1874
JRatÖurg, Sonnabend, den 5. December
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Lagesbericht.
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Die zweite Lesung des Landsturmgesetze- soll in diesen Tagen de» Anfang nehmen. Wie wir hören, hat der tzommisiar, General von Boigls-Rhetz, gelegentlich der Verhandlungen über den vielfach angefochtenen § 3 ange- drntet, daß die Regierung nicht daran denke, einzelne Pro- »inzen in den Landsturm einzustellen, sondern daß im Fall der Roth in der Regel ein allgemeines Aufgebot innerhalb des ganzen Deutschen Bundesgebietes erfolgen werde. Ferner theilte derselbe in vertraulicher Weise mit, daß nur in einem Falle die Landwehrmänner aus den Landsturmpflich- ügen ergänzt werde» müßten, wenn es nämlich an Fuß. arülluie gebricht. In diesem Falle muß um jeden Preis eine Deckung d«S Mangel» erfolgen. — Die Commission der der Antrag TaczanowSki auf Aussetzung des Strafverfahrens gegen den Polnischen Abgeordneten Zietkiewitz übergeben worden war, hat sich heute mit 7 gegen 2 Stimmen dahin entschieden, daß dem Anträge keine Folge zu gebe» fei, weil in diesem Fall der Artikel 31 der Verfassung keine Anwendung finden könne. —
E« bestätigt sich, daß Graf Arnim wegen seiner sehr erschütterten Gesundheit um einen Aufschub der Proceß- verhandlung bei dem Gerichte eingekommen sei. Ein definitiver Beschluß des Gerichts scheint noch nicht gefaßt zu fein, indessen wird unö versichert, daß da» Gericht dem Gesuche de» Grafen Arnim wohl Folge leisten wird und bafc demnach ein kurzer Aufschub der Proeeßverhandlung allerdings in Aussicht stehe.
Gutem Vernehmen nach ist in dem Befinden des Feld- marschalls von Roon eine Besserung eingetreten und gegründete Aussicht auf Wiedergenesung vorhanden. Ze. doch dürfte letztere nur langsam und allmälig vorschreiten.
Die „Zndep. Belgr" führt alS bezeichnend für den Eindruck, welchen in ganz Frankreich der politische Sieg der Republik io dm Gemeindewahlen hervorgebracht hat, die kleine Thatsache an, daß in Orleans, wo am Tage der ersten Abstimmung die couservativr Liste in ihrer Gesammt- heil durchgegangen war, am letzten Sonntag bei der Bal. lotaqe (Stichwahl) fünf Repubtikaner oder Radikale ohne OppiPtton gewählt find. Die Thatsache verdient allerdings alle Beachtung; fie beweist eben die absolute Unselbststän digkeit der Franzosm, die ihre Ansicht von einem Tage zum andern, wenn fie sehen, daß die Strömung der öffent- Ucheu Meinung, die in den großen Städten gemacht wird, eine entschiedene Richtung eingeschlagen hat,i mag dieselbe
weise so verzögern könnten, daß sich noch nicht mit-Bestimmtheit sagen läßt, ob dieselben in der bevorstehenden Session an den Landtag kommen werden. $«Va j
