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Ur 178

Marburg, Sonnabend, den 1. August

1874

Sujeigen nimmt entgegen: nie ®r»ebition d. Blattei, sowie die Annoncen-Bureaux een Th. Dietrich & Co. m Mel und Hannover; Th. Dietrich in Jrantfurt o. 2JI-, öaafenftein & Vogler in Aankfurt a. M-, Berlin. Leip- ug Cöln rc.; Rudolf Moff« in Berlin, Frankfurt a. M. rc.

(ü)brrl)rl)lfd)f Jrilung.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie bte Annoncen-Bureaux von G. L. Daube & Co. in Frankfurt a. M.; Jäger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M; Jnvalidendank, A. Rete- rneyer in Berlin; Carl Schüß- ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'fche Buchdruckerei) bezogen S24 Ggr., durch die Postämter des deutschen Reiches 25 Sgr. (excl. Bestellgebühr). — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr. — Für in der Expedition zu ettheilende

Auskunft und Annahme von Adreffen werden Sgr. berechnet.

1. August an kann die,,Oderh. Zeit." «ö für die Monate August und September »ei allen Postanstalten bestellt werden.

Um vollständige Exemplare zu erhalten, m es zweckmätzig die Bestellung einige Tage „r dem Beginn des Abonnements zu machen.

Bestellungen in hiesiger Stadt werden »ein Tage des Eingangs an esfeetuirt und jta* an die Expedition der vberh. Zett, zu richten.

Deutsche» strich.

Berlin, 28. Juli. Die „N. A.Z." schreibt: Da durch die Presse bekannt geworden ist, daß bei der officiellen Correspondenz zwischen -issingen und Berlin eine Verletzung des Briefgeheimnisses stattgefunden, so wird eine objektive Mittheilung über den Thatbestand zur Sichtung der daran geknüpften Miß­deutungen und vielleicht zur wünschens- werthen Ermittelung des Zusammenhanges von Interesse sein. Es handelt sich nm zwei Schreiben des Reichskanzlers nach Berlin, welche in den ersten Tagen nach dem Attentat, das erste um einige, das an dere um 24 Stunden verspätet, abgelirfett wurden. Auf letzterem, wie sich bei tech nischer Untersuchung ergab, war überdies da« amtliche Siegel zweiselsohne verletzt. In dieser Veranlassung wurde sofort eine Voruntersuchung durch die Oberpostbehörde veranlaßt, durch welche fich hrrauSstellte, daß die erste Verspätung durch ein Bahn- hindernih entstanden war, während die zweite noch nicht ganz aufgeklätt ist, aber vermuth lich davon herrührt, daß der Brief hier zwar rechtzeitig, aber nach der gewöhnlichen Ab- holungSzeit angelangt und bann aus dem Bureau der Post verspätet in dem betreffen- dm Ministerium abgeliefert war. Der Her­gang hat noch nicht ganz genau aufgeklärt werden können, noch weniger die Thatsache der Verletzung des Siegel«. Die Vorunter­suchung bei den genannten Berliner Behör­den hat Verdachtsgründe nicht ergeben, ander- seit« liegen solche gegen den AbsmdungSort, von deffen Vorstand die Correspondenz des Reichskanzlers mit pflichtmäßiger Sorgsam- keü entgegengenommen und versandt wird, in keiner Weise vor. Unter diesen Umstän- dm bleibt nur bte Dttgltchkett, daß bte fort gesetzte Untersuchung zur Ermittelung einer Veruntreuung zwischen dem Abgang und der

Ankunft führen werde. Zu dem Ende ist die Mitwirkung der königlich baierischen Regierung, sowie der Zwischenbehörden amt­lich in Anspruch genommen worden."

