187a
Marburg, Freitag, den 18. September.
Ur. 218
(ObcrljclTifdjc Jrttung.
eigen nimmt entgegen: hit Expedition b. Blatte», [owie die Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. m Saffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M.; k^asenstein & Bögler in Lankfurta.M.,Berlin^L«ch. St Cölnrc.; Rudolf Moff« in Berlin, Frankfurt a. M. rc.
Spicke,nl lüalich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition> («och'fche Buchdruckerei) b«,ogen 2216tr., durch dir Postämter deS " deutschen Reiches 25 ®ar. (excl. Bestellgebühr). — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zecke 1 Egr. — Für m der Expedition zu ertheilende
Auskunft und Annahme von Adressen werden 2j Sgr. berechnet.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattei, sowie die Annoncen-Bureaux von ®. L. Daube & Co. in Frankfurt a. M.; Jägerische Buchhandlung in Frankfurt a.,, M; Invalid endank, A. Rete- meyer in Berlin; Carl Echüß- ker in Hannover; C. Schlotte in Bremen.
Deutsche- Reich.
im;-
nerlei Thätigkeit in Bezug auf die Reichs- Gesetzgebung herangezogen worden ist.
Berli«, 16. Sept. Den bereits aus- züglich telegraphisch gemeldete Artikel der „Prov.-Corresp." über „Ultramontane Selbsttäuschungen" laffffl wir hier vollständig folgen. Die ultramontane Zeitung „Germania" brachte in diesen Tagen einen Artikel, welcher augenscheinlich dazu bestimmt ist, durch die Vorspiegelung einer eingetretenen Ermattung der Regierung in dem Kampfe gegen die geistlichen Uebergriffe den Muth und die Ausdauer der ultramontanen Partei neu zu beeben. Das Blatt knüpft an eine vor jährige Aeußerung der „Prvvinzial-Corre- spvndenz" an, welche nach dem Hinweis auf die Gesetzesübertretungen der Bischöfe sagte: „ES ist im höchsten Landesinteresie nicht zu dulden, daß die Obern einer Kirchengemeinschaft fich gegen die Herrschaft deS Gesetzes auflehncn und nicht blos die Gewissen ihrer Glaubensgenossen beunruhigen, sondern auch alle bürgerlichen Verhältnisse in Verwirrung bringen. Mißachlung deS Gesetzes fordert die Sühne des Gesetzes heraus. In den neuen Gesetzen sind aber nicht blos Strafen gegen einzelne Vergehen angedroht, sondern auch die Fälle vorgesehen, wo in durchgreifender Weise gegen Kirchendiener vorgegangen werden muß, deren Verbleiben im Amte mit der öffentlichen Ordnung unverträglich erscheint." Das ultramontane Blatt versichert nun: „Für uns Katholiken sind solche Artikel auS früheren Zeiten des Konflikts immer eine große Freude. Sie beweisen uns, wie matt die Ausführung der Maigesetzc gewor^n ist gegenüber der ursprünglichen Hitze. Die „Provinzial Correspondenz" habe besonders noch betont, daß „die neuen Kir chengesetze auch für die Regierung bindende Kraft" hätten, daß „den Behörden die Ver
antwortlichkeit für die gewissenhafte Ausführung diesen Gesetze zufalle, daß kein „Rücksicht" die Behörden von dieser Ausführung „entbinden" könne. „Diese kräftigen Worte (fährt die „Germania" fort) waren doch gewiß nicht anders zu^verstehcn,
Ob Herr Wagner wirklich nach Barzin ab-!als daß die im Gesetze vom 12. Mai 1873 aenift ist vermögen wir augenblicklich nicht l vorgesehene staatliche „Amtsentlassung" katho ru conflatiren, dagegen kann zuversichtlich Uscher Priester ein Hauptmittel ,n dem gro- angenowmen werden, daß derselbe zu kei-> ßen „Kulturkämpfe" sein solle, unddre„Ger-
