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1871

Marburg, Donnerstag, den 8. October.

tlfr* 23S.

Anzeigm nimmt entgegen: hie Expedition d. Blatte-, sowie bie Amioncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M-; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a. M-, Berlin, Leip­zig, Cöln rc.; Rudolf Moss« in Berlin, Frankfurt a. M. rc.

(l"'bcrl|rllifd)c Jätung.

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Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d- Blatte-, sowie dre Annoncen-Bureaux von G. L. Daube & Co. in" Frankfurt a. M.; Jäger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, A. Rete- meyer in Berlin; Carl Schüß- ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.

(SrfÄeint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition («och'sche Buchdruckerei) bezogen 224 Sgr.. durch die Postämter des deutschen Reiches SS Sgr. (cxcl. Bestellgebühr). - Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr. Für in der Expedition zu ertheilende

Auskunft und Annahme von Adressen werden 24 Sgr. berechnet.

auf das vierte Quartal der JliqUUllliyillOberh. Zeit." werden von allen Postanstalten noch fortwährend entgegenge­nommen, um jedoch vollständige Exemplare, nament­lich der BeilageSonntagsblatt" zu erhalten, wolle man die Bestellungen schleunigst machen.

Die Exp. d. Oberh. Zelt.

Geaerr die Irrlehren deS Sozialismus.

(Schluß.)

Hebet die sittliche Bedeutung der Arbeit schreibt der Verfasser:Der Sozialismus bekämpft keinen Einwand seiner Gegner so leidenschaftlich, wie die Behauptung: wir Alle sind Arbeiter! Begreiflich genug. Dies triviale Wort mag zuweilen, etwa im Munde eines LandtagSkan- didaten, nur als ein wohlfeiles Mittel dienen, um nach der BolkSgunst zu Haschen, doch es bezeichnet richtig das Wesen der modernen Gesellschaft und trifft die Lehre des Klassenhasses mitten ins Herz. Unbarmherzig, wie nie zuvor, wird heute jeder Muskel der Gesellschaft zur Arbeit angespannt; Niemand unter unS arbeitet härter, als der deutsche Kaiser, denn die Pflichten seines hohen Amtes jolgen ihm auf Schritt und Tritt bis in den Lärm der Feste. In diesem mächtigen Getriebe der Arbeit sind zahllose Mittelglieder entstanden, welche iit ununterbrochener Stufen folge von den Höhen zu den Tiefeu der Gesellschaft hinüberleiten und den Gegensatz der Klassenanschauungen mildern. Wer vermag in der heutigen Gesellschaft noch den Punkt anzugcben, wo die sogenannten materiellen und die geistigen Berufe sich scheiden? Wer kann auch nur unter den Angestellten einer großen Fabrik diese Grenze mit Sicherheit ziehen? . .

Wer die Gliederung der Gesellschaft als eine Roth wendigkeit erkennt, giebt darum mit Nichten zu, daß die Ausdeutung des Schwachen durch den Starken in ihr vor herrschte. Was auch gefrevelt ward von oben wie von unten in dem kampferjüllten Werdegange der Gesellschaft, die Regel war immer nicht die Ausbeutung, sondern bas wechselseitige Geben und Empfangen.

Die Lehre von der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen zerreißt mit plumper Faust die vielgeglie- dette Einheit der Gesellschaft. Starke Lölker lebten immer des Glaubens, das erste Gebot der Voikswirthschaft sei: viel, sehr viel und gut zu arbeiten; erst in zweiter Reihe stand ihnen die Frage nach der Vertheilung der Früchte der Gesammtarbeit. Darf dieser alte gute Grundsatz heute, da Arbeitsscheu und Zuchtlosigkeit in den niederen Ständen furchtbar überhand nimmt, ganz in Vergessenheit gerathen? Bevor man den Massen von ihrer verletzten Menschen­würde redet, soll man ihnen ruhig sagen, zuerst zeigt Euch

Der Kampf um eine Milli«n.

Roman von Ewald August König.

; ; (Fortsetzung.)