— Zu der Brüsseler Confereuz bemerkt die „Prov.-Corresp.": „Von Seiten des Deutschen Kaisers war sämmttichen deutschen Regierungen, die Einladungen erhalten hatten, anheimgegeben worden, sich durch Vertreter bei der Conferenz zu betheiligen. Nicht alle Regierungen sind darauf einge­gangen , sondern nur Bayern, Königreich Sachsen, Wüttemberg und Baden. Die fünf Vertreter Deutschlands find: 1) der preußische General von Voigts - Rhetz; 2) der baierische General-Major, Freiherr v. Leonrod; 3) der sächsische Major Freiherr v. Welk; 4) der würtembergische Geheime Legationsrath v. Soden; 5) der badische Geheimerath Professor Dr. Bluntschii. Sämmtliche fünf Vertreter Deutschlands sind mit kaiserlicher Vollmacht versehen; der Erst- gcnanntt ist mit der Stimmführung betraut. Der von der rufsischen Regierung befür­wortete Plan, den Gefühlen der Menschlich- tert in der heutigen Kriegsführung durch völkerrechtliche Vereinbarungen umfasiende Geltung zu verschaffen, hat somit den ersten Schritt auf der Bahn der Verwirklichung gethan und verdient unstreitig allseitige Förderung. Den Vertretern Deutschlands ist der Auftrag ertheikt, ihre Anstrengungen dahin zu richtm, daß die hochherzigen Ab­sichten des Kaisers Alexander in Erfüllung gehen und durch die Verhandlungen die Bahnen praktischer Ergebnisse im Sinne einer humanen Kriegsführung angebahnt werden.

— In der Reichspostverwaltung hat sich im ersten Quartal dieses Jahres gegen das Vorjahr ein Ueberschuß von mehr als 500,000 Thlr. herausgestellt, so daß man einen Jahresüberschuß von etwa 2,000,000 Thlr. erwarten darf. Es sind daher folgende Anträge an das Reichspostamt gerichtet wor­den, welche früher schon gestellt, aber nicht berücksichtigt wurden. Es solle 1. die erste Zone in welcher Packete bis zu 10 Pfund 'für 21/2 Sgr. befördert wur­den, von 10 auf 15 Meilen erweitert, 2. die VersicherungSgebühr bei Werthsen-

dungen für Entfernungen bis zu 15 Mei- len von 6 auf 4 Pf. pro 100 Thaler und das Porto von Driefm mit deklarirtem Werthe auf Entfernungen von 10 bis 15 Meilen von 4 auf 2 Sgr. ermäßigt, und 3. die Gebühren der Posteinzahlungen bei Beträgen von 25 bis 50 Thaler von 4 auf 2 Sgr. herabgesetzt werden. Von Seiten der industriellen Kreise hofft man, daß die Reichspostverwaltung diesen Wünschen Ge­hör schenken werde, da durch den bedeutenden Ueberschuß die bisher entgegenstehenden Gründe als beseitigt angesehen werden könnm.

— Die in vielen deutschen Zeitungen mit» getheilte Nachricht von einer panslawistischen Propaganda durch einen russischen Geheimen­rath beschränkt sich nach eingezogener zuver­lässiger Erkundigung auf Folgendes: Der Wirkliche Staatsrath a. D. v. Jzdebski, früher kaiserlicher Postdirertor in Jekaleri- noSlaw und Seclionsvorstand im General- Postamt, benutzt seinen Ruhestand, um in Deutschland wissenschaftliche Studien zu be­treiben und insbesondere die neueren deutschen Poft - Einrichtungen zu ftubiren. Während seines Aufenthalts in Berlin ist er vielfach von bedürftigen Polen angesprochen worden und hat sich mit einer ziemlich ansehnlichen Summe nach dieser Seite hin abgefunden. Andererseits ist er als Katholik zu einem hiesigen katholischen Verein eingeladen wor­den und hat dort Gelegenheit genommen, das Wohlwollen und die Einsicht der jetzigen russischen Verwaltung zu rühmen, verschie­dene üble Nachreden gegen dieselbe als un­wahr zu bezeichnen und die Polen zu einer loyalen Unterwerfung unter das russische Regiment zu ermahnen. Beide Umstände sind durch Mißverständnisse der Correspon- denten zu einer „panslawistischen Agitation" combinirt worden, für welche die katholischen Vereine Berlins und ein pensionirter hoch bejahrter russischer Postbeamter wohl niemals ein geeignetes Material ergeben werden. In jedem Falle werden aus wohlunterrichteten Kreisen die wissenschaftlichen und administra­tiven Bestrebungen des Herrn Vincent v. Jzdebski als durchaus chrenwerthe und au feder panslawistischen Agitation völlig un schuldige bezeichnet.