•» Berlin, 16. Sept. Schon früher hatten wir Gelegenheit genommen, darauf hinzuweisen, daß die kirchlichen Aufgebote, vklche noch unmittelbar vor dem 1. Oktober nfolgen, zu einer gültigen Schließung der Ehe nach dem 1. Oktober keineswegs berechtigen. Ein Erlaß deS Konsistoriums der Provinz Posen spricht sich jetzt auch in demselben Sinne au«. In einzelnen Blättern wird über diese sogenannte rigorose AuSle gung des CivilstandSgesetze« große Verwunderung ausgedrückt. Dieselbe ist jedoch ganz unberechtigt, hat doch bereits der Justizmi- nister im Abgeordnetenhause auf dies tem- pus clausum vom 1. bis 15. Oktober d. I. aufmerksam gemacht. In Fällen, wo die Berheirathung auch noch während dieser Zeit au« hinreichenden Gründen nothwendig wird, muß eben durch Dispens Abhülfe ge- schaffen werden. — DaS Gesetz wegen Ausprägung von Reichsgoldmünzen vom 4. Dezember 1871 und das Reichsmünzgesetz vom 9. Juli 1873 sollen auch in Elsaß Lothringen ringesührt werden, «n den Bundesrath ist bereits eine hierauf bezügliche Vorlage ge= langt. — Der „Reut Socialdemokrat" erläßt in seiner heutigen Nummer einen fulminanten Aufruf an seine Parteigenoffen unter Hinweis auf die dem nächsten Reichstage vorzulegenden Gesetzentwürfe, betreffend den Conttactdruch und daS Vereinswesen im Reiche. Diese übermäßige Krastanstrengung deS socialdemokratischen Organs — wobei dir Vergleiche der heutigen deutschen Arbeiter mit chinesischen Ä»4i6 und willenlosen Maschinen natürlich nicht fehlen dürfen — entpuppt sich aber schließlich als eine drastische Aufforderung zum neuen Abonnement au das Blatt und die übrigen socialdemokratischen Machwerke. — Einige Blätter melden, daß der Wirkt. Geh Ober - RcgierungSrath a. D. Wagner nach Varzin beschiedcn sei, um mit dem Reichskanzler zu conseriren und demselben bei einer neuen Serie von Kirchengesetzen mit seinem Rath zur Seite zu stehen.
mania" hat in Folge dessen damals die Meinung ausgesprochen, daß man sich „mit der Zeit auf einen vom neuen kirchlichen Gerichtshöfe vorgenommenen Generalschub bisher fest angestellter und durch lange Zeit segensreich wirkender Priester gefaßt machen" müffe. Aber wie verhält sich nun, nachdem mehr als ein Jahr seit jenem Artikel der „Prov.-Corr." verflossen ist, gegenüber den großen $8orten des Artikels die Wirklich feit? Wie so viele große Worte der „Kul- turkämpfer", sind auch diese eine leere Drohung geblieben. Seit jenen großen Worten liegen im Laufe eines Jahres nicht blos Hunderte, nein viele Tausende von „gesetzwidri gen" Handlungen katholischer Priester vor — und bis jetzt ist erst ein einziger Geistlicher abgesetzt", und die preußische Regierung bezeigt auch noch wenig Lust, dieser „Abfttzung" eine zweite und weitere folgen zu lassen. Denn die in Folge der diesjährigen Maigesetze verfügten Ausweisungen sind eben noch keine Absetzungen, sind im Gegentheil zur Anwendung gelangt, um das Odium, das diese im Gefolge gehabt hätten, abzulenken." Aus diesen Sätzen des ultramontanen Blattes, welches sich freilich auch bei dieser Gelegenheit die Thatsachcn so zurecht legt, wie es für seine augenblickliche Zwecke paßt, geht schlagend hervor, wie heuchlerisch die sonstigen täglichen Klagen der katholischen Organe über das angeblich schroffe und ge- waltthätige Vorgehen der Regierung sind. Entweder hat die „Germania" und mit ihr die Igefammte ultramontane Presse die Unwahrheit gesagt, indem sie Tag für Tag ihre Spalten mit dem Jammer über die steigende „Verfolgung der Kirche" erfüllen, oder sie sagen jetzt die Unwahrheit, indem sie versichern, daß die Regierung bet „leeren Drohungen geblieben sei. Die Wahrheit ist, und die „Germania" weiß da« sehr wohl, tvß die Regierung in der Ausführung der Gesetze mit der ganzen Entschiedenheit vorgeht, welche die Verantwortlichkeit für die gewichtigen Jntereffen, die sie zu wahren hat, ihr auferlegt, und daß sie sich von der Erfüllung dieser Pflicht nach ihrem ganzen Umfange in der That durch keine Rücksichten abhalten läßt, — daß sie aber trotzdem auch jetzt, wo immer es mit jener Pflicht und
