Ur 129
Marvurg, Freitag, den 5. Juni
1874
ilung
Sie Röche
wagte ich kaum einen Blick auf ihre bleichen, wie von Todespein verzerrten Züge zu werfen. Auf der höchsten Spitze der Sandhöhe stehend und. sich an mich klammernd, wehte sie mit ihrem Taschentuche und suchte mit ihren Augen die Dunkelheit zu durchdringen, um jeder Bewegung jenes einsamen Reiters folgen zu können, dem die Meereswellen mit furchtbarer Schnelligkeit immer näher und näher kamen.
Ich rief dem Unglücklichen mit aller Macht meiner Stimme zu, um ihm Muth einzusprechen, allein der Wind ließ die Worte ungehört verhallen. Inzwischen begann der Donner zu rollen, rothe Blitze zuckten über die See, und plötzlich trat Dunkelheit ein, während der Regen in Strömen niederfloß; aber wir ließen Alles unbeachtet. Wenn mein eigenes Leben auf dem Spiel gestanden hätte, so würde ich keine größere Angst
um den Schall dadurch zu verstärken. Hilton hörte mich auch, erkannte uns und antwortete mit einem Gegenrufe, der jedoch nur als ein schwacher Laut unser Ohr erreichte. Die Stimme menschlicher Sympathie und der Anblick desjenigen Wesens, das er so innig liebte gaben ihm neue Kraft, denn er hob sein Pferd mit dem Zügel und trieb es kräfliger vorwärts, woraus da« Thier plötzlich auf festeren Grund und Boden gelangte und, einen schärferen Schritt annehmend, mit lautem Wiehern den Kopf schüttelte.
Inzwischen waren die Wagen herangekommen und hielten still; allein die Pferde wurden durch die Blitze scheu und konnten
großen Schwierigkeiten verbunden und läßt sich nur durchführen, wenn die zu diesem Zwecke vorgeschriebenen Meldungen von den Beurlaubten regelmäßig erstattet und die Ordres zum Dienste, insbesondere auch zu den Controlversammlungcn, pünktlich befolgt werden. Verstöße hiergegen wurden bisher auf Grund der §§. 68 und 113 des Militär - Strafgesetz - Buches für da» deutsche Reich geahndet. Gegenwärtig jedoch ist ein anderes Mittel als das der strengen Freiheitsstrafe in Anwendung gekommen. Auf Grund der Bestimmungen im §. 67 des ReichsmilitärgesetzeS werden diejenigen Mannschaften, welche eine Ordre zum Dienst ohne ausreichende Entschuldigung unbefolgt lassen oder durch Unterlassung der vorgeschriebenen Meldungen sich der Controle länger als ein Jahr entziehen, abgesehen von der etwa noch anderweit über sie zu verhängenden Strafe, unter Verlängerung ihrer Dienstzeit in die nächst jüngere JahreS. classe versetzt. Dauert die Controlentziehung zwei Jahre und darüber, so können sie entsprechend noch weiter zurückgesctzt werden. Die Militärbehörden haben in dieser Richtung gesetzlich den weitesten Spielraum.
Pose», 2. Juni. Der Cultuöminister genehmigte die Einführung der deutschen Sprache als Unterrichtssprache in allen Classen des Gymnasiums Ostrowo und des Marien-GymnasiumS zu Posen, somit sind die letzten polnischen Gymnasien der Provinz Posen beseitigt.
Limburg, a. d. L., 1. Juni. Der Reisewagen des Bischofs Dr. Blum ist heute von Jacob Fachinger dahier für 245 Thlr. ersteigert und dem Bischof im großen Triumphzug, gezogen von hiesigen Bürgern, zurückgebracht worden.
