ÄT. 275
JRütßurg, Dienstag, den 24. November.
1871
Lnzeigen nimmt entgegen: Ite Ervedition d. Blatter, sowie die Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M ; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a. M., Berlin, Leipzig, Cöln rc.; Rudolf Moss« in Berlin, Frankfurt a. M. rc.
WmhcUlhk Mutig.
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bestreiten, zuweilen zu einem Mittel seine Zuflucht genommen, welches die Franzosen zwar sehr euphemistisch corriger la fortune nennen, das aber vor de» Augen deutscher Polizeibehörden in einem weniger günstigen Lichte erscheint und den, der sich seiner bedient, mit dem Strafgesetzbuch in unangenehme Berührung zu bringen pflegt. So war ihm denn auch bei seiner Nachhausekunst an jenem Abend von seinem vertrauten Diener mitgelheilt worden, daß in seiner Abwesenheit ein Polizeibeamter nach ihm geiragt, und der Baron, dem dieses theilnehmende Interesse der Sicherheitsbehörde durchhaus nicht zu behagen schien, hatte eS für räthlich gefunden, noch in dieser Nacht mit einem Nachtzug von Leipzig abzureisen.
ES war drei Monate nach den im Vorstehenden geschilderten Ereignissen.
Valerie, die von ihrer Krankheit genesen, aber noch sehr matt und schwach war, saß an einem der Fenster im Hotel „zum großen Blumenberg", wo ste noch immer wohnte, und sah dem Spiel der Schneeflocken zu, welche der Februarwind draußen wirbelnd durch einander jagte. Eine feine Bläffe lag noch auf dm lieblichen Zügen der jungen Frau, allein jener Ausdruck innerer Angst und Pein, der zuweilen früher die Klarheit ihrer Stirn trübte, war verschwunden und hatte einem Zuge duldender Resignation Platz gemacht. Mit einem Mal färbten sich d-e blassen Wangen der jungen Frau mit einem leichten Roth und ein Sttahl der Freude blitzte in ihren Augen. Sie hatte Werner erblickt, der mit eiligen, stürmischen Schrit- len über den Platz auf das Hotel zueilte . . . Auch er hatte sic erkannt und auch aus seinem Auge brach ein Strahl hoher, süßer Frmde und zugleich zeigte er ihr einen Brief, den er in seiner Hand hielt.
DaS Herz der jungen Frau klopfte in ängstlicher, harrender Erwartung und bang, und doch wieder von
DertfcheS Strich.
Berlin, 21. Nov. Der russische Reichskanzler Fürst Gortschakoff hat dem Fürsten Bismarck einen zweiten lingern Besuch abgestattet und man hegt namentlich in ReichtagSkrrijen die schon oft getäuschte Vermuthung, daß es sich in diesem Verkehr der beiden leitenden Staatsmänner um die langersehnten Erleichterungen deS deutsch-russischen Handels- und Grenzzollverkehrs handeln dürfte. — Dem BundeSrath sind zwei Entwürfe zu zwei Bekanntmachungen von dem Reichskanzler vorgelegt. Die erste Bekanntmachung betrifft die Außerkurssetzung verschiedener in die Markrechnung nicht passender Kupfermünzen der Thalerwährung, sowie von Silbermünzen schleswig-holsteinischen GeprägeS; nach der zweiten Bekanntmachung dürfen folgende Münzen dänifchm GeprägeS: die doppelten und die einfachen Ricks thaler, die 48 32 16 8 4 3 Schillingsstücke