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JTlarÖUtg, Donnerstag, den 10. December

289

1871

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k Anzeigen nimmt entgegen: Me Exvedition d. Blattei, (owiejbie Lnnoncen-Bureaux Oon Th- Dietrich & Co. in jkaffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M-; Saasenstein & Bögler in Frankfurt a. M.,BerlinLeiv- iig, Mn 2C.; Rudolf Moff« in SWtlin, Frankfurt a. M. rc.

von Holtzendorff. Der erste Botschaftsrath Graf von WeSdchlen ist als Zeuge bereits von Paris in Berlin eingetroffen.

förmlich die Worte in den Mund legen, und die Franzosen in dem Wahne bestärken, daß es in Deutschland Vater- landsvcrräther giebt? Um so mehr aber müssen wir uns freuen, daß wir in dem Reichskanzler eine so mächtige Persönlichkeit besitzen, die alle diese heimtückischen Angriffe zu vernichten im Stande ist, und von der allgemeinen Ver­ehrung deS deutschen Volkes getragen, das große Werk der Regeneration des deutschen Volkes und die Befestigung und Säuberung deS Reiches mit starker Hand durchzuführen vermag.

Seufzend hatte Warrstäct die Depesche zusammenge­faltet. Er hatte gewußt, daß Verführung oder Liebe im Spiele sein mußte, und er hatte bis heule das Letztere gehofft. Er stieg die breite Treppe träumend hinauf und bahnte sich in dem großen Empfangsraum, der die Kaffe und .die Garderoben enthielt, durch die gleich ihm erst gekommene Menge seinen Weg. Da standen die hohen und schlanken Gestalten in den kostbaren seidenen Schleppkleidern vor den goldenen Trumeaux und suchten die leichte Unordnung mit geschickter Hand zu beseitigen, welche die Fahtt in ihrer Toilette hetvorgebracht hatte. Junge Offiziere bargen ihr zuweilen nicht sehr fashionables Civil, in dem ste sich selbst komisch und nicht halb sn Der* führerisch vorkamen, unter vielfarbigen Domino«, und jü­dische Elegants warfen mit der ihnen fast allein eigenen breiten Selbstzufriedenheit selbstgefällige Blicke in die fast ausschließlich von Damen besetzten Spiegel, indem sie sich hinter diesen aus den Fußspitzen erhoben, um den Abglanz ihres holden Bildes dem verlangenden Auge zugänglich zu machen.

Alte Zeiten dämmerten in Warrstädl'S Erinnerung auf, als er im Gedränge vor der Garderobe ungeduldig des Moments harrte, wo ihm fein Ueberrock abgenommen wurde, und eS fast bedauerte nun, daß er zu Fuß gekommen war. Alle Zeiten, alte Bilder drängten sich bei ihm vorüber, die er alle nicht zur Vollendung bringen konnte, denn jeden Augenblick wandte er sich um, und sah einer dahinschwebenden Gestalt nach. Jetzt öffnete der Thürsteher die hohen Flügelthürm, die in die Säle führten; einen breiten Strom durcheinandersurrenden Geräuschs, in den ein Paar verlockende Takte des Orchesters hineinklangen, warf die Zuglust hinaus in das Vorzimmer, dann war die schlanke Gestalt, auf der seine Blocke ruhten, verschwun­den, er sah nicht mehr die blonden Locken, weiche hinter der seidenen Maske aufgeflattert waren.

