1874t
Marburg, Sonntag, den 8. November.
Mr. 262
OberheMe Zeitung
B.
zugemauert.
des hiesigen Kugelhauses. Die oben erwähnten Häuser i als Theile der Erbschaft ließen die Kugelherrn nach der I Stifter Tode niederreißen und erbauten an deren Stelle - ein neues Fraterhaus, später Propstei genannt und die i Kugelkirche. In den beiden oben erwähnten Urkunden । aus den Jahren 1358 und 1442, welche im hiesigen ' Staatsarchive aufbewahrt werden, wird die Lage der Häuser also beschrieben: „an dem orte gein der kalbi«- porten da man von der parre nydder grt zu den Barfüßern* und „gelegen unter der kalbisporten zu Marpurg." Ferner wird die Kalbspforte erwähnt in einem vom hiesigen Pfarrer Johann Molnhober geführten und im Staatsarchive aufbewahrten Pfarr-ZinSregister vom Jahre 1476, in welchem es heißt: „31/2 Schilling vs der karmeliten Huß und garten die der kalbisporten." Endlich kommt auch das KalbSthor in den in der Mitte des 15. Jahrhunderts beginnenden hiesigen Stadtrechnungen wiederholt vor. Wie für die anderen Thore und Pforten der Stadt, so wurde auch für das KalbSthor zeitweise ein besonderer Wächter angestellt. Im Jahr 1490 Freitags nach Laurentius (13 August) ward Eynolf Sprenger von Bürgermeister und Rach das Wächteramt am KalbSthor übertragen. Da man auf den Theil der Stadtmauer, in welchem das KalbSthor sich befand, vermittelst einer Treppe nicht gelangen konnte, so war zu diesem Zwecke ein« Leiter daselbst ausgestellt, die zeitweise durch eine neue ersetzt wurde. Um den Knaben das Hinaufsteigen zu verhindern wurde dem Pförtner am KalbSthor Gail Spiesser nach Ausweis des Stadtprotokolls vom Donnerstag nach Epiphanias 1550 von Bürgermeister und Rath erlaubt eine Sprosse aus der Leiter auSzuhauen. Ober- und unterhalb des KalbSthoreS erhoben sich einst zwei Wachtthürme, deren Rundungen noch bis zur Höhe der Stadtmauer sichtbar sind. Den oberhalb gelegenen Thurm (Bettinachurm) erbat stch die Regentin Frau Hedwig Sophie, von Bürgermeister und Rath laut Stadt« Protokolls vom 15. September 1669 zum Pulverthurm.
In vorreformatorifcher Zeit fanden jährlich mehrere Prozessionen unter Vorhertragung des h. Sakraments und unter Betheiligung der gesammtrn Bevölkerung Marburgs statt, wie dies aus den Stadtrechnungen jener Zeit erficht« lich ist. Die erste Prozession war cuy Tage der Himmelfahrt Christi und bewegte stch vom Pfarrkirchhose aus durch die Stadt; die zweite am FrohnlcichnahmStage ging die Kugelgaste hinauf, durch daS KalbSthor, durch den Hain*), über den Leckerberg, den Rodengrabeu hinunter,
*) Hain nennen wir heute nur noch eine kleine Parzelle am Abhange des nordwestlichen EchloßbergeS, ehedem aber ward die Süd-, West- und Nordseste des Burgberges also genannt und auch dann noch, alS bereits der größte Theil des Walde« umgerodet und in Bärten und Weinberge umgewandelt «ar. So heißt es z. B. in einer im hiesigen Stadtarchive aufbewahrten handschriftlichen Aufzeichnung aus der Mitte des 16. Jahrhunderts: „Vff- zeichnung Henrich Jdenhenns Güter. ISO Gulden meiner Jtzigen Hausfrauen halb Haus beneb de« kogelhause hart hinter dem Hain gelegen." Das Gäßchen, welches vor dem Barfüßetthor den Berg hinauf in den Sand weg mündet, heißt in alten Urkunden nicht Heu-, sondern Haingüßchrn.
