Marburg, Freitag, den 3. Juli
1871
OlmhHschc Jrilimg
Laufe der Unterhaltung erfuhr er dann, daß Madame Schindler an dem Bekehrungswerke sehr lebhaften Ancheil nahm.
ES schien ihm fast, als ob sie nur hierfür sich erwärmen könne, für alle anderen Fragen und Mittheilungen zeigte fie kein besonderes Interesse.
Adele war eine einfache, gemüthreiche Natur, fie haßte alle Gefühlsschwärmerei und nahm das Leben, wie es sich bot, indem ste sich bestrebte, ihm die schönsten Seiten abzugewinnen. Sie liebte die Musik und den Tanz; für jeden Eindruck empfänglich, konnte sie für jedes Thema sich interesstren, nur in Bezug auf religiöse Ansichten schien sie mit ihrer Mutter nicht zu har- moniren.
Auch der ©anguter schien die Bekehrungssucht nicht zu billigen. Sir Delavalle hatte, als die Rede auf diesen Punkt kam, ein spöttisches Lächeln auf den Lippen Schindlers bemerkt; dieses Lächeln genügte ihm, einen Schluß zu ziehen, welcher den Nagel auf den Kopf traf.
Sir Arthur verstand die Kunst, Jedem etwas Angenehmes zu sagen, auf die Idem eines Jeden einzugehen und über jedes Thema zu reden. So konnte es ihm nicht schwer fallen, die Herzen dieser Familie zu gewinnen und als er eine Stunde später Abschied nahm, geschah eS mit voller Ueber- einstimmung der Damen, daß Herr Eduard Schindler den Fremden zu Tische lud, und ihn um die Ehre seines öfteren Besuchs bat.
Ein angenchmer Besuch, sagte Madame Schindler, als der Banguier seinen Gast bis zur Treppe begleitet hatte.
Gewiß, erwieberte Herr Schindler und aus seinen Augen leuchtete eine freudigeGenug- thuung, ich bin meinen Geschäftsfreunden in London sehr verpflichtet, daß sie ihn mir zugeschickt haben.
Und dennoch liegt etwas in seinem Blick, was mir nicht gefällt, bemerkte Adele, während sie am Blumentisch mit den Pflanzen sich beschäftigte.
Was sollte diese» „Etwas" sein? fragte der alte Herr lächelnd.
Sir Delavalle ist ein sehr reicher Herr aus angesehener Familie, er mag seinen Spleen haben, so gut, wie jeder reiche Engländer, der die Zeit nicht todtzuschlagen weiß; im Uebrigen ist er ein sehr liebenswürdiger und wie es mir scheint, charakterfester Herr.
Madame Schindler nickte zustimmend.
So lautet auch mein Urtheil, sagte ste, ich hoffe, er wird uns recht oft die Ehre seines Besuches schenken.
Dann aber möchte ich Dich bitten, Lorchen, das Bekehrungsthema nicht mehr zum Mittelpunkt der Unterhaltung zu machen, entgegnete der Banguier, Du weißt, ich liebe es nicht und — h«, es paßt sich auch nicht so recht I für Dich.
Eduard! sagte Madame zürnend.
Nimm eS mir nicht übel-, Lorchen, eS ist meine Herzensmeinung, fuhr der alte Herr mtt einiger Berlegenhett fort, ich sehe eS nicht gern, wenn Du Kranke selbst besuchst.
Wiederherstellung deS Friedens nicht nur gewiffenhafter Weise möglich, sondern gerade um des Gewissens halber immer dringender geboten sei Die Friedenserwartungen be- ruheten einerseits auf der Ueberzeugung, das die neuen Gesetze den Bischöfen keinerle Verpflichtungen auferlegen, welche dem bischöflichen und priesterlichen Gewiffen an und für sich zuwider seien, andererseits auf dem Vertrauen zu den Bischöfen, daß sie es unter solchen Umständen als ihre Pflicht gegen die weltliche von Gott gesetzte Obrigkeit ebensosehr, wie als Pflicht gegen ihre Gemeinden erachten würden, den verderblichen Widerstand gegen die StaatSgesetze aufzugeben.
