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Hr 232.

JTiarÖUüg, Sonntag, den 4. October.

1874L

Anzeigen nimmt entgegen: bie @fl>ebition d. Blattes, sowie die Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Staffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M.; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a. M., Berlin, Leip­zig, Cöln:c.; Rudolf Moff« in Berlin, Frankfurt a- M. rc.

Oberhejsisiht Jätung.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte», sowie bie Annoncen-Bureaux von G. L. Daube & Co. in Frankfurt a. M.; Jäger'schr Buchhandlung in Frankfurt a. M ; Jnvalideudank, A. Rete- meyer in Berlin; Carl Schüß- ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiettagen. Preis für das Quartet durch die Expedition (Koch'sche Buchdrucker-i) bezogen 22) Sgr., durch bie Postämter des deutschen Reiches 25 Sgr. (excl. Bestellgebühr). Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr. Für in bet Expedition zu ertheilende

Auskunft und Annahme von Adressen werden Sgr. berechnet.

SRnffolllMilliHt auf das vierte Quartal der Oberh. Zeit." werben von allen Postanstalten noch fortwährend entgegenge­nommen, um jedoch vollständige Exemplare, nament­lich der BeilageSonntagsblatt" zu erhalten, wolle man die Bestellungen schlenittgst machen.

Die Exp. d. Oberh. Zeit.

Pslitische Wocheu-Ueberficht.

Unser Kaiser hat sich am Montag in gewohnter Weise zum Herbstausenthalt nach Baden-Baden begeben, in dessen Rihe am Mittwoch der Geburtstag der Kaiserin gefeiert wurde, und wird bis Milte des Monats dort verweilen. In­zwischen beschäftigt sich in der politisch stillen Zeit und vielleicht eben wegen derselben die europäische Presse in ungewöhnlichem Eifer mit den wunderlichsten Gerüchten über bedenkliche Pläne Preußens, wie Erwerbung spanischer Eolonieen (Portorico, Sulu-Inseln), spanisch-preußische Heirathen, Einziehung Dänemarks in denDeutschen Bund", tiefen Zerfall mit Rußland rc. ES ist in der AuSheckung dieser Enten in sofern Methode, als dieselben zunächst in der französischen legitimistischen und klerikalen Presse flügge werden, bald auch in England flüchtig Aufnahme finden, um darauf in der deutschen ultramontanen Presse mit wich­tiger Miene sehr ernsthaft behandelt zu werden, und als sie sämmtlich Anzeichen sein sollen von Preußens rücksichts­losem Umsichgreifen, und von dem beginnenden Erwachen der übrigen Mächte, besonders Rußlands, von nahenden großen Bündnißwechseln und Weltkatastrophen. Sie paffen so harmonisch zu den gleichzeitig in der ultramontanen Presse austretenden Besprechungen von Wundergeschichten (im BoiS d'Haine) und Weissagungen (Bruder Hermann v.Lehnin rc.) und von nahen Triumphen der verfolgten Kirche. ES scheint überhaupt eine sich steigernde Aufregung im ultramontanen Lager zu herrschen und ein Terrorismus der äußersten Unversöhnlichen um sich zu greifen. Der deutsche Reichstag soll wahrscheinlich am 18. Oct. zusammentreten, und durch den Reichskanzler eröffnet werden. Eine wich­tige Vorlage, ein provisorisches Bankgesetz zur Regelung des Banknotenwesens, besonders zur Sicherung der Durch­führbarkeit der Reichsmünzgesetze, ist am Montag in der Vorberathung der betreffenden Bundesrathsausschüsse so weit fertig gestellt, daß seine Annahme Seitens der Bundes­regierungen nunmehr als gesichert angesehen wird.

Oesterreich hat seine großenordpolaristischeHetze" mit gewohntem Eifer durchgemacht und nicht weniger als zwei neue Nordpol-Expeditionen beschlossen, von denen die unter Payer Ostgrönland im Auge hat, dagegen die unter Wilczek vom Cap Tscheljeskin aus untersuchen soll, ob zwischen dem von Middendorff vermutheten Fcstlande und dem

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Der Kampf um eine Million.