in Silber, die 2 1 1/2 Schillingstücke in Kupfer vom 1. Januar ab weder gegeben, noch genommen werden. — In den Motiven zur Vorlage an den Reichstag betreffs einer Anleihe für Elsaß-Lothringen, die jetzt dem Bundesrathe zur Beralhung vorliegt, wird auSgeführt, daß die Anleihe wahrscheinlich nicht nvthwendig geworden sein würde, wenn der beabsichtigte Verkauf der Straßburger Tabaksmanufactur gelungen wäre. Der intendirte Verkauf sei indcß Angesichts der gegenwärtigen Mißconjunctur undurchsührbar. — Der Postetat ist jetzt festgestellt. Den Verhandlungen wohnte der General-Postdirector Dr. Stephan bei, aus deffen Darlegungen die Commission mit Befriedigung entnahm, daß ebenso wie da» laufende so auch das nächste Etatsjahr, mit Mehr- Einnahmen abschließen wird. — Der Abg. Dr. Prosch hat einen Antrag gestellt, brtr. die Regelung für das Alter der Groß jihrigkeit (21 Jahre) durch Reichsgesetz. — Die Commission für daS Landsturmgesetz ist auf Zweifel gestoßen. Der Entwurf stellt bekanntlich daS Princip auf, daß im Noch, falle auch die Landwehr au» der Zahl der Landsturmpflich. tigm ergänzt «erden kann. Gegen diefen Grundsatz hat sich in der Commission entschiedener Wiederspruch erhoben, deffen Resultat die Ablehnung deS erwähnten Paragraphen mit acht gegen vier Stimmen gewesen ist. Die Regierung hat daS Verlangen, dir genannte Bestimmung zurückzuziehen, ebenfalls abgelehnt, so daß, wenn das Plenum sich den Ansichten der Commission anschließt, der Gesetzentwurf Gefahr läuft z« scheitern.
— Der Vorstand deS Vereins Naffau'scher Land- und Forstwitthe hat an den Reichstag eine auf baldige Einführung der fakultativen Branntweinfabriksteuer lautende Vorstellung gerichtet, — welch« der Petitionskommisston resp. dm Referenten und Korreferenten derselben, — den Abgg. Flüge und Frhrn. Nordeck zu Rabenau — zur Berichterstattung überwiesen wurde. — Die tn der gestrigen
\ Ei»e Verbrecherin.
' Novelle von Karl Wartenburg.
(Schluß.)
„Und was würde das Resultat von allem diesem MS"
„Im glücklichen Falle würde Sie daffel e L00S treffen, welches Sie der Frau von Hardenau zugedacht!" r. Der Baron, der die Wucht dieser einfachen und doch so vollwichtigm Argummte fühlte, biß sich in stummer Wuth in die Lippen.
Er fühlte, wie ihm die Macht, die er bisher über die »glückliche junge Frau auögeübt, entschlüpfte und da er wohl einsah, daß er nichts dagegen thun konnte, so richtete sich feine Wuth gegen den Urheber, gegen den, der ihn seines EinfluffeS über Valerie beraubt, gegen Schil- den . . .
„Ich erkmne die Vollwichtigkeit Ihrer juristischen Gründe an," sprach er, indem er feinen Zorn und Haß unter dem Gewand giftigen Spottes zu verbergen suchte, „und verzichte darauf, Frau v. Hardenau länger mit der Comödie, wie Sie eS, Herr Professor, zu nennen belieb ten, zu ängstigen, indessen werden Sie, Herr Chevalier sans peur et sans reproche, dem „Komödianten" wohl eine Zusammenkunft an einem einsamen Ort, wo man ungestört den letzten Akt der Comödie aufführen kann, nicht verweigern.