auch die am Montag zu Caflel von nationalliberalen Abgeordneten abgehaltene Conferenz, welche über die betreffs der gedachten Gesetzgebung nothwendige Gemeindegcsetz Reform der Provinz Heffen-Naffau eine Verständigung erzielen wollte und in der That mit glücklichem Erfolge erzielt hat. Der Minister des Innern läßt jetzt auf Grund derselben durch die Herren PersiuS und WohlerS in Caffel und Wiesbaden mit Hessen-nassauischen Vertrauensmännern das Erforderliche genauer vereinbaren. Zur Untersuchungssache deS Grafen Arnim ist ein zwischen dem Grafen und Herrn v. Bülow in Bezug auf die im pariser Botschaftsarchive fehlenden Schriftstücke gewechseltes Schreiben veröffentlicht, das frühere Mittheilungen vollständig bestätigt. Doch scheint die Untersuchung noch nicht völlig zum Abschluß gekommen und die gegen Caution erfolgte Freilaffung Arnims nur auf sehr dringende ärzt- liche Gutachten erfolgt zu sein. Fürst Bismarck hat sich inzwischen vorigen Freitag auf acht Tage auf sein lauen» burgisches Waldgut begeben. An demselben Freitag wurde vom Schwurgerichte zu Würzburg das Urtheil wegen des Kissinger Mordversuchs vom 13. Juli d. I. gegen Kull mann gefällt und der geständige Verbrecher mit 14 Jahren Zuchthaus belegt.
Das Ereigniß der Woche ist in Oesterreich eine SiegcSthat des Cardinals Rauscher zu Gunsten feines ausgesetzten SchooßkindeS, des ConcordatS. Der Central- Friedhof von Wien, dessen Boden von der Gemeinde an- gekauft wurde, ist dem Beschlnffe des GemeinderatheS zum Trotz von der katholischen Kirche in Besitz genommen und
in das deutsche HauS und durch die Stadt zurück; die dritte am Sonntage nach Frohnleichnahm, welche erst Ausgangs des 15. Jahrhunderts hinzukam, machte dieselbe Bewegung und schloß mit Aufführung eine» PasstonS- oder eines anderen biblischen Spieles in der Pfarrkirche. Nach der ersten und zweiten Prozession fand jedesmal ein Esten im Pfarrhofe statt, zu welchem Bürgermeister und Rath nebst andern Bürgern, die Burgmannen, die in Marburg wohnenden landgräflichen Beamten und Diener und die ge- ammte Marburger Geistlichkeit*) stch einfanden, und zu welcher Mahlzeit die Stadt jedeSmal W/2 Viertel Wein i 4 Maas stellte. -ji
Die Mönche in den hiesigen Klöstern, welche stch nur an der zweiten Prozession betheiligten, wurden zur Tafel nicht geladen. Rach dem Umgang sandte der Rath in je eins der Klöster 2 Viertel Wein.
So lange die hessischen Landgrafen auf hiesigem Schlosse restdirten, soll von Hochdenselben das KalbSthor zumEin- und Ausfahren benutzt worben fein. Als aber mit Landgraf Ludwig IV. von Oberhesten Tode das Schloß Marburg aufhörte, Restdenzfchloß zu fein, ließ besten Nachfol- ger, Landgraf Moritz, Regent in Oberhesten, von 1605 bi» 1624, das KalbSthor zumauern und neben demselben, im Garten des ehemalig Rode'schen- des späteren Forst- hofeS, ein Ballhaus erbauen.**) Um nun in dasselbe auch von der Kugelgaste aus gelangen zu könnm, wurde in die Mauer de« Forsthofe», da, wo dies Ibe an die Stadtmauer stch anlehnt, eine Thür gebrochen, und die steinerne Treppe so angelegt, daß sie daS zugemauerte KalbSthor zum größten Theil bedeckte. Als man später das Ballhaus wieder entfernte, wurde die oben beschriebene Thüre
am 30. Oct. vom Domdechanten Angerer feierlich einge- weiht worden, und dabei hat die Statthalterei, also die Regierung, erklärt, „daß sie den eingeweihten Theil deS Friedhofes als für die Katholiken bestimmt erkenne, und wenn versucht werden sollte, denselben durch Geistliche einer anderen Confessio» einzusegnen, die Statthalterei dies mit der gewährleisteten selbständigen Religionsübung der katholischen Kirche nicht vereinbar finden und einem solchen Vorgänge mit den gesetzlichen Mitteln entgegentreten werde." Im ungarischen Abgeordnetenhause brachte der Justiz- miflifter Pauler die Entwürfe deS ungarischen Strafcodex und deS Wechselgesetzes ein. In Betreff der Finanzvorlagen Ghyczy's herrscht in Ungarn tiefe Niedergeschlagenheit: der Ersparnisse sind wenige, weil Ungarn alle Einrichtungen eines Großstaates haben und heben will; da» Deficit aber belauft sich auf 27 Millionen, die der Finanzminister wenigstens zur Hälfte aus neuen Steuern decken will; die Anleihe deckt die andere Hälfte. Die Herren Mayaren aber sind stolze Cavaliere, in der großen Politik hoch zu Roß, aber im Steuerzahlen find sie lästig und unmuthig, als ob jeder Kreuzer, welchen der Finanzminister verlange weggeworfenes Geld fei.
