Mr. 2M.
Marburg, Sonntag, den 18. Oktober.
1874.
Anzeigen nimmt entgegen: »le Sxpeditto« tz. Blattes, sowie die Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in -affe! und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M.; Haasenstein & Vogler in Frankfutt a. M., Berlin, Leip» zig, Cölnrc.; Rudolf Stoffe in Berlin, Frankfurt a. M. rc.
Obcchcßsiht Icilung.
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Kaiser Wilhelm hat nunmehr auf den Rath seiner Aerzte dem von ihm gewünschten Besuch beim König Victor Emanuel definitiv entsagt; er wird bis zum 20. d. M. in Baden-Baden verweilen und dann zu einigen Jagdtagen sich an den grotzherzoglich schwerinschen Hof nach Ludwigslust utib in die Provinz Schlesien begeben. Die Eröffnung des Reichstages, den man nicht wieder vor der Fertig- stellung genügender Vorlagen, zumal des Budgets, einbe- rufen will, dürste kaum noch vor Ende des Monats erfolgen. — Graf Arnim ist aus der Stadlvogtei nach der Charit« verbracht worden, weiteres Thatsächliche ist über den Fall vorerst noch nicht zu berichten. — Am Freitag »origer Woche (9. Oct.) verließ der Erzbischof Melchers da» Gefängniß zu Köln, da er mit diesem Tage den bisher nicht beigetriebenen Theil seiner Geldstrafen durch die sub- fidiäre Freiheitsstrafe verbüßt hatten In Dresden ist der Landtag, nachdem über die Steuergesetzvorlagen ein Einvernehmen zu Stande gebracht war, in überraschender Eile und mit mißstimmender Abschneidung der Verhandlung mehrerer Beschwerde- und Petitionsberichte am vorigen Sonnabmd (10. Oct.) geschloffen worden. Am 8. Oct. begrüßte die Kaiserin Augusta persönlich eine zu Frankfurt a. M. tagende Delegirten - Versammlung der Deutschen Frauenvereine, deren hohe Protectorin sie ist. Am Sonn tag und Montag hielt der Verein für Socialpoliiik in Eismach seine zweite Jahresversammlung. Am Mittwoch starb zu Niederdollendorf bei Königswinter nach längerem Leiden ein Veteran der deutschen EinheitS und Freiheitskämpfe seit 1813 bis zu seinem Tode, Abgeordneter zur National-Bersammlung von 1848 und einer langen Reihe preußischer Landtage, Geh. Justizrath Friedrich v. Ammon zu Köln. Am selbigen Tage verschied der herzoglich-braunschweigische StaatS-Minister v. Campe.
In Oesterreich stehl die Wiedereröffnung des Reichs- ratheS bevor und die Parleifractionen treffen bereits ihre Vorbereitungen, «ährend die Landtage sich beeilen ihre Bera- thungen zu beendigen. Am 10. bereits schlossen 4 Landtage, die von Oesterreich, Schlesien, Vorarlberg und Bukowina ihre Ses- fion. Für die am 20. in den Landgemeinden, am 23. in den Städten BöhmmS anfangenden ReichSrathSwahlen haben die Altczechen in dm 33 Wahlkreisen ihre früheren Candidaten wieder aufgestellt. Die ungarische Regierung hat am Sonnabend in einer Ministersitzung die Borarbeilen sür die kommende Reichstagssession durch Annahme der Vorlage deS Justiz-Ministers erledigt. Der Budgetentwurf für 1875 verlangt die gleiche Summe, welche für 1874 bewilligt worden war.
Der Wcltpostcongreß zu Bern hat seine Sitzungen nach glücklich vollendetem Werke geschloffen. Der Nationalrath
begann am Dienstag die Berathunz der neuen Militär- Organisation mit Feststellung der Wehrpflicht vom 20. bis 44 Lebensjahre.
