JSr. 280. Marburg, Sonntag, dm 29. November.
18741.
Anzeigm nimmt entgegen: die ®W>e dittou d. Blattes, sowie die Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in -offel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a- M-; Haasenstein & Bögler in Frankfutt a. M., Berlin, Leipzig, Cöln ic.; Rudolf Moffe m Berlin, Frankfurt a. M. rc.
ÖDbrel)rfltfd)f Inltmg.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie die Annoncen-Bureaux von <8. L. Daube & Co., in Frankfutt a. M.: Jügettsche Buchhandlung in Frarüfutt a. M ; Jnvalidendank, A- Rete- rneyer in Berlin; Carl Schatz» ler in Hannover; 6. Schlotte in Bremen-
Erscheint täglich nutzer den Werktagen nach Soim» und Feiettagen. Preis für daS Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 22) Kgr., durch die Postämter de» ,,; deutschen Reiches 25 Sgr. (erd. Bestellgebühr). — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr. — Für in der Expedition zu ettheilende
' Auskunft und Annahme von Adreffen werden 2) Sgr. berechnet.
Zür den Monat December werden von allen t» Postanstalten Bestellungen auf die Ober« hessische Zeitung angenommmen. Jm Feuille-I ton derselben beginnt die höchst spannende Erzählung:
Hleues Lebe«, von Max Alt (A. Mödinger) und Sophie Verena.
'Gleichzeitig macht die Redaction darauf aufmerksam, daß sie nach stenographischen Aufzeichnungen ihres Berliner Correspondenten die im De- eember stattfindenden und das allgemeinste Interesse erregenden öffentlichen Gerichtsverhandlungen des Prozeffes-Arnim rasch und vollständig mittheilen wird. Are Krp. d. HSery. Zeit.
Politische W-che»«Ueterficht.
Der deutsche Reichstag hat die erste Lesung der großen Justizgesetzentwürfe (GerichtsvcrfaffungS-Gesetz, Civilprozeß- ordnung und Strafprozeßordnung) begonnen und soll beschlossen «erden, von einer Commisston von 28 Mitgliedern die Ent- «ürse vorberathen zu lasten, der man eine solche Ausnahmestellung zuweijen wird, daß fie in der Zwischenzeit zwischen den Sessionen ihrer Arbeit obliegen kann. Der Kaiser besucht in erfreulichster Rüstigkeit die größeren hergebrachten Hof jagden in verschiedenen Provinzen. In Baden ist nunmehr di« zweite Candidatenliste de» freiburger Capitel« für den dortigen erzbischöflichen Stuhl hinfällig geworden, da die aufgesührten Cauvidaten sämmtlich eine vorbehaltlose Ableistung de» staatlichen Gehorsams-Eides verweigern.
Das österreichische Abgeordnetenhaus war mit^rr Be- rathuag des Bankgesetzes beschäftigt. Im wiener Gemeinde- rathe am 20. November erfolgten stürmische Reden gegen den Statthalter wegen deS Centralfriedhofes mit einem einstimmigen Beschlüsse, einen RecurS gegen daS Verfahren deS Statthalters an dm Minister deS Innern zu richten. Im ungarischen Oberhause wurden am 20. die Differenzen mit dem Abgeoxdnetmhause wegm der Wahlreform und her RotariatSordnung gehoben. DaS Oberhaus gab nach Di« Steuervorlagen, welche Ghyczy als daS letzte Mittel Verordnet um der Finanznoth ein Ende zu machen, stoßen auf den heftigsten Widerstand im Lande; leider herrscht bei den Magyaren noch weniger Leistungswille als Leistungsfähigkeit: die Steuerrückstände betragen bereits über 60 Millionen und sind nodb immer im Zuuehmen. Diese würdm hinreichen, da- Deficit zu decken. Der Budgetausschuß wehrt sich bis jetzt gegen jede energische Zumuthung an die Steuerkraft, und Pünktlichkeit des Landes.
Der schweizerische BundeSrath hat die vom neuen Mi- litärgesetz vorgeschriebene Eintheilung deS Bundesgebiets in acht DivistonSkreise vollzogen. In Folge von massenhaftem Schneefall, Sturm und Lawinen war der Verkehr auf den Bergpoststraßen mehrere Tage gesperrt.