Der Nationalrath der schweizerischen Landesver- fammlung hat das MilitärorganisationSgesetz zu Ende be- rathen und hat sich bann bis zum 9. November vertagt. Der Stänberath beenbete die Berathung über daS Ehegesetz und trat bann am Dienstag nach einigen Tagen Pause zur Berathung beS Militärorganisationsgesetzes wieber zusammen.
Politische W-chcn-Ucbersicht.
Der am Donnerstag voriger Woche zu feiner zweiten Session zusammengetretene Deutsche Reichstag ist in feine Geschäfte eingetreten, und die Hoffnung, bis Weihnachten oder boch bis Mitte Januar dieselben zu erledigen, ist bet feinen Mitgliedern gestiegen. Bei der ersten Versammlung brr Mitglieder nach der Eröffnung zeigte stch leider abermals die fast schon zur leidigen Gewohnheit gewordene an- fänaliche Beschlußunsähigkei!. Aber nachdem am Sonn- obenb und Montag die Constitnirung vollzog,« war, würben am Montag und Mittwoch schon eine ganze Reihe kleinerer Vorlaaen ganz oder in den ersten Stadien erledigt und für anbete9 wurde bereit« die Geschästsbehandlung festgestellt. Die Fractionen haben inzwischen begonnen, sich tm eigenen Schooße und gegenseitig über den zweckmäßigsten Arbeitsplan für die ganze Session zu verständigen. Bei der Prä« stdentenwahl hat die den Ausschlag gebende national-liberale Fractiou trotz einiger vorgesallenen Reibungen und Reizungen der Fortschrittspartei ihren zweiten Vtceprasiden- ten Dr. Hänel wiedergewählt, und ba sie ben ersten Vtce- prästbenten Fürsten Hohenlohe burch den Landsmann und Freund befielben, Frhrn. v. Stauffenberg, ersetzt hatte, die weiter recht« stehenden Fractionen bei den AbtheüungSwahlen besonder« freundlich zu bedenken gesucht. So weit läßt sich der Anfang der Session günstig an. Auch die mchtpreu- ßischeu Mitglieder deS Reichstages begreifen bte Wichtigkeit welche die Beschleunigung der dem nächsten preußischen Landtage obliegenden großen VerwaltungS-OrganisattonS- gesetze für ganz Deutschland hat. Ein Zeugniß dafür grebt
Anzeigen nimmt entgegen: bueoebition ». Blatte«, sowie, bte Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in jtajfel und Hannover; TP. Dietrich in Frankfurt a. 3JI-; Aaafenftein & Vogler in Kankfutt a. M^Berlin, Lech- ,1g, Cöln rc.; Rudolf Moss« in Berlin, Frankfurt a- M. rc.
*) Der hiesige Pfarrer Heinrich Henckemann hat in einem von ihm geführten und im Staatsarchive aufbewahrten Pfarr-ZinS- register die im Jahre 1496 im Pfarrhofe zur Tafel gesessenen Personen aufgezeichnet. Es waren folgende: Ludwig KodelS, Bürgermeister, Sittig im Hobe, Henrich Gyße, Hermann Twern, Henn Theynhart, Henz Nnmann, Ludwig Ott, Peter Kremer, Johann Nederhober, Ludwig Werner, Gabriel Breitruck, Johanne- Grebe, Ludwig Kule, Schöffen; Gvlc Kremer Unterburgermeister, Jost Weynant, Daniel Gotteler, Vierer: der Stadtfchreiber, die Burgmannen: Dydrich Hose, Veltin von Dernbach; der Augustiner, die Priester, Pastores, Herr Pfiffermann, Herr Jorann Mole«, der Fecher, der Carmelite; die Amtsleute: der Hofmeister Herman« Hüne, Goffett von Linsingen Canzlar, Herr Johann Senger, der Organist, der Rentschreiber, der Rentmeister, der alte Rentmeister Peier Snyder und die Förster; die gemeinen Bürger: Henn am Ende, Solmscher, Eckard Mentz, Daniel zum Schwan, Syffert von Late, Daniel Wagte, Conrad Cremer, Caspar vom Stege, die Goldsmede, Caspar Grebe, der Apotheker Kleeblatt, Echelicken, Vasoren, vnße Becker, Syfert Wildener, Balzer von Sassen, Meister Johann Snyder.
