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Nr. 246. Marburg, Mittwoch, den 21. October.

1874.

Anzeigen nimmt entgegen: die EÄeditton d. Blattes, sowie die Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Jtafftl und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M-; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a. M^Berlm, Leip­zig, Cöln rc.; Rudolf Stoffi in Berlin, Frankfurt a- M. rc.

ODbrrljrfltfdir Jalung.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expeditton d. Blattes, sowie die Annoncen-Bureaux von G- L. Daube & Co. in Frankfurt a. M.; Jäger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M-; Jnvalidendanl, A. Rctc- meycr in Berlin; Carl Schüß- ler m Hannover; C-Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn» und Feiettagen- Preis für das Quartal durch die Expeditton (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 224 Sgr., durch die Postämter des deutschen Reiches 25 Sgr. (excl. Bestellgebühr). Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr. Für in der Expedition zu ettheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 2$ Sgr- berechnet.

DnüscheS Keich.

w Berlin, 19. Oct. Die Nachricht, daß der Po- lizei Präsident von Madai in Berlin als Regierungs-Prä­sident nach Marienwerder gehen werde entbehrt der Be gründung. Zn unterrichteten Kreisen findet die Meldung, daß die Regierung der Reichslande die Einberufung einer Delegirten-Versammlung zur Berathung der legislativen Vorlagen für Elsaß-Lothringen zur Erwägung gezogen habe Bestätigung, auch hält man es nicht für unmöglich, daß der in der Presse schon lange Zeit angekündigte und be­sprochene Besuch des Kaisers vielleicht von Baden aus zur Ausführung kommen könne. Die Anzeichen für eine wach­send objektive Auftastung der politischen Verhältnisse und einsichtsvolle Rücksichtnahme auf die wahren Interessen der reichsländischen Bevölkerung muffen selbstverständlich an maaßgebender Stelle die Neigung zu thunlichster Erleichte­rung vermittelnder Bestrebungen vermehren. In der Angelegenheit des Grafen Arnim hat sich augenscheinlich die nüchterne Auftastung vom einfach juristischen Stand­punkt aus Bahn gebrochen, nachdem namentlich die aus­ländische Presse alle Versuche die öffentliche Meinung irre zu führen erschöpft hat, und die Anmuthung mit hochinte­ressanten politischen Jntriguen die Scandalsucht zu befrie­digen gänzlich mißlungen ist. Faota loquuntar. Eine simple nicht einmal abgeläugnete Unterschlagung oder wider­rechtliche Aneignung ist nun einmal kein Stoff für geheim- uißvolle diplomatische Verwickelungen sondern lediglich und prosaisch für den Strafrichter in einfachster Form. Das ReichS-Eifenbahngesetz, besten Vorlage an den Reichstag schon vielfach als eine der ersten angekündigt worden ist, dürfte aller Wahrscheinlichkeit nach zuvor noch weitere Sta­dien der Erörterung zu durchlaufen haben und keineswegs als reif zu betrachten sein.

Hannover, 17. Oct. Die LandeSsynode ist heute geschlossen worden, nachdem fie den von der Commission vorgelegten Gesetzentwurf über die Aufhebung der Gebühren für kirchliche Aufgebote und Trauungen genehmigt hatten. Danach wird nach Absicht der Synode vom 1. Jan. 1875 au die Gebührenpflicht für alle kirchlichen Aufgebote und Trauungen aufgehoben, der den Geistlichen erwachsende AüSfall wird von den Kirchenkasten, subsidiär von den Kirchengemeinden ersetzt, so lange nicht ein Ersatz deö Aus­falls aus Staatsmitteln erfolgt. Der Bischof von Hildes heim hat, laut derN. H. Zeitg.", durch Schreiben vom 12. d. M., dem Oberprästdenten die Erklärung zugehen lasten, daß er der Aufforderung desselben zur Wieder- besetzung der katholischen Pfarrstelle zu GoSlar nicht ent­sprechen könne.

