Marburg, Sonnabend, den 21. November.
Mr 273.
1871
Anzeigen nimmt entgegen: rie Expedition b. Blattes, fooie bte Annoncen-Bureaux wn Th. Dietrich & Co. m Aaffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M-; Saasenstein & Vogler in Uaukfurt a. M-, Berlin, Leip- »g, Cöln rc.; Rudolf Moste in Berlin, Frankfurt a. M. rc.
ObtrhtMt Jriluim.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie bte Annoncen-Bureaux von G- L. Daube & Co. in Frankfurt a. M-; Jüger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalideudank, A- Rete- rneyer in Berlin; Carl Schüß- ler in Hannover; C- Schlotte in Bremen-
fftidteint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiettagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'fche Buchdruckerei) bezogen 221 6gr.. durch die Postämter des deutschen Reiches 25 6gr. (excl. Bestellgebühr). — JnsertionSgebühr für die gespaltene Zelle 1 Sgr. — Für in der Expedition zu ertheilende
Auskunft und Annahme von Adressen werden Sgr. berechnet.
Deutsches Keich.
.. Berlin, 19. Nov. Wenn man von vornherein darauf gefaßt fein mußte und war, daß in der Verhandlung des Reichstages über den Bankgefetzentwurf ein gewaltiger Widerstreit mit den Meinungen hervortreten würde, so ist durch die gestrigen Beschlüsse und Vorgänge im Reichstage doch eine aller Aussicht spottende Verwirrung der Frage herbeigesührt worden, deren Lösung der auf schwankenden Loden gestellten Commission schwerlich gelingen kann. Es läßt sich in dem jetzigen Stadium daher kaum ein anderer Schluß absehen, als die Realisirung der vom BundeSkom miffar Geheime Rath Michaelis ausgesprochenen Warnung, die Verzögerung der so nothwendigen Regelung des Bankwesen» auf unbestimmte Zeit und eine Wiederaufnahme unter ungünstigeren Verhältnissen. — Man vergegenwärtige sich die Lage der Commission; der LaSker'sche Antrag, welcher die Commission geschaffen, ist von seinen Urhebern ver- läugnet und abgewiesen worden, nachdem derselbe unter der Diktatur der Geschäftsordnung von der Majorität gerade die Hauptaufgabe, die Constituirung der Reichsbarik abge schnitten worden war, die Commission ist also darauf angewiesen, sich streng an den Gesetzentwurf zu halten; dieser enthält kein Häkchen, keinen einzigen Punkt, an welchen man die Reichsbank anknüpfen könnte; die Commission kann jedoch kaum zweifelhast sein, daß die Majorität nur einem Bankgesetz mit Reichsbank die Zustimmung geben, jede andere Regelung des Bankwesens ablehnen wird; die Reichsbank allein hat die Kraft, die weit auseinder gehen den Meinungen über Notencirculation und Rotencontengi- rung zu einem 'positiven Votum zu verfchmelzen; ohne ReichSbank kein, mit Reichsbank jedes Bankgesetz I" dies zündende LoofungSwort Bambergers stellt die unglückliche Commission vor eine ihr Mandat annullirende Aufgabe! Wird noch rechtzeitig ein Führer aus diesem Labyrinth heraushelfen?
— 19. November. Gestern fand bei dem Reichskanzler Fürsten Bismarck ein parlamentarisches Diner statt. Zu demselben hüten Einladungen erhalten: die Präsidenten, die Schriftführer und Quästoren des Reichstages, sowie die Ches» resp. die Träger der höchsten ReichSämtcr.^ Es war ein eigenthümlicher Umstand, daß gerade wenige L-tun den vorher der Präsident Forckenbeck fein Amt als Präsident imjReichStage niedergelegt hatte. — Mit dem 21. d. M. beginnen bei dem Fürsten Reichskanzler die parlamentarischen Abende und währen, wie die Einladungen ergeben, bis zum 12 k. M. Da der Fürst Bismarck in allen, selbst den kleinsten Dingen, nur nach einem bestimmten Plane handelt, so muß angenommen werden, der Reichskanzler fei der Ueberzeugung, der Reichstag werde bis dahin seine Ausgaben erledigt haben. Der Legationsrath v. Derenthall ist zum Legationssecretär bei der Gesandt-
Sinr Verbrecherin.
