ffr. 230.
JUdrßurg, Sonntag, den 25. October.
1871
Anzeigen nimmt entgegen: >ie EÄeditton d. Blatte», sowie d,e Annoncen-Bureaux von Th- Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M-; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a-M.,Berlin,Leipzig, Cöln ic.; Rudolf Moss« in Berlin, Frankfurt a- M- ic.
(ObcrljrDtfdir Jrilimg.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte», sowie btt Annoncen-Bureaux, von G. L. Daube & Co. in Frankfurt a. M.; Jäger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M-; Jnvalidendank, A. Rete- meyer in Berlin; Carl Schüß- ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.
Erscheint täglich außer den Werttagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 224 gar., durch die Voitämter de« deutschen Reiches 25 Sgr. (excl. Bestellgebühr). — Jnsertivnsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr. — Für in der Expedition zu ettheilmde
__________________________________________________ Auskunft und Annahme von Adressen werden 2j Sgr. berechnet.
i für die Monate November —.....y- -* und December auf die
vberheMsche Zeitung mit der wöchentlichen Beilage Sonntags blatt werden von allen Postanstalten, auf dem Lande von den Landpostboten, angenommen.
Wir besitzen noch eine kleine Anzahl Exemplare der seither erschienenen Nummern des S o n n t a g s- blattes und werben dieselben den zunächst uns eingehenden Bestellungen gratis beifügen.
Die Krp. d. Höerh. Jett.
Palitische Wschen-Urderficht.
Unser Kaiser ist au» Baden-Baden, wo die Kaiserin noch bi» zum nächsten Dienstag zu verweilen gedenkt, in seine Hauptstadt zurückgekehrt und hat den Deutschen Reichs tag aus den 29. October einberufen. Der Kaiser will denselben diesmal persönlich eröffnen, woran ihn bei dem ersten Zusammentritte nach den Neuwahlen scho nungSbedürstige Gesundheitsumstände verhinderten. Auch Fürst Bismarck wird zur Reichstagseröffnung und wahrscheinlich schon nächsten Sonntag oder Montag aus Var- zin in der Hauptstadt Eintreffen, nach einigen Tagen aber sich von hier für eine kurze Zeit auf sein lanenburgischeS Waldgut begeben. Unterdesien nimmt die Voruntersuchung im Arnim'schen ActenbeseitignngS - Prozesse den Unter suchungSrichter stark in Anspruch. Ein genügendes Licht über den ganzen inneren Zusammenhang der Klagesache und die Begründung der Verhaftungsmaßregel darf wohl erst nach Schluß der Voruntersuchung erwartet werden. Am 18. October, als dem Geburtstage deS Deutschen Kronprinzen, hat noch die Einweihung verschiedener größerer Krieger-Denkmale Statt gefunden, so zu Mainz für die zahlreichen dort begrabenen deutschen Krieger und in der Citadelle von Straßburg den Gefallenen des preußischen JngenieurcorpS. ES bestätigt sich, daß der Oberpräsident von Eljaß-Lothringen dem Reichskanzleramt einen Entwurf für Einrichtung eines „Landes-AusschuffeS" für das Reichsland eingereicht hat, um den SelbstverwaltungS- wünschen der elsaß-lothringischen BezirkSräthe in verständigem Maße zu mtsprechen und damit zugleich dem Deut- jchen Reichstage eine nothwendige GeichäftSentlastung zu verschaffen. Zu Darmstadt hat am 14. October die hcs fische Kammer der Abgeordneten die von der großherzoglichen Regierung vorgelegten Kirchengesetze angenommen; dieselben gelangen also nunmehr an die Erste Kammer, auf deren erbetenen und gehofften Widerstand dort die Ultramontanen ihre letzte schwache Hoffnung bauen.
