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Hr 99.

Marburg, Mittwoch, den 29. April.

187J5L

Anzeigen nimmt entgegen:

fefltebttion d. Blattes, fswic die Annoncen-Bureaux non LH. Dietrich & Cv. in Staffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M.; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a. M-, Berlin, Leip­zig, Cölnrc.; Rudolf Mofse m Berlin, Frankfurt a. M. rc.

OberheMe Intung.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d- Blattes, sowie die Annoncen-Bureaux von G- L- Daube & Co. in Frankfurt a. M-; Jäger'sche Buchhandlung in Frankfurts. M; Jnvalidendank, A- Rete- meyer in Berlin; Carl Schuß­ler in Hannover; C- Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn» und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 234 Sgr., durch die Postämter 27 Lar. (excl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Sgr. Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr.

Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden Sgr. berechnet.

L»efte«ungen auf dievberh. Zeitung" 30 für die Monate Mai und Juni wer­den von allen Postanstalten, für Marburg und Uwgegeud in der Expedition entgegen- geuomwen.

" Dentsche, «eich.

* Berlin, 27. April. Das von den Blättern veröffentlichte Schreiben des Grafen Arnim an den Stiftsprobst Dr. Döllinger hat die öffentliche Aufmerksamkeit in erhöhtem Grade dieser Angelegenheit zugewendet und wird in allen Kreisen lebhaft besprochen. Die gereizte Stimmung, welche in dem Schreiben Ausdruck findet ist natürlich nicht unbemerkt geblieben und bietet vollkommen Gelegenheit die schon viel besprochenen Be­ziehungen oder angeblichen Differenzen zwischen dem Verfasser deS Briefes und dem Reichs­kanzler nunmehr einer näheren Beleuchtung zu unterwerfen. Das Gerücht, daß Graf Arnim beabsichtige auf den Botschafterposten zu resigniren, hat durch diese schars zuge spitzte Kundgebung neue Nahrung erhalten; ob eS sich bestätigen wird, bleibt abzuwarten Ziemlich übereinstimmend wird von den ver­schiedensten Parteistandpunkten auS anerkannt, daß durch die Veröffentlichung des Schris- tenwechsclS über die ConcilSangelegenheit die vorsichtige, correcle und konsequente Haltung des Fürsten Bismarck Überzeugmd documen- tüt worden sei und daß eine wirksamere Begründung deS Rechtes auf Seiten der deutschen Regierung zu dem Verhalten und Vorgehen gegen die Römische Curie nicht hätte gebracht werden können. DaS ge­wissenhafte bestimmte Ablehnen übereilter diplomatischer Einmischung vor constatirtem Uebergriff der Kirche in dir RechtSsphSrc deS Staats hat, wie allseitig anerkannt wird, wesentlich dazu beigetragen die Situation in der öffentlichen Meinung zu klären und diese zu Gunsten des Staate« gegen den Angreifer zu influiren. Allerdings ist der Kampf zur vollen Entwickelung gekommen und nicht im Keime erstickt worden; aber mehr als ein fauler oder ein fcheinbarer Friede wäre auf keinen Fall mit Rom zu erreichen gewesen und der günstige Moment für den Staat eine Existenzfrage zur Ent- stheidung kommen zu taffen, wäre damit

versäumt worden. Auch in den Kreisen der strengsten kirchlichen Richtung begegnet man dieser Auffassung. Zn Veranlassung des Beschluffes deS Abgeordnetenhauses hat der CultuSminister die Provinzialbehörden an­gewiesen Bericht zu erstatten über die that- sächlichen Verhältnisse des Unterrichts für Taubstumme und Blinde. Auf Grund einer statistischen Ueberstcht über das Bedürfniß und die Mittel zum Taubstummen- und Blindenunterricht soll die weitere Ausdehnung deffelben in'« Auge gefaßt werdm.

Söln, 27. April Durch das heute verkündigte Urtheil der hiesigen Appell-In­stanz in dem Prozeß Reinkens gegen die Deutsche Reichszeitung" wird das Erkennt niß des ersten Richters (5 Monate Gefäng- niß gegen den Rcdacteur EmonS und 500 Thlr. Geldbuße eventuell 5 Monate Ge- fängniß gegen den Verleger Hauptmann) bestätigt.

