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Marburg, Sonnabend, de» 7. November.

Nr. 261.

Anzeigen nimmt entgegen: bie EÄedition d. Blatte», fotpieibie Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M.; Haasenstein & Vogler in Frankfutt a. M., Berlin, Leip­zig, Cöln rc.; Rudolf Messe in Berlin, Frankfurt a. M. rc.

(Ökrl)cl)ifd)r Icilung.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Bläste», sowie bte Annoncen-Bureaux von G. L. Daube & Co. in Frankfurt a. M.; JLger'sche Buchhandlung in Frankfutt a. M.; Jnvalidendank, A. Rete- meyer in Berlin; Carl Schuß­ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiettagen. Preis für da» Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 22t 8»r.» durch die Postämter de» deutschen Reiches 25 Tgr. (excl. Bestellgebühr). Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr. Für in der Expedition zu ettheilende

Auskunft und Annahme von Adressen werden 2t Sgr. berechnet.

Datsche- »eich.

> Berlin, 5. Nov. Durch die Rede des KriegS- winistcr» in der heutigen Reichstagssitzung wird den systematisch von den Reichsfeinden betriebenen Ausstreu­ungen und gehegten Hoffnungen, daß der MilitSretat den liberalen Reichsfreunden Verlegenheit bereiten und der roalirten Opposition die Handhabe bieten werde, um in die Majorität einen Riß zu bringen hoffentlich schon die Spitze abgebrochen sein. Der Etat steht, wie der Kriegs­minister nachgewiesen hat, auf vollkommen anerkanntem gesetzlichem Boden und die thatsächlichen Berhältniffe, welche bei der Ausstellung Berücksichtigung erforderten, sind so überzeugender Art, daß eS eine» besonderen Appells an die staatsmännische Auffassung der ReichStagS-Majorität und an die Opferwilligkeit für die großen nationalen Aufgaben, man kann sagen für die Grundbedingung sicherer Existenz, kaum noch bedürfen wird. Unser deutscher Reichstag hat schon sine zu gute Schule politischer Bildung hinter sich und ist auf dem gesunden Boden nationaler Jnterrffen zu so sicherem Uriheil über Staatsfragen gelangt, daß dir von lauernden Feinden ihm gestellten Fallen und in den Weg geworfenen Steinchen ihn nicht aus der heilsamen Bahn bringen können. Auf die angekündigten Drohungen der ReichSfeinde wird der Spruch anzuwenden fein: »Parturiunt montes nascetur ridiculus mus« I Gerade die hochwichtige« Aufgaben, welche in dieser Session dem Reichstage wieder vorliegrn, sind dringende Veranlassung, die Zersplitterung der Kraft durch Eingehen auf Abwege gewissenhaft und weise zu vermeiden. Die Banksrage z. B. übt Anziehungskraft genug aus, um durch da» Ge­wicht ihrer je nach der Entscheidung weitreichenden Folgen den Geschmack für kleine Parteimanoeuvres gänzlich zu verderben. Der tarnet mehr Anhänger gewinnende Ein­fluß von Autoritäten wie Adolph Wagner und Ludwig Bamberger sowie der Männer der Praxis scheint allerdings die Annahme de» Entwurf» auch in jetziger Gestalt sehr zweifelhaft zu machen.

5. Nov. Der Kronprinz empfing heute das Prist- dium de» Reichstages.

Herr Dr. Friedenthal, der Minister für die landwirth schaftlichen Angelegenheiten, welcher bekanntlich eine Reihe von Jahren den Wahlkreis Neisse als Abgeordneter vertrat, ist der Schl. Ztg. zufolge, Seitens der zum genannten Wahlkreise gehörigen Stadt Ziegenhals zum Ehrenbürger ernannt.

Mit der Herstellung der ReichScassenscheine ist man sehr eifrig beschäftigt, und eS steht zu erwarten, daß zur Zeit der Circulation des neuen Papiergeldes die erforber- tiche Menge von Noten vorhanden sein wird. Die erst­malige Herstellung von Reichskassenscheine erfordert euren Kostenaufwand von 1,500,000 Mark, wovon im laufenden

Der Kampf um eine Milli»«.

Roman von Ewald August König.

(Schluß.)