Weimar, 16. October. Die Landessynode steht, wie derN. Ztg." von hier berichtet wird, in der letzten Serie ihrer diesmaligen Thitigkeit; der Schluß wird in der zwei­

ten Hälfte der nächsten Woche erwartet. Gestern hat sie über das ihrer Begutachtung unterbreitete Gesetz über Ab­lösung der den Kirchen und Schulen zukommenden lehensherrlichen Gefälle berathen und in den meisten Punk­ten der Regierungsvorlage zugestimmt. Die vuzufrieden- hcit im Lande mit der von der Synode beschlostenen Aus­dehnung des Confirmandenunterrichts auf ein ganzes Jahr tritt täglich stärker hervor; auch das Eisenacher Presbyte­rium hat dagegen eine Petition beschlossen. In dem benachbarten Rudolstadt, woselbst die Gründung einer katholischen Pfarrei vor Jahr und Tag viel Staub auf­gewirbelt, ist dieser Tage die neue katholische Kirche feier­lich eingeweiht worden.

Darmstadt, 17. Okt. lieber daö Vertragsverhält- niß zwischen der großh. hessischen Regierung und der Ober- hessischen Eisenbahngesellschaft, aus welchem zum Nachtheil der Gläubiger fortdauernd falsche Schlüffe gezogen werden, mögen folgende Thatsachen nicht unbeachtet bleiben: 1. Der Staat garautirte zu den Kosten der Verzinsung des in der Bahnunternehmung angelegten CapitalS (nominell 28V2 Mill.) eine Jahresleistung von höchstens 994,0013/4 fl. 2. Diese Zahlung ist er nur zu entrichten verpflichtet, wenn die Gesellschaft ihren vertragsmäßigen Verbindlich leiten nachkommt, also z. B. nach Weisung und nach Vor­schrift der großh. Regierung beziehungsweise der Vertrags­bestimmungen die Bahnlinie benutzt, in Bau und Besserung hält. 3. Sollte die höchste Jahresleistung deS Staates von 994,0013/4 fl. nicht hinreichen, zuzüglich der JahreS- Einnahme des Betriebs der Bahn, das Aktien - Nominal- Capital drei ein halb Procent Dividende genießen zu lassen, so ist keinerlei Fonds, Ort, Stelle, Casse, Behörde oder ein Wille vorhanden, das Fehlende zu ergänzen, bezw. den einzelnen Aktien-Besitzeru das Versprochene zu gewähren, d. h. die 31/2 pCt. Zinsen zu bezahlen. 4. Der Staat daS Großherzogthum Heften hat mit keinem ein­zelnen Aktionär einen Vertrag geschloffen. Was Letzteren versprochen oder in Aussicht gestellt worden ist, kam von der Eisenbahngesellschaft, bezw. den Gründern der Aktien­gesellschaft. 5. Die Regierung deS GroßherzogthumS Heften hat ihrerseits keine andere Autorisation, als die, welche von den Ständen alljährlich genehmigt wird, und selbst wenn sie anderer Ansicht wäre, als sie am 6. Oktober der zweiten Kammer der Stände zu sein erklärte, so ist sie doch niemals berechtigt, geschweige verpflichtet, eine höhere Summe als 994,0013/4 fl. p. a. der Oberhessischen Eisen- bahngcscllschast aus Staatsmitteln zu Überantworten oder gar irgend einen Aktien Besitzer in Ansprüchen auf Zinsen­zahlung zu unterstützen. 6. Der Aktionär hat überhaupt nicht Anspruch auf ihm sichergestellte Zinsen, sondern nur auf eine Dividende, welche der Reinertrag des Aktienunter­nehmens leisten kann. Der Aktionär ist Geschäfts-Theil-

Haber und Mitgenießer am Erfolg oder Gewinn deS Unter* nehmens. 7. Die Oberhefstsche Eisenbahn ist eine Zweig­bahn, ihre Fortsetzung und Besserstellung zweifelhaft; daß irgend ein Staat diese subventionirt, ist gänzlich unwahr­scheinlich. 8. Die Oberhessische Bahn ist sehr sparsam ge­baut, hat erhebliche Steigungen und viele enge Curven. Die Abnützung des Betriebsmaterials beginnt deßhalb jetzt fühlbar zu werden. 9. Der Erneuerungs- und Reserve­fond ist sehr mäßig dotitt (1700 fl.), daher kaum im Stande, erhebliche Reparaturkosten zu bestreiten. Sie müffen des­halb aus der Betriebseinnahme bezahlt werden. 10. Der bisherige Jahres-Reinertrag war sehr gering, erreichte noch in keinem Jahre 30,000 Thaler. Bei wünschenSwerther größerer Ausstattung des Reservefonds würde er verschwin­den. 11. Der oberhessischen Eisenbahn droht die Concttr- renz der Linie Friedberg-Hanau, welche ihr den Kohlen- tranSport von der Ruhr nach Bayern wegnehmen wird, deshalb kann sie 12. keiner Erhöhung des Reinertrags, sondern nur einer Unterbilanz entgegengehen, und 13. sie könnte nicht eine erhebliche Betriebsstockung, welche der Zufall brächte, ohne Einbuße für die Dividenden-Anwärter überwinden. 14. Hiernach mag man die Aktien der Ober- hessischen Eisenbahn, deren Capital gar keine, deren Zinsen nur bedingte Staats garantie haben, in den richtigen Rang der Werthpapiere classtficiren.