Roman von Ewald August König.

(Fortsetzung.)

Der Fremde bog in eine Gaffe, dann wieder in eine zweüe und dritte Gasse ein, er schien absichtlich die beleb­teren Straßen zu vermeiden, auch blieb er von Zeit zu Zeit stehen, um hinter sich zu schauen, er mußte also triftige Gründe haben, eine Verfolgung zu fürchten.

Das reizte die Neugierde Gerhard'», der sehr vorsichtig zu Werke ging, um nicht entdeckt zu werden.

Endlich verschwand der Fremde spurlos in einer engen Gasse und zwar so plötzlich, daß der Steuermann sich die Möglichkeit dieses Verschwindens nicht erklären konnte.

ES standen nur zwei oder drei alte baufällige Häuser in dieser Gaffe, an der anderen Seite befand sich eine hohe Mauer ohne Thür.

Nur eine Nische bemerk e Gerhard in dieser Mauer, an der er prüfend entlang schritt, und als er nun das Ende derselben erreichte, erkannte er in dem Eckhause die Schenke Rachau's.

Das war vielleicht ein Wink der Vorsehung oder ein ihm günstiges Spiel des Zufalls, er hatte ja längst vor. gehabt, dieses HauS zu besuchen und die von Martin er» halleuen Briefe zu benutzen.

Die Warnungen Sir Arthur'S waren vergeffen, Furcht kannte er nicht, er trat in die Schenke und forderte ein GlaS Grog.

Philipp Rachau beobachtete verstohlen den ihm unbe­kannten Gast, der so scharf die übrigen Gäste musterte, und er wußte sofort, was er von ihm zu erwarten hatte.

Gerhard beobachtete ebenfalls, aber das Resultat seiner Beobachtungen befriedigte ihn nicht.

ES waren nur wenige Gäste anwesend und er fand

Franz-JosephSlaude ein Zusammenhang bestehe. An Be- geistemng für daS kalte Geschäft fehlt es in dem leicht lebigen Wien so wenig wie in den Provinzialstädten, die sich in Ehrenbezeigungen gegen die Löwen des TageS über­bieten. lieber dem Jubel ob des neuen Glanzes, der über Oesterreichs Seegröße gekommen, ward die Rede, die Stre- mayr in der Wählerversammlung zu Leibnitz gehalten, fast überhört: er erklärte, die Regierung sei des entschiedenen Willens, ruhig und fest, jedoch ohne gegen eine Partei provocirend aufzutreten, die konfessionellen Gesetze trotz mannigfacher Hemmnisse durchzuführen. Zn den Landes­vertretungen wird so rüstig gearbeitet, daß mehrere derselben schon vor der gesetzlichen Frist ihre Tagesordnung erschöpft hatten. Im böhmischen Landtage haben die Jungczechen am 24. September einen Erfolg im Sintic ihres Programms ge­habt: die Fünfmillionen-Anleihe der Stadt Prag und die Errichtung einer städtischen Sparkasse in Prag wurde für dringend erklärt. Ein kaiserliches Handschreiben vom 29. September an den Minister des Innern beruft den Reichs rath auf den 20. Oct. ein.

Der in Bern versammelte internationale Postcongreß hat heute vor acht Tagen die erste Beralhung des aUgr meinen Postvertrags beendet und dann einstimmig Paris zum Congreßort für 1875 bezeichnet. Bedeutende Vor schlüge sind glücklich zu Stande gebracht, es handelt sich nun um die Zustimmung der Regierungen, die hinsichtlich der meisten der letzteren nicht bezweifelt wird. Der Vertreter Frankreichs machte jedoch die schwierige Budgetlage Frank­reichs geltend.