Verantwortlichkeit vereinbar ist, schonende Rücksichten für die katholischen Gemeinden und deren Interessen walten läßt. Noch heute hat die Regiemng durch die „vielen Tausende von gesetzwidrigen Handlungen katholischer Priester" sich nicht dahin bringen taffen, die Rücksicht auf die katholische Bevölkerung selbst bei Seite zu setzen; — noch heute ist eS die Regierung, welche inmitten des Kampfes thatsichlich mehr gewiffenhafte Sorge für ihre katholischen Untexthanen bewährt, als die Bischöfe und Geistlichen, deren herausforderndes Verhalten geradezu auf die Zerrütterung der kirchlichen Einrichtungen hinwirken muß. „Wenn freilich die „Germania" ein Anzeigen der „Mattigkeit" auf Seiten der Regierung darin zu erblicken vorgiebt, daß an Stelle der Absetzungen neuerdings bloße „Ausweisungen" von Geistlichen getreten feien, so ist diese Darstellung um so überraschender, als Jedermann weiß, daß sowohl die Regierung, wie auch die Parteigenoffen der „Germania" die Ausweisungen als ein sachlich viel tiefer eingreifendes Mittel angesehen haben, als die Absetzung. Schon als es sich beim Beginn der letzten Landtagssession zunächst um die Ergänzung der Maigesetze handelte, wurde daraus hingewiesen, daß die Regierung in der Erwägung begriffen sei, „ob eS nicht gegenüber der feindlichen Haltung deS Episkopats, welche die Grundlagen jeder staatlichen Ordnung, in Frage stelle, an der Zeit fei, zur Bekämpfung dieser staatsfeindlichen Elemente die Mitwirkung der Reichsgesetzgebung in Anspruch zu nehmen, um zum Schutze der bedrohten Rechtsordnung des Staates Sicherungsmittel aufzurichten, die vollkommeneren Erfolg erhoffen lassen, als eine im Wege der Landesgesetzgebung herbeizuführende Straf Verschärfung." Und al» das Reichsgesetz vorgelegt wurde, ging die Begründung ausdrücklich dahin, daß gerade, „um die grundsätzliche Opposition in ihrem innersten Wesen zu treffen, es angemessen erscheine, daß demjenigen, der in absichtlicher und in hartnäckiger Weise den Gesetzen deS Staates den schuldigen Gehorsam versagt und fich somit als einen Verächter des Gesetzes bekennt, auch der Schutz der Gesetze endogen und er aus der Staatsgenoffenschaft, deren
D« Kampf xm eine Milli« x.
Roman von Ewald August König.
(Fortsetzung.)
Max ist ein Feigling, «ars Gerhard ein.
Reist, et ist ein Ehrenmann, fuhr der Banquier fort; ich halte ihn für muthig genug, den schwersten Kampf mit dem Schicksal aufzunehmen ober erfordert es vielleicht tonen Muth, seinen schönsten Wünschen und Hoffnungen zu entsagen? Er wäre mir als Schwiegersohn tausendmal lieber, wie dieser Willens, gegen den ich eine unüberwindliche Abneig ng hege. Sei vernünftig, Lorchen, laß Dich durch den äußeren Schein nicht blenden, wir wollen un« den Frieden bewahren und die heiligste Pflicht, für die Zukunft unsere« Kindes zu sorgen, treu und gewissenhaft erfüllen.
Darin stimme ich ganz mit Dir überein, Eduard, erwiderte die Mutter, auf welche die ernste, eindringliche Sprache des Gatten einen tiefen Eindruck gemacht hatte, aber ich kann nicht glauben, daß Herr Wilkens darauf auSgehen soll, mich zu täuschen. So lange ich dafür keine Beweise habe, werde ich ihm meine Gunst nicht entziehen. _
Gerhard verließ daS Gemach, daS Gespräch warb ihm unerquicklich, hn Augenblick der Entscheibung wollte er fest auf ber Seite beS Baronets stehen.
Er trat in baS anstoßenbe Zimmer, um sich durch dasselbe zu entfernen.
Diese« Zimmer stand mit dem Speise»
salon durch eine Portiere in Verbindung; als Gerhard die Portiere zurückschlug, fiel sein Blick auf Franz, der gleich einer Statue hinter dem Damastvorhang stand.