Müuche», 16. Oct. DerDeutsche Kriegerbund München" hat beschloften, folgende Resolution an den Deutschen Reichstag zu richten: Der am 10. October 1874 zum ordentlichen General - Appell angetretene Deutsche Kriegerbund München" spricht in der Erwägung, daß der nunmehr veröffentlichte Gesetzentwurf den deutschen Landsturm betreffend in hohem Grade geeigenschaftet ist, die Wehrkraft Deutschlands auch gegenüber den schlimmsten Eventualitäten in einer der nationalen Ehre und Macht­stellung Deutschlands sowie dem innersten Wesen der deutschen Kriegervereine entsprechenden Weise angemessen zu erhöhen, hiermit seine Freude über daS Einbringen dieses patriotischen Gesetzentwurfs und die Bitte aus, der Deutsche Reichstag möge diesen Entwurf zum rechtSkräftigm Gesetz erheben.

Hageua«, 16. Oct. Dem Festdiner deS deutschen Brauerbundes wohnte auch Se. Exrellenz der Herr Ober- prästdent v. Möller bei. Derselbe überraschte die Gesell­schaft mit der freudigen Nachricht, eS sei soeben vom Kai- fer auf ein TagS zuvor an ihn abgesandtes Begrüßungs- Telegramm ein herzlicher Gegengruß gekommen. Derselbe lautet:Baden, den 13. Oktober. An den Präsidenten des Hopfenbau Vereins, Adam Müller, Gerneral-Sekretair aus München, Hagenau. Ich spreche den Versammelten meinen freundlichen Dank für den patriotischen Zuruf hier­mit auS. Wilhelm, Imp. Rex. Dieses Telegramm rief

Der Kampf um eine Million.

Roman von Ewald August König.

(Fortsetzung.)

Herr Schindler, ich verstehe, was Sie mir sagen wollen, unterbrach Jenny ihn ruhig, ich habe eS mir bereits gesagt und meinen Entschluß gefaßt. Ich habe wohl nicht nöthig, Ihnen zu sagen, wie unsagbar schmerzlich dieser Entschluß mir ist. Sie, der Sie selbst Kinder besitzen, können den Schmerz mit mir fühlen. Aber eine Mutter muß dem Glück ihres Kindes jedes Opfer bringen können, ich bringe es ohne Murren. Nur um Eins möchte ich bitten, daß es mit erlaubt fei, von Zeil zu Zeit mein liebes Kind zu sehen, in Briefen mit ihm zu plaudern, nur dies Eine wünsche ich, damit will ich gern zufrieden sein.

Sie sollen mehr haben, entgegnete der Bauquier bewegt, wir wollen Sie nicht Ihres Kindes und Anna nicht ihrer Mutter berauben, das fei fern von uns l Vielleicht wären Sie nicht abgeneigt, Ihrer Kunst zu entsagen, wenn in anderer Weise für Ihre Existenz gesorgt wird?

Jenny blickte fragend den alten Herrn an, in dessen Augen eine warme Theilnahme sich spiegelte.

