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Ur. 133

Marburg, Mittwoch, dm 10. Juni.

1871

ObcrMchc Icilung

373

Anzeigen nimmt entgegen: di« Spedition d. »lattrS, sowie die Annoncen-Bureaux von G. L. Daube & Co. in ItaÄ,a M'! Jäger'sche,, Buchhandlung in Frankfurt a. M-; Jnvalidendank, A. Rete- meyer inBerlin; Carl Echüß- ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.

««.eigen nimmt entgegen: tfcfcflrcbition d. Blattes, uroie die Annoncen-Bureaux ron Th. Dietrich & Co. in Mel und Hannover; Th. Diettich in Frankfurt a. M-; Laasenstein & Vogler ill L,nkfurt a- M-, Berlin, Lech, «g, Cöln rc.; Rudolf Moss« in Berlin, Frankfurt a. M. rc.

Erscheint täglich außer den Werttagen nach Sonn, und Feiertagen. PreiS für das Quartal durch du Expedition («och'sche Buchdruckerei) bezogen 824 Sgr., durch die Postämter 87 (excl. Bestellgebühr und mcl. Stempelsteuer), für daS Ausland excl. Stempel 32 Sgr. - Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile l Sar 557 ®»r-

Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 2j Sgr. berechnet. '

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Deutsches «eich.

Berlin, 8. Juni. Im Einverständ niß mit der Staatsanwaltschaft hat das Kgl. Polizeipräsidium beschlossen, auf Grund der Bestimmungen des Vereinsgesetzes gegen die unerlaubten Verbindungen der social- demokratischen Vereine unter einander ein­zuschreiten und sind demzufolge heute bei den Führern dieser Vereine Haussuchungen vorgenommen worden, welche auch nicht unerhebliches Material zur strafrechtlichen Lerfolguug geliefert haben follen. Neuer­dings sind einige Blätter wieder auf rin bei Stoffmangel zur Aushülfe gern hervorge­suchtes Thema zurückgekommen, auf die Er­werbung transatlantischer Colonialbesitzungen zur Gründung einer Flottenstation des Deut­schen Reichs. So oft auch die dahin gehenden Nachrichten sich als unwahr erwiesen haben, wird man doch nicht müde, dem Deutschen Reiche derartige Gelüste nach Colonien auf- zuoctroyiren, die den leitenden Staatsmännern sehr fern liegen, weil das Deutsche Reich für ihre Flotte so wenig wie zu anderen Decken Nutzen davon zu erwarten hat. Der Kaiserliche Generalconsul hat bei dem Bundesrath sich verwendet, daß zu Gunsten der in den Vereinigten Staaten sich aufhal- tenden deutschen Militärpflichtigm einem von ihm empfohlenen zuverlässigen Arzt Dr. Th. Tellkampf Ermächtigung ertheilt «erde, mv litärärztliche Zeugnisse über die nach der UMersuchung eventuell sich ergebende Dienst unfähigkcit auszufertigen, damit diesen dienst­unfähigen Militärpflichtigen die Reise nach Deutschland zu« Zweck der Untersuchung »spart werde. Ein gleicher Antrag ist auch für Rumänien vom dortigen Generalconsul gestellt worden. Da diese Anträge auch do« Kriegsministerium unterstützt worden sind, hat der Ausschuß des Bundesraths di« Genehmigung empf.ohlen. Für das R«chsoberhandelsgericht ist die Stelle eines

Vicepräsidenten nebst zwei neuen Rathsstellen genehmigt worden in der Absicht, dadurch die Theilung des Gerichtshofs in drei Se­nate, statt btt bisher bestehenden zwei, zu organisiren. Durch Erlaß des Handels­ministers sind auf den Kgl. Staatseisenbahnen Erleichterungen für den Transport der Mannschaften und Geräthe der Feuerlösch- CorpS angeordnet worden. Nach schriftlicher Anmeldung soll die Beförderung immer mit dem nächsten fahrplanmäßigen Zug erfolgen.