« Bester einen Eclat, als

Ruhig, Gerhard! schnitt der Banquier seinem erregten Sohne das Wort ab. Sir, den Eclat fürchten wir nicht, denn die Schande fällt nicht auf mich, sondern auf Sie zurück. Nach diesen Entdeckungen kann ich Jhnm nur erklären, daß jede Verbindung zwischen unS gelöst ist; ich muß eS Ihnen überlasten, Ihre Handlungsweise vor dem eigenen Gewisten zu verantworten.

Kalt und ruhig stand der Barontt dem alten Herrn gegenüber, die Vorwürfe schienen keinen Eindruck auf ihn zu machen.

Wie Sie wollen, sagte er, ich muß natürltch mich jetzt Ihrem Willen fügen. Aber wenn Sie den Bruch vor ziehen, dann werde ich meine väterlichen Rechte geltend machen und meine Zustimmung zu der Heirath Ihres Sohnes mit meiner Tochter verweigern.

Thun Sie es! brauste Gerhard auf, der feiner Wuth nicht mehr gebieten konnte. Ehe Sie es können, werden die Thore des GefängnisteS hinter ihnen geschloffen fein!

Sir Arthur Delavalle näherte sich langsam der Thür, er wandte fich noch einmal um und auS seinen Augen fiel ein Blick kalter Verachtung auf den jungen Mann.

Mit den albernen Vennuthungen, in denen Sie sich ktgehen werden Sie sich nur lächerlich machen, entgegnete er; versuchen Sie, wa« Sie können, ich bin mir keiner Schuld bewußt. Herr Schindler, Sie werden die Güte haben, mir die dreitausend Pfund Sterling, welche ich Jhnm als Depositum übergab, in den Europäischen Hof zu senden, hb reise morgen ab und ziehe eS vor, mit Ihnen schriftlich übet die Angelegenheiten, welche noch zwischen uns schweben, ru unterhandeln.

Jahre etwa 300,000, im nächsten Jahre 600,000 und 1876 endlich gleichfalls 600,000 Mk. zur Zahlung kommen. Das preußische Silbergeld bleibt vorläufig noch in Umlauf, nur daß wir vom 1. Januar 1875 statt von 1 Thaler von 3 Mark, statt von 10 Sgr. von 1 Mk., statt von 5 Sgr. von 1/2 Mk. oder 50 Pfennigen und statt von 1 Groschen von 10 Pfennigen sprechen.

Köln, 5. Nov. Bei der heutigen Ersatzwahl zum Landtage, an Stelle des ausgeschiedenm DepUtirtm Pauli wurde der Candidat der vereinigten Liberalen, Advokat Walter (Fortschritt) mit großer Majorität gegen den ul­tramontanen Candidaten August Reichensperger gewählt.

Gera, 1. Nov. Der Fürst hat in seiner Thronrede zur Eröffnung deS Landtages am 29. v. M. erklärt, daß er zur Deckung der Staatslasten einen Zuschuß geben wolle. Dieser Zuschuß besteht, wie derFranks. Ztg." mitgetheilt wird, in einem einmaligen Beitrage von 800,000 Thlr. und soll in zehn Jahresraten bezahlt werden. Weiter heißt eS bort:Das Ministerium glaubt, nach zehn Jahren wären die Finanzen deS Landes in solch blühender Lage, daß ein fernerer Zuschuß des Fürsten aus der Kammerkaffe nicht mehr nothwendig sei. In den Kreisen der Abgeord­neten verlauttt, daß eine solche Offerte unter keinen Be­dingungen angenommen werden könne."