König Victor Emanuels Thronrede, mit der er am 21 d. MtS. das italienische Parlament eröffnete, drückte seine Dankbarkeit über die bei der Feier seiner 25jährigen Regierung am 29. März d. IS. bewiesene Anhänglichkeit deS italienischen Volkes, so wie seine Zufriedenheit über die glückliche Aernte aus, welche das Loos auch der unteren Volksklaffen verbessern werde. Die Beziehungen zu den auswärtigen Mächten werden als gute bezeichnet, und die Vorlage eines neuen Strafgesetzbuches sowie mehrerer Gesetze über die Handelsgesellschaften, über die Wiederherstellung der öffentlichen Sicherheit, über Steuerreformen und Armee-Reorganisation angekündigt. Die Wahl BiancheriS zum Präsidenten deS Abgeordnetenhauses hat den zahlenmäßigen Beweis geführt, daß die Rechte um ungefähr ein Drittel stärker ist, als die Opposition. Die Wahlen der Vicepräsideoten sind in demselben Sinne ausgefallen.
In Frankreich waren Aller Augen auf daSErgeb- niß der GemeinderathSwahlen gerichtet, weil man daraus Schlüffe auf die Stimmung des Volkes ziehen, ja, diese Abstimmung des ganzen Landes mit Ausnahme deS Seine- DepartemmtS als eine Art Plebiszit betrachten zu dürfen glaubt. Die ersten Wahlergebniffe wurden in Paris am Sonntag Abend bekannt und machten Aufsehen. In den großen BevölkerungScentren haben mit geringen Ausnahmen die Republikaner gesiegt, eine Anzahl konservativer Depu tirten, sogar der Handelsminister Grivart, fiel durch. Zn den ländlichen Gemeinden dagegen behielt da» konservative Element das Urbergewicht; hier wirkte in vielen Gemeinden auch die politische Frage bei den Abstimmungen nur in zweiter Linie. In Bordeaux, Havre und Cambrai erhielten die abgesetzten MaireS erdrückende Majoritäten. Wenn aber die Republikaner diesem Ausdruck der Volksstimme einen entscheidenden Einfluß auf die Entschlüffe der Re gierung oder der Majorität in der National-Bersammlung zuschreibea, so sind sie im Jrrthum.
Vom spanischen Kriegsschauplätze ist nichts von Wesenheit zu melden; MorioneS sicht noch in der Gegend von Tasalla und LascrnaS Truppen find, nachdem der Sturm sich gelegt, von San Sebastian nach Santander verschifft worden, um von hier aus ihre alten Stellungen am Ebro wieder zu erreichen. Einen Angriff der Carlisten auf San Marcial, von welcher Position aus Don Carlos und Elio das Bombardement gegen Jrun leiteten, hat die Besatzung abgeschlagen. Aus Catalonien wird von einer neuen Gräuelthat der Vertheidiger von Thron und
Altar berichtet: 34 Republikaner, welche bei Castello de AmpuriaS in Gefangenschaft gerathen waren, sollen von den Carlisten erschossen worden sein.
In England ist die ganze Woche von dem Streite über die religiöse Frage ausgefüllt gewesen. Die ultramontanen Häupter deS englischen KatholiciSmuS haben bisher so wenig Ermunterung aus dem ganzen Verlauf deS Streites schöpfen könnm, daß die Nachricht eines italienischen Blattes, Erzbischof Manning habe vom Papste die Erlaubniß erbeten, in England eine andere Taktik zu befolgen, als in Italien und Deutschland bischöflicher Seit» geschieht, höchst wahrscheinlich ist. ' » •
Zm dänischen Folkething hat der Abgeordnete Berg seine neulich erlittene Schlappe bald verschmerzt, da der große Finanz-Ausschuß mit 9 gegen 5 Stimmen ihm die Ehre erwies, ihn zum Berichterstatter zu ernennen. Sofort ist er denn auch mit einem ganz neuen Gesetzentwurf vor das Haus getreten, wonach in Dänemark alle Adelsdiplome, Titulaturen und Orden abgeschafft werden sollen. Der Antrag wurde, obschon oder gerade weil der Conseils- Präsident gegen einen solchen Eingriff in die Gerechtsame des Königs protestirte, mit 55 gegen 11 Stimmen zur zweiten Lesung verstattet und auf den Vorschlag Berg» selbst einem Ausschuß überwiesen.