lieber Schilden- Lippen glitt bei dieser Herauuforderung da verächtliches Lächeln. „ES ist eigentlich in den Krei sm, denen Sie angehören, mein Herr Baron," entgegnete n, „nicht Sitte, sich mit einem Manne zu schlagen, der sich eines Vergehens schuldig gemacht hat, wie das ist, welches Sie draußm am Rhein begangen, wo Sie das Mädchen, welche« Sie versührtm, berebeten, die Chatoulle
Sitzung der Petitionskommisston unter Zuziehung eines CommisiärS des Reichskanzleramtes stattgehabte Erörterung dieser Frage ergab das Resultat, daß für Einführung einer fakultativen Fabrikatsteuer sich keine Stimme erhob, — man vielmehr allgemein der Ansicht war, daß die einzusüh- rende Fabrikatsteuer unter allen Umständen eine obligatorische sein muffe. — Nur wurden hiervon abweichende Ansichten in so weit geäußert und von dem Abg. Buhl ein darauf gerichteter per majora abgelehnter Antrag dahin gestellt: den Reichskanzler aufzufordern, dem Reichstag ein Gesetz über Einführung der obligatorischen Branntwein-, fabrikatsteuer für Frucht- und Kartoffelbrennereien alsbald vorzulegen. — Dieser Antrag hatte als Unterlage die Erklärung des Regierungskommiffars, wonach der für die Controle des fabrieirten Branntweins in Herstellung be griffene Apparat zur Zeit zwar für die Frucht- und Kar toffelbrennereien — nicht aber für die Brennereien aus Melaffen genüge. — Als Grund hierfür wird angegeben, daß die in der Melasse noch vorfindliche Schwefelsäure den aus Metall conftruirten Control-Apparat unzuverlässig mache, resp. auflöse und zerreiffe — Gegen eine theilweise Einführung dieses Apparates bei Frucht- und Kartoffelbrennereien und Ausschluß der Fabriksteuer bei Melasse- brmnereien sprach der Cornmistar sich entschieden auS, und zwar hauptsächlich mit au« dem Grunde, weil die Herstellung eines allen Ansprüchen genügend entsprechenden Con- trolapparateS, — also auch für die Melassebrennereien —
der Kürze zu erwarten stehe, — und daß dann Vorlage wegen Einführung der obligatorischen Branntweinfabrikat- stmer zu erwarten sei. — Auf erhobene Zweifel daß diese so lange verzögerte Vorlage — resp. die endliche Herstellung eines allgemein brauchbaren ControlapparatS — sich nicht doch vielleicht noch lange verzögern könne, und daß e« darum angezeigt erscheinen dürfte, für die Herstellung deS besten brauchbare« ConttolapparateS öffentliche Con- currenz — vielleicht mit Prämien — auszuschreiben, er flfirte der Commissar, daß diese Herstellung mit Correctur der bisherigen fehlerhaften Bestandtheile in nicht langer Zeit durch die hiesige Firma: Siemens u. Halske zu er warten stehe. — Diese Firma habe bereits tausende solcher Apparate an die Kais, russische Regierung geliefert. — Der endliche Beschluß der Petitions-Commission geht im Wesent- lichen dahin, den Gegenstand zur Erörterung durch schriftlichen Bericht im Plenum des Reichstages zu bringen, — unb dort mit Rücksicht auf die Erklärungen des RegierungS CommtffarS: daß baldige Erledigung auf dem Wege der Gesetzgebung zu erwarten stehe, — Uebergang zur Tagesordnung zu beantragen.
- Wiesbaden, 21. Nov. Die Geheimräthe Wohlers und Persius werden sich von hier nach Frankfurt begeben, um dort mit Magistrat und Stadtverordneten über den
ihres Vaters zu bestehlen — indeflen, ich will in diesem Falle eine Ausnahme machen. Bestimmen Sie Ort und Zeit ich stehe gerne zu Diensten. Und nun eine gute Nacht, mein Herr."
Er verbeugte sich vor dem Baron, der vor Zorn bebend keines Wortes mächtig war, und endlich mit den Worten, „Sie werden morgen von mir hören," zum Zim- mer hinaus stürzte ...
Indessen der Morgen und der übrige Theil deS Vormittags verging, ohne daß Schilden irgend eine Nachricht von dem Baron erhielt, und nachdem er bis Mittag vergebens gewartet, ging er nach dem „großen Blumenberg," um Valerie das Resultat seiner Unterredung mit dem Herrn von Roller miizucheilen.
Aber welche Bestürzung ergriff ihn, alö er in Valeries Zimmer eintretend, diese krank im Bette liegend und leb- hast phantasirend fand! DaS weinenbe Kammermädchen erzählte ihm, baß bie Frau Baronin in ber Nacht so heftig erkrankt, daß sie nach den Aerzten geschickt, und diese hätten erklärt, daß ein nervöses Fieber zu befürchten sei. Und diese Befürchtung wurde zur Wahrheit. Volle sechs Wochen kämpfte der finstere Genius des Todes an Valerie'S Krankenlager mit dem lichten freundlichen Engel des Lebens, der endlich bett Sieg davon trug. Schilden war in dieser Zeit wenig von dem Bette bet Geliebten gewichen unb die Sorge für sie hatte ihn auch alles Ueb- rige vetgeffm taffen: den Baron, seine Herausforderung und das plötzliche, räthselhaste Verschwinden deS Herrn von Roller, ber seit jener Unterrebung in später Abendstunde keinerlei Lebenszeichen von sich gegeben.