— In Bezug auf das preußische Unterrichtsgesetz, über welches in den letzten Tagen sehr beruhigende Nachrichten durch die Presse gingen, erfahren wir, daß der Punkt, um besten Abänderung es sich vorzugsweise handelt, in der Frage besteht, ob der Kreis die primäre Grundlage für die Unterhaltungspflicht der Volksschule sei, oder ob die Gemeinde primär und erst subsidiär der Kreis und in weiterer Instanz Provinz und Staat zur Unterhaltung verpflichtet sein sollen. Der erste im Cultusministerium ausgearbeitete Entwurf beruhte auf dem Gedanken, den Kreis zur Gmndlage zu machen. Ob dieser Gedanke fest- gehalten werden kann, steht dahin. Wohl aber ist es möglich, sich für die eine oder andere Alternative so zeitig zu entscheiden, daß der Unterrichtsgesetzentwurf noch im Lause deS nächsten Frühjahr» zur vorläufigen Kenntniß- nahme mitgetheilt werden kann. Di« Kriuk, die sich daran knüpfen wird, kann ja der Berwailung bei der definitiven Feststellung nur zu Gute kommen. Eine officielle Vorlage deS Gesetzentwurf» zur Berathung im Landtage kann allerdings vor der Session, die mit dem 15. Zanuar 1876 beginnt, auS dem Grunde nicht tu Aussicht genommen werden, weil erst die Berwaltungsgesetz« (Kreis- und Provinzial Ordnung) vollständig fertig gemacht werden muffen- Werden dieselben nicht fertig und werden insbesondere in der Session von 1876 die beiden rrstirenven PlSvinzen (Hannover und SchleSwig-Holstein) noch nicht erngereiht, so ist es freilich möglich, daß vaS Unterrichltz-Gefttz auch 1876 noch nicht eingebracht werden kann.- i
Köln, 2. Dec. Die Errichtung zweier Parochien für die Alikatholiken unseres Regierungsbezirkes Hal die höhere Genehmigung erhalten: die eine Hai in Bonn ihren Sitz und z oar für die Kreise Bonn und Rheinbach und den Sieg Kreis; die andere in Köln für die. andern acht Kreise. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird die hiesige Pfau» gemeind« alsbald die Ueberlastung der Mrnorttenklrche (Ännexkirche des Dome») von der Stadt zur Abhaltung ihres Gottesdienstes beantragen. — Bekanntlich proleflirte die Köln Mindener Eisenbahn, bezw. die Stadt Köln dagegen an der Eonftrenz in der Festungsfrage Theil zu nehmen oder bindende Beschlüste zu fassen, bevor bie Pläne vorgelegt worden. Im Zusammenhang damit Dürfte ein Gegenstand für die nächste Sitzung der Stadlverord-
f einen Glauben nicht zu nehmen. Aber der Tag kommt, wo dieser selbst erkennt, waö sich vollzieht. Langsam stecht. daS kleine Mädchen dahin, und als der Frühling zum zweiten Male über das Land fliegt in bum flatterndem Gewände, da entfalten sich deutlicher, immer deutlicher die verborgenen Schwingen, und eines Tage» schwebt der kleine Engel empor, den Himmel Gotte» zu sehen, in.bem. e» kein Dunkel giebt. — Auf derfelven Sülle, wo- sie vor fast zwei Zähren still und stumm gesessen, sitzt wieder nun die tiefgebeugte Gestalt, und läßt sich wieder nur mit Gewalt und auf Augenblicke von-dort sortretßettl — Sie folgt mit blödem Auge fast von Prqzch o«|a'. traurigen Vorbereitungen, und schleicht sich, wenn und«-- wacht, heimlich wi« ein Kind wieder zu dem Zemmer zu»> rück, daS sie bannt. - . . > .chi.r
Wieder dämmert der Abmd hernieder, und wieder ist der jüngere Mann leise hereingekommen, den Gr«« abzurufen. — Da liegt er, hinadgeglitten von feinem Sluht,l vorn übergebeugt, das Haupt auf dem kleinen leblosen Körper, selbst leblos nun, — aber erlöst r- durch den Tod! — . - , A .
9.
