Marburg, Donnerstag, den 12. November.
Ur 265
1874.
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*te Sqzedttto« d. Blattet, sowie die Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. TL; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a- M., Berlin, Leipzig, Cöin rc.; Rudolf Moss» In Berlin, Frankfurt a. M. ic.
(i'llirrliclTifdir Jriliimi.
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...DnüscheS Reich.
*• Berlin, 10. Nov. Die Verhandlungen im Reichstag über den Etat-werden, wie man anerkennen muß fast von allen Seiten in sachgemäßer Weise geführt und einseitigen Parteiinteressen oder sonstigen die Lösung der Aufgabe erschwerenden Einflüssen kein Spielraum eingeräumt. Auch der Abgeordnete Richter übt seine Kritik innerhalb der Grenzen, welche man der Pflicht gewissenhafter allseitiger Prüfung einräumen muß. Der vom Abg. Richter hervorgehobene Tadel, daß die Einnahmeposten zu niedrig angeschlagen würden, um dann die Mehreinnahme als eine bestechende Ueberraschung oder als ein besonderes Verdienst der Finanzverwaltung geltend zu machen, findet seine that- sächliche Widerlegung in dem als alte preußische Tradition in die Reichsverwaltung herübergenommenen Princip die dreijährige Durchschnittseinnahme zu Grunde zu legen; man wird wohl zugeben muffen, daß dieser Grundsatz der Solidität befler entspricht, als wenn man die Veranschlagung nach zeitweisen Berechnungen ohne feste Basis machen wollte. — Dem BundeSrath ist vom Reichskanzleramt eine Convention mit den Niederlanden zum Schutz des literarischen EigenthumS zur Genehmigung unterbreitet worden. — Die Mittheilung mehrerer Blätter, daß das Unterrichtsgesetz dem nächsten Preuß. Landtage nicht vorgelegt werden würde, findet ihre Bestättgung. Bei der Bearbeitung deS Entwurfes hat man sich der Erkenntniß nicht verschließen können von dem engen fast untrennbaren Zusammenhang wesentlicher Materien deS Unterrichtsgesetzes mit der Reform der ganzen innerm Verwaltung. Das Gesetz über das Boiksschul wesest muß seine Basis auf der Comunalverfafiung haben und würde in der Lust schweben vor Durchführung der ganzen BerwaltungSreorganfiation.
— Zu den absurden Projectm, welche der deutschen Politik von einem Theil der Prefie und gewifien politischen Kreisen des Auslandes systematisch angedichtrt werden, gehört auch das der Lösung der spanischen Frage durch die Verwirklichung der Iberischen Union unter das Scepter deS Königs Ludwig von Portugal. Abgesehen davon, daß Deutschland nicht gewohnt ist, fich in die Angelegenheiten anderer Länder zu mischen, gehört eine große Unterschätzung drS Leiters unserer auswärtigen Beziehungen dazu, ihm die Unterstützung einer Combination zuzutrauen, welche so unpraktisch und so wenig den thatsächlichcn Ver- hältnifien entsprechend ist, daß sie höchstens den „politischen Dilettanten durch naive Intuition offenbar werden" nie aber verständigen Leuten einleuchten kann, und wir würden eS nicht der Mühe werth hallen, auch nur ein Wort über die Sache zu verlieren', wenn nicht da» Journal deS De- batS, welches in Folge seiner früheren staatsmännischen Haltung und ebenso geschickten wie vorsichtigen Redaction,
noch heute ein gewisse- Ansehen genießt, in einem premier Paris vom 5. d. M. al- unzweifelhaft hinstellte, daß man deutscherseits nicht nur das Project hege, sondern auch dem Könige von Portugal bezügliche Eröffnungen gemacht habe. ES ist kaum glaublich, daß die Leiter deS DebatS selbst an solche auS unsauberen Quellen geschöpften Nachrichten glauben; aber man begreift leicht das Manöver, der deutschen Polin! erst gewifie Absichten anzudichten und dann einen Mißerfolg derselben mit Behagen zu registriren, wenn solche Nebelbilder nicht zu Wirklichkeiten werden.