Der König von Schweden und Norwegen hat am 18. d. MtS. die östliche Stammbahn in Jönköping feierlich eröffnet und ist am 21. d. MtS. in Christiania ringe« troffen, wo er bi» Ende dieses Monats verweilen wird:
Der Kaiser von Rußland hat die Krim noch nicht verlaffen, weil er sich noch nicht ganz wohl befindet. Die Kaiserin hat fich dagegen von London über Pari» nach San Remo begeben. Zhrr Söhne, die Großfürsten Thronfolger und Alexis, begleiten fie dotthin. Der rusfische Reichskanzler Fürst Gortschakow ist in Petersburg wieder eingettoff en.
Die Pforte will eine allgemeine türkische Staatspost auch nach dem Auslande einrichten und verlangt, daß alsdann die fremden Postämter ihre Thätigkeit eiirstrllen. Die französischen Zeitungen Univer» und Semaphore dürfen nicht mehr in die Türkei cingeführt werden.
Deutsches Reich.
Berlin, 27. Nov. Damit die Unternehmer fiskalischer Bauten so schleunig als möglich wegen ihrer Forderungen befriedigt werden, sind, wie bereits gemeldet, sämmtliche Regierungen und Landdrosteien vom Minister für Handel rc. ermächtigt worden, fortan die Anweisung von Abschlagszahlungen in den Fällen, in denen dies nach dem pflicht- mäßigen Ermeffen der betreffenden Behörden unbedenklich erscheint, den Lokalbaubeamten mit der Maßgabe zu über- ttagen, daß die von letzteren anzuwcisenden Abschlagszah-
DaS lebendige Skelett.
Eine neue Erzählung eines Jägers von Iwan Turgenjew.
.... , (Schluß,)
Bevor ich auf die Jagd fuhr, hatte ich an demselben Tage noch mit dem Aufseher der Meierei eine Unterhaltung über Lukerja. Von ihm erfuhr ich dann, daß man ihr im Dorf den Beinamen „das lebendige Skelett" gegeben, daß fit übrigen» Keinem irgendwie zur Last falle und daß man fie niemals murren oder klagen gehört habe. — „Sie fordert nie etwas; dagegen ist fie dankbar für jeden Dienst, den man ihr leistet. Sie ist ein genügsames und zusrie bene» Mädchen, daS muß man ihr lassen. Gott hat sie heimgesucht", — erklärte der Mann schließlich — „wohl um ihrer Sünden willen; doch wir lassen uns baS nicht kümmern. Wir wollen sie deshalb nicht richten, nein, wir nicht. Möge fie in Frieden leben 1"
Sch l uß bcm erkung.
x, Im Herbst des Jahre» 1873 wurde das russische Gouvernement Ssamara, sonst ein fruchtbare» Kronland, von einer schrecklichen HungerSnoth heimgesucht, die theils eine Folge mehrjähriger Mißernten, theilS aber auch das Resultat der seit Aufhebung der Leibeigenschaft zurückge- gangenen Bewirthschaftung bäuerlicher Parzellen und her gesunkenen bäuerlichen Moralität war. Die Regierung war bei den Dimensionen, welche diese Noth annahm, »kein nicht im Stande, ausreichende Abhülfe zu gewähren und gestattete e», daß im größten Maße die Privatwohl» thätigkeit in Anspruch genommen wurde. Alle Schichten der Bevölkerung Rußland», ohne Ansehen der Nationalität und de» Bekenntniffe» steuerten ihr Antheil bei, um der ländlichen Bevölkerung diese» Gouvernements zu helfen,
welcher der Hungertyphus und andere Epidemien be»
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nicht mit veröffentlicht worden, obgleich sie eine Perle in dieser kostbaren Sammlung gewesen wäre.