— Ueber das Auftreten der Cholera in

Schlesien sind beim Reichskanzleramt zahl­reiche Berichte eingelaufen. Die Krankheit greift vorzugsweise in der Gegend von Groß- Strelitz und Pleß täglich weiter um sich. Es sind in Folge deffen von dem Reichs­kanzleramt die erforderlichen Vorkehrungen getroffen worden, um einer weiteren Ver­breitung dieser Krankheit in wirksamer Weise entgegenzutreten.

Kiel, 30. Juli. DaS UebungSgeschwa- der unter dem Contre - Admiral Henk ist gestern Nachmittag um 6 Uhr von der Insel Wigth hier eingetroffen und wird sich, wie verlautet, nach Danzig begeben, um dort Schießübungen vorzunehmen. — In da« Geschwader, welches demnächst nach der spa­nischen Küste abgehen wird, sollen, dem Ver­nehmen der „Kieler Ztg." zufolge, u. A. die Schiffe „Nautilus" und „Albatroß" einge­stellt werden.

Gotha, 30. Juli. In einem öffentlichen Lo­kale, in welchem der hiesige socialdemokratische Verein seine Zusammenkünfte hat, erkundigte sich dieser Tage ein fremder, in Begleitung eines hiesigen Polizei-Beamten eingetretener Herr bei dem Wirthe, ob bet auf einer vor­gezeigten Photographie abconterfeite junge Mann in der letzten Zeit bei ihm logirt habe. Die Photographie war die Knllmann'«. Der Wirth vermochte nicht sichere Auskunft zu geben. Hieraus stellte sich der Fremde als Berliner Polizei-Commiffar vor und bat um Mittheilung darüber, ob in dem Lokale Vereine mit politischen Tendenzen ihren Sitz hätten, wie stark dieselben, und wer ihre Vorstände seien. Die Antwort deS Wirthes fiel dahin auS, daß allerdings der social- demokratische Verein und die Gewerkschaften bei ihm verkehrten, daß ihm aber die nu­merische Stärke derselben unbekannt sei.

Jena, 30. Juli. Der Großherzog hat im Einverständniß mit den Herzögen von Sachsen-Altenburg, Sachsen Coburg-Gotha und Sachsen Meiningen eine Kommission zur Prüfung der Kandidaten des höheren Schul­amtes in Jena ernannt, welche aus Pro- fefforen bet Universität und Gymnasial­lehrern refp. Direktoren zusammengesetzt ist. Dadurch ist nun, wie die „Kort, bemerkt, einem in den akademischen Kreisen, wie in den thüringischen Staaten lebhaft gehegten

Der ÄÄW>f um eine Milli»«.

Roman von Ewald August König.

(Fortsetzung.)

Freilich sah er auch manche Gauner- vhyflognomie, manche« von Elend und Sorgen entstellte Gesicht, aber wo« kümmer ten ihn die Sorgen Anderer, ihn, der mit frohem Muthe ins Leben schaute und keine Sorgen konnte?

Aber ein Gesicht fiel ihm auf, em hagere«, blasses, von Kummer und Sorgen durch­furchte» Gesicht, welche» er augenblicklich wieder erkannte.

E« war Conrad Timm, der Schreiber des Pfandleiher», der vor dem Schaufenster eint« Schlächter« stand und mit unverkenn­barer Sehnsucht bte verlockenden Eßwaaren »»blickte.

Da« Gefühl bei Mitleids regte sich un­willkürlich in bet Seele Gerhard'«, t» wer ihm, al» ob eine innere Stimme ihm gebiete, sich diese» Mannes anzunehmen.

Vielleicht kannte ber Schreiber die junge Dame genauer, welche seinem Herrn ba» Kreuzchen angeboten hatte, e» lag ja immer­hin die Möglichkeit nahe, daß sie öfter in dem Hause Hauenstein» gewesen war.

Gerhard sprach den Hagern Mann an, tt stellte sich neben ihn und fragte ihn, ob er eine Flasche Wein mit ihm trinken wollte.

Im ersten Augenblick schien Timm Miß- ikauen zu empfinden, aber-er mußte ja bald

einsehen, daß dieses Mißtrauen keine Berech­tigung hatte.

So erwiderte er denn, daß er keinen Grund finde, die freundliche Einladung abzulehnen, zumal er über den Abend nach seinem Belieben verfügen könne.