Dresden, 1. Juni. Die zweite Kam- mer nahm heute ohne Debatte einstimmig den Gesetzentwurf, betreffend die Todeserklärung der in Folge des letzten Krieges vermißten Personen, unverändert an. Von den betreffenden Referenten wurde hierauf ür die Finanzdeputation über die Resultate >es Vereinigungsverfahrens zu den ver- chiedenen Ablheilungen deS ordentlichen Aus-
[vigmetiuiuptu: „Seit einer Reihe von Jahren hat die öffentliche Aufmerksamkeit, wie das Wohlwollen der Regierungen sich den Bestrebungen zugewendet, welche sich die Aufgabe stellen, durch Völker-
dcrliche Rücksicht aus die Bcstimmungen über die Provinzialfonds und Verwaltungsgerichte fehle. Dies ist unbegründet; denn bei Ausarbeitung deS Entwurfs der Provinzialord nung waren bereits die Grundsätze über Provinzialfonds und Verwaltungsgerichte sestgestellt, deßwegen auch berücksichtigt und eine Umarbeitung zur Ausnahme derselben ist nicht - nothwendig. Zur Vorlage im Landtage ist der Entwurf nur auS dem Grunde nicht gebracht worden, weil die Erledigung aus Mangel an Zett nicht zu erwarten gewesen wäre. Zu Abänderungen einzelner Punkte der Provinzialordnung mag wohl durch gelegentliche mündliche Erörte- rungen Anlaß gegeben worden sein.
— Die „Prov.-Corresp." meldet: Der Kaiser beabsichtigt, gegen Mitte deS Monats die Reise nach Ems anzutreten, wo der Kaiser von Rußland bis zum 19. d. zu verweilen gedenke. Beide innig befreundeten Herrscher würden dort noch ein mehrtägiges vertrauliche« Zusammenleben genießen können. An die etwa dreiwöchentliche Cur des Kaisers Wilhelm in Ems würde sich im Jause des Juli eine mehrwöchentliche Nachkur in Gastein anschließen. — Dasselbe Blatt bespricht in sehr ausführlicher und wohlwollender Weise die Adresse von Straßburger Bürgern an den Fürsten - Reichskanzler. Sie bezeichnet als die Aufgabe der im Kerne der elsässischen Bevölkerung wm- zelnden, durch Bildung, Besitz und Einfluß zur Führung der elsaß-lothringischen Geister berusenen Partei, die die Adresse an den Reichskanzler richtete, daß sie den Anschluß der Reichslande an Deutschland erleichtere und den wohlwollenden Absichten der Reichs regierung entgcgenkomme, deren Fürsorge für das Wohl Elsaß-Lothringens sich um so wirksamer erwiesen habe, als sie weder durch günstige Anzeichen zu übertriebenen Erwartungen verleitet, noch durch widerstrebende Kundgebungen verbittert werde. — Ueber den wiederholt erwähnten, für Ende Juli in Aussicht genommenen Kongreß für das Kriegs-Völkerrecht äußert die „Prov.
Der Flußkrebs und seine Verwandten.
Wohl belehrt und ein Blick in den Ka- lender, daß wir im Monat Mai leben, aber wie schlecht hat wenigstens bis zur Stunde, da diese Zeilen niedergeschrieben wurden, dieser sogenannte Wonnemonat seine Auf-
Urber die Dime«.
(Fortsetzung.)
war leichenblaß, aber die hektische ihrer Wangen stieg und schwand,
Deutsches Keich.
#• Berlin, 3. Juni. Die abgeschmackte ,tznlc" von der Candidatur eines preußischen Prinzen auf den spanischen Thron, so kenntlich sie daS Zeichen der frivolen Erfindung an sich trägt, schwimmt in dem Preßwasser noch immer lustig fort; die tendentiösen Erfinder mögen wohl sich selbst wundern, daß die Absicht, einige Unruhe zu verbreiten, namentlich in Spanien und Frankreich cini- germaßen gelungen ist; weiter hat eS doch keinen Zweck I kein irgend urtheilssähiger Mensch wird ernstlich nur an die Möglichkeit denken, daß der spanische Thron Gegenstand der Wünsche eines preußischen Prinzen oder staatsmännischer Machtcrweite- rungspläne nach den bisherigen Erfahrungen »och sein könne; aber es gibt eben auch viel urtheilslose Menschen, und diese zum Weikzeug preußmfeindlicher Agitationen zu machen, wird eben von gewisser Seite kein Mittel verschmäht. — Fürst Bismarck hat vor seiner Abreise nach Varzin in entschiedenster Weise die Absicht, sich aller geschäft lichen Thätigkeit zu enthalten, kund gegeben; auch der Geh. LegationSrath Bucher ist eor läufig noch in Berlin zurückgeblieben; über den Gebrauch einer Badekur ist nach der „Prov.-Corr." noch keine Entscheidung getroffen, oder es find die bezüglichen Inten lionru in das absoluteste Geheimniß gehüllt. — Die Vertretung der erledigten ersten Rachsstellr im Staatsministerium ist in den Händen deS Geh. RegierungSraths Zttel- mann, indrß sieht man der Ernennung eines Nachfolger« in der Kürze entgegen. — Als Nachfolger des Präsidenten Scheele, bishe rigen Chefs des ReichSeisenbahn-AmteS, ist in einigen Blättern auch der Geh. Ober Finanzrath Burkhardt bezeichnet wordm; in RegierungSkreisen wird diese Nachricht als wenig glaubwürdig mit Zweifel ausgenommen, und man nimmt an, daß diesem Ge> Ächt eine Verwechselung zu Grunde liege. — Eine angeblich beabsichtigte Umarbeitung der Provinzialordnung hat man unbegründeter Weise mit der Ausarbeitung einer Vorlage über die ProvinzialsondS und die Verwal- wngsgerichte in Beziehung gebracht. Jene
„Weshalb reitet er nicht in gerader Richtung auf das Ufer zu?" murmelte ich für mich. „Ah, jetzt ist er auf dem richtigen Wege! aber das arme Pferd kann nicht weiter! Um des Himmels willen, treibe eS an, gieb ihm die Sporen!"