Auf die Gewiffenhaftigkeit und Treue der Bischöfe also war gerechnet, wenn man friedliche Entschließungen in Folge der erneuten Mmeinsamen Berathungen für möglich hielt; die Zweifel an einem derartigen AuSgange dagegen beruhetm auf der Annahme , daß nicht die eigene gewissenhafte Erwägung der deutschen Bischöfe, sondern daS Gebot der leitenden römischen Machtpolitik auch jetzt den Ausschlag geben würde.
Wenn nach dem Schluffe der Fuldaer Conferenzen verlautet, daß die friedlichen Erwägungen zu überwiegender Geltung gelangt seien, so wirb jeher deutsche Patriot sowie jeder besonnene Freund der Kirche diese Botschaft, insofern sie in den Thatsachen Bestätigung fiiNftt, mit aufrichtiger Freude begrüßen.
Aber die Friedensbotschaft hat nur dann einen ernsten Sinn und eine thatsächliche Bedeutung, wenn die Friedensstimmung der Bischöfe aus denjenigen Voraussetzungen und Grundlagen beruht, auf welchen allein von Frieden die Rede sein kann. Die Verfassungsbestimmungen und die darauf begründeten Gesetze, welche mtt Zustimmung der Reichsvertretung und der preußischen LandeSver- tretung festgestellt «ordm sind, bilden den Boden, auf welchem allein die Beziehungen zwischen Staat und Kirche sich weiter ent wickeln können, auf welchem allein ein erneutes friedliches Einvernehmen fortan möglich ist. ; •
Ueberlasse das Anderen; wenn Dein Herz Dich drängt, Gutes zu thun, das Elend zu mildern und der Armuth ein zufriedenes Lächeln abzulocken, wohl, meine Kaffe steht Dir immer offen, aber weshalb suchst Du einen Ruhm darin, es mit eigenen Händen zu geben ?
Du bist ungerecht, Eduard, ich —
Nein, mein Kind, ich möchte Dich nur warne^ b0T Gefahren, denen Du arglos entgegen gehst. Thu es mir zu Liebe nicht, Lorchen, übergib Deine Spenden den Geistlichen ober Stadtmissionären, aber halte Dich von jenen Orten fern, an denen Du mit dem Schmutz des Lasters und Verbrechens in Berührung kommst. Es gefällt mir auch nicht, daß Du so oft die Gebetsund Erbauungsstunbm besuchst, ich denke, man kann Gott im Herzen tragen und ihm dienen, ohne —
Eduard, das find individuelle Ansichten unterbrach Madame Schindler ihrm Gatten, in meinen Anschauungen lasse ich mich nie beirren.
Nun, dann muß die Erfahrung Dir die Augen öffnen, Schatz, eS wird Dir unangenehm sein und Deinem eblen Herzen eine tiefe. Wunde schlagen, aber wer auf einen wohlmeinenden Rath nicht hört, der muß sich durch Thatsachen belehren lasfm. Du hast Dich für einen gewiffen Hugo Hauenstein sehr interessirt —
So ist es, erwiderte die schöne Dame, das Haupt stolz erhebend. Hauensteln ist ein gottesfürchtiger Mann —
fammlungen dürfte mit dem Ergebnis; der stattgehabten Haussuchungen und der dadurch gewonnenen Ueberzeugung der Staatsanwaltschaft über Charakter und Verzweigung der socialdemokratischen Agitation zusammenhän- gen. Als feststehend darf gelten , daß die Ergebnisse der Haussuchungen keineswegs unbedeutend sind. — Die „Germania" fährt' fort, den Gerüchten •über ein dem Frieden sich zuneigendes Resultat der Bischvfsconfe- renz in Fulda in höhnendem Ton zu wider- sprechm und versucht diese Gerüchte auf den Wunsch der Regierung zurückzuführen. Man steht aus den Besprechungen der „Germania", daß den echten Ultramontanen schon der Wunsch und der Gedanke an Frieden ein Greuel ist; das Lebenselement dieser SpeeieS von Christen ist nicht »Frieden, sondern Streit, Haß, Verfolgung und Auflehnung, jede Mahnung an Frieden bringt diese Zeloten in Unbehagen. Die Regierung versäumt Übrigens auch den Friedensgerüchten gegenüber keine Gelegenheit, ihre Stellung klar und bündig zu bezeichnen und darzn- lhun, daß sie den Gerüchten kein großes Gewicht beilegt. Die Zweifel an einem versöhnlichen Ausgange der Fuldaer Confe- renz, sagt die „Prov.-Corr.", beruhen auf der Annahme, daß nicht die eigne gewiffen- hafte Erwägung der Bischöfe, sondern das Gebot der leitenden römischen Machtpolitik auch jetzt den Ausschlag geben wirb. „Die Friebensbotschaft würbe nur bann einen ernsten Sinn und eine thatsächliche Beden- tung haben, wenn die Friedens stimmung der Bischöfe auf denjenigen Voraussetzungen und Grundlagen beruht, auf welchen allein von Frieden die Rede sein kann. Die Verfassungsbestimmungen und die darauf begründeten Gesetze, welche mit Zustimmung der Reichsvertretung und des preußischen Landtags festgestellt worben sind, bilben den Boden, auf dem allein die Beziehungen zwischen Staat und Kirche sich weiter entwickeln können, auf welchem allein ein erneute« friedliches Einvernehmen fortan möglich ist."
