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Mr- 282.

Marburg, Mittwoch, den 2. December.

1871.

Anzeigen nimmt entgegen: hi« Expedition d. Blatte-, sowie die Annoncen-Bureaux oon Th- Dietrich & Co. in Aaffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M-; Laasenstein & Vogler in «antfutt a. M., Berlin, Leip­zig, Löln rc-; Rudolf Moff« in Berlin, Frankfurt a. M. rc.

OhtrhtUiht Intung.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte-, sowie die Annoncen-Bureaux von @. 8. Daube & Co. in Frankfurt a. M.; Jäger'schk Buchhandlung in Frankfutt a. M; Jnvalidendank, A- Rete- meyer in Berlin; Carl Schuß­ler in Hannover; C- Schlotte in Bremen. ,

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 224 6er., durch die Postämter deS deutschen Reiches 25 6gr. (excl. Bestellgebühr). Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Egr. Für in der Expedition zu ertheilenoe

... , Auskunft und Annahme von Adressen werden 24 Egr. berechnet.

Lage-bericht.

Die Angaben, welche derAugsburger Allgemeinen Zeitung (Nr. 331, Beilage vom 27. d. M.) von einem Berliner Korrespondenten, der gleichzeitig in der ultra- montanen Presse beschäftigt ist, über Personalien des ans- wirtigen AmieS gemacht find, entbehren nach derNordd. Sllgem. Ztg." der thatsächlichm Begründung. Derselbe Korrespondent hatte im Herbst ähnliche Unwahrheiten über die höchsten Beamten de« Ressorts verbreitet; er bekennt sich jetzt auch zu dem Telegramm, dessen Inhalt damals dewentirt wurde und bisher keine Bestätigung gefunden hat.

Die Budgetkommisfion des Reichstag« har in ihrer letzten Sitzung den Militäretat bis Titel 51 durchberaihen; e« erübrigen also nur noch 9 Titel, die man kn einer Sitzung erledigen zu können meint. Bei Titel 44 und 45, Militär» Erziehungs- und BildungSanstalten, wurden die Verhältnisse der Civillehrer an dem Berliner Kadettcn- Hause erörtert und auf die Erklärung der Regierungskom- mifsarr, daß die Lehrer genau nach dem Normalctat für Gymnasien und Realschulen besoldet werden würden, Aus­kunft über die Zahl der Stellen und der zukünftigen Ge­hälter für eine der nächsten Sitzungen erbeten. Bei dem IkadettenhaUse in Dresden wurde vom Abg. Stephani be­antragt , diese Anstalt mit auf den preußischen Etat für Militär - Erziehung« - und Bildungsanstalten zu nehmen. Bom Abg. Wehrenpfennig wurde eine Resolution vorge­schlagen, den Reichskanzler zu ersuchen: L dahin zu wirken, baß mit dem Zeitpunkt der Ueberfiedelung der Central- Kadettenanstalt von Berlin nach Lichterfelde die oberen Klassen de« sächsischen Kadettenhauses mit der Centralan halt vereinigt werden und das Dresdener Kadettenhaus zu der letzteren in da« Verhältniß einer Voranstalt trete; 2. dafür Sorge zu tragen, daß die bei einem sächsischen Truppentheil eintretenden Zöglinge de« Dresdener Ka» dettenhauses , sowie die übrigen Osfizier - Aspiranten des sächsischen KoutigentS die Prüfung zum Portepee-Fähnrich vor der preußischen Ober-Militär-Examinations-Kommisflon «chlegen. Die Diskussion über diesen Antrag wurde bis zur nächsten Si^ung vertagt.

Aus der SonnabendSsttzung des Reichstags wird der Wiener Presse" telegraphirt, daß Fürst Bismarck nach Schluß der Debatte über den LandeShauShalt für Elsaß- Lothringen auf den Abgeordneten Duncker zuschritt und mit demselben sich längere Zeit unterhielt. Herr Duncker hatte in seiner Rede dem Herrn Reichskanzler den Vor wurf gemacht, daß er mit dem Erlaß über den Landes ausschußj nicht ganz karrekt gehandelt habe. Fürst Bismarck erklärte ihm nun im Privatgespräch, die Form de« Kaiser­lichen ErlasieS sei gewählt worden, weil ein Gesetz nicht zurück geommen werden könnte, wa« ja leicht nöthig werden möchte;wem, wir," sagte Fürst Bismarck,in den

Landesausschuß lauter Leute wie Herrn Simonis bekommen, dann tonnen wir nach einem Jahre wieder mit Frankreich Krieg haben."