Die Schläge, welche das Schicksal in unerbittlicher Härte? auf ihn niedergeschmettert hatte, mußten selbst eine straffe, lcbensfrische Natur, wie fie Konrad von Warrfläv besaß,, für eine lange Zeit zu Boden drücken. ES war wüst und wirr in feinem Kopfe, und er sah sich mir einer Art furchtsamen Empörtseins um, als wollte er erspähen, waS wohl das unerbittliche Fatum ihm zunächst rauben werde. — Aber nicht» bot sich feinen Blicken, und er lächelte schmerzlich, — e» war ja nicht» weiter da, — -es war ihm uichtS- mehr zu nehmen, — als fein Geld, das ihn nun glücklich j machen sollte. — Es litt ihn nicht mehr in dem Haufe,'! in daS er mit dem frohen Gedanken al« gereifter Mann zurückgekehrt war, eS zu wahren, al« da» «ünnige Heim feines kommenden Geschlechtes. — ES war traurig and. öde wie daS Grab, und er verließ eS, um Hinauszugehe»- in die Welt, weil hinaus, in ferne, ferne Länder. AuS großartig einsamen Naturscenen lockte eS ihn zurück in daS glänzende Treiben fremder Städte; und wenn dieses ihn
auch mit der Anficht, die man vor wenigen Tagen beseffen hat, im schroffsten Widerspruch stehen. -
** Berlin, 3. Dec. Die mit seltener Lebhaftigkeit in der Preffe geführte Erörterung der „Bankfrage" hat mehr und mehr, nachdem der erste gewaltige ReichSbank sturm fich ausgetobt, zu einer nüchternen und klareren Auffaffung eingelenkt, welche auch dem, wie selbst Gegner zugestehen, scharffinnig combinirten, die gegebenen Verhält- niffe geschickt behandelnden Bankgesetzentwurf mehr Gerechtigkeit widerfahren läßt, als der mächtige Einfluß unmittelbar berührter Jntereffen anfangs hatte aufkommen lasten. ES hat fast den Anschein, als ob die Vielen unerwartete Bereitwilligkeit der Regierung dem allgemeinen Verlangen nach der Reichsbank zu willfahren, über * di« Sturm- und Drangperiode schnell hinweggeholfen hätte, welcher vielleicht mehr oder weniger unbewußt ein gewistes Mißtrauen gegen particularistisch gefärbte Tendenzen der Regierung Nahrung gegeben hatte. Derartige Auslegungen sind durch die rückhaltlosen entgegenkommenden Erklärungen der Regierungsorgane im Reichstage vollständig beseitigt worden. Diejenigen Fachmänner und Organe des industriellen und Handelsstandes, welche anfangs gleich als nächstliegende dringendste Aufgabe die gesetzliche Regelung des Banknotenwesens bezeichnet hatten, finden jetzt willigeres Gehör; der geeignete Augenblick wenigstens, die eine wichtige Errugenschaft der Noten-Eontingentirung in dieser Session zu sichern, darf nicht versäumt werden über dem Verlangen nach weiteren Reformen, deren Durchführung sich für den Augenblick verzögernde Schwierigkeiten, aber auch nur verzögernde und nicht unüberwindliche, ent gegenstellen. Dieser Auffassung ist, wie in der „Kreuzz." behauptet wird, jetzt schon eine Majorität im Reichstag ziemlich sicher. — Die Meldung der Post, daß dem Sohne deS Grasen Arnim die Führung deS Grafentitels durch das auswärtige Amt untersagt worden, ist vollständig un begründet; ad acta reponenda gleich vielen anderen bezüglichen Enten.
— Der Minister des Innern beabfichtigt bekanntlich eine große Reihe von Provinzial- und Communalgesetzen dem Landtage vorzulegen. Von den bett. Entwürfen schei- nen diejenigen für Rheinland und Westfalen gegenüber den eigenthümlichen Bevölkerungs-Verhältnissen dieser Pro Dingen besonderen Schwierigkeiten zu begegnen. Wie man hört, find neue Berathungert dieser Entwürfe mit den Per irauenSmännern nothwendig geworden, die sich möglicher- so wenig neuerdings; und darum ist er auch häufig des
Nachts an der Kleinen Lager. — AuS seinem alten, etwa» gereizten Hirn will der Gedanke nicht weichen, daß da» arme Kind doch einmal nach einem ruhigen Schlummer Die Augen aufschlagen wird, um zu sehen, und deshalb ist er immer da, um bei seinem Erwachsen die kostbarsten bunten Puppen vor den Auge» der Enkelin herumtanzen u lassen, die so kornische Bewegungen machen, und dennoch kein noch so geringes Lächeln auf den kindlichen Zügen hervorzurufen vermögen. Nur wenn ein möglichst klingenves Geräusch diese Bewegung begleitet, richtet die Klane ihr Köpfchen wieder in die Höh' und tastet mit dem mageren Händchen nnbehilflich in der Luft umher.
