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Marburg, Dienstag, den 8. September.

1874

Ärfieint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 224 Sgr., durch die Postämter des deutschen Reiches 25 Sgr. (excl. Bestellgebühr). Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr. Für in der Expedition zu ertheilende

Auskunft und Annahme von Adreffen werden Sgr. berechnet.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie die Annoncen-Bureaux von ®. L. Daube & Co. in Frankfurt a. M.; Jäger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M; Jnvalidendank, A- Rete- meyer in Berlin; Carl Schüß- ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.

Anzeigen nimmt entgegen: u, Expedition d. Blatte», t'mie die Annoncen-Bureaux een Th. Dietrich & Co. m eafiel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a- M-; Kaafenstein & Vogler in Itantfurt a. 3)1., Berlin, Leip-

Cöln rc.; Rudolf Moff, in Berlin, Frankfurt a- M. rc.

Deutsches Keich.

Berlin, 6. Sept. Die im preußischen Abgeordnelenhause eingehend erörterte Frage, ob Abiturienten einer Realschule I. Ordnung zu dem Studium der Mcdicin aus der Unv versität zuzulassen sind, hat jetzt im Graß- herzogthum Weimar Seitens des großherzog stchen Staatsministeciums eine abschlägliche Entscheidung erfahren. Die Entscheidung ist damit motivirt, daß die preußischen Real schulen I. Ordnung bisher für ihre Abiturien­ten die Berechtigung zum Studium der Mcdicin noch nicht besäßen, das Realgym nasium in Eisenach aber, für dessen Abi turienten die Berechtigung nach gesucht war, nach dem Plane der preußischen Realschulen L Ordnung organisirt sei. Die Ablehnung ist aber lediglich aus formellen Gründen erfolgt, während sachliche Gründe für die Ertheilung der Berechtigung sprachen. Die Mitglieder der jenenser medicinischen Facultät haben sich nämlich in einem Gutachten ein­stimmig dahin ausgesprochen, daß die durch Realgymnasien (Realschulen L Ordnung) vorbereiteten Studirenden der Mcdicin sich hinsichtlich der allgemeinen Bildung den durch die Gymnasien vorbereiteten Sludiren- den der Mcdicin vollständig gleich erwiesen hätte« und daher wie diese zum Staats examen zuzulassen seien. Dies Gutachten ist von Bedeutung, weil eS auf eigenen Er sahrungen basirt. In Jena berechtigt näm lich schon seil etwa 20 Jahren das Zeugniß der Reife des Eisenacher Realgymnasiums zum Studium der Mathematik und der Naturwissenschaften, und nicht wenige Studircnde der Letzteren haben sich später der Medicin zugewandt und da« Staats­examen gemacht, nachdem die medicinijche Facultät auf Anfrage des Staatsministeriums die Zulaffung zum Examen befürwortet hatte. Das Gutachten der Jenaer Pro srssoren dürste indessen bei Entjchciduug der Frage in der neuen Unterrichtsordnung in die Waagschale fallen. DaS Justiz­ministerium hat soeben eine Statistik der preußischen Schwurgerichte und der von denselben erklärten Strafen und Freispre­chungen für 1872 und 1873 veröffentlicht. Sowohl die Zahl der Untersuchungssachen als der angcklagten Personen weist für 1872 und noch mehr für 1873 eine Stei­gerung gegen 1871 nach; beide Ziffern haben aber lange nicht die Höhe erreicht, welche sie 1870 und noch mehr 1869

hatten. Untersuchungsfachen wurden abge- urtheilt 1873: 4339, 1872: 4211, 1871: 3393, 1870:4788, 1869:5709; dieselben betrafen Personen: 1873: 6327, 1872: 6019, 1871: 4751, 1870: 6607, 1869: 8352. Auf die einzelnen Provinzen kommen: Preußen 1873 : 725, 1872 : 807, 1871: 619; Brandenburg 615 resp. 817 resp. 508; Pommer 236228156; Posen 414437293; Schlesien 806-665 549; Sachsen 278- 320 -269; Schleswig- Holstein 899065; Hannover 169 164179; Westfalen (einschließlich Ost- rhein und Hohenzollernschen Lande) 217 300-260; Hessen-Nassau 178132120 und Rheinprovinz 482451375.

