1871
Marburg, Dienstag, den 10. November.
Ur. 263
WtrheMe Zeitung
Landlagsabgeordneter
gegnet. ES lag dem eine reine Zäsälligkeii zu Grunde.
Beide hatten eine Vorliebe für die entlegensten und
HauShaltSetat gestellt worden waren, wurden wieder ausgenommen und fanden, der „Nat. Ztg." zufolge, im We> entlichen wiederum die Zustimmung der Majorität. Zur Erledigung gelangten die vier ersten Paragraphen. Alle Beschlüste werden jedoch nur unter Vorbehalt einer zweiten Lesung gefaßt, sowohl in Bezug auf den materiellen Inhalt als auch aus die Fastung. — Bezüglich der Vorbereitung für das Markrn-Schutzgesetz hat sich im Reichstage die angekündigte sogenannte freie Commission gebildet und gestern unter dem Vorsitze deS Abgeordneten Rickert eine Beralhung abgehalten. — Gestern Abend ist der Hauptetat der Verwaltung d«S Reichsheeres für das Jahr 1875 an die Mitglieder des Reichstages vertheilt worden; er bildet einen starken Ouartband von 315 Seiten. Die Einnahmen sind darin festgestellt auf 853,092 Mark, die Ausgaben auf 278,808,345 Mark und zwar fortdauernde 271,925,844, einmalige 6,182,501 Mark, für die Militärverwaltung von Bayern find an Ausgaben 41,101,701 Mark ausgeworfen, also belaufen sich die Ausgaben in Summa aus 319,820,046 Mark.
einsamsten Partien des Gartens, besonders für das Wäldchen mit den chinesischen KioSk und dem Denkmal des gefallenen Polenfürsten, zu dem sie stets ihre Schritte lenkten, und selbst an dem kühlen frischen Oktobermorgen vorzogen, unter den noch von dem Nachtreif flimmernden Bäumen zu wandeln, statt auf freieren, sonnigen Wegen im modernen Theile des GartenS zu promeniren.
Vielleicht war an dieser Vorliebe für das stille, einsame Wäldchen die Beschaffenheit ihres Leidens Schuld, daS bei Beiden mehr seelischer als körperlicher Art zu sein schien. Man konnte wenigstens dies meinen, wenn man sah, wie der junge Mann, der scharfen Morgenluft nicht achtend, so lange still, unbeweglich und mit traurigem, schwerrnüthigem Blick auf einer aus Tannenästen gezimmerten Bank saß, die dicht am Ufer deS Flusses stand, zuweilen mit der Hand über die Stirn strich, wie um eine trübe Erinnerung zu verscheuchen, und seine Augen dann wieder aus Momente zornig funkelnd aufblickten.
DaS Seelenleiden der schwarzen Dame, wie die Leute im Garten und in der Trinkanstalt die Unbekannte nannten, war wohl ein noch tiefere«, und hatte ihr Nervensystem in eine Empfindlichkeit versetzt, die fie oft vor dem Rascheln deS Laubes oder vor dem Ausfliegen eines Vogels erschrecken ließ.
Mtt zitternder Hast fuhr fie dann von ihrem Ruhefitz, empor und warf einen erschrockenen Blick nach der Gegende von welcher her ihr daS Geräusch klang, gleich ale sürcht- sie zwischen den Bäumen hervor irgend eine drohende Erscheinung treten zu sehen.
Diese» jähe Erschrecken, diese Hast, bereit immer zu fliehen vor irgend einer lauernden Verfolgung, würden Jedem, der die Unbekannte nur von der Ferne aus beobachtete, als die Zuckungen eines schuldbelasteten Bewußtseins, als die auftauchenden Erinnerungen an eine dunkle That erschienen sein.