Auch dem jungen Vater wiv es da» Herz brechen, wie er sich auch bemüht, seinen Kummer zu unterdrücken, und dem Greise von Hoffnungen zu sprechen, die — er nicht theile. Er hat ihn noch ein paar Mal die Worte sprechen hören: Nur der Gedanke nicht, — daß ich es verschuldet Habel — nur der Gedanke nichtI und eS ist chm klar geworden, daß dcS Alten Schmerz bitterer ist als bet seine, und schwerer zu tragen. Er ahnt nun Alles, — aber er hat nicht einmal in feinem Innern die Kraft, vem Unglücklichen Vorwürfe zu machen, — wie viel weniger zu sprechen — zu fragen. — Ein Paar Mal wollte eS ihm sogar scheinen, als wenn der Bedrückte selbst den Wunsch habe, jein Herz zu erleichtern, und deutlich mit dem Entschluß kämpfte zu sprechen. Dann ha.te der junge Mai.n die Hand deS Alten in die feine genommen, feine Augen gütig auf den gramgefurchten Zügen liegen laffen und mit sanftem Tone gesagt: „Laß eS sein Onkel! — laß es fein!- Es sind vergangene Zeiten nun, und wir können nichts ändern an ihnen, wenn wir auch möchtenl*
Und wie erleichtert hatte der Onkel Dann feinen unstät umher irrenden Blick zu dem Neffen erhoben, und zustimmend hinzugefügt: Wir können nichts ändern mehr, wenn wir auch wollten! ich weiß! ich weiß!
Der Baron Warrstädt hat die ersten Männer der Fakultät in feinem Haufe gehabt, und er weiß Alles, was ihm bevorsteht und hat nur gebeten, dem alten Konsul
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte», sowie Die Annoncen-Bureaux von G. L. Daube & Co. in Frankfurt a. M.'Jägerische Buchhandlung ingranlfurta. M; Jnvalidendank, A. Rete- meyer in Berlin; Carl Schußler in Hannover; C. Schlotte in Bremen-
NeweS Leben.
Lovelle von Max A(t (Ä. Mödinger) und Sophie Verena. (Fortsetzung.)
Unbemerkt von den Trauerudeu ist leist ein Anderer i» da» Zimmer getreten, und e» durchschauert ihn, als er da« stille Antlitz der Tobten plötzlich aufleuchten sieht. Unbemerkt ist et näher gekommen und während sein Blick mit tiefer Rührung auf seinem tobten Weibe liegt, hat er den Arm um des alten Mannes Hol« geschlungen, ohne daß dieser zusammenzuckt oder aufsteht. So verharren sie eine Weile in tiefem Schweigen, bis der jüngere der Männer mit sanfter Stimme sagt: „Komm Onkel! Komm nun! unser Zammer kann sie nicht erwecken, und wir wollen ihn zusammen tragen 1 — Komm!" — Und der starke Mann hebt den Alten empor wie ein Kind, ohne zu bemerken, daß dieser bei dem Klange der sanften Stimme dennoch erschreckt aufgefahren ist. - Langsam führt er ihn hinweg, und schwer recht de» Greises gramgebeugte Gestalt aut seinem Arm. Noch einmal wendet der Alte sich um, eh' fein Fuß die Schwelle betritt, die ihn von der theuren Tobten trennen foll, und sich plötzlich aufrichtend, streck, er wie abwehrend seine Hände au8 und sagt zusammen schauernd: „Nur der Gedanke nicht, daß ich es veiffchuldet habe! — nur der Gedanke nicht!"
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8.
Graue Tage find es, die Hau» Warrstädt von da an ficht, graue Monden, graue Jahre. Da« kleine Mädchen, da» mit dem Tode seiner Mutter dieses atmfelige Leben erkaufte, »ar nicht nur blind, sondern auch schwächliw Über alle Maßen. Vor jedem Hauche muß es bewahrt werden, und des alten Manne» ganze» Sein geht in die- fern Bestreben auf. Es sind genug weiblich« Hände da, welche e» sich angelegen fein laffen, alle Sorgen für das Kind zu übernehmen; — aber es find fremde, bezahlte, und e» ist dem Großvater, al» roemt sie da» niemals lei- ften könnten, was diesem kleinen Wesen frommt — So ist er immer in seiner Nähe und bewacht es wie feinen Schatz, so schwer «S ihm auch wird, — denn er ist alt, sehr alt geworden seit jenem UnglückStage. — Er schläft
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