Im Nu hielt die Faust deS Seemanns den Arm deS Horchers wie in einem Schraubstock.
Was giebt'S hier? fragte er scharf. Ihr spionirt, Freund —
Gewiß nicht, fiel Franz ihm erschreckt in'S Wort, ich habe nicht daran gedacht.
He — wollt Ihr lügen?
Bewahre mich Gott davor, Herr, ich wollte in den Speisesalon eintreten, aber die laute Stimme Ihres Herrn Vater« —
Schuft, Ihr sucht vergeben« eine Entschuldigung, Ihr habt gehorcht!
Der Blitz soll mich erschlagen, wenn ich einen einzigen Satz vernommen habe.
Der zomsunkelnde Blick Gerhard'« ruhte drohend auf dem Gesicht de« Diener«.
Ich rache Euch, gesteht, sagte er, thut Ihr es nicht, so führe ich Euch hinein und dann könnt Ihr sofort Eure Siebenfachen , zusammenpacken und einen anderen Dienst ' suchen. Habt Ihr gehorcht?
Der Schein ist gegen mich.
Na, mit dieser Antwort will ich mich begnügen. Wer hat Euch beauftragt, zu spioniren?
Niemand, Herr!
Soll ich Euch hineinsühren?
Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort —
Hat ein Spion ein Ehrenwort? Ich
will Euch auf die Sprünge helfen, Franz, war e« nicht Herr Wilkens, der Euch beauftragte, zu lauschen — wie?
Franz schwieg und Gerhard muhte in diesem Schweigen eine bejahende Antwort finden.
Ich weiß genug, sagte et, hütet Euch, daß ich nicht noch einmal Euch ertappe, Freund, Ihr würdet nicht so gnädig davon- kommen.
Mit diesen Worten gab er dem Diener einen Stoß, der ihn ziemlich unsanft vor die Thür beförderte, dann schritt er mit einem Blick der Verachtung an ihm vorbei.
14. C a p i t e 1.
Das Ende einer dunkle» Laufbahn.
In einem Bierkeller an der Schmiedestraße saßen an demselben Abend, an welchem Herr Eduard Schindler mit seiner Gattin über die Zukunft seiner Tochter berieth, zwei anständig gekleidete Herren.
Sie waren kurz nach acht llhr eingetreten und hatten einen Tisch gewählt, an welchem sie von allen übrigen Gästen entfernt, unge stört mit einander plaudern konnten.
Die Physiognomien paßten nicht recht zu der Kleidung, aber man konnte sie für Handwerker halten, welche ein blühendes Geschäft besaßen und in der angenehmen Lage waren, nach dem Feierabend die Freuden des Lebens zu genießen.
Diese beiden Herren waren Klau« und Detlef, sie schienen triftige Gründe zu haben,
fich von den anderen Gästen zu ifoliren, deren übrigen« nicht viele sich in dem Keller befanden.
Die Schenke führte den Namen: „Cafe chantant“, und wer sich durch denselben verleiten ließ, einzutreten, der sah fich in seinen Erwartungen gewaltig getäuscht.
Er fand Leute au« den unteren Ständen jeden Alters und Geschlechts gruppenweise hinter dampfenden Punsch und Grog-Bowlen oder einer Batterie von Bierflaschen und Gläsern.
Er hörte eine Mufik, deren Disharmonien ihn rasend machen konnten und wehe seinem Trommelfell, wenn er blieb, bis ein Sänger ober Sängerin die Tribüne bestieg und mit bewundernswerther Ausdauer sein musikalisches Gehör mißhandelte.
Und die Gäste leisteten ebenfalls ihr Mögliches, ihn zur Verzweiflung zu bringen, sie schrieen, lärmten und tobten, ohne auf die Leistungen der „Künstler" und „Künstlerinnen" zu achten, deren Anwesenheit fie sich nur bann entsannen, wenn ihnen ba» Nolenhest als stummer Mahner an den schuldigen Tribut unter die Nase gehalten wurde.
In diesem Lärm und Wirrwarr schienen die beiden Vertrauten des „Herrn" sich außerordentlich wohl zu fühlen.
Sie hatten eine Grogbowle vor sich auf dem Tisch und sprachen ihrem Inhalt wacker zu, während fie daS Treiben der Gäste beobachteten.