Am 20. d. M. trat nach mehr als stebenmonatlichcr Ruhe der ciSleith a ni sch e ReichSrath in Wien wieder zusammer, um seine im vorigen Herbst begonnene Session nunmehr zum Schluffe zu bringen. Da die Abgeordneten noch nicht zahlreich eingetroffen, so wurde das Actiengesetz, über welches der Außschußbericht seit einem halben Jahre bereits in den Händen der Deputirten ist, von der Tagesordnung des Abgeordnetenhauses abgesetzt, da» Budget für 1875 aber vorgelegt, so daß dasselbe noch rechtzeitig zur Annahme gelangen kann. Die bevorstehenden Arbeiten sollen vorzugsweise den materiellen Fragen dienen. Das ungarische Abgeordnetenhaus, das durch königliches Rescript vom 13. August vertagt wurde, beginnt am 24. October feine Thätigkeit wieder; die ungarische Regierung hält eine Fülle von Vorlagen bereit; die Oberhausreform soll dagegen erst in der nächsten Session zur Verhandlung kommen. Die Errichtung der ungarischen DiScontobank stehl bevor. Der Rest der ungarischen Anleihe soll dazu verwendet werden. In Agram wurde am 19. die neue cortifche Universität eröffnet.
Die Räthe der s ch w e i z e r i s ch e n Bundesversammlung fahren in Berathung der Organisation» Gesetzentwürfe deS BundeSraths eifrig fort. Der Nationalrath hat den Entwurf für die Militär-Organisation zum größeren Theile durch- berathen und der Ständeralh desgleichen den Entwurf zur Regulirung der Rechtsverhältnisse deS Frachtverkehrs auf den Eisenbahnen.
Die Aufmerksamkeit, welche dieMahlen zur Zweiten italienischen Kammer in Anspruch nehmen, ist eine beständig wachsende. Angesichts der festen Haltung der Opposition ist auch die Regierung nicht müßig geblieben, und der Minister des Innern, Graf Cantelli, hat an die Präfekten ein Rundschreiben erlassen, in dem er sie auffordert, die Interessen der Regierung nach allen Seiten hin zu wahren. Die Polizei ist einer aus Römern bestehenden Carlistengesellschast auf die Spur gekommen und hat mehrere davon verhaftet. Mit lebhaftem Bedauern wurde in allen liberalen Kreisen die Nachricht ausgenommen, daß man für diese» Jahr auf den Besuch de» Deutschen Kaisers verzichten müffe. Wie eö heißt, werden die Kaiserinnen von Rußland und Oesterreich ihren Winteraufenhalt in Sorrent bei Neapel nehmen.
Die französische Regierung, der von den Ultramontanen und Legitimisten in der Oisnoque-Angelegenheit Schwäche vorgeworfen wurde, sucht desto mehr Festigkeit gegen die Beschwerden des madrider Cabinet» an den Tag zu legen. Von der Abberufung Nadaillac'S von der Prä fectur der Nieder-Pyrenäen war wiederholt zwar die Rede, bi» jetzt jedoch ohne Erfolg. Mac Mahon machte am 17. Oct. auf Schloß Broglie einen Besuch, in welchem man das Zeichen einer bevorstehenden Rückkehr deS Führer»
vom 24. Mai ins Cabinet erblicken wollte; am 18. reiste der Marschall nach Calais, nm den dortigen Schießübungen der Artillerie beizuwohnen. Am 18. fand eine Wallfahrt der in Pari» ansässigen katholischen Elaß.Lothringer nach St. Denis Statt, um für Frankreich und den Papst zu beten und dem heiligen Fulrad, einem gebornen Elsässer, welcher der erste Abt des Klosters St. Denis war, ihre Huldigung darzubringen; nur Geistliche aus dem Elsaß wirkten mit. Der „Pelerin" berechnet die Zahl der Wallfahrer, die 1873 die heiliget. Stätten in Frankreich besuchten, auf runde drei Millionen. Dennoch sind die ultra- montanen Blätter von dem Eindrücke, den diese Bewegung auf die Regierung und besonders auf den Minister des Auswärtigen machte, wenig erbaut.