8. Juni Die Meldung der Blätter von einem größeren dem Kronprinzen zugestoßenen Unglücköfalle wird authentisch dahin berich­tigt: der Kronprinz kehrte Sonnabend Abends 6 Uhr von einer Ausfahrt zurück. Der Wagen mit den kronprinzlichen Kindern fuhr voraus. Letzterer passirte ungehindert die Wildparkstation, der kronprinzliche Wagen folgte. Die mit einem Drathzuge lenkbare Barns» war wegen des ankommenden ZugeS geschloffen, so daß der kronprinzliche Wagen auf der Bahn und vor der geschlossenen Barriöre stand. Das Oeffnen derselben gelang jedoch noch vor der Ankunft deS Zuges, ohne daß der Kronprinz den Wagen verließ, oder die Pferde die Barriöre zer­trümmerten. Der angebliche Unfall ist daher unbegründet.

DaS vorstehende Dementi gilt folgen­der Nachricht: Se. Kgl. H. der Kronprinz hat sich mit seinen ältesten Söhnen am ver- wichenen Sonnabend in ersichtlicher Lebens- gefahr befunden, und nur der Geistesgegen­wart des hohen Herrn ist es zu danken, wenn schweres Unheil verhütet wurde. Aus Potsdam wird uns folgendes darüber be­richtet. Der Kronprinz passirte auf einer Spazierfahrt, die er mit seinen ältesten Söhnen machte, die Potsdam-Magdeburger Bahn zwischen der Wildparkstation und Werder. Die Adjutanten des Kronprinzen fuhren in einem Wagen voraus. Als der

erste Wagen die Bahn passirt hatte, schloß der Wärter der Bude 44, welcher die ein paar hundert Schritte von seinem Posten befindliche Barriere mittelst eine» Draht werkö zu bedienen hat, die Barriere, jeden­falls ohne den nachfolgenden zweiten Wagen in welchem sich der Kronprinz befand, ge­sehen zu haben. So stand nun der Wagen auf dem Geleise, während der Zug heran­brauste. Während der Maschinist, der die furchtbare Situation erkannte, sein Mög­lichstes that, den mit vollem Dampf fahrenden Zug zum Halten zu bringen, sprangen der Kronprinz und seine Kinder aus dem Wagen und retteten fich über die Lisiöre der Bahn, während es auch dem Kutscher gelang, den Wagen zur Seite zu schaffen, ehe der Zug die Stelle passirte. Die Untersuchung über diesen Vorfall ist sofort eingeleitet worden.

Breslau, 5. Juni. Die hiesige katholisch­theologische Fakultät hat, wie dasSchief. Kirchenbl." erfährt, bereits ihre Vorschläge zur Besetzung des durch die Erhebung deS früheren Prof. ReinkenS zum Bischof vakant gewordenen Lehrstuhles der Kirchengeschichte dem Kultusministerium überreicht. An erster Stelle ist Dr. F. X. Kraus, Professor der Kunstgeschichte und der christlichen Archäo­logie in Straßburg, an zweiter Dr. Jo­hannes Janffen, Profeffor der Geschichte in Frankfurt a. M. vorgeschlagen. DasSchles. Kirchenblatt" glaubt, daß die Wahl des Mi­nisters auf Dr. Kraus fallen dürft«. Der aus der Polnisch-Raffelwitzer Affair« bekannte Weltpriester Reschka ist, nachdem er die über ihn verhängte Geldstrafe nicht bezahlt und die wiederholte Aufforderung, sich freiwillig zur Haft zu stellen, unbeachtet gelassen hat, nunmehr durch Sicherheitsbeamte aus Pol- nisch-Raffelwitz abgeholt und nach Neustadt OS. in das KreiSgefängniß gebracht wor­den. Wie aus Ober-Glogau berichtet wird, waren von der dort garnisonirenden 3. Es

