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Ur 233.

Marburg, Dienstag, den 6. October

1874

»Anzeigen nimmt entgegen: 6ie Expedition d. Blattes, sowie die Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M.; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a. M., Berlin, Leip­zig, Cölnrc.; Rudolf Moss« in Berlin, Frankfurt a. M. rc.

Jfllung.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie die Annoncen-Bureaux von G. L. Daube & Co. jn Frankfurt a. M.' Jäger'sche Buchhandlung in Frankfutt a. M.; Jnvalidendank, A. Rete- meyer in Berlin; Carl Schüß- ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn» und Feiettagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 22j 6gt., durch die Postämter des deutschen Reiches 25 Sgr. (excl. Bestellgebühr). Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr. Für in der Expedition zu ertheilende

Auskunft und Annahme von Adressen werden 2$ Sgr. berechnet.

tWblllHWn auf das vierte Quartal der ^Oberh. Zeit." werden von allen Postanstalten noch fortwährend entgegenge­nommen, um jedoch vollständige Exemplare, nament­lich der BeilageSonntagsblatt" zu erhalten, wolle man die Bestellungen schleunigst machen.

Die Exp. d. Oberh. Zeit.

Da- Programm de- Landwirthschaft- Minister-,

Unter dieser Aufschrift theilt die von Oekonomierath Horn in Breslau herausgegebene landwirthschaftliche Zeitung der Landwirth" die Rede mit, welche der Minister für Land- witthschaft, Dr. Friedenthal, am 36. v. M. zu Gießmanns­dorf, in Entgegnung einer Ansprache gehalten hat, die Graf Pückler-Schedlau im Namen des oberschlesischen landwirth- schaftlichm Gesammtvereins an den Herrn Minister zur Beglückwünschung ^desselben richtete. Die Rede lautete, wie folgt:

Sehr geehrte Herren I Sie haben durch den Vor­sitzenden deS Oberfchlesischen Gesammtvereins, Herrn Grafen Erdmann von Pückler Ihre freundliche Gesinnung in einem liebenswürdigen Trinkspruch mir kundgegeben, welcher aus dem Kreise meiner landwirthschaftlichen Berufsgenossen, aus meiner engeren Heimath wir entgegcngebracht, den dank­barsten Widerhall bei mir findet.

Erwarten Sie nicht von mir, daß ich heut und hier vor Ihnen systematisch auseinandersetze, wie ich innerhalb der vorgezeichneten Pflicht des von Sr. Majestät dem Kaiser und König allergnädigst mir übertragenen Amtes die Aufgabe und die Entwickelung deS landwirthschaftlichen RestortS auffaste: fdie rechte Stelle und Gelegenheit hier­zu werden die Verhandlungen der beiden Häuser des Land­tages bieten.

Wohl aber möchte ich nicht aus Ihrer Vereinigung scheiden, ohne einigen Betrachtungen, zu welchen die gegen­wärtige Situation mich anregt, Ausdruck gegeben zu haben; so gestatte ich mir zunächst, Sie, meine Herren Vereins­genossen, im Interesse unseres landwirthschaftlichen Berufes zu ersuchen, für denselben keine unerfüllbaren Ansprüche zu erheben.

Die Staatsgewalt vermag durch die Gesetzgebung, durch organische Einrichtungen, durch sördersame belebende Verwaltung den stockenden, den gebundenen Kräften unter Hinwegräumung entgegenstehender Hindernisse freie Be­wegung zu schaffen, fie in sittlicher und wirthschaftlicher Beziehung zu stärken, ihnen zielgerechte Bahnen zu eröffnen und zu ebenen, endlich die isolirten Kräfte zusammenzu­fasten, den gegen einander strebenden den Boden und das Ziel gemeinsamen Wirkens zu suchen und zu bieten, aber

nimmer vermag die Staatsgewalt an Stelle der Natur der Dinge welche und jwetl diese auf göttlichem Gesetze beruht, Anderes, Willkürliches zu setzen: nimmer soll sie die aus dem Zusammenhänge aller menschlichen Thätigkeit naturgesetzgemäß und geschichtlich hervorgewachsene Gesammt- ordnung zu Gunsten eines Berufes oder Gewerbes zu stören oder umzukehren versuchen. Dergleichen Ansprüche ! tragen die Gefahr in sich, daß sie bei ihrer Ausstchtslostg leit schließlich entmuthigen, zum Pessimismus führen, und solchergestalt an sich treffliche Kräfte von der Mühe wür­digen, erfolgreichen Bestrebungen ablenken.