Als der Baron die in einem Meer von Licht strahlen­den Säle betrat, war daS MaSkenfest zur vollen Entwicke­lung feiner fantastischen Blürhe noch nicht gelangt. Noch halte Alles einen sich breitmachenden, wenn auch falschen Schimmer vornehmer Eleganz und die maSkirtm Schönen bewegten sich mit einer nicht nachahmenden, sondern ihnen nur zu eigenen Art von Erschöpfung zwischen den größten- theilS par6 erschienenen Herren hin und her, hier und da tih paar Worte wechselnd und ein leichtes Lachen ertönen laffend, wenn ein Jrregeführter sie zu erkennen meinte. ES war noch nicht die Stunde; Mitternacht war noch nicht da, wo diese Damen erst zu leben begannen, und die Geister deS SetteS trieben noch nicht ihr Spiel, wenn auch hin und wieder sich der Eine oder Ändere in einem Win- kelchen postitt hatte» und -ganz -regelwidrig spektakelte, um Proselyten zu machen Jenes schon einmal erwähnte' breite, surrende Geräusch lag über dem Ganzen und dämpfte die Klänge deS Orchesters ab, nach welchem die Tanzlusti­gen ziemlich gewaltsam die dichten Mafien der Promeni- renbeii durchbrachen und nach vieler Mühe einen kleinen Kreis herstellten, der sich nach und nach durch Hilfe der Nachbrängenden immer mehr erweiterte, bis dann das Programm andeutete, daß ein Aufzug oder Tanz der Mit­glieder des Ballets beginne, und sich Alles hinzudrängte, um lächelnd und köstlich amüsirt jbie lustigen Tagesanspie­lungen vorbei pajstren zu lassen, mit welchem die Arran­geure ihren Reigen zu illustriren pflegten.

Warrstädt wandelte mit einem seltsamen Gefühl in dem bunten, sich immer mehr entwickelnden Trubel umher. DaS Bild, das ihm so genau bekannt war, in dem er so oft mitfignrirt hatte, kam ihm heut so fremd vor. Es war ihm, als wenn er e« abgetönt in einem Stahlspiegel widersähe, als wenn es etwas Unheimliches, beinahe Ge­spenstiges angenommen hätte, seit . . . jenen Jahren.

(Fortsetzung folgt.)

Tagesbericht.>»* + -

Die Wegeordnung, die bereits feit lange dringendes Be dürfniß ist, ist jetzt im Handelsministerium entworfen und wird dem nächsten Landtage zur Berathung vorgelegt werden.

Die Weihnachtsferien des Reichstages beginnen am 19 ober 21. Dezember, der Wiederzusammentritt erfolgt am 5. Januar. Während der Ferienzeit arbeitet die Bank gesetz-Commission.

Die GeschäftsordnungS-Commission des Reichstages hat beschlofien, die Ablehnung der elsässischen Abgeordneten, in die Commission zur Berathung deS elsässischen Etats ein­zutreten, als zulässig anzuerkennen und dem Hause die Vornahme von Neuwahlen vorzuschlagen, da die Geschäfts ordnung kein Mittel kenne, einen Abgeordneten zum Ein tritt in eine Commission zu zwingen.

Im Reichstage wird beabsichtigt, eine Jnlerpellation einzubringen, dahin gehend, der Reichskanzler möge über Den Stand der Abänderungen der Gewerbeordnung, insbe­sondere gegenüber der in der letzten Session vorgelegten Novelle zur Gewerbeordnung, Auskunft geben.

Der Abg. von Berunth beabsichtigt eine Aenderung der vorzunehmenden Wahlprüfungen durch Einsetzung einer Wahlprüfungscommission zu beantragen, welche, statt der Abteilungen alle streitigen Wahlen und auch solche Wahlen, welche das Haus auf Antrag von 50 Stimmen ihr zuzu- weifen beschließt, prüfen soll.

Die öffentliche Gerichtsverhandlung gegen den Gräfin Harry Arnim findet nun bestimmt Mittwoch den 9. Dezbr. statt. Als Zeuge ist noch der Feldmarjchall Freiherr v. Manteuffel vorgeladen worden, als Richter werden sungiren uns zwar als Vorsitzender Stadtgerichts-Director Reich, als Beisitzer StadtgerichtSrath OfiowSki und Stadtrichter Giersch. Wie dieB. B. Z.-Hirt, wird der Staatsanwalt beantragen, die Oeffentlichkeit der Verhandlungen auSzu schließen und über diesen Antrag müssen bann die Richter zuerst beschließen; als wahrfcheinlich nimmt man an, die O ffintlichkett werde eine partielle fein. Al» Vertheidiger des Grafen fungiren Die Herren Munckel, Dockhorn und

Deutscher Stach.