Rein, Sie werden hinaus gehen 1 schrie der Rentner, unfähig, seine Wuth zu dämpfen. Sie werden dieses Zimmer verlasfm und zwar augenblicklich. Oder haben Sic Geld, mir die Miethe zu zahlen?

Ich würde es haben, wenn Sie mir es nicht gestohlen hätten! , . r ,

Theodor Neumann zuckte zusammen, der Hieb hatte ihn getroffen, aber nicht entwaffnet.

Er näherte sich dem Mädchen, entschlossen, seiner Dro hung die That folgen zu lasten, und Anna wich erschreckt zurück; da« verzerrte Gesicht mit den unheimlich glühenden Augen flößte ihr Entsetzen ein.

Da, in demselben Augmblick, wurde die Thür hasttg geöffnet und in der nächsten Sekunde hielt eine Faust das Genick des Rentners umklammert.

Was geht hier vor? fragte Gerhard da» Mädchen, welches erleichtett aufathmete. Hat dieser Schuft die Frechheit gehabt, Zhnm abermals zu nahe zu treten.

Lasten Sie ihn, bat Anna, er ist nicht werth, daß Sie sich an ihm vergreifen.

Ich habe dem Fräulein meine Hülfe angeboten, stotterte der Rentner, über das Plötzliche dieses Angriff« verwirrt, e« ist wahrlich kein Grund vorhanden, mich zu mißhan­deln und mir Worte in'S Gesicht zu werfen

Haltet den Mund, Mann oder ich werfe Euch ganz andere Dinge in'S Gesicht, als leere Wottc! donnerte Gerhard. Mir hat ein Blick genügt, zu erkennen, welche Art von Beistand Ihr der jungen Dame augeboten habt; hütet Euch, ihr noch einmal nahe zu treten, diese Fäuste würden Euch Niederschlagen, daß Ihr vierzehn Tage an sie denken solltet!

als Menschen! arbeitet, damit daS^Gesammtvermvgen sich vermehre. . . .

Manche herbe Anklage über die nothwendige Gliederung der Gesellschaft würde verstummen, wenn man sich lebhafter der einfachen Wahrheit entsinnen wollte, daß die Arbeit Selbstzweck ist. In dieser Erkenntniß liegt ein herrlicher Erwerb der christlichen Gesittung. Die Kultur des Orients und deS klassischen AlterthumS ging nach glänzenden Er­folgen doch zu Grunde, jene Völker entbehrten der nach­haltigen Lebenskraft, weil sie die Würde der Arbeit nie erkannten. Die Persönlichkeit des Menschen entfaltet sich in der Arbeit. Genießend empfangen wir von der Natur, arbeitend beherrschen wir sie.

Darum ist jede redliche Arbeit ehrenvoll, daS treue Schaffen auch für die niedersten Bedürfniste der Gesell­schaft kann den fleißigen Menschen niemals den ewigen Zwecken seines Lebens entfremden. Wer zum Meister ward in einem bescheidenen Berufe, steht sittlich höher, als wer ein Stümper blieb in der edelsten der Künste. Der Arme wie der Vornehme darf sich das stolze Bewußtsein erobern, daß er als ein Halm dastehe in dem großen Aehrenfeldc der Gesellschaft, daß er an seiner Stelle un­entbehrlich sei." -

Die Landsturm-B»rlage.

Nach den Motiven des -Leitens des Reichskanzleramts dem Bundesrath vorgelegten Gesetzentwurfs über den Land­sturm soll an Stelle des ungeregelten Massenaufgebots ein» tretenden Falles die militärische Organisation des Land­sturms und die Unterordnung unter die Militärgesetze tre­ten. Es soll auf diese Weise dem Landsturm, als einem Theile der bewaffneten Macht des Reiches, der völkerrecht­liche Schutz verschafft, dem Gegner aber einer derartigen Maßregel gegenüber daS Recht ober auch nur der Vor­wand zu Maßregeln, welche den Grundsätzen deS Völker­rechts widersprechen, entzogen werden. Zugleich aber ver­wahren sich die Motive in nachdrücklichster Weise und so­gar in gehobener Sprache gegen die Absicht, de» Geist, welcher eie preußische Verordnung über den Landsturm vom 21. April 1815 bictirt hat, abzuschwächen und Schranken gegen ein selbständiges Eingreifen der Nation im Falle der äußer­sten Nolh selbst im Bewußtsein der unvermeidlichen Folgen aufrichten zu wollen.Verwerflich wäre ein Act der Gesetzgebung, durch welchen in der Ration der Wille gelähmt werden könnte, erforderlichen Falles Alles einzusetzen für die Ehre." Der Gedanke des Gesetzes ist nach den Motiven eben der, daß so lange und so weit die Verwendung des Landsturms innerhalb militärischer For­mationen, sei es der Landwehr, sei^S besonderer Landsturm- sormalionen, möglich ist, dieses geschehen soll und also namentlich das Aufgebot des Landsturms von oben herab