Dr. Otto Glogau, der Kritiker Turgenjew» sagt in seinem Essay: „Die russische Literatur und Iwan Turgenjew" über da» „Tagebuch eine» Jäger»": „Es fist vieles Turgenjews erste», aber auch zugleich sein weitaus bedeutendste» Werk, da» keine» seiner späteren Dichtungen wieder erreicht hat. Diese Skizzen enchalten schon sein ganzes Wollen und Können, das ganze Orchester der zahlreichen Instrumente, die er zu spielen versteht; sowie die Keime und Borwürfe der meiften nachfolgenden Dichtungen."
In der Dulderin „Lukerja" ist der Grundton de» russischen VolkScharakter», — die Resignation verkörpert. Diese Stärke der Resignation erklärt viele Eigenthümlich- keit de« dem Deutschen nicht immer verständlichen rui fischen VolkScharakter». In ihr wurzelt das vorherrschend in fich gekehrte und beschauliche Gemüthsleben deS russischen Volk», aber auch die Neigung für schwärmerische und mystffche Religiosität, die zähe Ausdauer in menschenunwürdigen Verhältniffen, aber auch die Kraftlosigkeit, fich selbst ein menschenwürdiges Dasein zu schaffen. Von der eminenten Beobachtungsgabe Turgenjews zeugt auch die phisiologifche Schilderung und anbererfeits ist auch in diese Skizze bie Natur mit seiner Berechnung unb sattester Farbe hinein-
gezogen, obgleich eigentlich in dem „lebendigen Skelett" die Landschaft nicht den breiten Hintergrund bildet, von dem sich bie meisten anderen „Erlebnisse eine» Jäger»" abheben. „Lukerja" selbst ist vielleicht unter allen den mannigfaltigen Frauengestalten, bie Turgenjew geschaffen hat, die von bcm Glanz keuscher Hoheit und Jungfräulichkeit am meisten verklärte oder die wenigsten», welche durch den Gegensatz ihre» geistige Lebens zu der gebrechlichen Hülle einen solchen Eindruck zurücklißt.
reits bcständig Opfer holten. Ein einziges Petersbur ger Journal sammelte in verhältnißmäßig kurzer Zeit aus seinem Leserkreise gegen 100,000 Rubel. Auch die russischen Schriftsteller wollten hinter den übrigen opferwilligen Berufsständen nicht zurückbleiben. Es bildete fich daher in Petersburg ein Comits au» den bedeutendsten poetischen und Roman-Schriftstellern Rußland» und beschloß ein „Sammelwerk" mit Originalbeiirägen russischer Belle triften herauSzugeben und den Ertrag dieses Werke» den nothleidenden „Brüdern" in Ssamara zuzuwenden. Alles was in der russischen Literatur einen Namen hat, bethei- tigte sich mit reichen Beiträgen, die von einem, strenge Kritik übenden RedaktionS-Komit« gesichert wurden. Unter den 48 Kollektanten waren u. A. die Pötten Fürst WL- semsky, Minajew, Maikow, Weinberg, (Serbe!, Nekrassow, Graf Sollogub, die Dramatiker Ostrowsky, Graf Tolstoi, der Historiker Pogodin, der Saiyriker Ssaltykow (Schtschedrin) die Romanschriftsteller und Nooeliften Gontscharow, Dostojewsky, Boborykin und vor Allem Iwan Turgenjew. Das Werk, auch typographisch auf das Reichste auSgeftattet, zum Theil von den ersten Petersburger Buchdruckern gratis gedruckt, erschien zu Anfang de» Maimonats d. I. im Buchhandel und ergab binnen kurzer Zeit einen Reinertrag von 15,000 Rubel Silber.
Der Beitrag Turgenjews zu diesem Sammelwerk ist die jetzt im „Berliner Tageblatt" zum ersten Male in deutscher Uebersetzung veröffentlichte Novellttte „DaS lebendige Skelett." Sie ist keine neue Arbeit des berühm ten russischen Dichter», sondern schon vor 25 Jahren geschrieben und ursprünglich für da» „Tagebuch eines Jägers" bestimmt, diese Sammlung von Skizzen, die den Weltruhm Turgenjews begründeten. Diese Novellette ist von dem Autor seiner Zeit au» Bedenken vor den drakonischen Bestimmungen der russischen Censur jener Zeit