Paderborn, 5. Nov. Der „Germ." wird von hier geschrieben: „Am heutigen Morgen sollte der Bischof in der wegen deS intmdirten ProcesseS auf Amtsentsetzung eingeleiteten Voruntersuchung vernommen werden. Der Bischof, welcher die Competenz des t Gerichtshofes für kirchliche Angelegenheiten nicht anerkennen konnte, hat jegliche Mitwirkung versagt, jede Auskunft verweigert."
Wiesbaden, 9. Nov. Wie der „Rh Kur." gerüchtweise mittheilt, soll beabsichtigt werden, die Abtheilung II der k. Regierung von hier nach Kafiel zu verlegen. — Am Sonntag Abend hielten sämmtliche hiesige Briefträger eineVersammlung in der„Stadt Frankfurt" ab, um zu berathen, welche Schritte zu thu» seien, um eine GehaltSerhöhnng zu erwirken, resp. Gleichstellung mit ihren Collegen von Frankfurt, Cüln, Düsseldorf, Aachen, Berlin rc. Es wurde ein- stimmig beschlossen, -eine Eingabe an den Reichstag dem Abgeordneten Schulze-Delitzsch zu übersenden. Wir wollen hoffen, daß diese ihren Zweck erreicht.
AuS Thüringen, 7. Nov. Die coburg-gothaische Vorsynode hat gestern ihr Bureau gewählt. RegierungS- rath Gerhard ist Prästdent und General-Superintendent Petersen Vice Präsident. StaalSralh Brückner übergab die Synodal Verfaflung und dazu gehörige Wahlordnung, welche einer aus vier Gothaern und 3 Coburgern bestehenden Commission zur Vorberathung überwiesen wurden. — Heute ist da- coburgische Volksschul-Gesetz publicirt worden. ES ist dafielbe ein sehr umsänglicheS Gesetz, welches sich mehrfach dem weimarischen Volksfchul-Gesetz anschlietzt, rücksichtlich der Emanripation der Schule von der Kirche aber noch um einen Heinen Schritt weiter geht. Für die Stadl Coburg ist überhaupt kein Geistlicher Mitglied des Schulvorstandes, in den übrigen Orten ist der Geistliche zwar Mitglied, die Schulaufsicht übt jedoch der Schul» Vorstand bezw. der Schul-Director; die staatliche Aufsicht wird einem aus der Reihe der practisch geübten Schulmänner zu ernennenden Schul-Jnspector, der Mitglied des Schulamtes ist, übertragen. Die oberste Aufsicht hat das Staats-Ministerium, dem die Stadt Coburg unmittelbar untersteht. Die Besoldungen der Lehrer sind um ein Geringes niedriger als im Weimarischen, die .civilrechtliche Stellung und das Dis.iplinar-Berfahren wie bei den
■- Eine Verbrecherin.
- v Novelle von Karl Wort en bürg.
(Fortsetzung.)
„Werner,* entgegnete fie, „Du hast so schwere Anklagen gegen mich geschleudert, so Abscheuliches mir vorgeworfen, daß ich mich erst sammeln muß, bevor ich ein Wort der Vertheidigung finde ... noch kann ich dieses Gewirr von Lügm und Jntrigum, da- eine feindselige Hand um uns gesponnen, nicht durchschauen, aber schon jetzt, schon jetzt Werner, schwöre ich eS bci dem ewigen Gott, daß man uns Beide belogen und betrogen, daß ich nie aufgehört, Dich zu lieben, nie auf gehört, Dir treu zu bleiben, selbst dann nicht, als ich die Gattin eines' Andern wurde."
Sie hatte diese Worte mit solcher Energie, mit solchem Ausdruck v n Wahrheit gesprochen, daß Schilden einen Augenblick seine heftigen und schonungslosen Worte be. reute. Doch der Zweifel hatte sich zu tief in seine Brust eingegraben, al- daß diese Versicherung ihn sofort hätte wieder auSrotten können, und mit jenem ungläubigen spöttischen Lächeln auf den Lippen antwortete er:
„O gnädige Frau, Sie besitzen unstreitig ein bedeutende- mimische- Talent!"