kadron deS 2. Schlesischen Husaren Regiments Nr. 6 Kommandos vor dem Dorfe und am Ende desselben postirt, um bei einem nach den früher erwähnten Vorgängen immerhin möglichen Auflauf der fanatistrten Ein­wohnerschaft den mit der Verhaftung des Kaplans Beauftragten Schutz gewähren zu können. Die Beforgniß vor Exceffen erwies sich jedoch als unbegründet; nur eine Schaar Weiber gab unter Thränenergüffen und Ver­wünschungen Derer, welche die Kirche ver­folgten, ihrem Unwillen über die Verhaftung des jugendlichen Priesters einen ungefähr­lichen Ausdruck. Dem Herrn Kaplan soll e»ner Mittheilung derSchl. Ztg." zufolge die zur Deckung der Strafgelder nöthige Summe von Seiten der Gemeinde offerirt ">^den sein; er hat es aber vorgezogen, sich alsMärtyrer" ins Gefängniß bringen zu lassen. AuS Neurode geht der .Schl VolkSztg." die Nachricht zu,daß die be­absichtigte Firmungsreise des Herrn Kardinal Fürsterzbischofs von Prag bis auf Weitere« unterbleibt. Nach einer Mittheilung des Herrn Kardinals haben sich im letzten Augen­blick der beabsichtigten Reise Schwierigkeiten entgegeugestellt, welche dieselbe jetzt unmöglich machen.

Hannover, 7. Juni. Dem Grafen von Stollberg-Wenigerode, früherem Oberpräsi- denten unserer Provinz, ist von höheren Verwaltungsbeamten ein Album verehrt worden, welches außer der Widmung und Namm der Dedikanten 32 Photographien, Gebäude bezw. Landschaften der Provinz enthält. Die Ueberrcichung geschieht heute in Wernigerode durch eine Deputation von 4 Personen.

Stenten, 5. Juni. Der deutsche Ge- noflenschaftstag unter Dr. Schultze-Delitzsch's Lotung wird diesen Sommer hier tagen voraussichtlich vom 10. oder vom 24. August an. Zu seinem Empfange hat sich dieser

Herrn Director Dr. Ariedrich Wünschet zum Feste des ssjährizrn Gymnafial-Hirrrtorats.

Heir. iS, 15.

Wohl dem, der seiner Väter gern gedenkt!" Du thust es gern; und selbst von Gott befchmkt Mit Gaben reich, strebst Du den guten Klang Des Namens zu erhöh'n aus eignem Drang. Bas zart und lieblich, wohl und kräfttg klingt, Was aufwärts sich als reines Opfer schwingt, Das liebst Du, und in lautrer Silberschale Bringst goldne Aepfel Du zum guten Mähte.

An einem Tag*), vor andern auserkoren, Wardst in geweihtem Hause**) Du geboren, Benn Helios fährt in des Widders Zeichen, Wenn milde Tage, stille Nächte gleichen, Wenn Schöpfers Stimme neu sein Werde ruft, DaS Veilchen haucht bescheidm frischen Duft, Der treue Storch steht klappernd auf dem Neste, Alles rüstet sich zum Osterfeste.

Zu Hause, in der alten, neuen Zeit Tibst Du im Jahr von jedem Tag Bescheid, Wählst, wie Völker wuchsen, weiter zogen, Wie kühn sie rangen mit den Meereswogen; Mahlst die Thaten mächttger Heroen, Tie gleich den Flammen in der Nachzeit lohen, und jedes Werk zeigst Du in seinem Lichte, Entrollend klar die Bilder der Geschichte.

T« sengst nicht wie des Mittags heiße Glut, Zerstörst nicht, wie der Blitz im Sommer thut; Wer sah in jähem Zorn Dich je entbrennen, S** Dich zu Roß mit Schwert und Harnisch rennen? A4 wen'ger gleichst Du rauhem Wind aus Ost, Am kalten Land, erstarrt im Winterfrost.

Tu hältst die Hand dem Leidenden nie fern, 68 freut Dein Herz mit Fröhlichen sich gern.

*) 21. März.

*) In dem Kugelhof.