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Der junge Mann hatte, während er diese Worte sprach, den Rentner vor sich hingestoßen, und als er nun die Thür öffnete, um ihn hinaus zu befördern, fiel sein Blick auf den Baronet, der in Begleitung zweier Beamten auf dem Corridor stand.

Sieh, da haben wir ja den Vogel, sagte Sir Arthur erfreut, bitte Gerhard, geben Sie ihm die Freiheit, er wird unS nicht mehr entfliegen.

Seid Ihr der Rentner Theodor Neumann? fragte ein Beamter.

Aufzuwarten! erwiderte der hagere Herr, während sein Blick mit dem Ausdruck wachsender Angst von dem Einen zum Andern schweifte.

Führt uns in Euer Zimmer. -'m

Meine Herren, darf ich wiffen

Ihr werdet Euch wohl der beiden Dommente erinnern, die Zhr mir ausgestellt habt, schnitt Sir Delavalle dem Rentner 'das Wort ab, sie sind in den Händen der Be­hörde, und ich denke, wir werden die' Beweise für die Wahrheit Eurer Bekenntnisse in jenem Zimmer finden.

Gottlob, daß dieser Blindschleiche der Kops zertreten wird! sagte Gerhard, dann kehrte er in da« Zimmer Anna'S zurück.

Zch will nicht fragen, mein Fräulein, was zwischen Ihnen und jenem Manne vorgesallcn ist, Ihre Angst und seine Wuth haben es mir genugsam verralhen. Arme« Kind, daß Sie diesem Schurken wehr- und schutzlos gegen­überstanden !

Ein Schatten trüber Wehmulh glitt über das schöne Gesicht deS Mädchens.

Er glaubte ein Recht zu haben, mir daS bieten zu dürfen, entgegnete sie, er glaubte dieses Recht in dem Ur- lhcil zu finden, welches mir die Freiheit, aber nicht die Ehre zurückgegeben hat.

zunächst nichts Anderes bedeutet, als die Einreihung eines möglichst großen Theilcs der Landsturmpflichtigen in die HcereSverbände, damit der Kriegführung desto länger, d. h. unter Umständen länger als unter den bisherigen Einrichtungen, der Charakter der Menschlichkeit gewahrt bleiben kann. Damit ist mittelbar zugegeben, daß die frei- villige Erhebung deS Volkes und seine Theilnahme am Kampfe außerhalb der eigenlichen militärischen Verbände zwar unter Umständen eine Sache der nationalen Ehre ist, in den Rahmen des strengen Völkerrechts aber nicht hinein- paßt und nicht hineingebracht werden kann, daß also gleich­zeitig mit einer solchen Erhebung die Maßregeln mit in den Kauf genommen werden muffen, welche dem Feinde einem solchen unregelmäßigen Zustande gegenüber zur An­wendung zu bringen beliebt.