Hatte Valerie diesen Mutigen Spott nicht verstanden, oder wollte fie ihn nicht verstehen, sie antwortete nicht- darauf, sondern flüstette nur, indem fie mit der Rechten eine abwehrende Geberde machte, während fie die Linke auf ihr laut und hörbar klopfende- Herz legte:
„Habe Mitleid mit mir, Werner, lächle nicht so, die« fet spöttische, verächtliche Lächeln tödtet mich,"
War e- Mitleid oder eine Regung jener, nach langem Kampfe unterdrückten Liebe, welche da- Lächeln von seinen Lippen verschwinden ließ, eS verschwand und ein düsterer
„Werner," begann die junge Frau von Neuem mit flehender Stimme, „willst Du mir eine Bitte, eine einzige Bitte gewähren?"
„Sprechen Sie, Frau Baronin."
„O, nicht so!" bat die junge Frau, indem sie von dem Sopha herabglitt und, fich auf die Äniee niederlafiend, ihre Hände zusammengefaltet, in den Schooß des jungen Mannes legte, „nicht diese kalte Sprache, Werner . . . Es ist Valerie, Deine Valerie, die zu Dir spricht, und um Gehör, Vertrauen, Schutz und Beistand bittet.
Diese letzten Worte waren mit einem solchen Ausdruck von Herzensangst gesprochen und wurden von einem so flehenden Blick begleitet, daß Werner das Aufwallen eines lebhaften Gefühls nicht erdrücken konnte und mit Wärme entgegnete:
„Schutz und Beistand habe ich noch keinem Menschen verweigert, wenn er mich darum anging. Warum sollte ich es Dir, Valerie I"
„Du willst mich anhören?" frag eduntthigt durch diese Worte die junge grau.
„Ich höre", murmelte er.
Sie schöpfte tief Äthern und begann dann, während Werner, den Kopf in die hohle Hand gestützt, ihr mit gespannter Aufmerksamkeit lauschte:
„Ich muß, um Dir in meinem Thun und Lasten ganz klar und verständlich zu werden, und damit auch nicht mehr die leiseste Wolke zwischen un- liege, mit jener Zeit beginnen, wo ich Dich kennen lernte, muß die ganze Kette der Begebenheiten noch einmal vor Deinen Augen ent wickeln, um dann das llrtheil aus Deinem Munde, ob schuldig oder nicht schuldig, zu hören. Unterbrich mich deshalb nicht, selbst wenn ich Dir schon Bekanntes sage; es ist dies nothwendig, daß Du Alles im Zusammenhang Dir wieder vor die Seele stellst." _______________
Staatsdienern. Honorare für Kirchendienste müssen mindestens 100 Mark betragen, werden aber in die Besoldung eingerechnet. FottbildungS-Schulen sind für Knaben bis zum 16. Jahre obligatorisch, für Mädchen können die Gemeinden solche errichten. Die Lehrer bekommen den Unterricht an der Fortbildungsschule besonders honorirt. Mit dem Beginn des Confirmanden-UnterrichtS haben die Confirmanden an dem Religions-Unterricht in der Volksschule nicht mehr Theil zu nehmen. Das Gesetz triU mit dem 1. Januar 1875 in Kraft.
Darmstadt, 10. Nov. Die Herrenkammer lehnte mit 16 gegen 15 Stimmen einen von Dalwigk gestellten Antrag ab, die Berathung der Kirchen-Gesetze bis nach Erledigung der preußischen Kirchen-Gesetzgebung zu vertagen, damit ist die Annahme der Kirchen-Gesetze gesichert.