— Rach der „Prov.-Corresp." hat sich unser Kaiser am Dienstag, 30., nach Jugenheim begeben, um dort dem russischen Ralfen
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Friedenswünsche.
Die deutschen Bischöfe sollen bei ihrer jüngsten Berathung in Fulda, wie von dort berichtet wird, ernste Friedensgedanken erwogen haben.
So dringender Anlaß dazu vorhanden war, so kam die Nachricht doch grade in diesem Augenblick überraschend, weil die Anzeichen , welche unmittelbar vorhergegangen waren, besonders die Kundgebung der Ver- sarnmlung in Mainz und die neuesten Aeuße rungen de« Papste- selbst auf friedliche Stimmungen innerhalb der leitenden Kreise der Kirch« nicht hatten schließen laffen.
Pius IX. hatte die Rede, die er am Jahrestage seiner Thronbesteigung gehalten mit stolzer Genugthuung daraus hingewiesen, daß die gejammte katholische Welt mehr als je ihre Blike nur auf Rom gerichtet halte, und gleichzeittg hatte er die Bischöfe um ihres bisherigen Widerstandes gegen die Zumuthung staatlicher Gesetzgebung willen hochgepriesen und jeden Gedanken an eine Vermittelung schroff zurückgewiesen.
Die ultramontanen Blätter thaten das Ihrige, um der Hoffnung auf irgend einen Ausgleich der Gegensätze von vorn herein entgegenzutreten; das Hauptblatt der Partei zumal wie- die Nachricht, daß in Fulda die „Möglichkeit einer Einstellung des Kampfes gegen di« Staatsgewalt" erwogen werden solle, mit der höhnenden Bemerkung zurück, an eine solche Möglichkeit könne überhaupt nicht gedacht werden, so lange nicht die Ursachen d«S Streite-, die neuen kirchlichen Gesetze beseitigt seien, da e- dem bischöflichen und priesterlichen Gewiffen unmöglich sei, zu ihrer Ausführung beantragen. Die Bischöfe würben nur dann nachgeben, wenn ihr Gewissensstandpunkt eS zulasse.
Daß bie deutschen Bischöfe nicht gegen ihren Gewissensstandpunkt handeln würden, haben in der Thal auch diejenigen vorausgesetzt, welche Hoffnungen des Friedens immer von Neuem auch in jüngster Zett Raum gegeben hatten. Gerade auf die Kraft des bischöflichen Gewissen-, auf die Verantwort lichkeit de- Hirtenamts waren jene Hoffnungen gegründet, — Le gingen bestimmt und ausdrücklich davoncm-, daß den Bischöfen die
• Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie die Annoncen-Bureaux von G- L. Daube & Co. in Frankfurt a. M.; Jäger'sche Buchhandlung in Frankfutt a. M-; Jnvalidendank, A- Rete- meyer in Berlin; Carl Schußler in Hannover; C- Schlotte in Bremen.
D« Kampf u« eine Millian.