Berlin, 8. Dez. Eins sehr bittere Pille hat der Reichskanzler dm Ultramontanen in seiner Rede am 4. d. M. zu schlucken gegeben, indem er die katholische Hie­rarchie ans gleiche Behandlung anwies, wie jede andere Cvnfession ober Kirchengemeinschaft und ihren Anspruch auf Anerkennung al» souveräne Macht durch Beglaubigung eines Gesandten zurückwieS. Gegen diese Behandlung als Confession ober Kirchengemeinschast neben änderen zu pro- testiren und die Lehre der katholischen Kirche von ihrem Recht auf absolute Weltherrschaft in kirchlichen wie in weltlichen Dingen offen zu behaupten, halten die Herren nicht in jedem Augenblick für opportun, weil dieses Dogma eine gar zu sehr in die Augen fallende und andere Con- fefstonen provocirende Anmaßung ist; dagegen können sie ein so wichtiges Fundament des ganzen Herrschaftssystems auch nicht verläugneu und den Ketzern durchaus nicht gleichen Anspruch auf Souveränität und Monopol ein­räumen; die Berührung dieses heiklichm Punktes der Stellung Roms zu anderen Kirchengemeinschaften bringt Die Ultramontanen daher vor dem parlamentarischen Forum immer in gräuliche Verlegenheit. Vorn ehemaligen Kriegs­minister v. Roon ist etwas beffere Nachricht eingetroffen; wenn auch die Gefahr noch nicht vollkommen beseitigt ist, darf doch wieder Hoffnung gehegt werden, daß eine günstige Wendung eingetreten sei. lieber die Behandlung der Bänksrage ist zwischen allen gesetzgebmdm Faktoren nun­mehr Einverständniß erzielt worden. Spätestens Anfang nächster Woche sollen die vereinbarten Vorschläge der Com­mission deS Reichstags vorgelegt werden. Im Handels Ministerium ist der Gesetzentwurf einer neuen Wegeordnung ausgearbeitet worden, mit welchem der Landtag sich zu beschäftigen haben wird.

jDfttotoo, 7. Dec. Bekanntlich ist der Kampf gegen die Maigefetze zuerst und am heftigsten in der Provinz Posen unter dem früheren Erzbischof Levochowski entbrannt, und dieser ist-schon zu einer Zeit rücksichtslos gegen den Staat vorgegangen, als die übrigen Bischöfe nur sehr vorsichtig in den Kampf eingetreten waren. Auch gegen­wärtig noch zeichnet sich die Provinz Posen durch die Heftigkeit der Opposition der katholischen Geistlichkeit gegen die Staatsgesetze aus und hiernach scheint der Gedanke ziemlich nahe zu liegen, daß Graf Levochowski wohl im Geheimen von seinem Gefängnisse aus auf die katholischen Geistlichen einwirke und sie zum Widerstande gegen die Staatsgewalt anfeure. Dem ist aber nicht so. Wenn

Die Skeichsfeindschaft der Ultramoutaueu.

Wenn die wahre Gesinnung der Ultramontanen noch irgend einem Zweifel unterliegen kann, so haben die letzten Tage beu letzten Schleier von ihrem Antlitz weggezogen. Daß der Fürst BiSmark der von ihnen meistgehaßte Mann ist, haben fie Tag für Tag mit ihren »ihrigen Angriffen gezeigt, indem ste Gift und Galle gegen ihn ausspritzten, und eS absichtlich daraus absahen, ihn zu verdächtigen und ihn tief zu kränken.

Aber auch für die Ehre des Vaterlandes haben sie keine Achtung, für den Frieden und Ruhe beffelben kein Herz. Mit welch' jefuitifcher List suchte der äbgeorbnete Jörg alle Handlungen der Reichsregierung zu verdächtigen, wie sein war der Plan ausgedacht, den auch die österreichischen Ultramontanen jetzt eifrig pflegen, die beiden größten Mächte deS ContiuentS Deutschland und Rußland ausein anderzureißen. Wie schlau ist die Verdrehung aller Thal fachen, da» ewig unruhige und unzufriedene Frankreich als da» unschuldige Lamm und das friedfertige Deutsche Reich aU den reißenden Wolf hinzustellen.