Bo»«, 25. April. Bischof Reinkens und Geheimrath v. Schulte haben unterm 7. d. M. folgendes, die Abhaltung einer alt katholischen Synode betreffendes Proclam erlaffen:Da unsere erste Synode im Geiste der alten katholischen Kirche während der diesjährigen Pfingstwoche stattfinden soll, so fordern wir hierdurch jetzt schon mit Bezug auf § 26 der Synodal- und Gemeinde-Ord­nung auf, Anträge rc. bis zum 12. Mai c. au die Synodal Repräsentanz einzureichen. Der Tag deS Beginnes der Synode und die Zahl der zu wählenden Delegirten wird Ende April in einer direkten Zuschrift an alle Gemeinden und Vereine bezeichnet und bekannt gegeben werden. Bonn, den 7. April 1874. Reinkens, v. Schulte."

Schwert«, 25. April. Ende v. I. ist für die vom Deutschen Reiche auszusendenden Expeditionen zur Beobachtung des nächsten VenuS Ueberganges hier eine astronomisch­photographische Versuch»- und Einübungs- Station errichtet worden, damit, gleichwie auf den Versuchs- und Einübungs-Stationen in Berlin und Straßburg, die betreffenden Expeditionsmitglieder mit den ihnen zufal­lenden Aufgaben schon vertraut gemacht und für die Spezialbeobachtungen eingeübt wür

Mit grhrschene« Flügeln.

Novelle von Adelheid von Auer.

(Fortsetzung.)

Wo war denn ihre lichte Helle Welt ge­blieben, wo war der goldne Stirnenglanz, in dem sie gewandelt, wo war denn Glück und Unschuld, Wahrheit und Lauterkeit? Ach, wie sie sonst nichts als Licht geschaut, sah sie jetzt nichts als tiefe Nacht. Alles Schöne, Gute, Edle, was sie geliebt in der Welt, sie suchte es nur noch in seinem Herzen, und sein Herz lag da, kämpfend und ringend mit derselben furchtbaren Erkenntniß, die auch ihren Flug tödtlich gelähmt, lag da verblutend am Schmerz sterbend, weil Andere gesündigt.

Helene kämpfte einen entsetzlichen Kamps in ihrem Innern, einen Kampf, der schon manches Herz besiegt und es getrieben hat yi finsterem Menschenhaß, zu ungerechter Wellverachtung.

Aber ihr Herz war so warm, so wohl­wollend ; in seiner tiefsten Tiefe lebte etwas, was den Zorn verscheuchte und den Haß nicht litt. Als der Morgen sich emporge- rungm auS dem Schooß der Nacht, als nach angstvoll verwachte» Stunden Felix eine scheinbare Ruhe genoß, als Florine kam und nach dem Krankm fragte, da trat Helene ihr mit einem Antlitz entgegen, auf dem zwar alles Leid der Erde eingegraben schien, aller Schmerz über ihre Unvollkommenheit, fieses Grauen vor ihrem falschm Schein, vor ihrem heuchlerischen Gewebe von List und Trug, unaussprechliche- Weh über da« eigen

zertrümmerte Glück, ober nichts von Verach­tung , nicht» von Anklage, nichts von Haß

Florinen traten die Thränen in die Augen, al» sie in Helenens Antlitz sah. Die Ju­gend war daraus verweht, das süße Ver­trauen deS KindeS: und die Reife der Er fahrung, die der Mensch sich sonst durch ein ganze- Leben voll Täuschung und Trüb­sal erringt, die hatte Eine Nacht in diese jungen Züge geschrieben.

Eine Blume im Entsalten gebrochen, ein Vogel im frohen Fluge nach oben kraftlos niedergesunken, so erschien sie ihr.

Sie hätte ihre Seele ausweinen mögen darüber, und doch lag eine stille Würde in Helenen- Wesen, die unwillkürlich gebot, die Thränen zurückzudrängen. Sie war so ge­wohnt gewesen, Helene getragen zu sehen von Freude und Hoffnung; e- flößte ihr Achtung ein, daß sie ohne Klage weiterschritt, nun die Freude verwelkt, nun die Hoffnung zertrümmert war.

Noch hatte Helenens Leben ein Ziel, noch durste sie nicht zusammenbrechen.

ES wurde als selbstverständlich angenom. men, daß sie nicht von des Krankm Seite wich. Weder FlorinenS leicht erregte Prü derie sträubte sich dagegen, noch der Groß­mama Angst und Sorge um Helenens eige­nes Wohl.