Der Einsegnungsfeierlichkeit deS Prin­zen Friedrich Wilhelm von Preußen widmet dieTimes" einen Leitartikel, in dem eS u. A. heißt:Die Confirmation des ältesten SohncS des Kronprinzen von Preußen ist in vieler Beziehung eine sehr merkwürdige Ceremonie und es ist keineswegs ein bloßer Zufall, daß sie mit den Festen, die gestern in Berlin zur Erinnerung an Sedan ge­feiert wurden, vereinigt ist. Sie ist ein her­vorragender Eharakterzug des preußischen Königshauses wie des deutschen Volkes und der Geist, den sie entfaltet, ist innig ver­bunden mit den Eigenschaften, welche Natio­nen erheben und Throne erhalten. Ihr Geist besteht darin, daß der künftige Erbe deS Reiches feierlich einer ernsten Erfüllnug der Lebenspflichten und einer männlichen, moralischen und frommen Laufbahn gewid mel wird. Eine königliche und kaiserliche Stellung in Preußen führt weit mehr als bloße Würde mit sich. Sie involvirt fühl­bar die höchsten Pflichten und verlangt die ernsteste Selbsthingebung für die Wohlfahrt des Staates. Der gegenwärtige Kaiser hat den Platz, den er nun in deutschen Herzen inne hat, nicht durch das bloße Erbrecht, sondern durch die kräftige Erfüllung der Pflichten des großen Amtes gewonnen. Aber der junge Prinz ist besonders glücklich in seinem Baker und seiner Mutter. Der Kronprinz von Deutschland durste wohl fei neu Sohn zum Altar führen, denn er bietet ihm das beste Beispiel, das gewünscht wer­den könnte von dem, was der Erbe eines deutschen Reiches sein sollte. Unter den vielen Gründen zur Beglückwünschung, welche das Andenken an die Siege vom Jahre 1870 unter den Deutschen erwecken, muß nicht der

Drr Kampf «« tüte Million.

Roman von Ewald August König.

(Fottsetzuug.)

Der alte Herr wandte sich um, er blickte eine Weile den Fremden fragend an, als ob tt weitere Mittheilungen erwarte, dann er- griff er seinen Rock, der neben ihm auf einem Stuhle lag.

Nun, Beschäftigung können Sie hier immer finden, fügte er, es fragt sich nur, welche Ansprüche Sie machen.

Vorläufig suche ich nur «ine Wohnung.

Ja so, es ist wahr. Sie wünschen also in diesem Hause zu wohnen?

So ist es.

Darf ich fragen, ob Sie einen besonderen Grund dafür haben?

Der Fremde lachte.

Wahrhaftig, ich könnte glauben, mich in einem peinlichen Verhör zu befinden, ver­setzte er. Freilich habe ich dafür meine Gründe, deren erster schon sehr triftig ist. Ich fühle keine Lust, lange zu suchen and wünsche in einer stillen Straß« zu wohnen.

Nun, da» genügt allerdings.

Wenn e» nur eine Wohnung für einige Tage wäre, ich härte dann wenigstens Zeit, wich nach einem bleibenden Obdach um- zusehen.

Aber da könnten Sie ja in eine Herberge einkehrcn.

Ter Fremde zuckte die Achseln.

Wenn man nicht gern mit der Polizei in Berührung kommt, so muß man ihr so viel als möglich aus dem Wege gehen, sagte er mit gepreßter Stimme.

Ah in diesem Falle

Erlauben Sie, ein Verbrechen habe ich nicht begangen.

Aber gewiß find Sie ein verlorenes Schaf, welches die Heerde verlaffen hat und

Lasten wir das. Zu den Auserwählten zähle ich allerdings nicht und ich habe auch nicht die mindeste Lust, mich ihnen anzu- schließen.

Herr Theodor Neuman schüttelte wehmüthig sein blondes Haupt und ein schmerzlicher Seufzer entfuhr seinen Lippen.

Herr, Herr, fei gnädig mit ihm, flüsterte er , gehe nicht mit ihm in'S Gericht. Siehe, sein Herz ist verstockt und SatanaS hat seine Wohnung darin aufgeschlagen.