ES ist ein Princip in dieser Handlungsweise, nämlich die jesuitische Verleumbungüsucht. Ist eS jemals bei einem Volke erhört gewesen, daß die eigenen Volksgenossen das Vaterland verrathen und eS dem Feinde preisgegeben haben ? DaS Haden aber die Ultramontanen ohne alle Frage in Den letzten Tagen gethan. Sie haben die deutsche ReichSregie rnng und fpeciell den Reichskanzler als Den Störenfried Europas denn nein. Sie haben nach Osten und nach Weste» ihre Leimruthen aufgeworfen und auch willige Hö­rer gefunden. a

In wie nahen Beziehungen sie namentlich zur franzö- flfchen Prefie stehen, das haben die letzten Tage deutlich gezeigt. Wa« Herr Jörg und Herr Windthorst gesprochen haben, da» hallt einstimmig au» Den französischen Blättern zurück. Richt bloß die ultramontanen Blätter, auch die republikanischen und orleanisttschen; alle wiederholen mit wahrer Freude die vatcrlandsverrätherifchen Worte dieser Herren. * *

Also Deutsche selbst gestehen e« zu, daß Bismarck den Krieg gegen Frankreich vorbereitet, in Berlin wird schon gerüstet, für daS nächste Frühjahr nimmt der preußische Generalstab den Krieg gegen Frankreich in Aussicht, so steht eS in der Gazette de France zu lesen. Und in an­deren Blättern begegnen wir ähnlichen Betrachtungen, ober auch noch der Hoffnung, daß die Ultramontanen ste als Befreier und Erlöser begrüßen, und daß diesmal der Krieg einen andern Erfolg aufweisen werde.

Können wir die Franzosen wohl für diese Betrachtungen verantwortlich machen, wenn die Herren Jörg und Windt- hvrft ihnen selbst die Handhabe dazu bieten, wenn sie ihnen

RcteS Sttat.,

A^velle mb Mar Alt (Ä. Mödinger und Sophie Verena). ... .; jj.. iaiia (Forttetzuirg.) .in ,.....

ii.-ii 13. v; .

* Die Fenster de» Kroll'schen Locale» sahen an jenem Abend vom Königsplatz her spät noch mit strahlenDem Leuchten in die dunkle Nacht hinan«. Ostern fiel sehr spät in jenem Jahr und die Mitglieder deS Corps de Ballet, deren zweiter alljährlicher Ball durch äußerliche Umstände verhindert worden war, hatten Miffasten, den verspäteten Nachzügler deS Carneval», erwählt, um der vergnügungslustigen jungen Welt diesen schmerzlichen Ver­lust zu ersetzen. Die Wagen folgten in endlose» Reihen durch da» Brandenburger Thor; ihre brennenden Laternen hüpften wie Zwillingsirrlichter durch den dunklen Thier­garten dahin, und eine Schaar berittener Schutzleute halte bei der Auffahrt zu dem allgemeinen Ziel nicht geringe Mühe, Ordnung zu erhalten und UnglückSsälle zu ver­hüten.' Manch ein schönes Haupt lehnte sich ungeduldig zum Wagenfenster hinan«, zu erspähen, wie groß daS Hinderniß fei, das die Zögerung hervorbrachte, und be­neidete dabei wohl manch' einen beflißenen Fußgänger, der dem fchönen, trockenen Wetter da» Zutrauen geschenkt hatte; seinen tadellosen Älanzstiefel unbefleckt für das spie­gelnde Parkett zu erhalten. Unter diesen war der Bo. ton 6. Warrstädt, der nach dem Diner von dem Polizei- dtästdentm eine Depesche erhalten hatte, die also lautete:

Lieutenant v. Königsheim von den Ulanen, vor drei Monaten in ErbfchastSsachen in D. gewesen. Braver Offizier, pour le merite, aber Ver­schwender und grand roue 1 Zuweilen vor eint« wger Zeit mit blondem, auffallend schönen jungem Mädchen gesehen worden. Jedenfalls heut Abend bei Kroll, Ball des Corps de Ballet! Morgen mehr! Gruß!"

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte», sowie Die Amwncen-Bnreaur von G- L. Daube & Co.,in Frankfurt a. M.; Jäger'sche Buchhandlung in Frankfutt a. M.; Jnvalidendank, A. Rete- meyer in Berlin; Carl Schüß- ler in Hannover; E. Schlotte in Bremen-

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Erpedition lKoch'sche Buchdruckerei) bezogen 22j Sgr., durch die Postämter des . deutschen Reiches 25 Sgr. (ejfcl. Bestellgebühr). Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr. Für in der Expedition zu ettheilende

Auskunft und Annahme von Adressen werden 3z Sgr. berechnet.