Aber in wessen Seele konnte so ein Verdacht auf
den. Wer von Ihnen Achtung für Lehrer und Vorgesetzte verlangt, wer sie zur Befolgung von Borfchriften und Schulordnungen auffordert, wer fie ermahnt, dm Unterricht vollständig zu benutzen, um dadurch für eine glückliche und ehrenvolle Zukunft zu sorgen, der wird verlästert und versöhnt, selbst bis zu den höchstm Würdenttägern im Staate jinauf. — Erst kürzlich erlebten wir dm scandalösen Vorgang, daß etwa ein Sechstel der Studirmdm an hiesiger aniversttät den Cultusminifier mit Zischen empfangen haben, weil er durch einen Erlaß zum regelmäßigen Collegienbe- such und zur sorgfältigsten Wahrnehmung der akademischen Jahre — woran eS leider viele fehlen lassm — mit Ernst aufgefordert hatte. Dieser ebenso puerile als verwerfliche Exzeß hat zwar hier in besonnenen geleiteten Zeitungen Tadel, aber von autoritattver Seite keine Rüge, vielmehr eine halbe Zustimmung erfahren. Unter solchen Umständen ist diese Opposttion gegen alles Bestehende einen Schritt weiter gegangen und möchte dm Händm des Kriegsministers sogar die Zügel der militärischen Disziplin entwinden, indem sie sagt: wie Dr. v. Stremayr den Studenten, so muthe Baron Koller den Zöglingen der Militär- ErziehungSanstaltm zu viel zu, wenn er verlangt, daß — auf Staatskosten erhaltene — Knaben ihre Zeit dem Unterrichte widmen, und nicht gestattet, sich müßig herumzutreiben. Damit verstößt ja der Kriegsminister gegen die Lernfreiheit und beschränkt das Recht deS Individuums, über seine Zeit nach eigenem Ermeffm zu versügm. Noch schlimmer, daß die jungen Leute zur Befolgung der Hausordnung gehalten und sogar verpflichtet werden, die Offizier-Stellvertreter militärisch zu grüßen! Man hat sich höheren Orts Herbeigelaffen, diese Anordnung zu motivirm, was bei einer so selbstverständlichen Sache wohl überflüssig war.
— 7. November. Der Justizminister legte heute dem Abgeordnetenhause unter dem Beifall deS Hanse den Entwurf eine» neuen Strafesetzbuches vor. Derselbe erklärte hierbei, daß die Grundlage und ein nicht geringer Theil der Bestimmungen deS Entwurfes fich an das deutsche Reichsstrafgesetzbuch anschlöffen, wodurch zunächst der Vor- theil erreicht sei, daß die österreichische Gesetzgebung sich dem großm Zuge unmittelbar anschließe, welcher die Strafgesetzgebung Europas seit Beginn de» Jahrhunderts in ganz unverkennbarer Weise beherrsche. Selbstverständlich sei der Entwurf nicht eine sklavische Nachahmung, vielmehr hätten die eigenthümlichm politischen Verhältnisse und manche werthvollen kriminalistische Traditionen OesttrreichS barin eingehende Berücksichtigung gesunden. Der Minister fügt hinzu, daß auch Arbeiten betreffs Regelung deS Polizei- strafrechte» im Gange und sehr weit vorgeschritten seien.
Wie», 4. Nov. Dem ehrwürdigen Begriffe der Freiheit sucht man gegenwärtig bei uns ganz heterogmeVorstellungm unterzuschieben, denen zufolge die Freiheit in Ungebundenheit besteht, welche jeden Zügel der DiSciplln verabscheut und
berg gesandt werden soll.
Äitflael.
Deutsches Reich.
