Mr 190.
JHarßlirg, Sonnabend, den 15. August.
187a.
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«so befremdete e« ihn auch jetzt nicht, daß die Mutter ihn bei seinem Eintritt kaum eines flüchtigen Blickes würdigte; er näherte sich seiner Schwester, um mit ihr zu plaudern.
Aber Madame Schindler konnte ihren Aerger über die Schmach, die Gerhard in den Augen der öffentlichen Meinung auf ihren Namen gehäuft hatte, nicht ganz so überwinden, sie mußte ihm Lust machen und sie that eö in freilich gewählten, aber darum nicht minder harten Worten.
Gerhard blickte bestürzt auf; von ihr, die sich bei jeder Gelegenheit der Armuth so edelsinnig annahm, hätte er diese Vorwürfe am wenigsten erwattet, er sagte ihr das un verhohlen und fügte die Versicherung hinzu daß die Verhaftete ein tugendhaftes Mädchen und seines Beistandes würdig sei.
Die Mutter wollte diese Versicherungen nicht gelten laffen, sie brach schonungslos den Stab über dieses Mädchen und drang mit Entschiedenheit darauf, daß ihr Sohn sich von ihr zurückziehen möge. Gerhard wieö dieses Ansinnen zurück.
Das Dettrauen, welches der Vater mir schenkt, darf ich auch von Dir fordern, sagte Gerhard mit fester Ruhe zu seiner Mutter, er hat den Weg gebilligt, den ich ringe
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Berlin, 13. August. In allen Thcilen des Vaterlandes ist eS, schonzur festen Sitte geworden, die Erinnerung an den 2. Sep lembcr 1870 als ein Nationalfest zu feiern. Wie grade die Ereignisse jenes Tage« mit überwältigender Macht das Gemüth des Volkes trafen und zu stürmischer Begeisterung Hinriffen, so ist auch der Eindruck der. eiben unverwischt geblieben und von der berechtigten Freude über die nachfolgenden Begebenheiten nicht verdrängt worden. Wohl ist die jüngste Geschichte Deutschlands reich an Ereignissen, auf welche die gesammte Nation mit Befriedigung und Stolz zurückblicken darf und die einen vollbegründeten Anspruch haben, in dem dankbaren Grdächt- niß des Volkes fortzuleben; aber der Tag von Sedan hat zuerst seinen Ehrenplatz im deutschen Festkalender gefunden, und die Macht der Ueberlieferung läßt fortan den Streit nicht aufk mmen, ob unter den Siegen der deuffchen Waffen die eine oder die andere RuhmeSthat mit größerem Gewicht in die Wagschale der Entscheidung fiel und ob es angemeffener sei, bei der Bestimmung eines Nationalseste» an die Kriegs Ereignisse, an den Friedensschluß oder an die Wieder- gebutt des deutschen Reiche« anzuknüpsen. Da« deutsche Volk hat seit Zähren seine Wahl getroffen und hält mit standhafter Begeisterung an der cheuren Gewohnheit srst. Früher ist vielfach der Vorschlag bc fürwortet worden, dem Schwanken zwischen einer großen Zahl ruhmreicher Gedächtnis tage durch ein« Bestimmung von oben her mtgegenzutreten, und mau durfte allerdings- Bit Zuversicht erwarten, daß di« Nation ftrudig zugestimmt haben würde, wenn die Anordnnng eines NationalsesteS durch kaiserlich« Entscheidung oder durch einen Beschluß deS Reichstages erfolgt wäre. Indessen widerstrebte eS dem zarten und rücksichlS- dollen Sinn des Kaisers, durch