Mir gilt die Landwirthschaft, nicht etwa unter dem Einflufse meiner persönlichen Neigungen, welche derselben im vollsten Maße gehören, sondern objectiv betrachtet, als das wichtigste und bedeutungsvollste Gewerbe unseres Staa­tes, und hierfür den Beweis zu erbringen, würde nicht schwer fallen. Gleichwohl und gerade deshalb finde ich ihr Heil nicht in der Jsolirung von der Gesammtwirth schäft des Staates, von der Gesammtgewerbthätigkeit des Volkes, nicht in ihrer Charakterisirung als so zu sagen politischer Institution.

Weit entfernt davon, an idyllische Harmouie der Jn- tercsten zu glauben das Leben hat mir das Ringen um das Dasein gezeigt, hat mich gelehrt, wie die mensch­lichen Triebe der Selbsterhaltung und der Erweiterung des eigenen Machtkreises den Einen gegen den Andern ins Feld führen kann ich mich noch weniger davon über­zeugen, daß zwischen den Interessen der Landwirthschaft und denen der übrigen wirthschaftlichen Thäligkeiten in Wahrheit unlösbare Gegensätze bestehen. Freilich Gegen­sätze: aber solche, wie sie mit derselben und vielleicht noch größeren Schärfe, auch innerhalb jeder Berufsart und Ge­nossenschaft zu Tage treten. Vergegenwärtigen Sie sich beispielsweise gegnerische Lager, gebildet von Arbeitgebern und Arbeitnehmern, von Anhängern deS Staats- und des Privateisenbahnbaues, der Freiheit der Zettelbanken und der Beschränkung der Notenemmisston, ja selbst von den verschiedenen Provinzen und Gegenden mit ihren wider einander streitenden Sonder-Interessen und Sie finden überall, daß mitten durch die Berufs- die Gewerbsgenossen­schaften hindurch die Scheidung geht, daß Landwirthschaft, Handel, Industrie und Handwerk ihr Co tingent an jede Seite abgeben.

Wohl berechtigt ist hier wie dott, innerhalb der gesetz­lich zulässigen Schranken, daö Ringen der Interessen mit einander, unrichtig die Annahme, daß nicht überall ein drittes Höheres vorhanden sei, als Fundament deS Aus­gleichs, unberechtigt das Verlangen, daß der Staat dem von Selbstsucht eingegebenen menschlichen Trieb nach Herr­schaft in seinen Institutionen Genüge verschaffe. Sollte nicht vielmehr die Mission des Staates es sein, gegen

jenen Naturtrieb deS ebenfalls in der menschlichen Natur liegende edle Gefühl des GemeinstnnS zu wecken, zur Gel­tung zu bringen und alle guten Kräfte zu roncentrischem Zusammenwirken zu vereinigen? Sollte nicht endlich die Mission des Staates es sein, über den streitenden Theilen stehend und für Alle gleich besorgt, mit starker Hand den Friede» zu stillen und zu wahren unter der Devise un­seres Königlichen Preußens: subuiq cuique: Jedem das Seine? I

Wenn ich also in der Meiuung, daß Preußen kein bloßer Handels- und Industriestaat sein darf, aber auch kein bloßer Ackerbaustaat sein kann, im Jntereffe unseres gemeinsamen Berufes Sie mahne, nicht in ein System un­erfüllbarer Forderungen sich hineinzuleben, so ersuche ich Sie andererseits selbstverständlich ohne jede Rücksicht auf meine Person die Fähigkeit und Bereitschaft meine- RestortS, auf das Wärmste und Kräftigste die Landwirth­schaft zu vertreten, nicht zu unterschätzen.