Novelle von Karl Wartenburg.
(Fortsetzung.)
An dieser Stelle «ar da» Tagebuch wieder abgebrochen und am Ende der Seite stand die letzte, nur wenige Zeilen enthaltene Mittheilung. Sie war vom ersten November dattrt, lückenhaft, unleserlich, offenbar in der höchsten Aufregung geschrieben. Sie lautet so:
„Entsetzliches, furchbares Verhängniß . . . Hardenau iit tobt, tobt ... bet Baron ist hier. Ich soll fliehen, fliehen mit ihm. Gefahr, Schande, Kerker, Schaffst und Henker bedrohen mich. Mein Gott, mein Gott ich werde wahnsinnig! Q, es wäre eine Gnade des Himmels, eine Barmherzigkeit Gottes für die . . . Mörderin!"
Der Professor ließ entsetzt das Blatt fallen und sprang mit einem dumpfen Ausruf des Schreckens vom Sitze auf.
„Unglückliche," tief er, nachdem er feinet ersten Bewegung Meister geworden, „der Elende gab Dir Gift! Jene« Pulver, es sollte Hardenau nicht einschläfern, eS sollte ihn tödten, damit Du desto sicherer die Beute deS Schurken werden solltest!"
Valerie richtete ihr von Thränen überstuthrtes Gesicht empor, und die Hände nach Werner ausbreiteud, schluchzte sie-: „Bei dem ewigen Gott, Werner, dem Allwissenden und Allgegenwärtigen, schwöre ich, daß ich die tödtliche Beschaffenheit und Wirkung jenes Mittels nicht kannte . . . Ich wollte fliehen, fliehen, um mich vor den Brutalitäten HardenauS zu retten! Mein Kopf wat verwirrt, mein Geist schwach, und ich sah und fürchtete nur Ein«! Da nahte sich mir jener Entsetzliche, wic der Verführer, ein Satan in menschlicher Hülle, er zeig e mir einen Ausweg aus meiner Roth, eine Rettung aus meiner Ver-
schäft in Athen ernannt, und ist heute dorthin abgereist, um dortselbst in bet nächsten Zeit den Gesandten v. Rado- witz zu vertreten.
— DaS neueste Heft deS deutschen PostarchivS (Bei blatt zum ReichS-PostamtSblatt) bringt eine statistische Tabelle über den Postverkehr in den. europäischen Staaten mit Ausnahme der Türkei; ferner in p>en Vereinigten Staaten Amerikas und in Aegypten. Dabei werden denn auch Angaben über das Personal gemacht, aus welchen man erfährt, daß beispielsweise Frankreich 3806 weibliche Personen bei einer Gesanmtt-Beamtenzahl von 8063 im Postdienste beschäftigt. Wenn für das deutsche Reichs Postgebiet das verhältnißmäßig große Personal von 45,000 Beamten und Unterbeamten nachgewieseu wird, so ist hier bei in Betracht zu ziehen, daß die deutsche Reichs-Postver waltung ein sehr ausgebildetes Fahrpost-Jnstitut unterhält und einen ausgedehnten Zeitungsvertrieb vermittelt. Die deutsche ReichS-Postverwattung erzielt aus einer Brutto- En,nähme von 31,100,000 Thalern, nach Aufwendung von 28,400,000 Thlr. Ausgaben, einen lleberschuß von 2,700,000 Thlrn. Die französische Postverwaltung liefert bei einer Brutto-Einnahme von 29,800,000 Thalern einen Ueberschuß von 10,100,000 Thalern, und die großbritannische bei einer Brutto Einnahme von 35,200,000 Thlrn. einen Ueberschuß von 10,200,000 Thlrn. Die Vereinigten Staaten AmericaS müssen einen Zuschuß von 9,100,000 Thalern gewähren, um welche Summe die Ausgaben die Einnahmen übersteigen. Sonst haben noch ihren Postverwaltungen Zuschüsse zu zahlen: Aegypten 23,871 Thaler, Luxemburg 9450 Thaler, Norwegen 4055 und Serbien 97,667 Thlr.