**) Nachricht hiervon im Stadtprotokoll vorn 14. und 28. Juni 1658. Man denke sich unter .Ballhaus" nicht ein Gebäude, das zu Tanzbelustigungen eingerichtet war; eS wurden in dem- selben vielmehr nur Ballspiele gettieben, die in jener Zeit eine allgemeine Belustigung auch für Erwachsene waren.
DaS KalbSthor za Marburg.
' Da aeaenwartig die städtischen Behörden die Wieder- eröffnung deS über 250 Jahre zugemauerten, sogenannten KalbSthoreS und die Anlage eines neuen Weges durch den von Löwenstein'schen Garte» beschlösse» habe», um i» erster Linie die unmittelbare Verbindung zwischen der Stadt und den hinter dem Kalbsthore liegenden Gärten, welche ehe dem zum größten Theile landgräfliche Weinberge waren, wieder herzustellen, dann aber auch den Freunde»der Natur die höher gelegenen Parthien — Dammeisberg, WerShäuserhöhe re. — auf eine bequemere und leichtere Weise zugänglich zu machen und endlich um ®aulufttge au veranlassen, durch Errichtung von Häusern und Villen dem StadterweiterungSplane auch nach dieser Sette hm eine neue Richtung zu geben, so glaubt man, daß eS den Bewohnern Marburgs von einigem Interesse sem durfte, dasjenige zu vernehmen, was aus urkundlichem Materialm näherer und entfernterer Weise über da« KalbSthor sich
1 Da^KalbSthor, auch Kalbspforte genannt, befindet stch im oberen westlichen Theile der Stadtmauer da wo die beide» Straßen, die Ritter- und Kugelgaffe, sich vereinigen, und wo die ehemalige Grenze zwischen dem Bezirke der Stadt und dem der Burg sich herzteht. Die Architektur de« KalbSthoreS beweist, daß die Erbauung desselben noch vor baS Jahr 1230 fällt*). DaS KalbSthor führt seinen Nomen von der im 13. Jahrhundert dahier ansässig gewesenen adeligen Bürgerfamilie von Kalb, deren Burgsitz dem- selben gerade gegenüber lag. Um bte Mitte deS 15. Jahrhunderts befand sich bie v. Rabenau sche Familie mt Besitz befielben, wie au« einer von Landgraf Heinrich M. im Jahre 1476 ausgestellten Urkunde ersichtlich «st**) Im 17 Jahrhundert war dieser Burgfitz bereit« wüste. Heule ist, außer wenigen Mauerresten, von demselben nicht« mehr vorhanden. Da« Terrain desselben bildet dermalen einen Garten.
Da« KalbSthor ober bte Kalbspforte kommt in alten Urkunden öfters vor. Unterhalb des KalbSthoreS befanden stch zwei Häuser nebst Höfen und Gärten, die im Jahr 1358 der hiesige Bürger Siegfried Molnhober und dessen Ehefrau Metze und nach diesen der hiesige Schöffe Rücket im Hobe und dessen Ehefrau Elheid käuflich an stch brachten. Nach Rückeln und ElheidS im Jahre 1442 er« folgtet» Tode ging diese Besitzung an deren Sohn, ben Schöffen und zeitweisen Bürgermeister Peter im Hobe auch Peter Rode genannt, über, welcher dieselbe wieder auf seinen Sohn, den Meister in den freien Künsten und Schöffen Heinrich im Hobe genannt Rode, vererbte. Hem- rich Rode, der letzte Sprosse dieser Jmhof'schen Lime und dessen zweite Gemahlin Elisabeth von Treisbach widmeten im Jahr 1476 ihr gesammtes Vermögen der Gründung
*) Die Baudenkmäler de« RegiemmgsbezirlS Caffel von W- «“»eurtunbete Nachricht vom Klosterhaus und der Commende
Schiffenberg- Theil 11 Nr. 156.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte«, sowie bte Annoncen-Bureaux von G- L. Daube & Co. in Frankfurt a. M.; Jäger'fche Buchhandlung in Frankfurta. M ; Jnvalidendayk, A. Rete- meyer in Berlin; Carl Schüß- ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.
—_ ,, . , ■ x .„tw >ntM4tnn,n nach Sonn- und Feiettagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'fche Buch druck er et) bezogen 221 G«r., durch bte Postämter des ’ deutschen Reiches 25 6gr. (excl. Bestellgebühr). — Jnsertionsgebühr für bie gespaltene Zeile 1 Egr. — Für in bet Expedition zu etthe,lende
-i1' - " " - • Auskunft und Annahme von Adressen werden 21 Sgr. berechnet.