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JTTttrÖUtg, Freitag, den 20. November.
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„ES ist dies der ewige, traurige Refrain meines NachstnnenS.
„O Werner, komm und befreie Deine Valerie!
Am 20. Oktober.
„Mein jetziges Leben ist eine Kette von Ueberraschnngen und den feltfamsten Zufällen. Als ich heute Morgen aufstehe und an'« Fenster trete, daS Spiel deS Windes mit den abgefallenen Blättern betrachtend, bemerke ich auf dem äußern Fensterbrett, einen Strauß frisch gepflückter Herbstblumen. Ich ergreife ihn und finde inmitten der Blumen ein Biüet, das Folgendes enthält:
„Sie empfangen diese Zeilen von einem Manne, Frau Baronin, von dem Sie glauben, daß er fjebe6 andere Gefühl, als daö der Liebe für fie hegt. Und doch, doch liebt er Sie, liebt Sie mit einer Leidenschaft, einem Feuer, daS ihn zu verzehren droht, wenn Sie nicht die ©einige werden. Dieser Mann, Frau Baronin, nennt sich, — vielleicht haben Sie feinen Namen schon errathen — Eduard von Roller. Ja Valerie, Der Baron Roller, dieser Mensch mit dem kalten, gleichgültigen Blick, mit dem abstoßenden Benehmen, er ist es, der Sie liebt, so liebt, daß die Sprache dafür keine Worte hat ! . . . Sie staunen, Sie können dieses Räthsel nicht lösen?
„Ich liebte Sie, Valerie, von dem ersten Augenblick an, als ich Sie sah, aber ich sah auch zugleich, daß ich einen Nebenbuhler hatte, der Sie mit gleicher Leidenschaft, wie ich, liebte. Hören Sie, Valerie, und merken Sie sich das Wort: mit gleicher Leidenschaft! Dieser Andere war Ihr Mann: der Baron von Hardenau! Ich kannte die Bedingung, unter welcher Sie sich dazu verstanden hatten, die Gattin des Herrn von Hardenau zu werden, und ich bekenne offen, daß mich zuerst diese Seltsamkeit bewog, mich in die Zirkel Ihres Hauses einführen zu lasten. Ich wollte den Mann kennen lernen, der es über sich gewin-
Maß voll zu machen, wurden die Aktenstücke in der Alten Presse veröffentlicht, um der Welt zu zeigen, daß Arnim der Mann der Situation sei, der den Reichskanzler zu ersetzen im Stande sei. Alle Gegner Bismarcks bemächtigten sich der Angelegenheit und hoben dm Botschafter auf den Schild.
Man glaubte in Wien daß Bismarcks Stern im Sinken fei, man glaubte, feine Gesundheit sei dermaßen erschüttert, daß er sich nicht mehr lange halten könne, und man hielt den Zeitpunkt für geeignet, um ihm den Gnadenstoß zu versetzm. Wenn Graf Arnim sich das Ansehen giebt, als sei er vollständig unschuldig an jenen Publikationen, als sei das wider seinen Willen oder gar fein Wissen geschehen, so müsten wir uns nach dem, was wir wissen, wundern, wie er die Stirn zu solchen Behauptungen hat. Anfangs April wurde nämlich auch der Spenerschen Zeitung von Wim aus die Mittheilung der besagten Arnim'schen Sieten« stücke, sowie noch einer Anzahl ähnlicher von hoher Bedeutung angeboten. Ja, nachdem Graf Arnim jenen bekannten Brief an die Spenersche Zeitung gerichtet hatte, der von dieser veröffentlicht wurde, wollte er durch einen Unterhändler noch in nähere Verbindung mit der Redaction treten und ihr ebenfalls wichtige Mittheilungen machen, sowie interestante Actenstücke ihr zur Verfügung stellen. Durch äußere Umstände wurde dies verhindert. Alles das im Zusammenhang gehalten, der Einblick in die Pariser Vorgänge, der Zustand der Wiener Preßverhältnifle, die Hoffnungen maßgebender Persönlichkeiten in Wim, die Jntriguen der Ultramontanen in Berlin, die erwähnten Anerbietungen ArnimS, Alles daS, meinen wir, giebt den hiesigen Gerichten Veranlastung genug, die Sache ernsthaft zu nehmen und ertheilt jenem hochofficiösen Artikel der „Nordd. Allg. Ztg." eine weit größere Bedeutung als, die der bloßen Abwehr der österreichischen Preßangriffe.