Würzburg, 4. Nov. Das enorme Jntereffe, welches die gesammie Preffe deS In- und Auslandes an den Ver­handlungen dcS Kullrnann'schen Prozesses hatte, läßt sich jetzt, nach besten Beendigung, einigermaßen bmrtheileu und in folgenden Thatsachen klar legen. Die beiden bedeutend­sten Unternehmungen, bezüglich der Mittheilung der Gesammt- verhandlungen gingen aus den beiden stenographischen Aufnahmebureaus hervor, deren eines durch den Mitarbeiter derKölnischen Zeitung", Dr. Bachem, das andere durch ben Redakteur derN. Würzb. Ztg." Dr. F. Leist gelei­tet wurde und wovon das erstere derKölnischen Ztg." die telegraphischen Berichte, das zweitgenannte derNordd. Allgemeinen Ztg.", sowie einer größeren Anzahl hervor­ragender Blätter Nord- und Süddeutschlands einen wort­getreuen stenographischen Bericht lieferte, der mehr als 230 Folioseiten umfaßt. Für die stenographische Ausnahme waren sechs Mitglieder des Würzburger Stenographen- Vereins unter Direktion ihres Vorstandes, StadtgerichtS- astestor Bergold, thätig, denen zehn weitere Personen zur Aufnahme der Uebertrogung in Courrentschrist beigesellt waren. Außer diesen beiden Bureaux waren ungefähr 35 Berichterstatter für auswärtige Zeitungen thätig, unter denen der Vertreter der Wagner'schen telegraphischen Korres- pondenz-Bureaux, Göllnitz, in Folge der Raschheit seiner Depeschirung und namentlich deS BefreitseinS derselben von jedweder subjektiven Beeinflustung weitaus den ersten Rang behauptete. Nicht minder bedeutend war die Thätigkeit

Er war hinaus, ehe Gerhard ihn zurückhalten konnte, der Banquier athmete auf, als der Baronet das Haus Der» lasten hatte.

Es fiel ihm schwer, seinen Sohn zu beruhigen, besten Leidenschaften in wilder verzehrender Gluth ausflammten, er konnte nicht glauben, daß alle die Beschuldigungen, welche Gerhard gegen den Baronet erhob, auf Wahrheit beruhen sollten.

Und Gerhard konnte nicht so rasch handeln, wie er es gern wollte, seine Besorgnisse um Anna fesselten ihn an daS Haus, er mochte eS. nicht verlosten, bis er die Geliebte gerettet wußte.

Das Urtheil deS Arztes lautete beruhigend. Adele hatte die Pflege Übernommen, jetzt richtete der junge Mann alle seine Gedanken einzig darauf, den Baronet zu entlarven.

Die Mittheilungen beffelben über seine Vergangenheit nannte er Lügen, er urtheilte hart und scharf über ihn und verlangte mit Entschiedenheit, daß er dem rächenden Arme der Gerechtigkeit überliefert werden müsse.

Der Banquier ließ sich endlich auch hinreißen; die Gründe, welche Gerhard für feine Behauptung anführte, stützten fich zu sehr aus Wahrscheinlichkeit, als daß der alte Herr fie ganz hätte verwerfen können.

Franz wurde ins Cabinet gerufen und, nachdem Max hinzugezogen worden war, ein scharfes Verhör eingeleitet.

Darüber war eS Abend geworden, der alte Herr hatte fich lange gesträubt, dem Verlangen feines Sohnes nach» zugeben, er wünschte die Veröffentlichung der Ereigniste in seinem Hause zu vermeiden.

Max übernahm das Verhör, der Banquier wollte eS so, die Erregtheit Gerhard'- ließ ihn schlimme Folgen befürchten.

Der Diener leugnete lange, aber die eigene Angst ver-

deS Telegraphen. DaS Wagner'sche Bureau, die Köknische Zeitung, Norddeutsche und Wiener Blätter wurden in den zwei Verhandlungen mit über 80,000 telegraphischen Wor­ten versehen und dem Telegraphenamte eine Einnahme von mehr als 4000 Gulden zugeführt. Freilich find in man­chen telegraphischen Mittheilungen, die im Momente der Aufnahme sich geltendmachende subjektive Empfindung des jeweiligen Berichterstatters, die Eile der Beförderung und theilweise auch eine mangelhafte Kenntniß unserer baie- rischen RechtSverhältniste Ursache von mehrfachen Unrich­tigkeiten ; um so mehr Anerkennung verdient das Unter­nehmen der meisten größten Zeitungen, zugleich selbst einer Anzahl von an Raum weniger umfangreichen Blättern, mit der wörtlichen stenographischen Mittheilung fortzufetzen, indem nur in dieser Weise dem lesenden Publikum ein wahres Bild dieses viele intereffante psychologische und politische Momente enthaltenden Prozesses geboten werden tarnt. Das Interesse an diesen Verhandlungen wird noch weit über deren Beendigung fortbauern und dem Fürsten Reichskanzler einen Maßstab bieten, in welcher Weise im In- und Auslande seine hohe Bedeutung erkannt wirb.