Die parlamentarische Soirse, welche vergangenen Sonn­abend bei dem Fürsten Bismarck stattfand, war wieder zahlreich besucht; von CentrumSmitgliedern war Niemand anwesend. Unter den Gästen befanden sich diesmal auch die preußischen Minister.

Dem National zufolge unterhandelt die französische Regierung mit Oesterreich, England, Italien, Holland und Belgien wegen Abänderung der bestehenden Handelsverträge.

Deutsches Reich.

Berit«, 30. Novbr. DieNordd. Allg. Ztg." ent­hält folgende Mittheilung: In dem Novemberhcst der Preußischen Jahrbücher" wird in dem Aufsatz:Ein Beitrag zur Geschichte der sächsischen Politik", über desien Inhalt wir nicht zu mtheilen haben, berichtet, daß während der Friedens- Verhandlungen zwischen Preußen und Sachsen im Jahre 1866 der Minister-Präsident Graf BiSmarck den sächsischen Unterhändlern bessere Bedingungen in Aussicht gestellt habe, falls ein Wechsel der Dynastie eintrete und daß, nachdem jene Unterhändler darauf einzugehen abgelehnt, von Berlin auS durch andere Mittelspersonen dem sächsischen Hofe eine Entschädigungssumme von 16 Millionen Thalern angeboten worden sei. Darauf einzugehen sei König Johann eine Zeit lang nicht abgeneigt gewesen, es scheine, daß er 20 Millionen gefordert habe, und an der Annahme schließlich durch Loyalitäts-Adressen der sächsischen KreiSstände ver- hindett sei. Wer König Johann von Sachsen gekannt (und sein Characterbild schwankt nicht in der deutschen Ge­schichte), wird nicht bezweifeln, daß das Anerbieten mehr oder minder großer Entschädigungssummen auf den König ganz ohne Gndruck geblieben sein würde. Der König würde sich auS Liebe zu seinem angestammten Lande und in desien Interesse zu den schwersten persönlichen Opfern, selbst zur Abdikation haben entschließen können, aberj eine Ver­handlung über das Mehr oder Weniger einer Geldentschä- digung stand gerade für ihn außer aller Frage. Die Er­zählung ist aber auch im Uebrigen unwahr. ES mögen in jener Zeit plötzlich sich eröffnender Perspectiven und Entscheidungen Projekte mancher Art sich gezeigt und ge­kreuzt haben, deren Ursprung und Verlauf schwer festzu­stellen ist. Aber mit Bestimmtheit kann versichert werden, daß der preußische Ministerpräsident den sächsischen Unter Händlern Eröffnungen jenes Inhalts nicht gemacht hat und baß, nachdem er fast unmittelbar nach den ersten Besprechun­gen durch ernste Erkrankung genöthigt worden, diese Ver­handlung vollständig in die Hände deS Wirklichen Geheimen Raths von Savigny zu legen, für ihn weder ein Anlaß zu (in jenem Aufsatz als Thatsache erwähnten) Milderungen

und Ermäßigungen, noch überhaupt eine Gelegenh'elt ge­kommen ist, in die Verhandlungen einzugreifen oder Vor­schläge jener Art dem sächsischen Hofe übermitteln zu lasten. Von Berlin auS" sind solche Vorschläge keinenfalls auS- gegangen; und dem Auswärtigen Amt ist von denselben absolut nicht« bekannt. Wer mit der damaligen Situation und den Motiven zu bett letzten Entscheidungen vertraut ist, wird übrigens auch darüber klar sein, daß die Geschicke SachsenS in jener Krisis zumeist durch das Vertrauen ent­schieden wurde, welches der Character seines Souverains einflößte. Während kein Zweifel darüber sein konnte, daß König Georg V. mit den im Interesse der Existenz und der Einheit Deutschlands unerläßlichen Bedingungen nie sich auSgcsöhnt haben würde, war man überzeugt, daß König Johann, sobald derselbe sich jeinmal zur Annahme dieser Bedingungen verpflichtet habe, sie mit der einfach en und unbeirrten Gewissenhaftigkeit erfüllen werde, von der sein ganzes Leben ein schönes Zeugniß ablegt. Und e« ist dem König noch vergönnt gewesen, nicht bloß selbst in Treue und erfolgreich zur Festigung deS Norddeutschen Bundes und zur Gründung des Deutschen Reiches eknzu- wirken, sondern auch zu erleben, daß sein Sohn und Nach­folger durch glänzende Heerführung und bewährte Hinge­bung für das deutsche Reich Sachsen in dessen Geschichte einen neuen Ehrenplatz gesichert hat.