Die Auflösung der italienischen Deputirtenkammer ist nun beschlossene Sache; der König hat bereits am 20 Sept, in Turin das bezügliche Decret unterzeichnet und Minghetti wird es, sobald er nach Rom kommt, veröffent­lichen. Der Deputirte Longhi hat sich bereit finden laffen, das Amt des Unterrichts-Ministers zu übernehmen. Der Papst hat das Central Comitv des PiuS-VereinS, das am 20. Sept., an welchem Tage vor vier Jahren die Stadt Rom von der italienischen Regierung in Besitz genommen ward, erschiene» war, um jein Beileid zu bezeigen, zu Er­gebung und Geduld vermahnt.

Der Wahlkampf, welcher am verwichenen Sonntag in dem weiland so antirepublicanischen Anjou (Maine-et-Loire) ausgefochten und mit einem glänzenden Siege des republi- canischen Banners über die Koalition der Regierung mit den Bonapartisten zu Ende geführt wurde, ist eine harte Schlappe für den Marschall Mac Mahon und sein Ca binet, wie eine Warnung vor weiterem Vorgehen auf der gefährlichen Bahn, in die Broglie des Septennium von Anfang an eingehoben hat. Man hat sich nicht bloß mit den Bonapartisten gemein gemacht, man hat sich auch aller ihrer unsauberen Hülfsmittel bedient, um den Candivaten

des Septennium» durchzusetzen, und man ist kläglich unter­legen. Die Wirkung dieses Mißerfolges wird sich auch bei den nächsten Ersatzwahlen, deren noch zehn bevorstehen, wie bei dem Wahlkampfe in den Generalrathswahlen, der zum 4. October bevorsteht, geltend machen. Das zweite Ereigniß der Woche war der Empfang, der Thiers auf seiner Reife nach Italien, wo er am 29. September in Turin ankam, überall, besonders aber in Grenoble und auf dem Schlosse Casimir Perier'S, zu Theil wurde. Von Vizille schickte er die geflügelten Worte durch Frankreich: Die Monarchie erwies sich als unmöglich, also organistren wir die Republik! Wenn diese Reise zunächst auch nur der Erholung gewidmet ist, so fällt sic doch merkwürdig genug mit der Abberufung des Orsnoque zusammen, die in den nächsten Tagen eine vollbrachte Thatsache sein wird, weil Italien sich diesen Schmutzfleck auf dem Schilde seiner Nationalunabhängigkeit nicht länger gefallen lassen will und kann.

Während General Las er na am 18. September bis Los Arcoö in Navarra mit 15,000 Mann und 30 Ge­schützen vordrang, um durch diese Scheinbewegung auf Estella die Aufmerksamkeit der Carlisten abzulenken, ist dem General MarioneS gelungen, Pampelona zu entsetzen. Bei Carrascal mußte er sich übrigens vor den Carlisten zurückziehen und nach Tasalla marschiren. In Santander hat man am 24. September den Jahrestag der Revolution mit großen Festlichkeiten begangen.

Als Disraeli in der letzten Session des englischen Parlaments eine gegen die Ritualistcn gerichtete Bill ein­brachte, war es Gladstone, der sich entschieden dagegen auflehnte. Freilich zog er schließlich die Batterie geharnischter Gegenvorschläge wieder zurück, verhieß aber in anderer Form dem Publikum vorzutragen, wie er über die Ritualien denke. Dieses hat er denn jetzt in einer Schrift gethan, welche im Octoberheft der Contemporary Review abgedruckt steht, aber auch schon von der gesammmten Tagespresse besprochen, beleuchtet und verurtheilt wird. Am 7. October soll in Glasgow ein großes Meeting stattfinden und von demselben eine energische Verwahrung gegen den Ultramon- tanismus eingelegt werden. Diöraeli hat seine Reise nach Irland aufgegeben, nicht aus politischen Gründen, sondern weil er an einer Kehlkopfentzündung erkrankt ist und außer­dem an der Gicht leidet.