Berlin, 7. Oct. Der Kaiser unterhielt sich beim jüngsten Empfange der drei Präsidenten deS Reichstags in angelegentlichster Weise übet die legislatorischen Ausgaben , welche die gesetzgebende Körperschaft deS deutschen Reiches in dieser Session zu lösen hat. Der Kaiser gedachte vornehmlich deS Bonkgesetze« als einer Vorlage, welche nach allen Settm hin Schwierigkeiten begegnet. Er ging bei dieser Gelegenheit aus eine specielle Erörterung der einzelnen Abschnitte ein und citirte Ziffern, die von einem genauen Studium der Materie Zeugniß ablegten. Der Monarch berief sich bei dieser Gelegenheit auf dm eingehenden Vortrag deS Reichskanzleramtspräsidenten Delbrück und äußerte dabei, daß er sich auf die Richtigkeit der Angaben Delbrücks verlassen könne. Die militärischen Vorlagen berühtte der Kaiser nicht in seiner Unterhaltung. Er gedachte deS gesicherten Friedens als einer Folge der Vertrauensstellung, welche feine Regierung gegenüber dm mSchtigm Monarchien in Europa einnimmt, und erwähnte namentlich die intimen Beziehungen, welche unS an Rußland knüpfen . . . . . In Abgeordnetenkreisen hat insbesondere die genaue Citattvn der Ziffern de« Bankgesetzentwurs« einen erfreulichen Eindruck gemacht. ES conftatirte dies von Neuem, daß der Kaiser ttotz seiner vielfachen RegierungSgeschäfte und seines hohen Alters die Gesetz Vorlagen einer sorgfältigen Prüfung unterzicht. Man erinnerte fich bei der Gelegenheit des Umstandes, daß in der vorjährigen Session deS Abgeordnetenhauses ein RegierungScommiffar vertraulich mittheilte, der König habe einen ihm vom Staatsministerium unterbreiteten, über 100 Paragraphen umfassenden Gesetzentwurf mit durchgehends eigenhändigen Randbemerkungen versehen. Eine dieser Bemerkungen lautete dahin, daß e« sich an der betreffenden Stelle wohl um einen Schreibfehler handeln dürste. In der That «ar dem auch so ..... . Daß der Kaiser fich gerne auf ben Vortrag seiner Räche beruft, ist in Hoskreism wohl bekannt. So erzählt man, baß et gegenüber einer diplomatischen Persönlichkeit, die vor Kurzem eine Audienz bei ihm hatte, des Reichskanzlers mit den Worten gedachte: „Wa« Fürst Bismarck vorausgesagt, ist
Eine Kerbrecheriu.
Novelle von Karl Wartenburg.
I.
Unter der Menge schöner, anmuthiger Gärten, welche die berühmte UniversttätS- und Handelsstadt Leipzig besitzt, giebt eS einen, welcher durch eine geschichtliche Erinnerung da« besondere Jntereffe der Fremden erregt, die diese Stadt
Breme», 7. Nov. In den Dock« von Bremerhaven haben gestern die SchiffSzimmerleute und Tischler wegen Herabsetzung der TageSlöhne die Arbeit eingestellt.
Butzbach, 6. Nov. Die Mitglieder des hiesigen Kriegerverein» haben in der Versammlung des Verein« am 31. Oct. dem Gesetzentwurf über die Organisation de« Landsturm« „al« einer die Wehrkraft unsere« Volkes in hohem Grade stärkenden, daneben aber auch den Charakter möglichster Humanität für den Kriegsfall bewahrenden Maßregel" einstimmig Beifall gezollt und ersuchen den Reichstag in einer nach Berlin abgegangenen Petition, diesen Entwurf zum rechtskräftigen Gesetz zu erheben.
München, 7. Nov. Eine zahlreich besuchte .Versammlung in der „Westendhalle" hat einen „Verein liberaler Reichsfreunde" conftituirt. Landtagsabgeordneter Wülferi begründete die Statuten. Zum ersten Vorsitzenden deS Ausschusses wurde Vecchioni gewählt. . LandtagSabge- orbneter Hänle begründete eine Resolution für Beibehaltung bet Schwurgerichte bei Prehvergehm, welche einstimmig angenommen würbe unb an ben Reichsabgeordneten Stauffen-
Jndessen gab es doch Einzelne unter diesen Curgästen des Gerhardt'schen Gartens, welche, wenn die Jahreszeit günstig war, bis in den Herbst hinein die Trink- und Badecur sortsetzten, und regelmäßig jeden Morgen unter ben Colonaben bet Trinkhallen erschienen.
ES hat nun lange vorher unb auch nachher keinen so heiteren, schönen Herbst gegeben, als bet vom Jahre 1854 war. Bis tief in den November hinein brachte er heitere, sonnige Tage, mit jener reinen, frischen un? erquickenden Lust, welche auf den Körper so wohlthätig stärkend ein- wirkt und ihm die Spannkraft und Festigkeit wieder verleiht, welche er unter dem glühenden Hauch des Sommers verloren hat.
Dieses köstliche Herbstwetter war unstreitig auch die Ursache, weshalb in dem genannten Jahre die Saison im Gerhardt'schen Garten bis zum October dauerte, während sie sonst mit September zu Ende ging. Vom Oktober an minderte fich indessen die Zahl der Besucher täglich unb schließlich waren nur noch zwei übrig, bie jeben Morgen regelmäßig in dem Garten Mineralwasser tränke« unb eine Stunde frische Luft darin schöpften.