InItalien zeigt sich für die bevorstehenden Wahlen die Opposition sehr rührig, besonders im Süden, in Neapel und Sicilien. Einen unerwarteten Bundesgenossen wird dieselbe an den Clericalen erhalten, welche trotz der entgegengesetzten Meinung des Papstes und des Abrathens eines TheileS der clericalen Presse diesmal aus ihrer bisherigen Zurückhaltung hervottreten und in richtiger Er- kenntniß ihrer Schwäche anstatt eigene Candidaten aufzustellen, die der Opposition unterstützen zu wollen scheinen. Unter den Arbeiten, welche die neue Session zu bewältigen haben wird, sind drei Vorlagen des neuen Unterrichts Ministers über die Regelung des höheren und niederen Schulwesens. Zur Einführung von Maßregeln sür die öffentliche Sicherheit wurde der General - Secretär Gerra nach Sicilien gesandt und sand aller Orten die beste Aufnahme
Am 4. October blieben bei den französischen Ge- neralraihswahlen 80 engere Wahlen zur Entscheidung für den 11. Oct. zurück. Der Kampf ward lebhaft, wie am Sonntag vorher, geführt; die Republicaner erlangten 40, die Monarchisten 29 und die Bonapartisten 11 Sitze, das Gesammtresultat der 1436 Wahlen stellt sich schließlich so heraus: 673 Republicaner, 604 Monarchisten und 158 Bonapartisten; die Republicaner haben 27 neue Sitze ge wonnen, DecazeS hat nunmehr den letzten Schritt in der Occu- aptionspolitik in Italien gethan. Nach Abzug der Franzosen von Rom und nach Einzug Victor Emanuel's in den Qui- rinal unterhielt die französische Regierung als einen facti schen Protest gegen die Einverleibung deS Kirchenstaates in Italien hartnäckig in dm italienischen Gewässern vor Civita-Vecchia ein Kriegsschiff, den Orenoque, mit der ostensibeln Mission, zur besonderen Verfügung deS „Gefangenen im Vatikan" bereit zu sein. DaS geeinte Italien konnte sich auf die Dauer dieses Verhältniß nicht gefallen lassen, und DecazeS suchte endlich, um Schlimmeres zu ver- hüien, auch dieses Geschäft abzuwickeln. Am Morgen deS 13. Oct. brachte das officielle Journal die amtliche Mit- theilung, daß der Orenoque nach Toulon zurückbeordert fei. Diese Abberufung sollte aber keinen Wechsel in den Gefühlen der Ergebenheit und Fürsorge dem Papste gegenüber bezeigen; eS werde daher der Kleber nach Corsica gehen, um die Mission, die der Orenoque seit 1870 gehabt, zu übernehmen. Am 13. Oct., 11 Uhr Morgens, trat der Orenoque die Rückfahrt an; gleichzeitig setzte der Kleber von Toulon nach Ajaccio sich in Bewegung. Die clericale Welt macht sich indeß keine Illusion darüber, daß der bei Corsica in französischen Gewäffern liegende Kleber bei Weitem nicht die politische Bedeutung hat, die mit dem Orenoque von Civita-Vecchia verknüpft war. Europa aber
kann sich Glück wünschen, daß das französische OccupationS- spiel in Italien ohne ernstliche Beunruhigung zu Ende ging.
Die spanisch en Truppen haben in Navarra die kleine Festung Laguardia wieder eingenommen und in Murcia die das Land unsicher machende Carlistenbande Lozana'S geschlagen. Höher aber als diese militärischen Vortheile wird die spanische Regierung den Erfolg schätzen, den sie mit dem von ihrem Botschafter der französischen Regierung überreichten Memorandum erreicht hat, indem die Abberufung deS CarlistenfreundeS Nadaillac aus der Präfectur derniedem Pyrenäen und die Verhängung des Belage- rnngzustandes über die GränzdepattementS angeordnet worden ist.