Ü Mag dem fein, wie ihm will, und mögen wir auch darüber denken, wie eS unS beliebt, eS steht fest, daß die öffentliche Meinung kein sehr günstiges Urtheil übet uns Alle fällen wird, wenn sie erfährt, waS sich soeben hier "eignet hat, fuhr der Banquiet nach einer Pause fort, während er die Hände auf den Rücken legte und langsam auf und nieder wanderte. Und wenn man es eben kann, sv muß man vermeideu, bet öffentlichen Meinung eine Ohrfeige zu geben, ich denke, darin werden Sie mit mir ftbetdnfHmmen l

Gewiß, und darauf bezieht sich ja auch

Erlauben Sie, ich bin noch nicht zu Ende. Wenn Sie «ton als Miß Ballavini die Stadt verließen und vielleicht

nach einigen Monaten, als Madame Blank zurückkehrten, so würde wohl Niemand vermuthen, daß diese Madame Blank die frühere Tänzerin fei, und eS läge durchaus nichts Auffallendes darin, wenn die Mutter meiner Schwie­gertochter ihre Kinder häufig besuchte. Sehen Sie, das wäre nach meinem Dafürhalten der einfachste Weg, unan­genehme Gerüchte und boshafte Klatschereien zu vermeiden, eS braucht ja auch Niemand zu wissen, daß ich Ihnen eine Jahrestente zahle.

Anna und Gerhard, Adele und die Mutter reichten dem alten Herrn dankend die Hände, sie hatten nicht er­wartet, daß er diesen Ausweg Vorschlägen würde, der sei­nem edlen Herzen Ehre machte und zugleich bewies, wie hoch er die Braut seines SohneS schätze.

Der Baronet hingegen zuckte geringschätzend die Achseln und trat anS Fenster zurück, als ob er dadurch Anbeuten wolle, daß er nach diesen Worten an ben Verhandlungen nicht mehr Theil nehmen könne.

Mein Herr, ich nehme schon meines Kindes wegen die­ses freundliche Anerbieten dankend an, erwiderte Jenny nach kurzem Zögern, möge Jhnm der Himmel ver­gelten, was Sie an meiner Tochter und mit gethan haben.

Ich aber muß Dir sagen, daß ich Dich bewundere, Eduard, fügte Madame Schindler hinzu, jetzt weiß ich, daß Du nicht nur ein edleS Herz, sondern auch ein wahr­haft frommes Gemüth hast.

Na, also angenommen! sagte der Banquiet abwehrend. Und nun keine Wotte weiter verloren, in der Haupt­sache habe ich dabei ja doch nut daS Glück unserer Kind" im Ange.

Er eilte hinaus in das anstoßende Gemach, Sir Dela- valle folgte ihm.

WaS sagen Sie nun? fragte Gerhard leise die Mutter

seiner Verlobten. Halten Sie noch immer au Ihrer Ver- muthung fest?

Aufrichtig gesagt, weiß ich noch immer Nicht, was ich glauben soll, erwiderte Jenny. Ich habe ihn beobachtet und mitunter in seinem Gesicht einen Zug gefunden, der mich an meinen Gatten erinnert, dann aber wieder war mir sein Gesicht fremd, und die Ueberzeugung drängte sich mit auf, daß ich mich getäusch habe. Forschen wir nicht weiter, ich habe ja gefunden, was ich suchte, nur meinem Kinde allein galten meine Nachforschungen. Wie lieb Sie Alle gegen das arme hülflose Mädchen gewesen studi Ich danke Ihnen nochmals recht innig dafür.

Die Liebe Anna's belohnt uns reich für da» Wenige, was wir gethan haben, erwiderte Madame Schindler, welche den Beiden sich genähert hatte. Ich preise Gerhard glücklich, daß er diese Braut gesunden hat.

Ein leiser Seufzer schim ihre Wort« Lügen zu strafen, aber als fürchte sie, daß ihm eine falsche Deu­tung untergelegt werden könnte, fuhr fie gleich darauf fort: Mein höchster Wunsch ist eS, auch Adele so glück­lich zu sehen; gebe der Himmel, daß dieser Wunsch erfüllt werde.

Zweifeln Sie daran? fragte Jenny theilnehmend.

Madame Schindler nickte, aber die Erwiderung, die ihr auf den Lippen .schwebte, mußte sie zurückdrängen;' ihr Gatte ließ sie bitten, in daS Nebenzimmer zu kommen.

Hier sand fie ben Banqtner mit sorgenvoll umwölkter Stirn, Sir Arthur stand mit verschränkten Armen vor ihm wie einer, der das Recht hat, etwas zu fordern, was der Andere nicht gewähren kann.

Seine Haltung war trotzig, fein Blick drohend, ein feind­seliger Zug umspielte seine Mundwinkel.

Sir Delavalle wünscht den Termin der Hochzeit näher