Vr. 122.
Marburg, Donnerstag, den 28. Mai.
1874.
Anzeigen nimmt entgegen: »je Expedition d. Blattes, sowie die Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. m flaffel und Hannover; Th. Dietrich hi Frankfurt a. M-; vaasenstein & Vogler in Frankfurt a. M., Berkin, Leip- nq, Köln rc.; Rudolf Moss, in Berlin, Frankfurt a. M. rc.
WerhtMe Jalung.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie die Annoncen-Bureaux von G. L. Daube & Co. in Frankfurt a. M.; Jäger'sche Buchhandlung in Frankfurts. M.; Jnvalidendank, A. Rete- meyer in Berlin; Carl Schußler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.
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Deutsches Reich.
«« Berlin, 26. Mai. Fürst Bismarck hat Berlin noch nicht verlassen und wird nunmehr auch die Rückkehr deS Kaisers jedenfalls hier erwarten. Die kalte Witterung in voriger Woche halte auch auf das Befinden des Reichskanzlers ungünstig eingewirkt; Freitag hatten dir rheumatischen Schmerzen wieder sich gesteigert, so daß man einen Rückfall befürchtete; Sonnabend indesten trat wieder vielleicht in Folge der wärmeren Temperatur, Besserung ein. Der Aufenthalt in Barzin ist auf pp. drei Wochen berechnet; ob der Fürst dann ein Bad besuchen wird und welches? ist weiterer Entscheidung Vorbehalten worden. — Die Ernennung deS Herrn v. Wctther für den Gesandtschaftsposten in Konstantinopel ist nunmehr vom Kaiser bestätigt worden; für Stockholm ist Herr v. Eichmann, für Brüssel Graf Per» poncher, für den Haag Herr v. Kanitz mit dem Grsandschaftsposten betraut worden. Graf Hatzfeld hat die Mission erhalten in Madrid die Beziehungen zur spanischen Regierung zu pflegen und ist mit dem Rang eines Gesandten begleitet worden. — Ueber die Besetzung der ersten Rathsftelle im Staatö- ministcrium an Geh. Rath Jacobi's Stelle bringen die Blätter noch immer verschiedene Meldungen, welche sich nicht bestätigen dürften. Daß Geh. Legationsrath Bucher seine wichtige Stellung in der Nähe des Reichs kanzlcrs mit jener zu vertauschen gesonnen und auSersehen sei, wie daS Gerücht be hauptete, erfährt den entschiedensten Wider spruch, ebenso die angebliche Candidatur des Geheimrath Persius im Ministerium des Innern. Auch letzterer hat wie der erstgenannte in seiner jetzigen Stellung eine so wichtige Mission in der Bearbeitung der Organisation der provinziellen Selbstverwaltung, daß seine Bestimmung jür eine andere Stellung weder gejucht noch gewünscht werden dürfte. — Die Meldung der „Deutsch. Reichs-Corr." über intendirte Veränderung dtt Organisation der Regierung-Presse ist so wenig begründtt, daß schon tatsächliche Notizen zur Widerlegung genügen dürften. — Die „Prov. Corresp." welche nach der „D. R. C." sistirt werden sollte, erscheint in einer Auslage von 50,000 Exemplaren und ihre wichtigeren Artikel werden außer- ~l ---------
dem von der großen Mehrzahl aller Blätter fast jeder Richtung ganz oder teilweise reproducirt; ihr Einfluß ist daher um so weitreichender, wie ihn nie ein Regierungsorgan besessen und er nicht leicht von einem solchen wieder erreicht werden dürfte. „Hine illae lacrimae!" — Das „Reichspreßbureau" mit welchem angeblich daS literarische Bureau deS kgl. StaatSministerium vereinigt werden sollte, existirt gar nicht wie selbst der Reichs kanzler gelegentlich erklärt hat, kann also auch nicht vereinigt werden.
— Der Landrath des Kreises Siegen, Freiherr von Dörnberg, ist als HülfSar- beiter in das Handelsministerium berufen worden.
— Der Abgeordnete von Mallinckrodt (Mitglied der Centrumsfraction) ist gestern Morgen in feiner Wohnung, Köthenerstraße, plötzlich verstorben.