Roman von Ewald August König.
/ (Fortsetzung.)
Die beiben Damen empfingen den Fremden, der die Dreißig kaum überschritten haben mochte, mit zuvorkommender Freundlichkeit; sie plauderten so unbefangen mit ihm, als ob er schon seit Jahren ein Freund des Hauses sei und höttm ihm mit Jntereffe zu, wie er ihnen da« Klima und die Sitten seiner Heimalh schilderte.
Herr Eduard Schindler befahl dem Diener, ein Gabelfrühstück zu ferbiren. Sir Delavalle nahm bie Einladung an, als ob er ein Recht habe, sie zu erwarten und der feurige Wein machte ihn immer gesprächiger.
So fanden sie Alle Gelegenheit, Beobachtungen anzustellen, und sich ein Urtheil zu bilden.
Sir Arthur Delavalle trat mit seinem Ur- theil rasch fertig.
Der Banguier war ein durchaus ehrlicher, gutherziger und charakterfester Mann, er mußte bei feinen Mitbürgern in hohem Ansehen stehen, sprach et doch selbst ohne ein Zeichen von Stolz es au«, daß ihm schon manche- Ehrenamt zugefallen sei, dessen Verwaltung mit großen Opfern an Zeit und Geld verknüpft sei.
Seine Gattin neigte zum Pietismus, sie hatte sich mtt großem Jntereffe nach den Verhältnissen der Methodisten-Gemeinde in London erkundigt und Sir Arthur Delavalle schätzte sich glücklich, ihre Fragen in eingehender Weise beantworten zu können. Im
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Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition b. Blattes, sowie die Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M.; Haasenstein & Vogler in ’ Frankfurt a. M., Berlin, Leip-., zig, Cöln rc.; Rudolf Moffe in Berlin, Frankfurt a. M. rc.
dieser unbedingt feststehenden Thatsache auö- geht, muß -von vornherein als eitel und fruchtlos angesehen werden.
Allerdings liegt es, wie schon jüngst angedeutet wurde, in der Macht der Bischöfe, die tief einschneidenden neuesten Maigesetze thatsächlich unwirksam zu machen; denn die Geltung derselben tritt überhaupt nur ein, wenn bk vorjährigen Kirchengesetze mißachtet und verletzt werden. Sobald die Geistlichkeit, die staatlichen Forderungen, welchen sie sich in anderen Ländern gefügt hat, auch in Preußen erfüllt, werden alle die Zwang- befugniffe, welche der Staat in den weiteren. Gesetzen seinen Behörden gesichert hat, von selbst wirkungslos.
Die Regierung wirb sich gewiß mit Freuden der Nothwendigkett überhoben sehen, von den scharfen Waffen der neuesten Gesetze Gebrauch zu machen, sobald die katholische Geistlichkeit sich thatsächlich auf den Boden der Achtung und Befolgung der Staatsgesetze stellt, und dm Anspruch aufgibt, eine fremde Souveränetät neben der Staat-sonveränetät aufzurichtm in Dingen, die mit dem inneren Glaubensleben und mit den HeilSaufgabm der Kirche nichts zu chun haben.
Die Regierung hat währrnd pes ganzen Verlaufs des jetzigen Kampfes immer und immer wieder betont, daß sie durch Feststellung der Grenzen zwischen dem staatlichen und reinkirchlichen Gebiete vor Allem das künftige friedliche Nebeneinanderstehen und ersprießliche Wirken der beiden von Gott gesetzten Gemeinschaften sichern wolle. Mögen die Bischöfe je eher je lielldr wirklich den verfassungsmäßig und gesetzlich gegebenen Boden betretm, auf welchem allein die Ver Mittelung der thatsächlichen Wirren zu erreichen ist. (Prov.-Corresp.)
DextscheS Ra*;
** Berlin, 1. Juli. Nach einer Mi nisterialverfügnng sollen von jetzt ab die Reisekosten in allen Ressort« nach dem Metermaß, die Meile zu 7V2 Kilometer gerechnet, liquibirt werden. — DaS weitere entschiedene Vorgehen der hiesigen Polizei -zegm die einzelnm focialdemokratischen Ber-