ES kann daher keinem Zweifel unterworfen sein, daß wir eS nicht blos mit einer Unterschlagung amtlicher Actenstücke, sondern mit einem Mißbrauch derselben zu staatsgefährlichen Umtrieben zu thun haben, die sich direkt gegen den Reichskanzler richten.
Den österreichischen Agitationen gegenüber aber muß eindringlich hervorgehoben werden, daß die deustche Reichsregierung daS intime VerhSltniß beider Reiche angebahnt und bis jetzt offen und ehrlich aufrecht erhalten hat. Wenn eine Erkältung in den Beziehungen eintreten sollte, so hätte man eS denjenigen zuzuschreiben, die die Agitation de»-öfter- reichischen Preste veranlaßten ober zugaben und nicht rechtzeitig derselben entgegentraten.
Ei« verbrechen«.
Novelle von Karl Wartenburg.
(Fortsetzung^
Am Abmd destelben TageS hatte die Baronin weiter geschrieben:
„Ich bin eine Gefangene, eine Gefangene meines ... ich kann da« Wort nicht schreiben. O, eS ist ein abscheuliche» Complott, daS man gegen mich geschmiedet hat! Der Kopf wirbelt mir von allen Dem, waS ich in dm letzten 24 Stunden erfahren, und eS flimmert und schwirrt vor meinen Augen, entsetzliche Bilder quälen mich.
„Doch ich will mich zu fasten suchen, meine Gedanken ordnen und fie meinem einzigen Freunde, meinem Tagebuch anvertrauen.
„Der Reise nach diesem einsam gelegenen Jagdschloß lag ein wohl berechneter Plan zu Grunde. Hardenau wollte mich in seiner Gewalt haben, .er hofft so meinen Widerstand gegen seine stürmische Leidenschaft am schnellsten zu brechen. Deßhalb wurde er nach jener Scene in Ostende so kalt und kühl; er wollte mich sicher machen, täuschen. Von dem ersten Augenblicke an, wo wir dieses Jagdschloß betraten, war ich beobachtet und unter die heimliche Aufsicht deS CastellanS und seiner Tochter ge stellt, Geschöpfe, die Hardenau unbedingt ergeben sind. Wenn ich spazieren gehen wollte, war Hardenau stets mein Begleiter, oder wenn dieser mit dem Baron auf der Jagd war, die Tochter deS CastellanS, die immer einen Vorwand zu finden wußte, fich mir anzuschließen.
„Sobald ich dies bemerkte, ging ich gar nicht mehr aus und blieb auf meinem Zimmer, und selbst bann, wenn mich Hardenau zu einer Promenade aufforderte, schlug ich e« auS . . .
„Ich möchte fiiehm! Aber wohin, ohne Mittel zur Flucht?
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Deutsche» «eich.
Berlin, 18. November. Der russische Reichskanzler Fürst Gortschakoff, der stets willkommene Gast der beut>
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lichte, oder ob fie ihr von dem auswärttgen österreichischen Amte direkt zur Verfügung gestellt wurden, ohne deren Wissen und Zustimmung ist fie auf keinen Fall vor sich gegangen. Und damit ist die Situation eigentlich schon vollständig bezeichnet. Wir haben eS hier nicht mit einer bloßen Aktenunterschlagung, wir haben eS mit einer weitangelegten Conspiration, deren Fäden von Paris nach Wien und Berlin hinlaufen und die nichts geringere- beabsichtigte, als den Reichskanzler zu stürzen und Arnim an seine Stelle zu setzen, zu thun.
Um dies zu erweisen, muffen wir etwas weiter ausholen. Kurz vor dem Sturze Thiers fand bei dem Reichskanzler eine parlamentarische Soiree statt, bei welcher auch die Rede auf die Lage Thiers kam. Ein Abgeordneter meinte zu dem Reichskanzler, daß ThierS vor einem Abgrunde stehe, der ihn in wenigen Tagen verschlingen könne. Bismarck erwiderte darauf: „So schlimm ist die Sache nicht, unser Botschafter hat die beruhigendsten Berichte darüber eingesandt. ES ist nichts als blinder Lärm. ThierS wird bleibe n."
