Wr. 176.
Marburg, Donnerstag, den 30. Juli.
1871
Anzeigen nimmt entgegen: »jr Expedition d. Blattes, sowie die Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M.; Leaseustein & Vogler in Hranksurt a. M., Berlin, Leip- »ig, Cöln!C.; Rudolf Moss» ja Berlin, Frankfurt a. M. rc.
Oberhejstsche Ieilung.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie bte Annoncen-Bureaux von G. L. Daube & Co. in Frankfurt a. M.; Jäger'sche Buchhandlung in Frankfurt«. M ; Jnvalidendank, A. Rete- meyer in Berlin; Carl Schütz- ler hi Hannover; C. Schlotte in Bremen. •'
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durch die Postämter des
ÄXem 1. August an kann vie„Lberh. Zeit." «ö für die Monate August und September bei allen Postanstalten bestellt werden.
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" Deutsches «eich.
** Berlin, 28. Juli. Der Kaiser wird seinen Aufenthalt in Gastein nicht verlängern, sondern die Cur am 6. August beschließen und am 7. di« Rückreise nach Berlin rrsp. Babelsberg antreten. Ander« seitige Meldungen über weitere Reisepläne selbst in'S Ausland finden biö jetzt keine Bestätigung und dürften mindestens verfrüht sein. — Die Conferenz in Brüssel hat gestern ihre Sitzungen eröffnet; die Zulassung wei- lerer Theilnchmer, namentlich der Vertreter von Gesellschaften, welche ähnliche Aufgaben verfolgen, ist von der russtfchen Regierung verweigert worden, in der wohl richtigen Annahme, daß eine gewiße Begrenzung der Ausgaben sowohl wie der Mitgliederzahl der Erreichung des Zwecks förderlich, wenn nicht unerläßliche Bedingung sein werde. Die von den Blättern schon gebrachte Liste der deutschen Vertreter kann als richtig be- ftätigt werden. — Die von den Carlisten in Spanien geübten Bestialitäten sind recht bezeichnend für die Sache, der sie dienen, die von jeher unter heuchlerischer Maske der palentirten Frömmigkeit mit Schandthaten aller Art verbunden gewesen ist. Fanatts- muS und JesuitiSmuS stehen aber in prim cipiellem Gegensätze zu wahrer Moral, zur Humanität und Herzens- wir Geistesbildung. Die eivilisirte Menschheit wendet sich daher mit Abscheu von der legitimistischen Organisation deS Raubes und Mordes in Spanien ab, und die öffentliche Stimme geht mit ihrem Verlangen den Maßregeln weit voraus, welche die Regierung des deutschen Reiches zum Schutze der Deutschen in Spanien trifft, und zur Beschränkung völkerrechtswidriger Unterstützung deS Bürgerkriegs. Das vor Wight ftationirte deutsche Geschwader hat die für dasselbe bestimmte Ordre nicht recht
zeitig erhalten und ist daher früherem Befehle gemäß nach Kiel aufgebrochen, während für die Mission an der spanischen Küste ein anderes Geschwader bestimmt worden ist. — Im Publikum und in der Presse ist cs nach dem Kissinger Attentat lauter Wunsch, die ultramontanen Agitationen und Wühlereien energisch bekämpft zu sehen, auch die polizeilichen Maßnahmen gegen die Leiter der katholischen Vereine mit größerem Interesse erfolgen zu laße«. Selbstverständlich entzieht sich das Resultat der vorgenommenen Haussuchungen der öffentlichen Mittheilung; in den' gerichtlichen Verhandlungen wegen Schließung verschiedener Vereine dürfte das vorgefundene Material zur Begründung des politischen Charakters der Organisation und der ungesetzlichen Verbindung derselben unter einander ausreichend sein. Schlau erfunden ist allerdings das System des als dichtes und zahllos verschlungenes Netz über Deutschland gegangenen katholischen VereinSwesenS, indessen die weltliche Autorität dürfte doch auch Mittel finden, daS fein angelegte Mi- nirsystem unwirksam zu machen.