Ganz abgesehen von dem im Lande nicht einmal ge­nügend bekannten Umfange von dessen VewaltungSgebiete, von seiner weit umfassenden MeliorationSthätigkeit, woraus heute einzugehen zu weit führen würde, lenke ich Ihre Aufmerksamkeit nach der legislatorischen Seite hin.

Ist, wie ich betonte, das Wohl und Wehe der Land­wirthschaft untrennbar verbunden mit der gesammtrn wirthschaftlichen Ordnung der Dinge, ist folgeweise daS landwirthschaftliche Ministerium schon als solches verpflich­tet, aber auch durch die Verfastung befugt, an der mit jener Ordnung unmittelbar und mittelbar zusammenhängen­den Landesgesetzgebung vollen und kräftigen Avthejl zu nehmen, so will es mir scheinen, als ob die landläufige Unterschätzung des gedachtm Ressorts unberechtigt sei, und ich meine ferner, daß gerade sie der Geltendmachung der legitimen LandwirthschaftS-Znteresten nicht unerheblich ge­schadet hat. 1

Vor Allem muß das landwirthschaftliche Restort darauf rechnen können, daß sämmtliche denkende Landwirthe der Monarchie, so zu sagen, seine freiwilligen Mitarbeiter sind. Und gerade hierfür bietet sich in der, wie auf keinem an­deren ThätigkeitSgebiete durchgeführten Organisation der landwirthschaftlichen Vereine ein trefflicher Anhalt.

Waren in früherer Zeit unsere Vereine hauptsächlich darauf hingewiesen, in technischer Beziehung anregend und belehrend zu wirken, so ist meines Ermessens heute ihre Bestimmung eine weitere und höhere geworden. Jener, immer noch wichtigen Thätigkeit reiht sich an die Erfüllung der Aufgabe der Anregung und Förderung korporativer und genossenschaftlicher Organisationen, der Association zur Erreichung derjenigen wirthschaftlichen Zwecke, für welche die Einzelkraft nicht ausreicht, oder an und für sich nicht qualificirt ist.

......--

Der Kampf um eine Millian.

Roman von Ewald August König.

(Fortsetzung.)

Trotz deS Protestes, den Ihre Eltern dagegen erheben «erden? fragte Sir Arthur.

Ja, selbst die Gefahr eines ZerwürfnisteS mit ihnen würde mich nicht abhalten, Sir. Aber denken wir nicht gleich das Schlimmste, mein Vater hat mir ja die Wahl meiner LebenSgefähttin überlasten

Aber er verlangt den überzeugenden Beweis, daß Ihre Braut tugendhaft ist.

Ich «erbe sie ihm vorstellen, er muß ja in ihren Augen die Reinheit ihrer Seele finden.

Das sind Hoffnungen, die gar zu leicht trügen können, Ihre Frau Mutter wird schwerlich mit Ihrer Wahl ein- verstanden sein.

Gerhard schüttüte den Kopf.

Meine Mutter scheint durch die Entlarvung deS Herrn Wilkens auf einen andern Weg geführt worden zu sein, erwiderte er, sie hat heute Morgen in sehr verständiger und wahrhaft überraschend liebenswürdiger Weise mit mir gesprochen und mir erklärt, daß sie meine Wahl billigen «erde, wenn sie die Ueberzeugung erlange, daß diese Wahl das Glück meines Lebens begründe.

DaS ift allerdings überraschend! sagte Sir Arthur er­staunt.

Und ich darf mich glücklich preisen, daß ich solche Eltern besitze, denen daö Glück ihrer Kinder mehr am Herzen liegt, als Rang, Ansehen und Vermögen.

Der Barontt nickte zustimmend.