— In der „Voce de la Verita" finden wir ein Up theil über den kirchlichen Kampf, das sehr bezeichnend ist. Es wird dort nämlich hervorgehoben, daß es großer Irr lhum sei, was man glaube, der kirchliche Kampf ginge von einigen Persönlichkeiten, namentlich aber von Bismarck allein aus und daß mit dem Ministerium Bismarck auch derselbe aufhören werbe. Der Kamps werde vielmchr so lange fortdauern, als Preußen besteht, und zwar weil der Kampf seine» wahren und Hauptgrund in der innersten Natur dieses Staates hat; denn Preußen beruhe auf dem Protestantismus, eS sei der Wall und die Festung de« protestantischen Deutschland». Dort entspringe auch die eigentliche Opposition gegen Rom. Da nur aus dem Protestantismus der Nationalismus hervorgehe, so sei auch Preußen der Hort deS Radikalismus, und die Freimaurer, die Vorkämpfer des Nationalismus, finden in ihm natur lichen Nutzen. Danach ist also Preußen der Antichrist und die Todtfeindschaft der Jesuiten angekündizt.
Trier, 18. Nov. Vom Königlichen Zuchtpolizeigericht wurde der Kaplan Schneiders, welcher am 1. d. MtS. in
der LaurentiuSkirche öffentlich Meffe gelesen hat, wegen dieser unbefugten Ausübung geistlicher Amtshandlungen vorgestern zu 100 Thalern Geldbuße event. 3 Monaten Gefängniß und den Kosten verurtheilt.
Wiesbaden, 19. Nov. Die gestrigen Conferenzen über die Gemeindeordnung währten abermals über 8 Stunden. Die gebrachte Nachricht in Betreff der AmtSverbände ist unrichtig, eS verlautet vielmehr, daß die AmtSverbände auf einen sehr entschiedenen Widerstand gestoßen seien. Gestern drehten sich die Debatten hauptsächlich um die Classenwahlen, die Erweiterung der Gemeindevertretung in kleinen Städten und auf dem Lande bei wichtigen Angelegenheiten, die in der Landgemeindeordnung erwähnten Virilstimmen, die Pensionen der Gemeindebeamten, die Ernennung der Gemeindebeamten und das Bestätigungsrecht der Staatsregierung. An Lebhaftigkeit soll eS den Debatten nicht fehlen.
Meiningen, 17. Nov. Daß die dieffeitige Regierung im Bundesrath für den Bankgefetz-Entwurf gestimmt, während die kgl. sächsische sammt den übrigen thüringischen Regierungen gegen denselben votirt, hat in allen mit der Bank in Beziehung stehenden Kreisen einen unangenehmen Eindruck gemacht. Wie wir von unterrichteter Seile erfahren, will man, falls der Gesetz-Entwurf angenommen wird, das Domicil der Mitteldeutschen Kredit» bank nach Berlin verlegen, welchem Ortswechsel auch die Deutsche Hypothekenbank zu folgen haben würde. Eine Statuten-Revision ist jetzt schon beschlossen, um die Rechte der Regierung an den Banken der neueren Gesetzgebung gegenüber zu regutiren.
AnSlanr.
Witt», 17. Nov. Das Abgeordnetenhaus fetzte in seiner heutigen Sitzung die Spezialdebatte über das Aktiengesetz fort. — Eine wichtige Lösung ist gestern in Pest er» reicht worden. Durch da« Resultat der gestrigen Sitzung des ungarischen Oberhauses erscheinen die Differenzen erledigt, welche zwischen diesem und dem Abgeordnetenhaus bezüglich bet Wahlreform und der Notariats Ordnung obwalteten. Die Magnaten nahmen bezüglich des sieben- bürgischen Zensus den VermittelungSantrag an, der zwischen der Rechtsjektion und dem Minister Grafen Szapany vereinbart worden war, wogegen sich der Minister im Namen der Regierung verpflichtet, den nunmehrigen OberhauSbe« schluß im Abgeordnetenhaus durchzubringen. Bezüglich der Notariats-Ordnung liefe das Oberhaus feinen auf eine Einführung des Sprachenzwanges bei Abfassung notarieller Urkunden abzielenden Beschluß fallen. Dagegen hielt das Oberhaus bezüglich des JnkompatibilitätS-EntwurfS an den Aenderungen fest, welche es an demselben vorgenommen hatte. Die Sache giebt daher zu weiteren Verhandlungen zwischen den beiden Häusern Anlaß.
zweiflung, die mich ersaßt — und ich — ich fiel in seine Schlingen. Ich verfiel dem Bösen!"