Das mit Kinder und Enkeln schon reich gesegnete königliche Haus von E n g l a n d ist abermals um ein Familienmitglied bereichert worden, indem die jüngste Schwiegertochter der Königin, die Herzogin von Edinburgh, ihrem Gemahl ein Söhnlein geschenkt hat. Die Kaiserin von Rußland ist um einen halben Tag zu spät in England eingetroffen, um ihrer Tochter in der Stunde der Entscheidung beistehen zu können. Neben dieser Geburt sind aus dem vereinigten Königreiche zwei Sterbefälle zu verzeichnen, welche dem Oberhause den 82jährigen Herzog v. Leinster und den 73jährigen Lord Forester genommen haben. Politische Rollen von Bedeutung haben die beiden nicht gespielt.
Die Kaiserin von Rußland hat am 11. d. M. Li- vadia auf der Krim verlaffen und sich, von ihrem ältesten Sohne, dem Thronfolger, begleitet, durch Deutschland nach England gegeben. Der Kaiser bleibt bis Anfang November an dem Gestade des Schwarzen Meeres und kehrt dann mit feinen beiden Schwiegertöchtern und seinem Sohne Wladimir zunächst nach Moskau zurück, wo zu Ehren des letzivermählten Paares noch einige Feste gegeben werden sollen.
Der Pforte wird das Recht, die Handelsverträge vorzeitig zu kündigen, von allen Seiten bestritten. Sie soll vorher angeben, was sie an den Verträgen geändert zu sehen wünscht. Die bisherigen Bestimmungen find rechtsgültig bis zum Jahre 1890. Die HungerSnoth in Kleinasien dauert noch immer fort. Die Pforte hat Getreide dorthin geschickt und den Bauern zur Bestellung der neuen Staat 11,000 Ochsengespanne zur Verfügung gestellt.
Fürst Karl von Rumänien ist, nachdem er noch über seine Gesundheit in Wien ärztlichen Rath eingeholt, am 11. d. in sein Land zurückgekehrt. Die Herbstmanöver beginnen am 17. d., doch wird der Fürst von Montenegro nicht dabei erscheinen, sondern erst im nächsten Frühjahr seinen Besuch in Bukarest machen.
Fürst Milan von Serbien, dessen Regierung wieder einmal eine von den Karageorgiewitsch angesponnene Ver-
ver-
fiel
die
der geflochten, die Augen waren Perlen und zwischen den Augen blitzte ein Diamant von reinstem Waffer. Na, später, als das Gericht das Inventar aufnahm, fehlte unter
langen Pause, denn wenn Eure Behauptung wahr wäre, so könnte ja nur der Baronet das Armband genommen haben.
Der Himmel bewahre mich vor solcher Behauptung! ries der Schreiber entsetzt.
Ihr sprecht sie aus, wenn Ihr dabei beharrt, daß der Schmuck fehle, fuhr Gerhard ernst fort, und doch muß Euch der gesunde Verstand sagen, daß sie eine Thorheit ist. Der Jrrlhum wird sich aufklären, sobald Euch das Gericht in den Besitz der Hinterlassenschaft setzt, bis dahin werdet Ihr wohlthun, zu schweigen.
Muß ich es nicht? Wenn ich dem Gerichte erkläre, daß ich das geheime Gewölbe schon vorher entdeckt habe, so wird daraus ein neuer Prozeß entstehen, und wie will ich beweisen, daß ich die fehlenden Werthpapiere und Schmuckjachen nicht vorher schon genommen habe?
So ist eö, Timm, erwiderte der Steuermann, während er dem Schreiber die Hand zum Abschied reichte, schweigt und wartet die kommenden Dinge in Geduld ab.
Er eilte hinaus; seinen Vorsatz, sich mit Timm zur Entdeckung der Gaunerbande zu verbünden hatte er vergessen.
durchlebte.
Ja, ich kann es nicht bezweifeln. Ich erinnere mich zu genau dieses Armbandes.
Und daraus wollt Ihr annehmen —
Nichts, Herr Schindler, gar nichts I rief Timm hastig. Es wäre ja Wahnsinn, nur vermuthen zu wollen, daß --nein, nein, es ist ja trotz alledem möglich, daß dieses Armband unter andern Sacken, vielleicht unter den Papieren versteckt liegt und deshalb von den Beamten nicht gefunden wurde. .