Potsdam, 23. Mai. Das Bestreben der Staatsregierung, dem Unterrichte in den Naturwissenschaften größere Sorgfalt in der gehobenen Volksschule, den Mittelschulen für Knaben und Mädchen und den Schullehrer- Seminarien zu Theil werden zu lassen, wie dies der hohe Standpunkt gedachter Wissenschaften in der heutigen Zeit gebieterisch fordert, tritt immer bestimmter heraus. Weil der Unterricht in der Physik und Chemie ohne Experiment und Apparat und ohne eine gewisie Geschicklichkeit der Lehrer in der Handhabung desselben nicht fruchtbringend ertheilt werden kann, so hat der Herr Unterrichts-Minister Dr. Falk einen vierwöchentlichen Cursus in der Experimental- Chemie und -Physik für Seminarlehrer aus allen Provinzen des preußischen Staates für die Zeit vom 13. September bis 10. October d. I angrordnet. Es findet dieser CursuS an der hiesigen Provincial-Gewerbe schule Statt, und ist die Leitung desselben dem Direktor dieser Anstalt, Herrn Langhoff, im Anschluß an dessen unlängst erschienenes Werk „Chemie für Mittelschulen" von dem Herrn UnterrichtS-Minister übertragen worden.
Bonn, 25. Mai Am Mittwoch den 27. d. wird hier die erste altkatholische Synode eröffnet werden. Außer dem Bischof Reinkens, welcher den Vorsitz führen wird, sind noch der auf dem Constanzer Congreß angenom
Der Kiiskiinig.
Novelle von M. v. Roskowska.
(Fortsetzung.)
Lebensmittel mangelten sehr, außer Wild, das in den meilenweiten Forsten genug vor Händen und von den Feudalherren meist auf Kosten der Bauern gepflegt, jetzt bei brr Flucht jener fast herrenlos geworden. Namentlich besaßen die in die Einöden Geflüchteten nicht Brod oder Mehl und die Kinder litten darunter sehr. DaS Innere deS Gebirges producirt nicht seinen Gtreide- bedarf; die Kartoffel, jetzt das HauptnahrungS- mittel deS WestricherS, ward damals noch nicht angebaut und die Franzosen nahmen btn reichen Kornüberfluß der Rheinebene in besitz ober zerstörten ihn schonungslos Gegen die aufständischen Bauern aber war hi der letzten Zeit mit solchem Nachdruck und solcher Uebermacht vorgegangen worven, baß ihrer nur noch Wenige übrig geblieben "nd diese, bis auf DietherS Häuflein, zerstreut und entmuthigt waren. Da gab eS denn in der Drachenkammer keine fröhliche Unter Haltung. Dieselbe drehte sich vielmehr stets um die eigenen traurigen Erlebniffe oder bie^ Schrecknisse des Krieges. ES war zu befürchten, daß auch jetzt wieder solch Elend htteinbreche, wie in jenem fürchterlichen Dreißigjährigen Kampfe. Ganze Dörfer starben damals auS und verschwanden vom Erdboden und die wenigen Ueberbleibenden uühtten sich oft von gräßlichem unmensch
lichem Fräße. Leichen wurden verzehrt und Lebendige zur Speise getödtet. Ein elfjähriges Mädchen im Zweibrückischen schlachtete den kleinen Bruder, um Wurst auS seinem Körper zu machen und Mancher soll sein Leben nur darum erhalten haben, weil er sich nicht gescheut, ein Kannibale zu werden. Bei solchen traurigen Aussichten für die Zukunft der unglücklichen Gegend sahen die Inhaber der Drachenkammer in der vornehmen Dame ein Pfand, sich vor dem Aergsten zu bewahren und behandelten sie demgemäß so zuvorkommend, wie die Umstände eS irgend erlaubten. Ihre scheinbare Hinfälligkeit machte scharfe Bewachung überflüssig.
DaS benutzte die Marquise zur Flucht. Einer weiten Wanderung in diesen Wild- niffen wäre ihre Körperkraft, trotz ihres MvlheS und ihrer Entschlossenheit, nicht gewachsen gewesen; allein sie traf sehr bald auf einen Trupp Franzosen, der mit ihrer Befreiung beauftragt worden. Die Zofe hatte sich krank stellen müffen um zurückzubleiben und den rasch heranrückenden Soldaten daS Mißgeschick ihrer Herrin mitzu- theilen. — Renee selber war eS gelungen, von Zeit zu Zeit unbemerkt durch einen Zeugfetzen von der Kleidung ihres Kutschers ihren Befreiern den Weg, den man sie geführt hatte, zu bezeichnen.