Denn sie war gekommen, die alte Frau! Florinen's Hilferuf hatte sie der geliebten Waldeinsamkeit eniriffen; sie stand treu dem Mädchen zur Seite, das sie vor wenigen Monaten als spielmdeS heiteres Kind Ver­

den. Nachdem das interne photographische Observatorium der Kerguelen-Expedition hier eingetroffen und aufgestellt war, hat die Untersuchung verschiedener astronomisch-pho rographischer Fragen der Sonnenphotographie und Einübung der Photographen begonnen. Zur Unterstützung deS Geh. Kanzleirathes Paschen, welcher die Vorarbeiten zur photo­graphischen Aufnahme der Sonne einleitete und während derselben verstarb, traf im Sommer v. I. der Astronom Dr. Weineck, auS Ofen gebürtig, der ursprünglich von dem königl. ungarischen Ministerium auSge sandt war, um die Sternwarten zu bereisen und zu stndiren, hier ein und ist demselben die Fortführung der Untersuchungen über­tragen worden. In dem Küchengarten deS großherzogl Schloßgartens ist die Station errichtet und werdm auf derselbm jetzt täg­lich Sonnmbilder ausgenommen, welche die Sonnenflecken, Sonnenfackeln und die Gra­nulation der Sonne mit ungemeiner Schärfe wiedergeben Die Station wurde mehrfach von dem Großherzoge und der großherzogl. Familie in Augenschein genommen und ließen die Allerhöchsten Herrschaften sich mehrfach vom Dr. Weineck Vortrag halten. Die für die Kerguelen bestimmte Expedition wird Anfangs Juli auf der Kriegs-KorvetteDie Gazelle" von Kiel auS die Reise antreten. An dieser Expedition werden Theil nehmen Dr. Boergen, Direktor der Sternwarte in Wilhelmshaven, der Astronom Dr. Weineck, ein dritter noch zu ernennender Astronom, der Zoologe Dr. Sinder auS Bern, der Kammer-Photograph Bodzin zu Schwerin und der MechanikuS Crille zu Schwerin.

Leipzig, 26. April. DasLeipz. Tagbl." theilt nachträglich den Namm de« aus dem Dienst entlassenen Offiziers de» Infanterie Regiments Nr. 107 mit. Es ist der Premier Lieutenant v. Uslar Gleichen, wel­cher seiner Zeit auS der vormaligen hannö- ver'schm Armee in da- zwölfte Armee Corps übertrat. Das Blatt vernimmt in Bezug auf den Vorfall noch, daß der König, al» die Handlungsweise genannten Officiers zu seiner Kmntniß gelangt war, alsbald dir Ausschließung desselben au» der Armee ver­fügt und, als Hr. v. U. und deffen Bruder

lassen, daS sie wicderfand wie eine Märtyrerin kämpfend mit dem Weh der Welt.

An ihrer Brust hatte Helene die ersten Thränen geweint über daS furchtbare Schick­sal, das sie betroffen, die ersten und die letzten: Denn sie wollte nicht »einen, sie wollte nicht schwach sein, ihr Leben, ihre Kraft gehörtet, ihm; so lange er lebte, mußte sie da für ihn sein weiter dachte sie nicht.

Noch hatte Felix sie nicht ein einziges Mal erkannt; noch hatte ihr Bild sich nur unklar in seine wilden Phantasien gemischt; eS war, als muffe er die Qual erst auS- toben, die daS Verbrechen seiner Eltern in ihm erregt. Der Arzt kam täglich, früh und spät; die Wunde bedurfte nicht großer Sorgfalt, sie war nur leicht; gegen da­tobende Gehirnfieber kämpfte die Wissenschaft vergeben». Der Arzt sah den vergeblichen Kampf; aber er kam, benit er liebte den jungen Mann; er fühlte fast Verehrung für das jungf, sonst so leichtherzige Mädchm, das jo still die schwere Bürde trug. Sein Kommen brachte ihr Trost, das war sein ganzer Ersolg: sein schöner Beruf zeigte ihm hier in der jedem menschlichen Berus eigenen Unvollkommenheit seine tiefe Schattenseite.

Ist keine Hoffnung?" fragte die Groß, mama.