Wenige Wochen darauf, als die Jntrigue in Paris gesiegt hatte, waren dieselben Herren beim Reichstagskanzler versammelt und da« Gespräch kam wieder aus die Pariser Krisis; derselbe Jnterpellator hielt dem Fürsten Bismarck die unerwartete Wendung vor und dieser rief entrüstet: „Man hat mich absichtlich getäuscht." So ist es, Arnim hatte auffällige Verbindungen mit den Legitimisten; er trieb Politik auf eigene Hand, er unterrichtete ben Reichs- tangier nicht von bet Tragweite ber Agitation und verhinderte dadurch, daß derselbe seinen Einfluß zu Gunsten Thiers geltend machte. Und dies geschah, obwohl dem Botschafter bekannt fein mochte, daß eine legitimistische Regierung nicht im Jntereffe deS deutschen Reiches fein könnte und der Reichskanzler fich geradezu im Gegensatz zu dieser Richtung efanb Halten wir biefe Vorgänge nun mit ben Sympathien einer dem Throne nahestehenden Persönlichkeit, die Überdies ihre Hand schützend über die ultramontanen Bestrebungen hält und gelegentlich versicherte, ihr Herz gehöre dem Chambord, zusammen, sowie mit den Begebenheiten im Anfang April dieses Jahres, so gewinnen wir einen Einblick in das, was die Wiener Blätter eine „Palastintrigue" zu nennen beliebten, was aber »eit mehr als das ist.
Der Reichskanzler lag an einer schweren Krankheit darnieder, seine Feinde theilten schon daS Fell deS Löwen und debattirten über seinen Nachfolger. Die Schwierigkeiten des Militärgesetzes warfen ihre Schatten bis in« königliche Palais. Die Ultramontanen beobachteten eine schlaue Zurückhaltung und boten durch einen hier lebenden katholischen Fürsten ihre Hülfe bei dem Militärgesetz gegen die Redresstrung der Maigesetze an. Da, um daS
Oe-err-ichifche Agitation gegen BiSmarck.
Wir haben uns bis jetzt enthalten, die Affaire Arnim einer eingehendem Betrachtung zu unterziehen, und sie nach ihrer vollen Bedeutung zu würdigen. Aber der letzte Leitartikel der „Nord. Allg. Zeit.," deffen hochoffikiöser Stempel sofort in die Augen springt, nöthigt uns, alles das mitzutheilen, was geeignet ist, ein klares Licht auf diese höchst fatale Geschichte zu werfen.
Dieser Artikel, der nicht verfehlen kann in den weitesten Kreisen da« allergrößte Aussehen zu erregen, rechnet mit jenem Theile der öfterreichffchen Preffe ab, der die Arnim- sche Angelegenheit zu einem Sturmbock gegen den deutschen Reichskanzler benutzt, und die gehässigsten Urthelle über preußische Gerichte und Bchörden bei seinen Lesern mit Consequenz zu verbreiten sucht. DaS officiöse Blatt, daS in diesem Falle sicherlich direkt inftruirt ist, warnt vor den gefährlichen Folgen einer solchen Prestaktik, die.Frank- reich durch ähnliche Hetzereien so unendlich viel Unheil gebracht habe. ES befürchtet, daß die alte Abgeneigtheit im österreichischen Volke dort nicht einer gesunderen Ein- ficht und einem Gefühl der Freundschaft, wie eS die Sou- oeralne und Cabinette beider Reiche glücklicherweise verbindet, für alle Zeit gewichen, sondern nur mit einer ge- machten Freundlichkeit übertüncht." Und eS spricht sein Bedauern darüber auS, daß die anscheinend freundschaftlichen Gesinnungen leider nicht tief wurzeln können, da die österreichische Presse als das Organ der öffentlichen Meinung deS Lande» in so bedauerlicher Weise gegen die deutsche Regierung und die preußische Rechstpflege angriffsweise vorgegangen ist. (Soweit jener Artikel.) Wollen wir uns ober über die Tragwette desselben vollständige Klarheit verschaffen, so müffen wir daS noch hinzufügen, was natürlich bas