„Ich begreife, ich begreife Alles," sprach der junge Gelehrte, mit sinnendem Blicke vor sich hinsehend, bestrebt, das Getriebe dieser Dinge zu erforschen, „und nun quält und peinigt Dich dieser Mensch mit seiner Leidenschaft uns seinen Wünschen, nun hetzt und verfolgt er Dich von Land zu Land, von Ort zu Ort. Nun droht er mit Entdeckung, Schande und Strafe und läßt das Beil des NachrichterS vor Deinen Augen blitzen."
„Gnade, Gnade, Werner," weinte Valerie zusammen- schauernd bei diesen Worten, „o, ich fürchte mich nicht vor dem Tode, aber vor diesem entsetzlichen, schmachvollen Tode! — o! da schaudere ich!
Werner antwortete nicht und blickte noch immer sinnend vor sich nieder. Er war zu sehr Jurist und besonders zu lange Advokat gewesen, als daß nicht seine juristische Na tur ihr Recht gegenüber seiner Gemüthsbewegung hätte geltend machen sollen bei einer Angelegenheit, die eine so ausgeprägte kriminalistische Färbung' hatte BloS die rechtliche Seite der Verhältniffe ins Auge saffend, suchte und prüfte fein Geist im Nu alle etwaigen Vertheidigungs- momente, die sich für die unglückliche junge Frau ausfinden ließen, im Falle eine Anklage gegen sie erhoben werden sollte. Von diesem Gedanken beherrscht, erhob er sich, und indem er feine Hand sanft und tröstend auf das Haupt der Weinenden legte, frug er mit ernstem, aber mildem Tone:
„Meine arme Freundin, wenn der Arzt einen Kranken retten will, muß er ihm oft eine bittere Arznei reichen, die der Leidende nicht zurückweisen darf, wenn er gerettet fein will. Aber der Kranke muß auch Vertrauen zu dem Arzt haben, der ihm die Gesundheit deS Lebens wieder geben fall. ' Wohl, ich will Dein Arzt fein. Willst Du
aber auch Vertrauen haben und mir auf meine Fragen antworten, offen und ohne Rückhalt? So werden vielleicht die vernarbten Wunden wieder aufreißen, aber um Dich retten zu können, ist eS nöthig, daß ich Alles weiß."
„Sprich Werner," flüsterte die junge Frau, nieder- gebeugt und ohne das Gesicht zu dem Geliebten autzu- richten.
„War der Tod HardenauS schmerzhaft und nach längerem Kampfe eintretend?"
Die junge Frau, unfähig zu sprechen, bewegte verneinend das Haupt. „Also rasch, plötzlich, schmerzlos?" fuhr der junge Professor fort.
Die Baronin bejahte durch eine Geberde.
„Und hat Dir jener Elende später nie angedeutet, von welcher Beschaffenheit jenes Pulver, welches er Dir gab, war?"
Die junge Frau, jwelche bei dieser Frage eine unaussprechliche Qual litt, lispelte kaum verständlich ein Wort, das jedoch dem scharfen Ohr Schildens nicht entging.
„Arsen!" rief er erstaunt und mit einem ungläubigen Tone aus, „Arsen? dieses corrostvc Gift? und der Tod HardenauS erfolgte rasch und schmerzlos? DaS ist unmöglich. Die Symptome der Arsenvergiftung find so deutlich, daß sie jeder Laie erkennen muß. Täuschest Du Dich auch nicht, Molly, hast Du recht gehört?"
„Ich täusche mich nicht. Sterneck hat mir so oft dieses entseuche Wort in die Ohren geflüstert, daß es mir wie mit glühendem Eisen in das Gedächtniß eingebrannt ist."
„Sterneck?" wiederholte durch diesen Namen augenscheinlich überrascht, der junge Rechtsgelehrte, „wie kommst Du auf diesen Namen?"
„Meine Gedanken verwirren sich", versetzte erschöpft