DerBerliner Börsencourier" schreibt: ES wird für daS Verkehrspublikum die uns zugehende Mittheilung von Interesse fein, daß nachstehende Banken: die Anhatt- Dessauische Landesbank, die Braunschweigische Bank, die Commerzbank in Lübeck, die Communalständische Bank für die Preuß. Oberlausitz in Görlitz, die Geraer Bank, die Hannoversche Bank, die Lübecker Privatbank, bte Magde­burger Privatbank, die Privatbank zu Gotha, die Rostocker Bank, die Thüringische Bank, die Weimarische Lank die von ihnen auszugebenden Einhundert Mark-Noten auS glei­chem Papier, in gleichem Format (103:172), mit gleichem Wasserzeichen, gleicher Grundfärbung und mit einer für alle gleichmäßigen Rückseite anfertigen lassen. Im Format und in der Grundsärbung stimmen mit den Einhundert» Mark-Noten dieser Danken auch die Einhunden-Mark» Noten der Sächsischen Bank, der Bayerischen Hypotheken und Wechseldank, der Städtischen Bank in BreSlaü, der Landständlschen Bank in Bautzen und der Chemnitzer Stadt- bank vollständig überein. Die Herstellung der Einhundert Marknoten aller vorstehenden Banken ist den Herren Gie- secke und Devrient in Leipzig übertragen worden und nahezu vollendet. Die genannte Firma hat außerdem für andere Zettelbanken (hierunter auch die Leipziger Bank, die Lank für Süddeutschland und die Kölnische Privatbank) die Anfertigung der Marknoten übernommen und bez. be­reits auSgeführt. Auch diese Banken haben, wie die obigen

Neues Lehe».

Novelle von Max Alt (A. Müdinger) und Sophie Verena. 1.

Die alten Bäume 'auf der Promenadeunter den Lin­den" bieten schon im Allgemeinen keinen zu schönen An- blitf, selbst wenn sie in dem für sie möglichen üppig fkn Blätterschmuck prägen. Wie viel weniger noch, wenn ihre dürren Zweige weinerlich gen Himmel starren, näch­st der Winter hinweggegangen, der in der bizarren Laune eines alten verschwenderischen Liebhaber- Alles was ihm zu Willen «a,, mit Diamanten und Perlen übersäete. Zn da« traurige Gewirr der kahlen alten Zweige (affen sich dann wohl dunkle Schaaren schwatzender Spatzen nieder, welche unverdrossen den hundertmal mißglückten Versuch wiederholen, auf dem Straßendamm und den Reitwegen festen Fuß zu fassen, um sich ebenso oft von dm ununterbrochen sich folgenden Equipagen und den glän­zenden LuxuSpserden wieder aufgejagt zu sehen, die in den zierlichsten Gangarten, als hätten sie ein Gefühl für die Bewunderung, welche sie zuweilen erregen, dahin tänzeln.

Der Winterin seiner Schwäche" hatte sich wohl auf- unb davon gemacht, aber der Frühling scheute sich noch itemct, offen sein Spiel zu beginnen. Dennoch hatte ein warmer Sonnenschein Tausende hinausgelockt, und es war ein so bunte« fröhliche« Gewoge unter den Linden gewesen. <d« wenn er wirklich schon da wäre. Auch jetzt noch, am Abend, wo die Spaziergänger schon lange heimgegan- geu waren, wo die letzten Equipagen derer, die längere Ausflüge gemacht hatten, durch da« mächtige hohe Sieges- chor zurückrollten, auch jetzt noch hatte die Luft etwas von jenem weichen berückenden Dust, den wir nach einem lan« gm Winter tief aufathmend einfaugcn, als hätten wir ihn wirklich nicht länger entbehren können.