Ob Geister sich bekämpfen mannigfalt, In Staat und Kirche gähnt so mancher Spalt, Dem Salomo gleichst Du in jedem Streben, Denn Friede klingt im Namen Dir und Leben. Und wie der Mann, der aus Egyptenland Sein Volk geführt, trägst Du in fester Hand, Von Gott auf Adlerflügeln hergettagen, Den Stab, um harte Felsen anzuschlagm. Wer nennt mit Namm all' die schwere Last, Die Dir Geduldgem gönnet selten Rast? Anklopfendm die Ohrm willig leih'n, Den großen Haushalt halten schuldenrein, Berichte schreiben und oft hofpitteren, Urlaub ercheilen und gar tnqumeren, Die Confermz berufen, leiten, schließen, Gar viele Pflanzm pflegen und begießen, Besorgen für's Programm die Schulberichte, Für hohe Feste Redm und Gedichte, Die Masse Schülerhefte controllieren, Zeugnisse unterschreibm, vicarierm, Durch's schmale Kämmerlein Nachtschwärmer firafm, Damü die Herrn in Marburg ruhig schlafm. Das nenn' ich nur, und Du wirst selber wissen: Nur Blätter sind's, aus dickem Buch gerissen.

Was soll ich sagm von dem neuen Bau, Der jetzt die Fremden anlockt zum Beschau? Wie schwer zu heben war nicht mancher.Stein, Bis es gelang die Werkstatt einzuweihn! Du ließest dran die beste Inschrift schreiben: Sie soll der Schule fester Leitstern bleiben, Der Weisheit Anfang ist die Furcht des HErrn." Drum bleibm immer die Verächter fern!

Wer sagt von Dir: der Münscher ist schon Greis? Da Du, wenn unsre Lahn bedeckt das Eis, Mu schnellen Schwingm auf und nieder fliegst, Die Jugend selbst in raschem Lauf besiegst Und oft mit leichtem Fuß und starker Bmst Im Morgenthau besteigest Spiegelsluft, Doch ein's nicht theilest mit der [teilen Höh: Des Winters Phänomm, de« Hauptes Schnee.

Wie denkst Du doch von Deinem Thun bescheidm Magst nicht ein Lob von Mmschmlippm leiben ' Sagst lieber, wie das Rüstzeug auserlesen: Im Schwachm mächttg ist der HErr gewesen Durch höh're Kräfte bin ich was ich bin. ' Und so gestärkt laufft Du zum Ziele hin, Erfuhrst in Wahrheit: Einem ernsten Ringm Läßt Gott der HErr dm schönsten Sieg gelingen. Euch will ich Schüler, junge, alte, fragen: Und ungeschminkt sollt ihr die Wahrheit sagen! War Euer Wohl nicht immer fein Begehren? Bewährt er nicht als Vorbild gute Lehren? Weift er nicht hin auf unser höchstes Gut, Schürt er für's Vaterland nicht reine Glut? Umschließt er alle nicht in gleicher Siebe, Vertrauend auch dem angebomen Triebe?

Ist er bestrebt durch krittelndes Beschränkm Die frische Regung frohm Muts zu hänfen? Sagt mir: Wer hier die Reife hat erworbm, Wer ist im Sumpf verkommen und verdorbm? Wer nahm von ihm nicht mit die gute Wehr, Die ihm erwarb im Kampfe Sieg und Ehr? Beglücktm, die zum Ruhme aufgeftiegen, Stärkt' er die Schwingen, daß sie lernten fliegen. Wer Dank versagt der treu erfüllten Pflicht, Der lasse es. Die Welt pflegt anders nicht, Und wer gar schielt, Gebrechen auszuwittern, Der thue es, er weidet sich an Splittern.

Die Schar ist groß, die hmt Dich hier umkreist, Noch größer di«, die Grüße schickt im Geist, Bon Dank erfüllt an diesem Fest und Ziele Nah'n unsichtbar zum Dankaltare Viele.

Sie danken Gott, der Dich hat wunderbar Geführt, gestärkt die fünfundzwanzig Jahr, Da Du als Haupt hast könnm reichm Segm Weills Gott gefiel, in viele Seelen legen. Begleite RelCHer FRIEDe Deine Schritte Auf längrer Bahn! Und aufwärts steigt die Bitte- ES blühe Dir, dm SCHtoERen MUEfjN zum Lohne Und dem Verdienst die unverwelkte Krone!"

Marburg, 7. Juni 1874. _r