officiSse Blatt verschwiegen hat. Man weiß in ber Wtlhelmstraße ganz genau, daß die Angriffe ber österreichischen Preffe ebensowenig möglich wären, wenn sie nicht einer höheren Inspiration gerabe so folgten, wie einst- bie Pariser Preffe dem Wink der Napoleonischen Regierung. Man weiß eS speciell sehr genau, daß das Hauptorgan des Arnim'schen PreßdüreauS, bie alte „Preffe" zugleich Hauptorgan ber österreichischen Regierung ist, daß die Herren Lecher, Laurr und Hoffmann sich Tag für Tag die Parole vom Ballhausplatze und von dem Herrn Unger holen, da fie keine Politik auf eigene Hand treiben können, sondern durch die eigentümlichen Verhältnisse der Preffe darauf angewiesen sind, sich in allen Fragen der innern und äußern Politik, ganz besonders aber bei einer so delikaten Angelegenheit wie die Arnim'sche ist, erst recht des Winkes und der Zustimmung deS Ministeriums sich ver- gewiffern müffen. Wir lassen eS dabei ganz dahingestellt, ob die Preffe au« freiem Antrieb, die ihr von keinem Unterhändler ArnimS angebotenen Schriftstücke veröffeut-
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neu konnte, neben einer Frau, wie Sie es sind, einen StoiciSmuS zu zeigen, der Allen unbegreiflich war. Ich bemerkte an dem ersten Abend, daß Ihr Mann eine glühende, flammende Leidenschaft für Sie hegte, daß ihn eine fressende Eifersucht verzehrte, wenn er Sie umringt von jenem Kreis von Anbetern sah, bie sich um bie Wette stritten, ein Lächeln Ihres Mundes ober einen Blick Ihres Auges zu erhaschen . . .
„Aber bei all' seiner Leidenschaft für Sie verstand er eS, sich meisterhaft zu verstellen und unter einem eisigen Phlegma und einer liebenswürdigen Gutmüthigkeit tauchte die Gluth, welche ihn durchlvderte, in seinem Auge als eine plötzliche, eifersüchtige Wuth aus, welche die Bewunderer und Schmeichler, die Sie umgaben, zu vernichten drohte. Erkennen Sie jetzt auch den Grund der freundschaftlichen Gesinnung Hardenau's? Warum er sich so fest an mich anschloß? Ich allein unter Allen, die Sie umgaben, blieb kalt, ich allein streute Ihnen keinen Weihrauch, sagte Ihnen keine Schmeicheleien, verfolgte Sie nicht mtt meinen Huldigungen. O, glauben Sie mir, Valerie, es kostete mir unendliche Kämpfe, Ihnen Kälte, ja Nichtbeachtung zu zeigen; aber ich wußte, daß ich nur so dem Mißtrauen Hardenau's vorbeugen konnte, daß ich nur auf diese Weise mich der Katastrophe entziehen könnte. Ich wußte es int Voraus, daß Hardenau eines Tages diesem bunten Schwarm von Anbetern und Verehrern sein Haus verschließen und ihnen sagen würde: Was wollt Ihr hier, diese Frau ist mein und Ihr habt keinen Theil an ihr. Ich wußte das Alles, Valerie, und um nicht daS Schicksal Jener zu theilen, zeigte ich mich so kalt und gleichgültig, wie Sie mich kennen lernten."
„Begreifen Sie nun die Stärke meiner Liebe?"
„Doch Sie sollen noch mehr Beweise haben! Es war wenige Tage nach jener Scene in Ostende, bei welcher
Anzeigen nimmt entgegen: bie Expedition d. Blatte«, . sowie bte Annoncen-Bureaux von G. L. Daube & Co. in Frankfurt a. M.; Jäger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M; Jnvalibenbank, A. Rete- meyer in Berlin; Carl Schütz- ler in Hannover; C- Schlotte in Bremen-
Anzeigen nimmt entgegen: lie Expedition d. Blatte», sowie bie Annoncen-Bureaux von Th- Dietrich & Co. in Kassel unb Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M.; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a. M.,Berlm, Leipzig, Cöln rc.; Rubolf Stoffe in Berlin, Frankfurt a- M. rc.