obrigkeitlichen Einfluß den Empfindungen und dem Urtheil der Natton eine Bahn vorzuzeichnen. Obwohl der Monarch selbst mit dem Wunsche einverstanden war, dem 2. September einen Ehrenplatz unter den Gcdächtnißtagrn deut schrn Ruhmes einzuräumen, und deßhalb auch dies«» Tag für die Enthüllung des großen Siegesdenkmals bestimmt hat, so blieb ihm doch der Gedanke maßgebend, daß die Feier eines Nationalfestes au« dem zwanglosen Entschluß des Volkes hervorgehen soll. So
ist denn wirklich die Feier des SedantageS eine freie That der deutschen Nation geworden. Ja, gegen btt Gewißheit, daß der Volksgeist seine Wahl in voller Selbständigkeit getroffen Hal, kann schon deshalb kein Zweifel auskommen, weil in Süddeutschland und in den Hansestädten die ganze Bewegung zuerst einen lebhafteren Aufschwung nahm, und auch jetzt noch gerade in jenen Theilcn des Vaterlandes die festliche Stimmung aller Dolkskreife sich mit wärmster Begeisterung kund giebt. Sicher wird der ruhig erwägende Verstand und das Urtheil der Nachwelt bestätigen, daß die Wahl der Nation von richtiger Em pfindung geleitet worden ist. Niemand verkennt die Bedeutung der schweren und rühm reichen Waffenthaten, die dem 2. September 1870 vorangegangcn und nachgefolgt sind; ijeder patriotische Sinn haftet mit freudiger Dankbarkeit an den Tagen, welche durch den Wiederaufbau des Deutschen Reiches zu ewig denkwürdigen Abschnitten in der Ge schichte des Vaterlandes geworden sind; aber Nichts kann den Glanz der großartigen Begebenheiten von Sedan verdunkeln. An jenem Tage, wo die Streitmacht Frank Reichs vor den geeinigten Waffen Deutschilands zusammenbrach, wo die deutschen Heere mit Jubelruf ihren siegreichen Oberfcldherrn umdrängten, den das ahnungsvolle Herz des Volkes schon als Deutschen Kaiser be grüßte — an jenem Tage war freilich nicht idaS Ende des Krieges, wohl aber die Entscheidung des großen Kampfes gegeben und damit auch der neue segensreiche Aufschwung in den Geschicken Deutschland« besiegelt. E« war jener Tag, deffen inhallschwere Bedeutung für die vaterländische Geschichte der fromme Sinn unsere« Kaisers in die Worte gefaßt hat; „Welch' eine Wendung durch Gottes Führung!" So ist der Tag des 2. September durch die Macht der Ereigniste zu einem geschichtlich unvergeßlichen Tage und durch freie Kundgebung deS VolkS- willen« zu einem Nationalseste geworden. Für eine würdige Feier werden in allen Theiltn des Vaterlandes angemestene Vorbereitungen getroffen. Unzweifelhaft ist es Pflicht aller patriotischen Kreise, sich mit freudigem Eifer an der allgemeinen Bewegung zu betheiligen. E« liegt in solchen Nationalsesten eine belebende und erfrischende Kraft für den VvlkSgeist, der nicht blos den großen Thate« der Vergangenheit ein dank
bares Gedächtniß zu wahren, sondern auch das Bewußtsein rege zu erhalten hat, daß die deutsche Nation in Einmüthigkeit und Treue zusammenstehen muß, um den gewonnenen Boden zu behaupten und die ernsten Aufgaben der Gegenwart einer befriedigenden Lösung mtgegenzusühren. (Pr. C.)
— 13. Aug. Fürst Bismarck ist NachtS 12 Uhr 25 Min. hier eingetroffen.