Das schien das Gefühl eines eleganten Mannes zu sein,

der eines der feinsten Restaurants verlassend, aus die Straße trat. Er war beschäftigt, seinen perlgrauen Handschuh zu­zuknöpfen, der nicht nöthig gehabt, sich mit der Thür zu befassen, die sich ohne sein Zuthun hinter dem Herrn schloß, wie sie sich ebenso vor ihm geöffnet hatte. Er stieg zwei breite Stufen zum Trottoir herab, wo er äugen blicklich stehen blieb, und fast verwundert feinen Kopf er­hob. Hochauf athmend dehnte sich seine breite Brust, und er zögerte eine gute Weile, eh' er seinen Ueberrock zurück schlagend, sich langsamen Schritt« zu gehen entschloß. E« sah ihn manch ein Vorübergehender an, wie er so sinnend die Hände, die mit einem kleinen Stöckchen spielten, auf den Rücken gelegt, dahinschritt, denn es war immer noch ein schöner Mann, obgleich eine gewisse Reife der Taille und ein Schein von Müdigkeit in den Bewegungen andeutete, daß er den Anfang der Vierziger wohl erreicht haben mochte. Er hatte in seiner Haltung, ganz abgesehen von der Eleganz seiner Toilette, ein so reiches Theil von jenem Etwas, das den feinen Mann anbeutete unb die Blicke verständlich machte, die aus blauen und braunen Augen im Vorübergehen ihn anleuchteten Er aber ach tcte ihrer nicht und ging sinnend seines Weges wie im Traum, denen ausweichend, die ihm entgegenkamen, und Die an sich vorüberziehen lassend, die ihm vorbeigingen. Von Zeit zu Zeit blieb er dann wieder stehen, hob den Kopf in die Höh' und sog in langen Zügen die weiche Luft ein, die ihm unendlich wohl zu thun schien. Und was dachte er, während fein sinnender Blick auf der gol­denen Mondscheibe ruhte, die sich in einsamer Pracht hin ter den dunklen Dächern der gegenüberliegenden Häuser hervordrängte? Was wir Alle denken, wenn des Le benS schönere Hälfte hinter uns, wenn ein Abglanz jenes süßen SehnenS unser Herz überkommt, daS wir nicht ver­standen, als e« uns einst ganz unb voll empfing.Früh­

ling," dachte er, und weh klang das Klopfen seine- Herzens,Frühling I Ein paar Tage noch, unb Alles wird zu neuem Leben erwachen, . ... zu neuem LebenI Und Du! . . . Du . . . oh! . . . wer noch einmal jung werden ... wer das Leben . . . noch einmal be­ginnen könnte!"

Doch horch!? WaS war daS? Dieser süße, klagende Ton, bort oben in den dünnen Zweigen? Eine Nachtigall? . . . Unmöglich, schon zu dieser Zeitl Und dennoch war eS eine Nachtigall, die sich im Kommen verfrüht und die, ihrer alten Brutstätte zuziehend, einen Augenblick rastet? Ja! eine Nachtigall! Und e« war, als wenn das eben noch so lärmende Treiben der Straße in diesem Augenblick plötzlich verstummte, um den wandernden Boten des Frühling« seinen wonneschaueru- den Gruß verkünden zu lassen.

2.

Bon der andern Seite her kam zu derselben Zeit, dem Träumenden entgegen, selbst träumend ein kranke- blasse- Weib, in einem ärmlichen, wenn auch sauberen Anzuge. Auch sie ging langsam, aber nicht um länger und ruhiger die balsamische Luft einzuathmen. Sie ging langsam, weil ihre Füße ihr fast den Dienst versagten, und sie noch weit hatte, weit, bis nach Hause, Auch sie träumte. Aber nicht süßschauerndc Erinnerungen waren eS, die ihr Herz durchzogen, ihr Traum war bitterer sinn­verwirrender. Zweifel an Gott. Auch sie hörte den lockenden Klang, und sah mit leeren Blicken, gedankenlos äußerlich zu den bürten Zweigen empor. Und bann ein Schrei, und sie strauchelte, und wäre gefallen, wenn sie nicht fest den eisernen GaSständer umfaßt hätte. Aber sie würde auch ohne diesen nicht hilflos gewesen sein, denn der Andere, mit dem sie zusammengelaufen war, wie sie Beide