichtung der Fortbildungsschule aus der Volksschule ausgetretenen Kna» ben (sofern selbstverständlich noch keine drei Jahre seit diesem Austritte verfloffen find) zum Besuche der Fortbil­dungsschule für verpflichtet erklärt würden. Ob und in­wieweit im einzelnen Falle eine solche Verpflichtung durch­zuführen sein werde, sei freilich der Leurtheilung und Beschlußfassung der bttreffenden Kreis Schulcommisstonen zu Überlasten.

»«Slaüv.

Bern, 9. Dez. Der Nationalrath hat bei nament­licher Abstimmung mit 72 gegen 3 Stimmen dem Beschluß deS Ständeraths, die Geistlichen von der Führung der Ci- vilstandS-Register auszuschließen, beigestimmt.

Part-, 8. Dez. Die republikanische Linke hat wieder eine Versammlung gehalten und sich mit dem Unterrichts­gesetz, sowie mit dem Gesetz über die CadreS beschäftigt, ohne ein bestimmtes Resultat zu erzielen. Dann aber gingen sie zu dem fo sehr am Herzen liegenden Thema: Organisation der Republik oder Auflösung" über und haben auch keine Antwort auf die Frage gefunden, wenn sie die Kammer vor dieses Dilemma stellen sollen. Viel­leicht gelingt eS ihnen in ihrer nächsten morgen abzuhal­tenden Versammlung bester. Unterdeß drängt die Regie­rung zur Ausführung öffentlicher Arbeiten. So fordert sie von der Kammer die Ermächtigung zur BervoUständj- gung des Eisenbahnnetzes PariS Lyon-Mittelmeer, 20 neue Linien von 855 Kilometer Länge und mit einem Kosten­aufwand von 281 Millionen Francs zu erbauen. Spä­testens zwei Jahre, nachdem die Kammer diesen Antrag angenommen, sollen die Pläne vorgelegt und genehmigt, und wieder spätestens 5 bis 6 Jahre darauf die Linie fertig gestellt fein.

dann muß ich zunächst |um einen Stuhl bitten! Ich war, als ich Sie traf, im Begriff, mich irgendwo zu in stalliren, um bequemer, wenn auch etwas unvollkommener, das entzückmde Bild zu beobachten, das uns umgiebt. Denn die Frühlingsluft greift bei Gott furchtbar an, obgleich die Dichter mit ihrer liebenswürdigen Oberfläch­lichkeit behaupten, daß sie uns zu neuem Leben erweckt.

Die Freunoe haben in einem der kleinen Zwischensäle in e nem hübschen Winkel Platz genommen, und ein dienst­fertiger Kellner ist herbeigeeilt, um ihre Befehle entgegen­zunehmen. Sie nippen an dem perlenden Weine, der ihnen bald darauf entgegenlacht, und während der Castro in das bunte Wandelbilv hinemsieht, das ununterbrochen und ewig wechselnd an ihnen vorüberzieht, sagt der Baron aus einem tiefen Nachdenken auffahrend:Ist es Ihnen nun noch möglich, mir ungefähr ein Bild von dem Cha­rakter deS jungen Mannes zu geben!"

Ich will es versuchen" antwortet der LegationSrath, obgleich eS eine der schwierigsten Aufgaben ist, weil ich mit meinem Urtheile eigentlich noch nicht fertig bin. Nur daS Eine weiß ich bestimmt, daß, so lange ich Men­schen beobachte, mir kein reicheres Exemplar einer Zwei- seelennatur vorgekommen ist, als vieler Lieutenant von Königsheim! Er hat die wunderbarsten edlen Regun­gen, und ist doch babei ein Taugenichts ersten Ranges. Für das, was er im Felde gethan, spricht am deuilichsten jener Orden, um den ich ihn beneide, aber ich habe mit eigenen Augen noch Größeres gesehen, waS Niemand glauben würde, und was wir Beide, Die wir doch sicher nie zu den Schlechtesten gehört haben, niemals im Stande gewesen sein würden zu thun. Denten Sie, daß ich mit ihm unter den Linden flauere, mir sprachen grabe von den Wetten, die er lür das FrühjahrScennen propo- nirt hatte, als er plötzlich wie ein Besessener ein 1520