Jetzt kehrte sie nicht nach der Drachenkammer zurück; das armselige Volk reizte
menen Synodal- und Gemeinde-Ordnung Mitglieder der Synode: Die Mitglieder der Synodal-Repräsentanz (die Geistlichen Professoren Friedrich, Knoodt, Michelis und Reusch und die Laien Geh -Rath v. Schulte, die Professoren Cornelius und Gänglcr, Appellationsgerichtsrath Rottels und Sani- tätsrath Hasenclever), alle altkatholischen Geistlichen und Abgeordnete der Gemeinden (im Allgemeinen je einer auf 200 selbständige Männer). Die Sitzungen der Synode werden im Musiksaale der Universität gehalten; nur Mitglieder der Synode haben Zutritt zu denselben. Voraussichtlich werden dieselben drei Tage dauern. Mittwoch Morgen 7Vz Uhr wird zur Feier der Eröffnung der Synode Bischof Reinkenö in der Schloßcapelle die Messe celebriren; Donnerstag wird in der Kirchhofscapelle eine Messe für die Verstorbenen gehalten und Freitag wird der Bischof einem der altkatholischen Theologie Studirenden, welcher fein akademisches Triennium vollendet hat, in der Schloßcapelle die vier niederen Weihen und die Sub- diakonatsweihe ertheilen. Den ersten Be- ralhungsgegenstand der Synode wird die Synodal- und Gemeindeordnung bilden; demnächst werden specielle Fragen der Or ganisalion und Reformen in der Tisciplin und Liturgie zur Verhandlung kommen.
DreSde», 23. Mai. Die ständige Deputation des deutschen Juristeneages ist für den 25. d., M. zu einer Conferenz nach Leipzig einberufen worden. Es soll auch über den Antrag Beschluß gefaßt werden, daß für dieses Jahr die Versammlung des Juristentages ausgesetzt werde.
Weimar, 22. Mai. In der verfloffenen Session unseres Landtages ist für das ge sammte UnterrichtSwesen viel Gutes und Ersprießliches mit erheblichem Aufwand an finanziellen Mitteln beschlossen worden. Von besonderem Interesse ist jedoch, daß das Princip deS Schulzwanges eine bemerkens- werthe Ausdehnung erfahren hat, in so fern als der Schulzwang für „Diersinnige" ein- gesührt worden ist. Die Taubstummen- und Blinden-Anstalt in Weimar leistet sehr Erhebliches in der Pflege und Ausbildung dieser beklagenswenhen Stiefkinder der Natur, aber die Eltern solcher unglücklichen Geschöpse verabsäumen leider nur zu oft, theils aus
Vorurtheil, theils aus Gleichgültigkeit, diese der Anstalt anzuvertrauen und sic dort zu nützlichen Mitgliedern der menschlichen Gesellschaft ausbilden zu lassen. Der Schulzwang, wie er nunmehr eingeführt ist, wird der Anstalt die volle Entfaltung ihrer Thä- tigkeit gestatten und sicherlich sehr segensreiche Resultate erzielen. Andere deutsche Staaten werden diesem humanen Vorgehen Weimars unzweifelhaft nachfolgen.
Karlsruhe, 23. Mai. Die Zweite Kammer hat in einer dreitägigen Verhandlung, die einmal bis zu einer Dauer von neun Stunden stieg, von dem Gesetzentwürfe über die Einkommensteuer, der 42 Artikel enthält, erst deren sechs erledigt, und sich am 22. d. bis zum 27. vertagt. Die Schwierigkeiten des wichtigen, übrigens mit sorgfältiger Benutzung der neuesten Erfahrungen und Arbeiten auf diesem Gebiete ausgearbeiteten Gesetzes vermehren sich unter der Detailberathung, die jedenfalls noch mehrere Tage in Anspruch nehmen wird. Die Annahme des Gesetzes, wenn auch mit manchen Abänderungen, ist wahrscheinlich. Verworfen wurde eine Ausnahmestellung der Actiengesellschasten, jedoch ein Zusatz angenommen, wonach 5 Procent des Actien- capitals als Schuldzinsen vom Reinertrag bei der Besteuerung in Abzug gebracht werden können. Präsident Kiersuer ist leider ernstlich erkrankt. — Pfarrer Dilger hat sein neues Amt bei der altkatholischen Gemeinde in Pforzheim angetreten. Eine von den Mannheimer Altkatholiken an die Pfingst- synode gerichtete Denkschrift macht eine Reihe Reformvorschläge, darunter Abschaffung der au die Heiligen gerichteten Gebete und aller nicht einzig der Gottesverehrung gewidmeten Feiertage, mit Ausnahme von Allerheiligen und Allerseelen, Einführung der deutschen Sprache in den Gottesdienst, Verminderung von Pomp und theatralischem Gepränge, Aushebung des Cölibats, des Beichtzwanges und Verminderung der sogenannten Ge- wohnheitSbeichte.