- Sie sind gestern Abend noch sehr spät auSgegangen, fuhr Gerhard nach einer Pause fort, ich sah Sie und wollte Ihnen folgen, aber Sie schienen sehr eilig zu sein.

Wo war das? fragte der Baronet ruhig.

Auf dem Rathhausmarkt hinter der Börje verschwanden Sie, ich konnte Sie nicht wiederfinden.

Ja, ich war eilig, ich mußte wichtige Briefe zur Post bringen, deren Besorgung ich dem Lohndiener nicht ander trauen wollte. UebrigenS war ich eine halbe Stunde später wieder im Gasthofe, ich habe bis in die späte Nacht ge­schrieben.'

Der Baronet verabschiedete sich nach diesen Motten von dem jungen Manne, der zum Gefängniß eilte, um Anna zu besuchen, und ihr das Resultat der Haussuchung mitzutheilen.

Er erhielt zu diesem Besuche keine Erlaubniß, unver­richteter Sache mußte er das Gefängniß wieder ver- lasten.

Den Rest des Tage- verbrachte er einsam in seinem Zimmer. Schwankend zwischen Furcht und Hoff­nung, gefoltert von seinen Besorgnissen, schritt er hier rastlos auf und nieder, um über die Zukunft nach- zudenkeu.

Es war vorauszusehen, daß das günstigste Urtheil aus der Ehre Anna's einen Makel zurücklieb, und die Befürchtung lag nahe, daß dieser Makel die Kluft zwischen ihm und seinen Eltern bilden würde.

Aber wie es auch kommen mochte, fest und standhaft wollte er seinen Weg verfolgen, den Weg, auf den der Sonnenschein der Liebe sein entzückendes Licht warf.

Was kümmerten ihn die Steine, die er auf dem Wege sand, was die Dornen, durch die er sich eine Bahn brechen mußte.

Drüben lag das Ziel seiner mühsamen Wanderung und dieses herrliche, beglückende Ziel entschädigte ihn reich für seine Sorgen, seine Kämpfe und Beschwerden.

Er liebte Anna, wie er nie einen Menschen geliebt

hatte, er wußte nicht, wie dixfe Liebe entstanden war, aber er sühlte sie tief und fest in seinem Herzen wurzeln und er erfreute sich an dem Duste ihrer herrlichm Blüthen.

Wie wußte er denn, ob sie Erwidrung fand? Wie nun, wenn Anna ihm sagte, daß sie nicht für ihn fühle, daß sie das Gefühl, welches ihn beseele, nicht kenne.

Aber das konnte ja nicht möglich sein, eine so reine, innige, glühende Liebe mußte ja Erwiderung finden, er durfte mhig sein und voll Vertrauen die Entscheidung dem Herzen Anna'S überlasten.

2 2. C a p i t e I.

Die Allgewalt der Liede.

Endlich war das Schicksal Anna's entschieden. Die Untersuchung ward wegen Mangel an Beweisen vorläufig geschlosten und das junge Mädchen angewiesen, binnen drei Tagen die Stadt zu verlasten.

Gerhard hatte von dem zu nwartenden AuSgange der Angelegenheit schon vorher Nachttcht erhalten und am selben Tage erfahren, daß Anna am nächsten Morgen noch einmal vor den Polizeiherrn geführt würde, um der Verlesung deS UrtheilSspruchS beizuwohnen und dann ihrer Hast entlasten zu werden.

Am nächsten Tage stand Gerhard vor der Thür deS Stadthauses, um Anna zu erwarten. Eine Hand berührte seine Schulter Sir Delavalle stand vor ihm.

Ich komme direct aus dem Audienzsaale, sagte der Baronet. Wie ich erfuhr, hatte die unbestimmte und zwei- dmtigr Aussage des Rentner- Theodor Neumann dem jungen Mädchen sehr geschadet. Da kommt er.

Der fromme Mann erschien im Pottal deS Stadt­hauses; Anna folgte ihm auf dem Fuße.

Gerhard bot ihr den Arm.