— Da gelegentlich deS Kullmann'schen Attentat» die katholischen Gesellenvereine in den Vordergrund getreten sind, so sind jedenfalls einige Notizen über die Ausdehnung und Einrichtung derfelben von Interesse. Zur Zeit gibt eö 533 Gesellenvereine; davon fallen aus Preußen 149, Baden 27, Hessen 6, Sachsen 7, Württemberg 19, Baiern 118, also auf das gesammte deutsche Reich 426; eine beträchtliche Zahl von diesen besitzen eignes Haus, als deffcn gesetzliche Eigenthümer freilich meist irgend ein kirchliches Institut oder eine einzelne Person vorgeschoben ist. Außer jenen gibt es noch in Oesterreich 85, Holland 4, Schweiz 15, in Dänemark, Italien und Egypten je 1 Verein, so daß die Gesammtzahl 533 beträgt. Dir Mitgliederzahl mag 20—30,000 betragen. Sämmtliche Vereine stehen unter der Leitung eines Geistlichen (zur Zeit Ge- neralpräses Schäffer in Cöln); unter ihm stehen die DiözesanpräsideS, ebenfalls Geist liche an der Spitze der Vereine jeder Diözese. Auch die Präsides der einzelnen Vereine find Geistliche. Diese werden vom Diözesanbi
schof ernannt. Zwar steht ihnen noch ein Vorstand zur Seite, der sich durch Kooptation ergänzt; aber seine Gewalt „vereinigt sich im Präses" und hat eben jener nur „die Stelle eines FamilienratheS" (§. 3 der Statuten). Absolute Centralisation und absolute Herrschaft des Clerus ist in der Einrichtung unverkennbar.
— Ein Correspondent der „Jndependance" schreibt, daß ein Fähnrich „Hermann" von den^Pavia-Husare», nachdem er den Royalisten in die Hände gefallen, füsilirt worden sei. „Dieser Offizier", — erzählt der Correspondent — „Preuße oder vielmehr Badenser von Geburt, war wegen seiner außerordentlichen Tapferkeit im ganzen Nordheere berühmt. Bei Belabieta ebenso wie am Somorrostro sah ich ihn immer in den vordersten Reihen der Tiraillcure. Serrano ernannte ihn später zum Fähnrich; jetzt aber haben ihn, wie man mir versichert, in Estella die Carlisten auf Befehl ihrer Führer erschossen." Nach obiger Schilderung ver- muthet die „Nordd. Allg. Ztg.", daß der Fähnrich Hermann identisch ist mit dem früheren badischen Lieutenant Hermann Brandeis, dessen Name wiederholt rühmend in spanischen Kriegsberichten erwähnt wurde. Diese Unthat wäre in so fern minder scheußlich als die Erschießung Schmidt'«, als der füsilirte Gefangene doch wenigstens Com- battant gewesen war. Es ist freilich weit gekommen, wenn ein solcher Zusatz als Mil derungSgrund angeführt werden kann.
Gnesen, 28. Juli. Ueber die am 23. d. M. vor dem Kreisgerichte stattgehabte Verhandlung wider den Domherrn Koryt kowski welcher rechtswidrig die Functionen eines Officials auSübt, berichtet die „Ostd. Ztg.:" „ES hat sich noch herausgestellt, daß er eine EhediSpensationS-Angelegeuheit als Stellvertreter des seiner Stelle entsetzten früheren Erzbischofs Grasen Ledochowski entschieden und seine Verfügungen als unmittelbarer Vertreter deS Papstes „Delega- tus apostolicus sive papalis“ unterzeichnet hat. Die Staatsanwaltschaft kam diesem bei uns noch neuen Titel dadurch auf die Spur, daß sie beim Gerichte den Erlaß erwirkte, alle, selbst unter Privatadresse an Koryt-