Stuttgart, 22 Mai. In der heutigen Sitzung der Kammer der Abgeordneten kam der Gesetzentwurf über |bie Errichtung von Handels- und Gewerbekammern zur Verhandlung, wobei sich die Debatte hauptsächlich um die Frage drehte, ob sich diese Kammern
der sich
Die Marquise hatte noch ein anderes Geschäft in der Gegend. Sie kam im vorigen Jahre hierher, um den Leininger durch eine beträchtliche Summe für Frankreich zu gewinnen, — mußte sich jedoch davon überzeugen, daß hier kein Feld für ihre Thätigkeit war, ohne sich der einmal verabredeten Begleitung der gräflichen Familie in das Bad Neuleiningen entziehen zu können. Der Besitz so vielen Geldes hatte Verdacht erregt — bargen die Koffer und Kisten der Damen bei dem Ausfluge doch nur deren Toilette: bei dem Erkranken ihrer Dienerin hatte sie die Neugier der fremden Zofe zu fürchten, und ließ daher unter ihren Augen durch Charles das Geld in den Ruinen der Abtei Limburg verbergen. Sie dachte es bei der Rückreise mitzunehmen, schlug jedoch, unablässig thätig für ihre Zwecke, nvthge- drungen einen andern Weg ein. Charles darnach zu senden, war nicht ralhsam, erst mit dem Vordringen Soldaten des Königs Ludwig ließ sie ihn nach Dürkheim ziehen, — er hatte indeß das Nest leer, die goldenen Eier ausgenommen, gefunden. Dies schien ihr unglaublich; jetzt überzeugte sie sich selber davon, daß er nicht, wie sie meinte, an unrechter Stelle gesucht. Uebriges hatte sie auch zuweilen dem Argwohn Raum ge-
erwarlet anfiel, nun gleichfalls im Rücken nehmen zu lassen.
Der Kampf war heftig, ward ober zuletzt, wie vorauSzusehen, für die Uebermacht entschieden. Die Franzosen erstiegen das feste Schloß und hausten darin nach damaligem wildem Kriegsbrauch — ein Theil der Besatzung, wie der hierher geflüchteten Bürger und Landleute, entkam jedoch glücklich in die Wälder, wo jede Verfolgung aufhören mußte.
Tiether hatte mit noch größerer Unerschrockenheit als sonst gestritten. Selbst als er sich umringt sah, fein treues Häuflein zersprengt oder gefallen war, wollte er von Ergebung nichts wissen, sich bis zum letzten Athemzug verlheidigeu. Da ließ ihn der Ruf seines Namens stutzen. Es war eine weibliche Stimme! Wenn etwa Bärbel, seiner Hilfe bedürfend, ihn von ferne er fannt hatte? Obschon aus mehreren Wunden blutend, schlug er mit einem gewaltigen Streich den nächsten Franzosen nieder; fast gleichzeitig aber riß man ihn, trotz seines verzweifelten Widerstandes, hinterrücks zu Boden. Eine Ohnmacht umnebelte feine Sinne. Er wußte nichts davon, daß ein
nicht ihre Rachelust, da eS seinem Schicksal blauer Mantel mit gelbem Kragen und ohnehin nicht entging, und sie Wichtigeres Futter über ihn geworfen, und er dann auf zu thun hatte. Ohne sich Rast zu gönnen, einen Wagen gebracht wurde, I begleitete fie die Soldaten nach dem Jäger- schleunig vom Kampfplatz entfernte.
thal, kam eben recht zum Sturme, und dazu, - - — -
DietherS Häuflein, daS die stürmenden un