Mein Herr, ich bin nicht gekommen, um eine Predigt zu hören, fiel der Fremde ihm mit scharfer Betonung in die Rede, wollen Sie die Güte haben, mir zu fügen, ob ich hier eine Wohnung finden werde?

Der Rentner nickte bejahend.

mindeste ihre Sicherheit fein, einen Prinzen zu besitzen, dem die Nation rückhaltslos ihre Loyalität und ihr V.rtrauen erweisen kann. Der Kronprinz ist kein nomineller Führer in drei hintereinander folgenden Kriegen ge­wesen und in Charakter, in Handlungsweise und in männlichem Betragen gebietet er durch sein perfönliches Verdienst über die Huldi­gung der Nation. Die Kronprinzessin theilt völlig seine edlen Vorsätze wie seine Fähig­keit und wir mögen uns eines Tages viel­leicht mit Befriedigung denjenigen Theil der Erziehung eines großen deutschen Souveräns zurückrusen, der dem Einflüsse einer engli­schen Königin und ihres bewundernswürdi­gen Gemahls auf seine Mutter zu verdau ken war. Aber die Krone Deutschlands ist stark, weil sich in ihr die charakteristischen Tugenden des Volkes abspiegeln. Von den Zeiten des Tacitus abwärts ist die deutsche Nation für die Welt eine neue Quelle aller der wesentlichsten Eigenschaften eines männ lichen Charakters gewesen. Sie hat ihre Fehler wie andere; aber eine tiefe Ader von Ernst, gesunder Moral, Wahrhaftigkeit und Glauben liegt an der Wurzel ihres Lebens. Dies waren die Eigenschaften, die zum ersten Male unter mächtiger Führung vereinigt, die Suprematie der Nation vor vier Jah­ren gellend machte und von ihnen hängt die Hoffnung für die Zukunft ab. Die Feier­lichkeit am Dienstag ist ein Zeugniß für das deutsche Volk unv für die Welt, daß die Häupter des kaiserlichen Hanfes thun wer­den, was an ihnen liegt, um diesen Geist zu erhalten und würdige Führer einer sol­chen Nation zu fein. Es ist eine unwill­kommene Aufgabe, Contraste zu ziehen; aber es ist unmöglich, nicht zu beobachten, welch' ein verschiedenes Schauspiel in der Nation, die bei Sedan besiegt wurde, dargestellt ist. Frankreich bestrebt sich vergebens, entweder einen König, einen Kaiser oder einen Präsi­denten, in den es Vertrauen setzen kann, zu finden, und vielleicht wird es niemals dauernd erfolgreich fein, bis es die Wahrheit begreift, daß jeder Führer, den es annehmcn mag, ein Abglanz von ihm selber sein wird und daß nur in den Jrrlhümern und Thorheiten seines eigenen Volkes die Fehler oder selbst Verbrechen seiner Herrscher ihre schließliche Quelle finden. Der Versuch ist vergeblich, die Wahrheif zu verheimlichen. Wie Deutsch­land durch Loyalität, Treue und moralische Festigkeit gewann, fiel Frankreich in Folge

seines moralischen Verfalles, den zu beklagen selbst feine besten Freunde wiederholt Ge­legenheit finden. Man sicht dicö in der Desorganisation deS subordinirten amtlichen Lebens und es war eine Ansammlung indi­vidueller Pflichtverletzungen, welche die fran­zösische Armee in der Krisis deS Schicksals ihres Landes lähmte. Frankreich und alle anderen Nationen mögen in dieser Feierlich­keit den Geist erblicken, durch den allein Throne stehen und Nationen steigen können. Nur wenn König und Volk gleich sehr von hohen Entschlüssen und ernsten Vorsätzen beseelt sind, ist die Monarchie stark und das Leben einer Nation kräftig. Wir hoffen, daß^dieß besser unter uns selber verstanden wird, aber wir haben viel von Deutschland gelernt und wir brauchen uns in keinem Range des Lebens zu schämen, durch das Beispiel deS preußischen Königshauses an eine Wahrheit erinnert zu werden, die nicht zu oft eingeprägt werden kann."