Nur die aus den Tod," erwiderte der Arzt und eine Thräne glänzte in seinem Auge,sein Leben bliebe doch nur eine unheilbare GeifteSnacht."

ES vergingen traurige Tage. Die wilden Phantasten des Kranken milberten sich nicht,

um eine Audienz baten, eS ablehnte, dieselben zu empfangen.

München, 26. April. In militärischen Kreisen verlautet, daß der Kriegsminister dem Könige neuerdings Vorschlägen werde, den Raupenhelm in der bairischen Armee abzu­schaffen und anstatt deffelben Pickelhauben, wie jetzt bereits von der GenSdarmerie ge­tragen werden, einzuführen.

Änfllaxl.

Prag, 25. April. Das hiesige Abend­blatt bespricht die gegenwärtige wirthschaft- liche Sage der Monarchie im Allgemeinen und Böhmen« insbesondre. Eine gute Aernte und die Inangriffnahme zahlreicher öffent­licher Arbeiten würden sicherlich die Wendung zum Besten beschleunigen. WaS nun die Aussichten auf die nächste Aernte betreffe, so seien sie im Großen und Ganzen bis jetzt günstig. WaS aber eine gute Aernte in Ungarn für die EmShmngSverhältniffe des ganzen Reichs und in zweiter Linie für die Industrie Böhmens zu bedeuten habe, das bedürfe wohl nicht erst einer besonder» Hervorhebung, da ja bekanntlich die Länder der St. Stephans-Krone die stärksten Con- sumenten für böhmische Fabrikate seien und in guten Jahren so zu sagen die halbe Welt mit billigen Bodenfrüchten versorgen. Andererseits sei in Böhmen die Inangriff­nahme größerer Eisenbahnbauten nur noch eine Frage von wenigen Wochen, da dieselbe bei den Linien Pilsm-Klattau-Eisenftein, Falkenau-Graßlitz und Rakonic-Przibram- Protivin in unmittelbarer Aussicht stehe. An der Linie Chotzen-Braunau werde be­reits mit großem Eifer gearbeitet, und auch die sonstige Bauihätigkeit fange an, sich stärker zu entfalten. Die Demolirung der Schanzen in Prag dürfte ebenfalls kaum lange auf sich warten lassen. Die Land- wirthschaft beschäftige gegenwärtig auch schon eine Menge von Arbeitskräften, die den Winter über gefeiert haben, und so sei denn wenigstens da» Aergste als überwunden zu betrachten.

Pest, 25. April. Der Hauptstadt Ungarn» soll am 17. Mai das Schauspiel einer oppo­sitionellen Volksversammlung aus dem ganzen Lande geboten werben. Die Einberufung

die düftern Bilder blieben dieselben. Das Verbrechen de» Vaters, die Schmach der Mutter, sie warfen den tiefen Schatten auf sein Gehirn; er wand sich unter dieser Schmach. Nichts konnte den Schimpf von ihm ab­waschen, jeder Traum seine« Künstlerberufes, der in ihm aufdämmerte, ging unter in Schande. Dann war's wieder, al» muffe er die Anklage zurückschleudern, als sei sie falsch wie die Sünde, als könne die ganze Welt ihn eher belogen haben, nur nicht das holdselige Antlitz seiner Mutter.

O Gott, erlöse ihn! Diesen schmerzlichen Hilferuf selbstvergeflender Liebe hatten seine GeisteSqualen dem armen Mädchen, dessen Herz fein war, bereits entlockt. Aber die grausigste Phantasie sollte noch kommen. Die Erinnerung an die That, die er be­gangen, und den Frevel, daß er Hand an sein Leben gelegt, wurde plötzlich in ihm lebenbig.Ich bin der größte Sünder von Allen," sagte er wild,der Erbe bin ich entflohen und der Himmel verstößt mich."

Kein Lichtstrahl von der milden Barm- herzigkett Gotte» drang in feine Seele, die selbst nicht« gewesen war als Güte und Milde, die keinem Menschen ge­grollt und die seltsame Verwirrung! nun doch an Gottes Güte nicht glauben wollte.

Wäre sie nur dort, Helene," sagte er daun plötzlich dorthin deutend, wo der blaue Himmel in wundervoller Klarheit herab- lächelte auf eine Welt voll Thränen,wäre sie dort, riefe ihre Stimme mich, da«