Diese beiden Personen waren ein Mann von vielleicht zwei und dreißig Jahren unb eine schwarz verschleierte Dame, beten Züge man unter bem dichten Spitzengewebe nicht erkennen konnte, so daß man nur auS der Elasticität ihres Schrittes, sowie auS den schlanken, eleganten Forme» ihrer Gestalt auf die Jugendlichkeit der Unbekannten schließen konnte.
Trotzdem, daß die beiden die einzigen Morgenbesucher der Trinkanstalt, waren fie einander doch noch nicht be-
befu^en^ ber $roif$en der Pleiße und Elster, unweit der Sranlfurtrr Vorstadt gelegene Gerhardt'sche ©arten, in besten Hinterem Theile, bicht am Ufer de« letztgenannten Flusses, inmitten eines Tannengebüsches, ein einfacher Stein- roürfel mit einer lateinifchen Inschrift bie Stelle bezeichnet, wo am 18. Oktober 1813, beim Rückzug ber franzöuschen Armee, Fürst PoniatowSky seinen Tob in ben angeschwollenen Fluthen der Elster fand . . .
Die Physiognomie diese« ©arten« hat sich in den letzten Jahren sehr verändert. Ein Sommertheater wurde in ihm aufaeschlagm und später entstanden neue Straßen auf bem Raum bet vor noch 10-15 Jahren ein ruhiger, stiller Zufluchtsort für Menschen war, bie in langen, schattigen, grünen Laubhallen unb zwischen alten Bäumen unb srischen Rasenplätzen sich erholen, unb ungestört ihren Gedanken nachhängen wollten. Zwar && eS bamal« in diesem Garten eine Babe- unb Trink-Anstalt künstlicher Mineralwässer, allein dies störte die Ruhe unb Einsamkeit dieses Parke» wenig, denn die Zahl ber Eurgäste man ersten» nicht so zahlreich, um den weiten Garten zu beleben unb bann benutzten dieselben meistens nur die Fnch- stunden in den wannen Sommermonaten. Mit dem Ende de» Spätsommers unb bem Beginn des Herbstes verloren
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatw», sowie, bie Annoncen-Bureaux . von Th. Dietrich L Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M.; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a. M., Berlin, Leipzig, Eölnrc.; Rudolf Moss« m Berlin, Frankfurt a. M. rc.
Anzeigen nimmt entgegen: die Emedittvn d. Blatte», sowie die Annoncen-Bureaux von @. L. Daube & 60--in Frankfurt a. M.: Jäger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M; Jnvalidendank, A- Stete« meyer in Berlin; Earl Schüß- ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.
777771 „u6,, hMt gßerftaaen nach Sonn- unb Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 234 Sgr., durch die Postämter be« (Stfdjemt täglich -»ß-r^n Wertwgen^nach^onn uno 3_ ^«tionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr. - Für m der Expeditton ,u ertheilende
Auskunft und Annahme von Adressen werden 24 Sgr. berechnet.
sich allmählia bie Besucher biefer Anstalten unb e« war Die Dame, welche die Cur erst seit einigen Wochen eine Seltmbeit wenn man in den kühlen Morgenstunden brauchte, kam in der Regel eine Stunde früher als der dieser Jahreszeit einen Spaziergänger unter dm Hallen Herr, der, sobald e« auf den Thürmen der nahm Thomas- wandeln unb ba« abgefallene welke Laub in dem Wäld- unb Neukirche neun Uhr schlug, in den Garten trat.
chm unter seinem Fußtritt rascheln hörte.
stet« eingetroffen.
— Die Commission des Reichstages für Beralhung der Gesetzentwürfe, betreffend ben Rechnungshof und bie Verwaltung ber Einnahmen und Ausgaben deS Reiches begann gestern ihre Thätigkeit. Die Reichsregierung war vertretm durch dm Geheimen Rach von Möller, ben Ad- miralitätsrath Richter unb dm Kriegsrath Horion. Die Anträge, welche von ber Majorität ber Commission in ber , - , . ~ n
voriam Session deS Reichstages zum Zweck einer erwei- beseitigen will. Dieses goldene Zeitalter der Zügellosigkeit Irrten Controle deS Rechnungshofes über den Staats-1 soll schon unseren Knaben und Jünglingen zu Theil wer-