Was dieses Verschwinden anlangt, so hatte die» allerdings feinen sehr triftigen Grund.
Roller, deffen Existenz eine sehr abenteuerliche war, hatte, um den Aufwand, den ihm dieselbe verursachte, zu
bereinftigen Eintritt der Stadt Frankfurt in den kommunal- ständigen Verband des Regierungsbezirks Wiesbaden zu verhandeln.
Limburg a. Lahn, 18. November. Ihr Blatt brachte bereits die Mittheilung, daß dem Herrn Bischöfe wegen Besetzung der Pfarrei Haintgen vier Oelge- mälde gepfändet worden waren. Die öffentliche Versteigerung fand heute Morgen um 10 Uhr auf hiesigem Rathhause statt, unb zwar wurden die zwei Heiligenbilder nebst der Landschaft für 53 Thlr., das Portrait deS Herrn Bischofs für 400 Thlr. (!) erstanden. Die Ansteigerer waren die Herren Kaufleute Theodor Held, Eduard Trom- betta, P. P. CahenSlh und Herr Gutsbesitzer Jacob Fachinger. Nach geschehener Zahlung nahm jeder der Ansteigerer sein Bild und trug es, Einer nach dem Andern, eigenhändig in fein HauS. Später fanden sich die vier Ansteigerer mit ihren Bildern im bischöflichen Palais ein. DaS prachtvolle von einem berühmten Meister gemalte Porträt deS Herrn Bischofs in schwerem Goldrahmen wurde mit einem Kranze lebender Blumen geziert und an demselben eine Tafel mit einer in gothischen Lettern gefertigten Inschrift folgenden Inhaltes angebracht: „Diese- Bttdniß unseres hochverehrten Herrn Bischofs Dr. Peter Joseph Blum, für eine Geldstrafe, wegen Anstellung eines Neopresbyter« Herrn Zimmer als Pfarrverwalter zu Haintgen, gepfändet, wurde am 18. November 1874 von treuen Diöcefaneu angesteigert unb für alle Zukunft dem Inventar des bischöflichen Stuhles einverleibt." Nachdem bie vier Herren mit ihren Bildern in bie Gemächer des Herrn Bischofs ringe» treten und das Volk in großer Anzahl gefolgt war, hielt Herr Eduard Trombetta, der das Bild angesteigert hatte, eine Ansprache. Nachdem der Herr Bischof den Segen gefpenbet, wurde ein dreimalige« Hoch auf denselben au«- gebracht, woraus sich die Anwesenden entfernten. Bekanntlich waren nach der vorletzten Versteigerung der gepfändeten bischöflichen Mobilien jeder Aufzug und alle öffentlichen Demonstration von Setten der Regierung in Wiesbaden untersagt worben.
Karlsruhe, 21. Nov. Die „Karlsruher Zeitung" bestätigt bie Nachricht, daß auch die zweite vom Freiburger Domkapitel für bie ErzbischosSwahl vorgelegte Liste von ber Regierung abgelehnt würbe. Da Bischof Hefele erklärt hatte, bie Wahl keinensallS anzunehmen, so schied er dadurch auS der Liste auS. Die Regierung hatte feinen Anlaß, sich über ihn zu äußern. Die „Karlsruher Zeitung" weist den Vorwurs mangelnden Entgegenkommens gegen die Curie zurück. Die Regierung verhandelte mit sämmtlichen Caudidaten, welche alle verweigerten den Eid auf Befolgung der Staatsgesetze zu leisten. Hierauf wurde sie abgelehnt. Die Regierung konnte keinen Erz«