kowSki gelangenden Briefe mit Beschlag belegen zu dürfen. Dieser Beschluß war aber deßhalb nothwendig, weil eS sich herausgestellt hatte, daß dem Angeklagten unter Privatadresse Sachen rein amtlicher Natur, wie Gelder, Adressen, DispentSgesuche u. A., übersende, worden, also mit der Privatadresse Mißbrauch getrieben wurde. Der angeklagte Domherr war, „um selbst den Schein der Anerkennung der Competenz eines weltlichen Gerichtes zu vermeiden", zum Termin nicht erschienen, hat aber einen Protest eingesandt, in welchem er zu beweisen sucht, daß ein weltliches Gericht sich in rein (?) geistliche Angelegenheiten nicht zu mischen habe, um so mehr, als ihm der Landrath Nollau bei Uebernahme der Verwaltting des Kirchenvermögens nur die Ausübung feiner Functionen in Betteff dieses Vermögens, nicht aber die Ausübung rein geistlicher Amtshandlungen untersagt habe. Der als Zeuge vor- geladene ehemalige Registrator Geistliche Pasi- kowSki verneinte die an ihn gerichtete Frage, ob ihm die Verfügung des Papstes bekannt sei, durch welche der Angeklagte zum Delegatus apostolicus ernannt worden; doch gab er an, daß der Angeklagte beim rechtskundigen Syndikus des ConsistoriumS Klepaczewski schriftlich angefragt hat, ob seine nach dem 9. Juni vollzogenen Acte noch Gültigkeit haben. Klepaczewski will sich eines solchen Briefe« nicht erinnern; derselbe dürfte, wie der Staatsanwalt bemerkte, sich wohl noch uneröffnet unter feinen Papieren befinden. In Rücksicht darauf, daß sich der Angeklagte Korylkowski mehrfacher Vergehen gegen die Gesetze schuldig gemacht Hal, beantragte der Staatsanwalt, ihn zu einjähriger Gefäng« nißstrafe zu verurtheilen. Das Gericht ver- urtheilte den Angeklagten nach dreiviertelstündiger Berathung zu neunmonatlicher Ge- ängnißhaft. Aus dem Umstande, daß Koryt- kowski feine Erlasse als „Delegatus apostolicus“ zeichnet, scheint hervorzugehen, daß das Domcapitel gleich nach Abführung des Grafen Ledochowski nach Ostrowo an den Papst Bericht erstattet und dieser die Stellvertretung „sede impedita“ dem CanonicuS Korytkowski übertragen hat". Inzwischen ist Korytkowski ausgewiesen und die AuS-
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Der 4k*>f «* eine Milli,».
Roman von Ewald August König.
(Fortsetzung.)
Du hast kein Vertrauen zu mir, sagte er in halb vorwurfsvollem, halb traurigem Tone, daS hast Du von Deinem Vater geerbt, der auch keinen Werth auf das feffelnde Band der Bruberliebe legte. O, welch anderes Leben hätte er haben können, wenn er meinem Rache gefolgt wäre, wenn er sich vdn meiner Hand hätte leiten lassen! Aber ber Herr schlug ihn mit Blindheit und so ist er denn in seinen Sünden dahingefahren, ohne unS den tröstlichen Glauben zu hinter- laffen, daß er in den Hütten des Friedens eine Wohnung gefunden hat.
Hoch auf gerichtet, mit blitzenden Augen, stand der Jüngling dem alten Manne gegenüber, der das Haupt auf die weiße Binde gefinkt und die Hände in einander gelegt hatte.
Mein Vater war ein Ehrenmann, erwiderte er mit bebender Stimme, Achtung vor ihm, Oheim! Achtung vor dem schlichten Handwerker, der lieber auf dem dornenvollen Wege durch das Leben wanderte, als daß n zur MaSke der Heuchelei griff, um durch Dinkelzüge und versteckte Betrügereien ein Vermögen zu erwerben. Und nun fei es genug, ich bin nicht gern gezwungen, 'über dieses Thema meine Ansichten zu äußern!
Herr Theodor Neumann nickte zustimmend und schoß abermals aus seinen wasser- blauen Augen einen lauernden Blick auf dm Neffen.
ES kann eben nicht Jeder die Wahrheit ertragen, sagte er, wen der Herr mit Blind heil geschlagen hat, der möge Tag und Nacht ihn bitten, daß er ihn wieder sehend mache! Hat Herr Schindler schon einen Ersatz für Dich gefunden?
Ich habe ihm meinen Collegm vorge schlagen.
Du hättest an Deinen Oheim denken sollen.