— Die pharmaceutische Enquete - Corn Mission hat, wie die „Nat. Zeit." unter dem 12. berichtet, bis dahin drei Sitzungen ge halten, denen auch der Regierunzsrath Wey- mann, der Autor des der Commission vorgelegten Programmes und Decernent für Apothekerwesen im Reichskanzleramt, beiwohnte. Nachträglich sei noch gemeldet, daß die Verhandlungen durch den Director im Reichskanzleramt Geh. Rath Eck, NamenS des abwesenden Präsidenten Delbrück eröffnet wurden. Die Versammlung hatte eine aus 20 Mitgliedern bestehende Subkommission für das Prüfungsreglement gebildet und eine Geschäftsordnung festgesetzt. Eine Petition, das Elaborat der Enquete vor seiner Absendung an den Reichskanzler den Apothekern zur Kenntuiß bezw. Besprechung in den Fachvereinen zu überlasten, ist abgelehnt worden, da es sich lediglich um Gutachten für das Reichskanzleramt handle. Auch ein Protest ist der Versammlung zugegangen, und zwar aus Lothringen, weil dieser Bezirk gar nicht in der Enquete-Commission vertreten fei. Aus Elsaß sind drei Pharma- ceuten berufen, wovon einer nicht erschienen ist; die beiden anderen erklärten, wegen ihrer geringen Vertrautheit mit dm deutschen Verhältnissen nicht in der Lage zu fein, über alle Fragen sich genügend erklären zu können. Die Abstimmungen erfolgen nach Ländern, und zwar nach der Größe derselben. Die Mitglieder sind sehr angestrengt thätig und halten mchrcre Sitzungm des Tages; gleich wohl werben ziemlich viele Sitzungen erforderlich sein, um die Aufgaben zum Abschluß zu bringen. Ein großer Theil der Mitglieder der Enquete-Commission eifert für Beibehal tung des ConcessionSwesens.
Braunschweig, 13. Aug. Den „Braunschweiger Nachrichten" zufolge ist in sonst gut umerrichteten Kreisen von einer Verlobung des Herzogs Nichts bekannt.
Darmstadt, 12. Aug. Am 17. d. M. wird der Finanz Ausschuß der zweitm Kammer wieder zusammentreten, um eine Reihe von
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Der Kamps um eine Milli»».
Roman von Ewald August König.
(Fottsetzung.)
Sie geizte nicht nach Dank, Anerkennung und Verehrung, sie war eine kalte Natur, die sich mehr von ihrem Pflichtgefühl, als
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Mit heiterem Muthe verließ er da« Ca- binet, jetzt durfte er sich mit seiner ganzen Kraft der Lösung seiner Aufgabe widmen, Hnr Vorwürfe befürchten zu mästen. E Die Kälte seiner Mutter trübte seine Heiterkeit nicht, er ahnte nicht, daß auch sie schon unterrichtet war, er wußte ja, daß sein« Seemannskleidung ihr unangenehm war tttib daß, seitdem er sie trug, die stolze Frau ihn als einen Fremden betrachtete, den sie leider in ihren eleganten Salons dulden mußte.
Dieser Stolz war freilich eine schlechte Illustration zu ihrer Frömmigkeit, aber er [4829 harmonirte dennoch vortrefflich mit ihr, Madame Schindler wußte beide zu ver-
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In ihrem Hause und in den Kreisen ihres Stande« trat der Stolz in den Vordergrund, er verschwand nur, wenn Madame die Versammlungen der Gemeinde, die Ge- sängniste und Hospitäler besuchte.
Da« Letztere geschah freilich auch nicht Sauz ohne eine gewisse Ostentativ», Mer Madame Schindler war dennoch keine Heuch- terin, sie that da« Gute nur deS guten Zweckes, nicht deS NamenS wegen.
von warmer Herzlichkeit leiten ließ, es war ihr nicht möglich, sich für eine Idee ober ein großes Werk zu begeistern nun deshalb fehlte auch ihrem edlen Wirken der Segen.
Die wanne, hingebende Liebe deS Mutter - Herzens hatte sie nie ihren Kindern bewiesen, sie war ihnen gegenüber stets eine theilneh- mende und mitunter auch zärtliche Mutter gewesen, aber diese Theilnahrne und Zärtlichkeit hatten etwas Frostiges, was dem innigen Zusammenleben hindernd entgegen trat und den Keim des kindlichen VerttaumS in seiner Hülle schlummern ließ.
Die Keime der Liebe und deS VerirauenS im Herzen des Kindes bedürfen deS warmen Sonnenscheins der Elternliebe, wmn nicht das Unkraut der Furcht oder der Gleichgültigkeit sie überwuchern und ersticken soll.
Gerhard hatte schon im ersten Augenblick be« WidersehenS nach so langer Trennung in der kalten Gleichgültigkeit seiner Mutter den Beweis gefunden, daß diese Trennung auf da« frühere Verhältniß zwischen ihm und ihr von keinem Einfluß gewesen war und er konnte keine Liebe geben, wenn er nicht Gegenliebe empfing.