In fieberhafter Erregung wanderte Gerhard auf und nieder, es war ihm unmöglich, einen klaren, bestimmten Gedanken zu suchen, die Lösung dieses Räthsels wurde immer schwieriger und vergebens suchte er einen Lichtstrahl, der dieses Dunkel durchdringen konnte.
Aber er begriff, daß er dem geheimen Verdacht Timm's keine Stütze bieten durfte, er mußte ja befürchten, der Schreiber würde davon Gebrauch machen und durch seine Uebereilung alle Pläne Gerhard'S durchkreuzen.
Sodann konnte er auch noch immer nicht glauben, daß der Baronet bei diesem Verbrechen betheiligt sein solle, er glaubte ihm schon durch den Verdacht, daß er sich unehrenhafter Mittel bedient habe, die Hand Avele's zu gewinnen, Unrecht zu thun.
ES muß ein Jrrthum fein, Timm, sagte er nach einer
anderen Sachen auch dieses Armband, ich suchte es geblich.
Der Äem>f nm eine Million.
Roman von Ewald August König, (Sortierung.)
Nun, nachher riech der Baronet mir, den Eingang wieder zu verschließen und über die Entdeckung das strengste Schweigen zu beobachten. Seine Gründe für diesen Rath leuchteten mir ein, er schickte mich auS, eine Flasche Wein zu holen, die wir hier gemeinschaftlich geleert haben.
Blieb er hier, bis Ihr zurückkehrtet? fragte Gerhard, die Brauen so hoch emporziehend, als es ihm möglich war.
Ja.
Und der Eingang zu dem Gewölbe war noch offen? Freilich, aber waS soll die Frage?
Nichts, nichts, fahrt nur fort.
Als ich zurückkehrte, schloffen wir daS Gewölbe und nach den Feiertagen wurde es vom Gericht wieder geöffnet. Aber das wiffen Sie ja, Sie waren zugegen, Sie hörten auch, wie der Nachlaß mit dem Verzeichniß verglichen wurde, welches man in dem Schranke fand.
Gerhard nickte, fein Blick ruhte mit fieberhafter Spannung auf dem hageren Gesicht des Schreibers.
Nun? was »eiter ? fragte er.
Ja, Herr, es ist eine ganz merkwürdige Geschichte und fast getraue ich mich nicht, Ihnen meine Gedanken zu offenbaren, ich muß ja fürchten, daß Sie mich einen Narren schelten werden. Sehen Sie, als wir, Sir Delavalle und ich, den Schrank öffneten, da blitzten und schimmerten uns die Edelsteine entgegen und im ersten Augenblick war ich ganz geblendet von dem Glanze. Dann aber nahm ich mehrere Schmucksachen heraus, um sie zu betrachten, während der Baron in den Papieren suchte und bu Aufschriften der verschiedenen Pakete las. Ich erinnere mich ganz genau eines prachtvollen Armbandes, ich meine es noch vor mir zu sehen, drei goldene Schlangen in einan
Gerhard war von feinem Sitz emporgefahren, eS ihm fchwer, seine Erregung zu bemeiftecn.
Wißt Ihr das ganz gewiß? fragte er, und bebende Stimme verrieth den Sturm, der seine Seele
Ein Chaos von Gedanken wogte in seiner Seele, er wußte nicht, was er glauben, wie weit fein Verdacht reichen durfte.
Aber es war ihm klar, daß er jetzt den Baronet scharf beobachten mußte, daß er feine Mühe scheuen durfte, daS Wesen und den Charakter dieses Mannes zu ergründen.
Er erinnerte sich der beharrlichen Abneigung, welche seine Mutter und Adele gegen Sir Arthur hegten, jetzt glaubte auch er diesen Umstand beachten zu muffen, er war entschlossen, nicht zu ruhen, bis er sich Gewißheit verschafft hätte.