An Dich? fragte Max befremdet.
Ja, an mich.
Aber Du hast doch Vermögen genug, um von den Zinsen desselben leben zu könnm —
So sagt man, aber ich weiß es besser. Ich sehne mich nach einer geregelten Tätigkeit und Dein Posten wäre mir sehr angenehm gewesen.
Ein solcher Posten erfordert Kenntnisse.
Zweifelst Du, daß ich sie besitze?
Ja, erwiderte Max, ich bezweifle daS. Zudem würde Herr Schindler Dir niemals die Procura geben, er haßt die weißen Halsbinden und die salbungsvollen Worte.
Der alte Herr erhob grollend sein Haupt, aber die Erwiderung, die ihm auf der Zunge schwebte, mußte er zurückdrängen, ein ziemlich laute- Pochen an der Thür kündigte Besuch an.
Max öffnete, mit heiterem Lachen trat Gerhard Schindler ein.
Da sind wir, alter Freund, sagte der Steuermann und auS dem Antlitz Maximilian'« schwanden die Schatten, wie der
Nebel vor den Sonnenstrahlen, gut, daß ich Dich finde und nicht nöthig habe —
Da bin ich wohl überflüssig, ich will nicht stören, unterbrach Herr Theodor Neumann ihn mit seiner dünnen Stimme, adieu, Max, ich verlasse Dich mit innigem Bedauern.
Befremdet blickte Gerhard auf die Thür, hinter welcher der hagere Mann verschwunden war.
Wer ist dieser Knecht GotteS? fragte er. Mein Oheim.
Hm — ein absonderliches Menschenkind, Wie mir scheint, ich mag diese Duckmäuser nicht! Hör, alter Junge, jetzt wollen wir fröhlich sein, gqgel auf! Wir werden wohl irgendwo einen stillen Hafen finden, in welchem wir Anker werfen können. Ich hab'S, weiß Gott, kaum erwarten können, Dich wiederzusehen, aber eS war mir nicht möglich, früher zu kommen.
Wollen wir nicht hier in meiner Wohnung bleiben? fragte Max.
Nein, nein, ein solches Wiedersehen muß bei vollen Gläsern gefeiert werden; komm, ich hab' Dir viel zu erzählen und Du wirst auch Manches erlebt haben, was Dir interessant genug scheint, um eS mir mitzu- theilen. Hab' da schon mancherlei vernommen, waS mir nicht gefällt, Max. Du willst meines Vater« HauS verlaffen. —
Reden wir davon nicht, unterbrach Max ihn, ich habe nach reiflicher Ueberlegung meinen Entschluß gefaßt, der nun nicht mehr geändert werden kann.
Aber die Gründe!
Hat sie Dein Vater Dir genannt?
Nein, er meinte, Du werdest wohl selbst sie mir mittheilen, er dürfe e« nicht, weil er Dir Schweigen versprochen habe.
Nun, so ist eS besser, Du forschest nicht weiter nach. Du weißt ja, daß ich niemals unüberlegt handle —
Holla, das sagst Du mir? rief Gerhard unmuthig. Bin ich denn Dein Freund nicht mehr? Oder soll ich glauben, Du wolltest mit uns Allen brechen?
Max schüttelte ablehnend den Kopf, während er die Thür feiner Wohnung verschloß.
Wohin gehen wir? fragte er, einer Antwort ausweichend.
Gehen wir zu Meyer, fein Wein ist gut und wir finden bei ihm eine stille Ecke, in der wir ungestört plaudern können.
Gut, ich würbe Dir denselben Vorschlag gemacht haben.
Schweigmd verfolgten die Beidm den Weg, der sie zur Weinstube führte; Gerhard begriff, daß er seinem Freunde Zeit lassen mußte, daß er ihn nicht drängen durfte, ihm sein Vertrauen zu schenken.
Kennst Du den Engländer, der sich in unferm Hause eingenistet hat? brach er nach einer Weile das Schweigen. Mein Vater scheint einen Narren an ihm gesreffen zu haben, einen besseren Ausdruck finde ich nicht für die auffallende Freundlichkeit, mit der er ihn behandelt.