„34 schrie mit aller Kraft meiner Lun^e und hielt die hohlen Hände vor den Mund,
daS Wasser dringt mit furchtbarer Schnellig- heran!"
Ich wollte den Knaben unterbrechn, aber kam zu spät. Die Worte waren gesprochen, und Emma stieß einen herzzerreißender Schrei auS. Unser Pferd mit Hülfe der Peitsche in Galopp setzend, erreichten mir nach wenigm Minuten die Stelle des UferS, von wo aus der Knabe die mitgecheilte Bemerkung gemacht hatte. Ich sprang aus dem Wagen und erkletterte mit Emma die steile Sandhöhe, welche einen freien Blick über die öden, jetzt von der Fluth schon großentheils bedeckten Dünen gewährte. Einige Regentropfen fielen, während der Wind gellend pfiff, die Seevögeln flogen, heiser schreiend, dem Lande zu, und in der Ferne rollte dumpf der Donner. Aber wir kümmerten uns nicht um Regen, Wind und Donner. Unsere Augen folgten einem Reiter, der sich mühsam durch den tiefen, feuchten Sand arbeitete, in den sein müdes Pferd mit jedem Sprunge bis an die Knie sank.
Der Reiter war Hilton, kein Zweifel konnte darüber sein I Aber wie kam er dort hin, und weshalb hatte er sich so lange auf dieser gefährlichen Sandwüste aufgehalten? Er mußte eine falsche Richtung eingeschlagen haben und war dann zwischen den trügerischen Pfuhlen in der Irre umhcrgeritten, denn ich sah deutlich, daß sein Pferd völlig erschöpft und an den keuchenden Seiten mit Koth und Sand bedeckt war, als wenn eS sich durch mehrere solcher Stellen gearbeitet hätte. Hinter ihm kam die See heran, schnell nnd erbarmungslos, in der Gestalt
«niriaen nimmt entgegen: ue Expedition d. Blattes, sowie die Annoncen-Bureaux rou Th. Dietrich & Co. m »affcl und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M.; Saasenstein & Bögler in Frankfurt a. M-, Berlin, Leip- ,jq Cöln rc.; Rudolf Moss« in Berlin, Frankfurt a. M. rc.