äkSIoxI.

Wie«, 5. Nov. Abgeordnetenhaus. Mehrere Inter­pellationen werden eingebracht, darunter über den Stand der Eisenbahnbauten in der europäischen Türkei, betreff» des Eisenbahnbaus Ungarisch-Hradisch-Brünn-Jglau-Baye- rische Grenze und über die Eisenbahn Wien Novi. DaS Haus tritt hieraus in die Special-Debatte über das Actien- Gesetz ein, nachdem der Justizminister in einer beifällig aufgen mmenen Rede die in der General-Debatte vorge­brachten Einwendungen widerlegt und erklärt hat, daß die Regierung mit dem Gesetze bezweckt habe, daß die Vor­gänge bei ben Gründungen nicht der Oeffentlichkeit ent­zogen würden und daS gezeichnete Capital wirklich einge­zahlt und ausschließlich seinem Zwecke entsprechend ver­wendet werde, wobei der Minister auch die Regierung ge­gen die Anschuldigung vertheidigt, zu geringe Vorsicht vor dem Einbrüche der Börsenkrise bethätigt zu haben. § 1 wird in der Fassung des Ausschusses angenommen. Der Nordpolfahrer Oberlieutenant Julius Payer hat fich nach London begeben, um dort die versprochenen Vorträge zu halten. Man wollte seinen Entschluß, die Militär- charge quittirt zu haben, damit motibiren, daß er nicht zum Hauptmann aoancirte. Allein war dies gewiß nicht da» Motiv. Er hat sich seinen näheren Freunden gegenüber gleich nach seiner Ankunft geäußert, daß ihm seine mili­tärische Stellung ein großes Hinderniß sei; er braucht feine Zeit um die Arbeiten, die er vor sich hat, zu vollbringen, ganz für sich, um sich ungehindert bewegen zu können. AlS Oberlieutenant muß er bei jebem Schritt und Tritt

riech ihn, und Max wußte ihn so geschickt in ein Netz zu verwickeln, daß er endlich keinen Ausweg mehr fand.

Er bekannte, sein Geständniß warf nur ein schwache» Streiflicht in da» Dunkeln, welches nur dann vollständig gelichtet wurde, wenn man über die Person de»Herrn" Ausschluß erhielt.

Diesen Ausschluß konnte der Diener nicht geben, man erfuhr durch ihn nur, daß derHerr" dreimal zur Nacht­zeit im Hause Schindlers gewesen war, das erstemal in der Nacht, in welcher Anna ihn gesehen hatte, dann in der Nacht vor dem Morgen, an welchem die Beraubung der Privatschatulle entdeckt worden war, und zum letzten­mal in der verwichenen Nacht.

Jetzt ahnte man, wer die Banknoten gestohlen und da» Gift eingerührt hatte, zumal Franz auch gestand, daß er bemHerrn" die Wachsabdrücke verschiedener Schlüssel überliefert hatte.

Gerhard forderte die Verhaftung de» Dieners, Herr Eduard Schindler lehnte es ab, und man stritt über die» fen Punkt noch, als der Polizeiherr eintrat.

Er brachte Nachrichten, die unter allen anderen Um­ständen sehr wichtig gewesen wären, nun aber ihren Werth verloren hatten; die Firma Parkins, Gibson u. Co, in London hatte erklärt, daß sie den Baronet weiter nicht kenne, als daß er ihr eine bedeutende Summe gebracht und sie gebeten habe, ihm dafür einen Cridttbrief nebst einer Empfehlung an den Banquier Eduard Schindler zu gebe«. Sodann hatte die Behörde in London die Erklärung ge­geben, daß die Pässe Sir Delavalle» gefälscht seien und eS keinem Zweifel unterliege, daß dieser Mann ein eben so schlauer al» verwegener Betrüger sei.

Gerhard und Max legten auf die Nachrichten kein Gewicht, ihr Unheil über den Baronet stand fest, sie dim- ten nur dazu, die letzten Zweifel de» BanquierS umzu-