ES entspricht dieser Gedanke völlig der Stellung, welche im Kriege mit Frankreich den unregelmäßigen Streitern gegenüber eingenommen ist, wenigstens theoretisch, da die aus dieser Auffaffung solchen Streitern und bett Ländern überhaupt gegenüber sich ergebenden Rechte doch deutscher­seits schwerlich in ihrer vollen Schroffheit und ganz ohne Berücksichtigung des jedesmaligen einzelnen Falles ausge­übt worden sind. Er entspricht aber auch genau dem, was über die ablehnende Haltung der deutschen Regierung ge genüber dem §. 9 des dem Brüsseler Kongresse vorgelegten Conventionsentwurfs seiner Zeit verlautet hat; allerdings im halben Gegensätze zu der damals von der Rspublique Frantzaise gebrachten Vension, nach welcher Herr v. VoigtS- Rhetz dem Artikel 9 im Ganzen zustimmte. Die Erfor- derniffe, welche dieser Artikel für die Anerkennung solcher anßermilitärischen Streitkräfte als die Rechte der Kriegs- führenden besitzend aufstellt: bie äußeren Abzeichen, das offene Tragen der Waffen, ihre Stellung unter einen ver­antwortlichen Führer und unter das General-Commando, ihre Anbequemung an die Gesetze, Gewohnheiten und Ver­sah, ungSarten des Krieges, sind allerdings so allgemein und so unbestimmt gehalten und namentlich die drei ersten bei bösem Willen so leicht nur zum Schein zu halten, daß die Gefahr, der Gegner werbe sich dennoch zu Repres­salien genöthigt sehen und damit der ganze Zweck dieses Paragraphen hinfällig wird, in der That groß ist. Wie leicht eS ist, das äußere Abzeichen, daS ja eine völlige Uni- formiruttg zu fein eben nicht nöthig sein soll, bald ab-, bald anzulegen ist, haben der französische Krieg und feine Franctireurs gezeigt; eben so ftno die Stellung unter einen verantwortlichen Führer und die allgemeine Unlerorbnung unter das General-Commando Bürgschaften von höchst zweifelhaftem Werth. Die letztere kann der Natur der Sache nach nur eine sehr lose, unwirhame sein, die Ver­antwortlichkeit des Führers aber wird vollend« ein leerer Schall bleiben. Seine eigene Regierung wird vorkommen-

Ah und doch weiß er so gut wie ich, daß Sie schuldlos sind! fuhr Gerhard fort, und vor seinem leuch­tenden Blick senkte Anna verwirrt die Wimpern. Ich werde auch jetzt noch nicht raftm, bis ich die Beweise ge­funden habe, die Ihnen in den Äugen der Welt die Ehre zurückgeben, Anna; eS ist mir unbegreiflich, daß unsere sonst so tüchtige Polizei in dieser Angelegenheit noch gar nichts erreicht hat..

Und wenn Sie die Beweise wirklich finden, welchen Werth «erben sie für mich haben? fragte Anna traurig. Muß ich nicht am Abend de« Neujahrstages bie- Stadt verlassen haben? <

Nein Anna, Sie werben bleiben, Sie dürfen nicht gehen, erwiderte Gerhard in leidenschaftlicher Erregung. Sie werden dieses Haus verlassen und eine andere Woh­nung beziehen, ich gebe Ihnen die Mittel

Herr Schindler!

Bettoffen blickte Gerhard das Mädchen an, bie Ent­rüstung , bie in ihren bunkcln Augen sich spiegelte, ihre bleichen Wangen und bebenden Lippen verriethen ihm ihre Gedanken.

Verzeihen Sie, fuhr Gerhard fort, und ein verlegenes Lächeln glitt über seine Lippen, ich habe e« ungeschickt an- gefangen, ich bin in solchen Dingen nicht bewandert und habe nicht gelernt, ans Worten zierliche Phrasen zu drech­seln. Anna, hier ist meine Hand, sie ist hart und rauh geworben in schwere Arbeit, in Stürmen und Gefahren, aber bas Herz -ist treu unb gutgebtieben, und mit dieser schwieligen Hand biete ich Zhnm ein treues Herz an. Als ich Ihnen zum erstm Male in'S Äuge schaute, da zog bie Liebe in mein Herz ein, und Gott im Himmel weiß, wie freudig ich diese Liebe gehegt unb geflegt habe. Sie ist mit meinem Herzen ver­wachsen unb umschlingt mit ihren Blütheiizweigen Ihr süßes, schönes Bild, welches mich nie verläßt, nicht am Tage