Lauenburg in Pommern, 3. Septbr. Die hiesige Stadt hat dem Fürsten Bismarck das Ehrenbürgerrecht verliehen. Der Ehren­bürgerbrief, von dem Hofkalligraphen Ernst Schütze in Berlin sehr geschmackvoll in Far­ben ausgeführt, ist dem Fürsten gestern unter sinnigem Hinweis auf die Bedeutung des Tages, von dem Magistrat überreicht worden.

Meiningen, 6. Sept. Eine gestern Nachmittag h>er ausgebrochene Feuersbrunst hatte bis Mitternacht mehr als 250 Wohn­häuser vernichtet. 3000 Menschen von denen die Hälfte Arme, sind obdachlos.

Darmfiadt, 4 Sept. Soeben ist die Vorlage der Kirchengesetze erfolgt. Es han­delt sich dabei um fünf einzelne Gesetz-Ent­würfe über: 1) die rechtliche Stellung der Kirchen und Religionsgemeinschaften im Staate; 2) den Mißbrauch der geistlichen Amtsgewalt; 3) die Vorbildung und An­stellung der Geistlichen; 4) die «ligiösen Orden und orvenSähnlicben Congregationen; 5) das Besteuerungsrecht der Kirchen und Religions-Gemeinschaften. Jedem Entwurf sind besondere Motive beigegeben. Der er­stere Entwurf hat 6, der zweite 25, der dritte 14, der vierte 5, der letzte 7 Artikel. Die Entwürfe werden zunächst in dem für die Kirchengesetze besonders gewählten Aus­schüsse der zweiten Kammer berathen.

Freiburg i. B., 6. Sept. In der heutigen ersten Dcleigrtensitzung deS Altka- tholikencongresscs wurden Geheimrath Schul»

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Sie habcn also dic Mittel? fragte er. Entschuldigen Sie diese Frage, der Eigen- thümcr dieses Hauses hat mir die Ver miethung und Einziehung des Mithzinses übertragen, ihm gegenüber bin ich verant­wortlich , da können Sic mir nicht übel nehmen, wenn ich mit großer Vorsicht zu Werke gehe.

Gewiß nicht, Jeder hütet sich selbst vor Schaden.

Ganz recht und deßhalb

Verlangen Sie Beweise.

ES wäre mir angenehm, wenn Sie mich beruhigen wollten.

Der Fremde trat an den Tisch und öff nete fein Portefeuille, er holte die Banknoten heraus und zeigte sie dem Rentner, der be­friedigt nickte.

Nun, das genügt, fuhr der alte Herr fort. Sie werden die Güte Haden, dic Mieth« für einen Monat voraus zu be­zahlen.

Gewiß.

Dann könnte ich Ihnen eine Stube über lasten. Früher bewohnte ein junges Mäd­chen dieses Zimmer, eine Musiklehrerin, die vor mehreren Tagen wegen Theilnahme an einem bedeutenden Diebstähle verhaftet wurde.

Ah!

-

Ja, Jugend hat leider nicht Tugend und wer den Herrn verläßt, der läuft in die Arme Beelzebubs, die ihn immer fester um­stricken. Ich denke, es wird Sie nicht ge- niren, daß in dem Zimmer noch einige Sachen der früheren Bewohnerin liegen, viel ist es nicht.

Aber das Mädchen könnte zurückkehren.

In den ersten Tagen keincnfallS und wohl auch in Jahren nicht. Sie wird im Zucht- Hause einige Jahre Werg zupfen müssen, unsere Gerichte spaffcn nicht und eS ist gut, daß sie mit unerbittlicher Strenge gegen die Kinder des Teufels vorgehen. Ein anderes Zimmer kann ich Ihnen nicht geben.

So nehme ich dieses.

Der^ alte Herr ergriff die Lampe und einen Schlüstelband und führte den Frem­den hinaus.

Er öffnete die Thür des anstoßenden Zimmers und stellte die Lampe auf die Com- mode.

Das Gericht hat.hier bereit» gründlich Haussuchung gehalten, sagte er, eS wird Sie also nicht belästigen.

Wurde rin Beweis gefunden?

Ich glaube, ja, übrigens lagen schon ge­nügende Beweise gegen die Verhaftete vor. Sie können diese Commode und den Schrank nach Belieben benutzm.