und ihre Augen funkelten seltsam. Bei ihrem schwachen Gesundheitszustände war jede heftige Aufregung höchst nachtheilig, und ich stöhnte deshalb innerlich über Hil- tou's wahnsinnigen Streich, obgleich ich mir alle Mühe gab, heiter zu erscheinen. Ihre Furcht vor dem Sturm und die chrer Mei- »ung nach daraus entspringenden Gefahren kür Henry verlachend, sprach ich zuversichtlich die Ucberzeugung aus, daß er längst Av- - ranches wohlbehalten erreicht haben und uns herzlich auslachen werde, wenn wir dort nach einer langen Fahrt durchnäßt aulangten. Ich glaubte meine Rolle vortrefflich zu spielen, aber konnte doch nicht den scharfen Blick eines Weibeö täuschen. 3hre Hand auf meinen Arm legend, sagte 6tnma:
. »Still, Georg, Du erschreckst mich, denn uh sehe deutlich, daß Du selbst besorgt um Aich bist. Ach, eS ist meine Schuld allein I 3$ hätte ihn bitten, anflchen sollen, bei Un< zu bleiben, und wenn er, — wenn er derunglückt —"
In diesem Augenblick kam einer der be- rittme» Knaben anstvoll herangesprengt und tief mir zu:
\ »Ach, Mr. Burton, wir haben einen Retter gesehen, der der Fluth zu entfliehen Ersucht! Gewiß ist eS Mr. Hilton! DaS Pferd scheint völlig erschöpft zu sein, und
rechtliche Vereinbarungen den Geboten der Menschenliebe auch inmitten deS Krieges nach Möglichkeit Achtung zu verschaffen und den Schrcckniffen der Bölkerkämpfe so weil Grenze zu setzen, als eS mit den Zwecken der Kriegführung überhaupt vereinbar erscheint. Wie man sich über gewisse Normen für die Pflege der Verwundeten verständigt hat, so ist neuerdings besonders der Plan angeregt worden, gemeinsame Grundsätze für die Behandlung der Kriegsgefangenen auf zustellen. Man hat in politischen Kreisen anerkannt, daß die Regierungen sich nicht der Pflicht entziehen dürfen, in gründliche Erwägung der Frage einzutreten, in wieweit der Gedanke sich verwirklichen taffe und eine Milderung der Härten des Krieges in Aussicht stelle. Mit besonders warmer Theilnahme hat der Kaiser Alexander von Rußland, wie alle Aufgaben und Werke edler Humanität, auch die Resormbrstrcbun- gen aus dem Gebiete deS Völkerrechts unter seinen Schutz genommen und zur Förderung derselben seinen wirksamen Einfluß geltend gemacht. Auf Grund einer von Seiten des russischen Cabinets ergangenen Einladung soll am 27. Juli d. I. zu Brüssel ein Kongreß von Regierungs-Abgeordneten zusammentreten, um eine Verständigung über die vorzugsweise angeregten Fragen des Kriegsvölkerrechts anzubahnen. Von Seiten der meisten Regierungen soll auf die Gn- ladung bereits eine zusagende Antwort er theilt wordm sein. ES unterliegt keinem Zweifel, daß dem Congreß auch die Betheiligung deS Deutschen Reiches gesichert ist."
— Dem Beurlaubtenstande des dmtschen Reichsheeres gehören schon jetzt, da die Classen nahezu vollzählig sind, fast li/2 Millionen Mann an. Die Controle aller dieser Mannschaften von deren Genauigkeit der sichere Verlauf der Mobilisirung deS Heeres wesentlich abhängt, ist unter den gegenwärtigen Verkehrsverhältnissen mit einer niedrigen, dunkeblauen Wasserwand, die vom Schaum gekrönt, daS Ufer verschlingen zu wollen schien. Je näher die Fluth kam, desto feuchter und weicher wurde der Sand, so daß das arme Pferd furchtbare Anstrmgungen machen mußte, um vorwärts zu kommen.
Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdrückerei) bezogen 22i Sar durck t>»ZftZZ?« l-k-l. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Sgr. - Jnsntionsgebühr für di- je«, i''©«. W 87 ®*r>
Für tn der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 2j Sgr. berechnet.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte«, sowie die Annoncen-Bureaux von G. L. Daube & Co. in Frankfurt a. M.; Jäger'scht' Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, A. Rete- meyer in Berlin; Carl Schüß- ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen-
sollte der Behauptung nach nothwendig ge->Corresp." sich folgendermaßen: worden sein, weil dem Entwurf die erfor r ~ —
nur mit Mühe ruhig erhalten werden. Einige
£ u t t . - ----- Personen verließen die Wagen und stiegen
empfunden haben, und was Ema betraf, so zu uns empor, um beim Anblick der grausen- waato id> kaum riM.NMMfib.tw4. 'hasten Scene, welche sich ihren Augen bot, gleich uns von Schrecken ergriffen zu werden.
„Er ist jetzt dem Ufer näher, — das Pferd geht schneller — er ist gerrettet — gerettet! — Henry! Henry!" rief Emma, als sie ihn festeren Boden erreichen sah, aber wandte sich im nächsten Augenblick, während der Sturm abermals losbrach, in neuer Todesangst zu mir und sagte: „Georg, Bruder, sprich, — nicht wahr, er ist gerettet?" (Schluß folgt-)