Offenbach, 9. Nov. Am verflostenen Samstag und Sonntag weilte der altkatholische Bischof Dr. ReinkenS zum ersten Male in unserer Stadt, um seiner jungen Gemeinde, die erste des GroßherzogthumS Hessen, einen Besuch abzustatten und das Sakrament der Firmung zu spenden. Die Begrüßung deS Gastes, welche am Samstag Abend im neuen Saale der Schlofier'schen Liegenschaft statt- fand, hatte eine große Anzahl hiesiger Bürger angelockt. In einer längeren Erwiderung der begrüßenden Worte des Hrn. Kaufmanns Weil verbreitete fich Hr. Bischof ReinkenS über Wesen und Zweck der altkatholischen Reformbewegung. Am Sonntag Morgen um IOV2 Uhr fand Gottesdienst in der Schloßkirche statt, zu defien Schluß eine Anzahl älterer und jüngerer Mitglieder gefirmt wurde. An dem Festbankett in der Schlofier'schen Liegenschaft nahmen 160 Personen, worunter die Spitzen der Behörden und die angesehensten Bürger, Theil. Der erste Toast, ausgebracht von Hrn. Baron v. Ritter, galt dem Hrn. Bischof, der ihr Stolz und ihre Freude sei. Hierauf sprach Bischof ReinkenS In längerer Rede über die Stellung deS AltkatholiciSmuS zum Staat und zu den anderen Con- fesfionen. Sodann folgte noch eine Reihe von Toasten auf die evangelische Gemeinde, die altkakholische Gemeinde rc. Am Sonntag Abend fand im Schlofier'schen Saal eine gesellige Zusammenkunft statt, die so stark besucht war, daß der Saal die Menschenmenge nicht zu fafien vermochte. Namentlich waren auch die benachbarten Orte sehr stark vertreten. (Fr. A.)
Nürnberg, 6. Nov. In hiesiger Stadt wird demnächst eine Versammlung von Vertretern der größeren bayerischen Städte stattfinden, um Berathung über die Schritte zu pflegen, welche zu unternehmen sind, um bei der Staatsregierung dahin zu wirken, daß die städtischen Consurnsteuern in derselben Höhe wie seither nach Ablauf des Endtermins (31. Dezember 1875) erhoben werden dürfen. Bei Nichtgenehmtgung der Bitte von Seiten der
Werner schwieg und Valerie fuhr fort:
„Es war in einer Mittelstadt der Rheinprovinz und ich bei einer dort verheiratheten Freundin zu einem Ungern Besuch. Kurze Zeit vor meiner Ankunft war in einer benachbarten Stadt ein schweres Verbrechen begangen worden, welches gerade während meine- Aufenthalts vor den in dem Wohnorte meiner Freundin zusammentretenden Geschwornen verhandelt werden sollte. Der Vorfall bildete in allen Kreisen das Tagesgespräch und ich erinnere mich noch heute aller Einzelheiten und Umstände.
„Ein junger, talentvoller, aber armer Maler, der in einem heimlichen Liebesverhältniß mit der Tochter eines reichen und hohen Offiziers gestanden, war angeklagt, feine Geliebte bei einem abendlichen Spaziergang am Ufer des Flufies aus Eifersucht ermordet und dann in das Wasser geworfen zu haben.
„Den sorgfältigsten Nachforschungen ungeachttt, halte man indessen den Leichnam des unglücklichen Mädchens in Den Finthen nicht finden können. War dies auch ein günstiger Moment für den Angeklagten, so sprach doch so Vieles gegen ihn! Inmitten niedergetretenen Gestrüpps hatte man am Userrand das blutbefleckte Taschentuch des MSdchenS gefunden; mehrere Personen hatten den Angeklagten mit ihr wenige Stunden vor ihrem Verschwinden Arm in Arm läng- dem Flufie gehen sehen, und so gab eS noch verschiedene Umstände, die schwer und drohend gegen den Angeklagten zeugten. Unter der dicht gedrängten Zuhörermenge, die am Tage der Verhandlung den Sitzungssaal der Asstsen füllte, war auch ich in Begleitung meiner Freundin und ihres Gatten. Der Angeklagte wurde hereingeführt und ein Murmeln des Erstaunens lief längs der dichtbesetzten Tribüne hin.
„Dieser junge Mann mit den sanften, fast kindlichen