Angelegenheiten, welche von de» betreffenden Berichterstattern vorbereitet sind, zur Erledigung zu bringen. — Die Volks-Schul- lchrer von hier und Bestungen, sowie diejenigen des Kreises Bensheim haben an die Regierung und bezw. die zweite Kammer daS Ersuchen gerichtet, daß die Besoldungen der VolkS-Schullehrer, wie die der Beamten, um ein Sechstel aufgebeffert werden möchten. Sie berufen sich daraus, daß die Verhältnisse, welche bei den Beamten eine Er Höhung des Guldens auf zwei Mark hätten nöthig erscheinen lasten, gleichmäßig auch für die Lehrer sprächen. — Die Vorlage ter in den letzten Tagen bestimmt erwarteten Kirchengesetze an die Stände ist bis jetzt nicht erfolgt. Gutem Vernehmen nach liegen sie noch dem Landesherrn zur Genehmigung vor. —
München, 10. Aug. In die Freuden des deutschen Sängerfestes, welches leider durch den an sich sehr erwünschten Regen etwas getrübt wurde, mischt sich der Donnergroll des erzbischöflichen Protestes über die Amtshandlungen das altkatholischen Bischofs im Herzen der Diöcesc München-Freising. Da der Herr Erzbischof, wie au6 einer Klage in der Zweiten Kammer hervorging, auf einen früheren Protest ohne Antwort gelassen worden ist, kann wohl angenommen werden, daß die neueste Expectoration keinen anderen Erfolg hat. Sollte übrigens eine Bescheidung Statt finden, so müßte doch auf die fast päpstlich zu nennende Auswahl von Redeblumen, welche den erzbischöflichen Protest schmücken, gebührende Rücksicht genommen und mit wünschenSwerther Deutlichkeit geantwortet werden. Bei dem ganzen Auftreten des münchener Ordinariats wird man nie die Empfindung loS, daß kein rechter Ernst hinter der Sache steckt, und die ultramontanen Blätter, welche sich des besten Zuspruchs unter dem münchener CleruS erfreuen, werden nicht müde, die gemäßigten und »»gemäßigten Aussprüche der eigenen Oberbehörde gleich sehr mit der Lauge eines Spottes zu übergießen, welcher meist an Derbheit nicht« zu wünschen übrig läßt. DaS Thema der ultramontonen VolkSbe- arbeitung bespricht die wiener „Deutsche Ztg." in einem Artikel über die patriotischen Bauernvereine BaiernS. Im Ganzen wirb man sich den darin geäußerten Urtheilen anschließen können, wenn auch die Umkehr dem Verfasser etwas leichter vorkommt, als
schlagen habe, er erwartet, daß ich meiner Ehre nichts vergeben werde!
Dann kann ich nur bedauern, daß er solche Gesinnungen hegt, erwiderte die Mutter achselzuckend, aber für mich werben sie nie ein Maßstab sein.
Sie ging hinaus, Aufregungen liebte sie nicht; wenn ein Gespräch im Familienkreise eine unangenehme Wendung zu nehmen drohte, so brach sie ab und das war eine gute Eigenschaft, bie auch ihr Gatte lobend anerkannte.
Sir Delavalle hat die Güte gehabt, aus der Mücke einen Elephanten zu machen, sagte Gerhard unwillig, al« er sich mit seiner Schwester allein befand. Was kümmerte eS ihn? Mag er sich um seine eigenen Ange- legenheiten bekümmern, seiner Einmischung bedarf ich nicht.
Sir Delavalle konnte Dein Auftreten im Hause des Juweliers mit seinen aristokratischen Gesinnungen nicht in Gnklang bringen, erwiderte Adele, da glaubte er, un« darauf aufmerksam machen zu muffen.
Und er that es jedenfalls in einer sehr gehässigen Weise!
Das kann ich nicht behaupten, obschon ich nicht leugnen will, baß sein Bericht eine gewisse Schadenfreude durchblicken liefe.
Run, Sir Delavalle mag sich hüten, daß