Wenn wir den spanischen Nachrichten aus Santander, welche von der Unterwerfung ganzer carlistischer Bataillone sprachen, wenig Glauben geschenkt haben, so rechtfertigen die neueren Mittheilungen leider diese Zurückhaltung. Allerdings hat ein Mitglied des carlistischen Provinzialtages von BiScaya in ungestümer Weife den Flieden verlangt und vor Don Carlo» wenig Ächtung bezeigt; doch stand er ziemlich vereinzelt da und das carlistische Naturel seiner Genossen verleugnete sich so wenig, daß diese schon drohten, ihm den Mund mit einer Kugel zu stopfen.
Da» britische Reich ist wieder um eine Besitzung vermehrt worden. Sir Hercules Robinson, der Abgesandte der Regierung, hat die Meldung gemacht, daß der König Thacombau die bedingungslose Abtretung seine» Landes am 30. September unterzeichnet und daß er selbst darauf eine Fahrt zu den Häuptlingen der übrigen Inseln angetreten habe, um auch diese unter die britische Botmäßig- feit zu führen England hat somit einen neuen und für die Weltschifffahrt wichtigen Anhalte- und Kreuzungspunkt im Großen Ocean gewonnen; auch versprechen die Organe der öffentlichen Meinung, daß dieser Gewinn redlich dazu bennutzt soll, um dem Menschenschacher in den bortigen Gewässern ein Ende zu machen.
Das dänische Finanzgesetz ist im Folkething ohne weiteren Anstand durch die erste Lesung gegangen , nur haben einige Deputirte die Gelegenheit benutzt, ihren Wünschen und Forderungen Ausdruck zu geben. Der Lehrer* Berg hat übrigens, um vorn Unterrichtsminister nicht mehr abhängig zu fein und Verweise empfangen zu muffen, fein Schulamt niebergelegt und sich fortan allein der Sache der Volksfreiheit zu widmen beschlossen.
Die russische Regierung hat neuerdings in Litthauen und den südwestlichen Gouvernements Kiew, Volhynim und Podolien nicht nut alle katholischen Bruderschaften, sondern auch alle öffentlichen kirchlichen Prozessionen streng
Der Ae*>f um eine Million.
Roman von Ewald August König.
(Fortsetzung.)
Im Familienzimmer ttat Gerhard ihm entgegen, die jungen Damen weilten bei der Kranken, die eben jetzt den Besuch deS Arztes empfing.
Ist dies Ihr Tuch? fragte er nach der Begrüßung.
Allerdings erwiderte der Baronet unbefangen, ich vermißte eS schon gestern Abend, wo fanden Sie eS?
Auf der Treppe.
Ah, so wird eS mir aus der Tasche gefallen fein, als ich hinunterstieg — ich danke Ihnen.
Gerhard sah sich in seiner Erwartung getäuscht, er hatte vermuthet, Sir Arthur werde im ersten Augenblick bet Ueberraschung«' da» EigenthumSrecht ableugnen, dadurch wäre sein Argwohn neu befestigt worden.
Ich fand eS unter sonderbaren Verhältnissen, sagte et, den forschenden Blick fest auf das Antlitz des Baronets gerichtet, welches kalt und ruhig blieb, unter Verhältnissen, die einem Kriminalbeamten reichen Stoff zu kühnen Schluß, folgetungen gegeben haben würden.
Da« lautet ja wahrhaft beängstigend, entgegnete Sir Delavalle lächelnd.
Nun, den Schrecken haben wir in vergangener Nacht gratis gehabt, Sir!
Gerhard berichtete jetzt dem Baronet die Ereignisse, der zweifelnd das Haupt schüttelte.
Da» muß ein böser Traum gewesen sein, wandte er sich zu dem Banquier, der inzwischen eingetreten war, Fräulein Anna sollte sich schonen, die Nachtwachen strengen ihren zarten Körper zu sehr an. Wenn das Nervensystem angegriffen, Überreizt ist, hat die Phantasie ein weites Feld, Gerhard.