DaS niederländische Budget für 1875 ist in der Ausgabe auf 110, in der Einnahme auf 103 Millionen Gulden veranschlagt. Das Deficit von 7 Millionen soll nicht durch Erhöhung der Steuern, sondern aus den lieber« schüffen der indischen Finanzverwaltung gedeckt werden. An Mitteln für alle Bedürfnisse, selbst für den andauern­den Atschinkrieg, ist keine Noth. Die erste Kammer hat in ihrer Antwort auf die Thronrede die Erwartung ausge-

unter ihnen nicht einen, der ihm ein besonderes Interesse hätte einflößen können.

Er hatte gehofft, hier eine große Versammlung zu fin­den, er war daraus vorbereitet, daß man ihm feindselig entgegentreten, ja, ihn hinausweisen werde, aber davon ge­schah nichts, die Vagabunden beachteten ihn nicht und der Wirth würdigte ihn keines Wortes.

Dann und wann kam ein neuer Gast, aber sie alle hatten nicht das Aussehen verwegener Verbrecher, eS war keiner unter ihnen, dem Gerhard die Beraubung des Ju­weliers, die von so großer Schlauheit und Verwegenheit zeugte, zugetraut hätte.

Plötzlich snhr der junge Mann überrascht von seinem Sitze empor; ein Mann war rasch an ihm vorbeigeschritten, und Gerhard glaubte mit Sicherheit, in ihm den Diener seines Vaters erkannt zu haben.

Aber ehe er sich darüber Gewißheit verschaffen konnte, war dieser Mann hinter der Thür deS Nebenzimmers verschwunden. ,

Gerhard trat hastig auf die Thür zu, er chatte sie noch nicht erreicht, als Philipp Rachau ihm gegenüber» stand.

Wohin? fragte der Wirth.

In jenes Zimmer l

Ist eS Euch hier zu enge?

DaS nicht, aber

So bleibt ruhig hier, in jenem Zimmer sitzen meine Stammgäste.

Gerhard trat zurück, der drohende Blick Rachau's ruhte durchdringend auf ihm.

Also man darf nicht eintreten? fragte er.

Nein! erwiderte der Wirth scharf.

Daö ist sonderbar, in einer solchen Kneipe ein beson-

i dereS Zimmer für Stammgäste zu finden, welches kein anderer Gast betreten darf.

Kümmert es Euch? fiel Rachau ihm aufwallend in'S Wort. Wenn es Euch hier nicht gefällt, so geht, ich halte Euch nicht.

Gerhard sah ein, daß er auf diesem Wege seinen Zweck nicht erreichte, schon blickten die Gäste auf, sie trafen be­reits Anstalten, sich auf die Seite deS Wirths zu stellen.

Nun, wenn es nicht anders ist, meinetwegen, sagte er achselzuckend. Ich glaubte nur, in jenem Zimmer kämen diejenigen zusammen, welche an Euch empfohlen sind.

An mich empfohlen? wiederholte Rachau gedehnt. Wer hat Euch empfohlen?

Das weiß ich nicht.

Na, dann sind's Flausen. Mann, seht Euch vor, ich laffe nicht mit mir spaffen.

Gerhard zog die Briefe, die Martin ihm gegeben hatte, au» der Tasche und Überreichte sie dem Wirth.

Da seht selbst, sagte er ruhig, wie sollte ich dazu kommen, dieses HauS zu besuchen, wenn ich nicht besondere Gründe dafür hätte?

Na ja, und wer weiß, welche Gründe es find, spottete Rachau, während er die Briefe entfaltete. Bah habt Ihr die Briefe selbst geschrieben?

Ihr werdet den Schreiber bester kennen, als ich!

Ich kenne ihn nicht.

Dann muß man sich mit mir einen schlechten Scherz erlaubt haben, aber ich kann auch dies nicht glauben, weil ich Niemanden kenne, der dazu irgend eine Ursache hätte. Glaubt Ihr ober Gründe zu haben, den Schreiber zu verleugnen, so nennt sie mir, Offenheit ist in allen Stücken anzuernpsehlen.

Philipp Rachau zuckte geringschätzend die Achseln und zerriß die Briese, ehe Gerhard ihn daran hindern konnte.