Gerhard nickte, ichne eine Antwort zu geben, feine Aufmerksamkeit war in diesem Augenblick von Sir Delavalle in An­spruch genommen, der langsam durch die Menge wanderte und an verschiebenen Schaufenstern stehen blieb, ohne indeß Neugierde ober ein Jutereffe an den Maaren hinter den grofjen glänzenden Scheiben ju zeigen.

Ueber die Ursache des Mißtrauen», wel­che» plötzlich in der Seele des Steuermanns erwachte, vermochte er selbst sich keine Rechenschaft zu geben, es war eine instinkt artige Vermuthung, daß dieser Herr einen besonderen Zweck verfolge und daß irgend ein Geheimniß mit diesem Zwecke oerbun den sei.

Geduldet Euch nur noch einen Augenblick, wandte Gerhard sich zu dem Schreiber, deffen Blick schon wieder auf den Würsten und den Rauchfleischstücken ruthe, ich mache hier Beob- achtungen, die mich interefffren.

Ich kann warten, sagte Timm gelassen, ohne den Blick zu erheben.

Weshalb verfolgte ber Blick Delavalle« so aufmerksam jenen Vagabund, der vor dem Schaufenster des Juweliers stand und bald darauf in b«s Hau« trat?

Glitt nicht in diesem Augenblick ein Zug der Befriedigung über das Gesicht -deS Engländers?

Weshalb trat er jetzt selbst an das Schau­fenster ? Stand er mit jenem Vagabund, der übrigens nur durch seine Physiognomie, nicht durch seine Kleidung den Gauner der rieth, in geheimen Beziehungen?

Da« war nicht ben&ar, diese Vermuthung mußte eine Albernheit genannt werben.

Und doch — aber was kümmerte ba» den Steuermann?

Sir Delavalle war ja ein reicher Herr, vielleicht wollte er in der interessantesten Zeit deS Dome« Beobachtungen machen und wo konnte er das besser, als hier an dieser Stelle, die gewißermaßen eine ber großen Pulsadern der großen Stadt war?

Sir Delavalle hatte den jungen Mann bemerkt, er grüßte und trat auf ihn zu.

Ein intcreffanteS Leben und Treiben, sagte er, während sein Blick lanernb den Schrei­ber des Pfandleihers streifte.

Gewiß,' erwiderte Gerhard. Sie wollen wohl Beobachtungen anstellen?

Der Engländer lächelte.

Ich habe es stets geliebt das Volk in seinen Vergnügungen zu belauschen, versetzte er. Da lernt man jede Seite deS Volks­lebens kennen, da wirst man manchen tiefen Blick in daS Seelenleben der Armuth und der Arbeit. Und bann — ich habe ja nichts Befferes zu thun.

Ich glaubte Sie noch in unferm Haufe.

Ach ja, ich wäre gern geblieben, aber bie Frau Mama fuhr au« unb der Herr Papa hatte noch ein dringendes Geschäft zu er­ledigen. Sie haben vottreffliche Eltern, mein Herr.

Und Ihre Fräulein Schwester ist eine sehr liebenswürdige Dame!

Danke, Sir, ich pflichte Ihrem Lobe voll­kommen bei.

(Fortsetzung folgt.)

Dir Eriffinmg der |r»jcu vrttr tut

4. Juli 1874.

Ein Festtag für St. Louis, Missouri. Mitgetheill von C. Doll.

(Schluß.)

Al« die Spitze des Zuge-, Großmarschall Barret, «bjutanten Kalb unb Beneke unb bie fünfzig Aid» den Aufgang zur Brücke erreicht hatten, hielten sie an und blieben »ot ber Estrade stehen. Jetzt besprengte Frau Walsh die Brücke mit dem Wasser au« den verschiedenen Krügen und sprach dazu folgende Wotte:

„Mit dem Waffer aus dem atlantischen und stillen Ocean, dem Golf, "ben Seen unb dem Mississippi, als Symbol der durch diese Brücke hergesteüten Verbindung taufe ich diesen Bau als die Illinois- und St. LouiS- Brücke und flehe den Segen des Allmäch­tigen herab auf diese Brücke, ihre Erbauer und den Handel, dem sie hinfort und für immer bienen soll."