Aber sie behauptet noch immer, den Mann deutlich ge> sehen zu haben!
Mag sein. Ist eS Ihnen noch nie begegnet, daß eine PhantaSmagorie Ihre Sinne täuschte?
Ich habe stets einen Traum von Wirklichkeit unterscheiden können, Sir!
Ah, dann haben Sie solche Träume noch nicht kennen gelernt, eS sind unangenehme, beängstigende Träume, die dem Gedächtniß nie entschwinden. Ich könnte Ihnen , mehrere Beispiele anführen, aber wozu? Wer eS nicht an sich selbst erfahren hat, daß eS solche Träume giebt, der glaubt nur bann an sie, wenn er Beweise erhält. Sorgen Sie dafür, daß Anna sich Ruhe gönnt, das ist der beste Schutz vor solchen Halluncinaüonen, Gerhard.
Der Banquier pflichtete dieser Ansicht bei, Gerhard drang mit seinen Behauptungen und Protesten nicht durch.
Er beschränkte sich nun darauf, den Baronet zu beob achten, aber er fand nichts, was geeignet gewesen wäre, seinen Argwohn zu bestätigen.
Anna mußte dem Baronet ebenfalls Bericht erstatten, und nur einmal wich daS spöttische Lächeln von seinen Lippen, als sie des halbgefüllten Glase» erwähnte.
Dem jungen Manne schien es, al» ob Sir Delavalle hieran ein besonderes Zntereffe nehme, er erkundigte sich angelegentlich, ob sie diesen Beweis aufbewahrt habe, und Gerhard glaubte einen düsteren Schatten über feine Stirn hinwegziehen zu sehen, als sie erwidette, Madame Schindler habe in der Aufregung das Glas umgestoßen.
Der Baronet wiederholte feine Ansicht über diese» Ereigniß, erkundigte sich mit besonderer Theilnahme nach dem Befinden der Kranken 'und begleitete bann den Banquier in sein Cabinet, um Geschästkangelegenheiten mit ihm zu ordnen.
Anna blieb mit ihrem Verlobten allein, sie schüttelte gedankenvoll da» Köpfchen.
Er ist kalt wie Eis, sagte sie, heute gefällt er mir auch nicht, mir scheint, seine Theilnahme sei gemacht, sie kommt nicht au» dem Herzen.
Da« habe ich längst gewußt, erwiderte Gerhard, von seinen Vermuthungen und Zweifeln gefoltert.
Aber er hat sich damals meiner so warm angenommen —
Liebe« Kind, das that er vielleicht nur, um meine Freundschaft zu gewinnen, ich bin überzeugt, er thut nichts, ohne fein besonderes Interesse dabei zu haben.
Anna nickte, der Spott deS Baronets hatte sie tief verletzt, sie konnte ihm denselben so rasch nicht verzeihen.
Gerhard aber erinnerte sich jetzt wieder aller Pläne, die er einige Tage zuvor entworfen hatte, er suchte nach dem Schluß deS Geschäfts seinen Freund auf und richetc an ihn die Bitte, ihn zu unterstützen.
Nachdem er auch ihm die Ereignisse der vergangenen Nacht berichtet und seine Vermuthung darüber geäußert hatte, erklärte Max sich bereit, ihm in der Ausführung seiner Pläne beizustehen, und die Beiden kamen überein, daß sie eine Stunde später in einer Weinschenke zusammen- treffen und von dort aus zum „Europäischen Hofe" gehen wollten, um den Baronet zu beobachten.
Zuvor wollte Gerhard den früheren Diener aufsuchen, Martin sollte sie begleiten, ftine Hülfe konnte unter gewissen Umständen ihnen unentbehrlich sein.
Er fand ihn in der Herberge, in der Mattin nach seiner Entlassung sich eingemiethet hatte, und der Letztere ging ohne Bedenken auf die Pläne Gerhards ein. Er begleitete den Steuermann in den Laden eines Trödlers, in welchem er einen Vagabunden Anzug anlegcn mußte,