Hr. 97.
Marburg, Sonntag, den 26. April.
187a.
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Politische W-chnt-Uebersicht.
Der Reichstag hat in der ablaufenden Woche zunächst das Militärgesetz zum Ab schluß gebracht und zwar mit einer Mehrheit von 91 Stimmen. Damit ist nun diese nationale Fundamental-Jnstitution, daS auf der allgemeinen Wehrpflicht beruhende, in Linie, Reserve und Landwehr gegliederte Heer wesen, von dem Boden der Cabinetsordres und Rescripte, aus welchem eS im absoluten Preußen herangebildet und bisher verblieben war, dem neuen Verfassungsrechle entsprechend aus den festen Boden deS Gesetzes übergeführt. Ferner hat derselbe das Kirchendienergesetz in zweiter Lesung berathen und das Preß- gesetz in dritter begonnen, mit der bestimmten Aussicht, daß über die streitigen Paragraphen eine Einigung erzielt werde. — In München soll ein Personenwechsel in dem wichtigen Amte des königlichen Cabinetssekrctärs im Werke sein, indem an die Stelle des Herrn Eisenhardt, Herr LegationSrath Reicher berufen werden soll. Doch liegt, wie Kundige versichern, dem Wechsel keine politische Schwankung zum Grunde; vielmehr ist Herr Reicher ebensowohl ein Anhänger und Zögling der reichsfreundlichen Hohenlohe'- schen Politik wie Herr Eisenhardt, und König Ludwig hat noch so eben dem Fürsten Hohen lohe zu seinem Geburtstage eigenhändig seinen Glückwunsch ausgesprochen, wie kürzlich dem Fürsten Bismarck. Neuesten Nachrichten zufolge wäre dies« Angelegenheit überhaupt zweifelhaft.
In Oesterreich wurden am 20. April die Delegationen, die diesmal in Pest tagen, eröffnet und Rechbauer für CiS, Gorove für TranSleithanien zu Präsidenten gewählt. Beide sprachen in ihren Antrittsreden sich für weife Sparsamkeit aus, jedoch unbeschadet der Wehrkraft deS Reiches. Der Gesammtvor schlag der gemeinsamen Erfordernifle des Heeres für 1875 beträgt im Ordinarium 92,474,160 und im Extraordinarium 6 Millionen Gulden. Der Kaiser reiste am 20. AbendS nach Ofen, um die Delegirten am folgenden Tage zu empfangen.
Mit gedrochenea Flügeln.
Novelle von Adelheid von Auer.
(Fortsetzung.)
Der Banquier war ein menschenfreundlicher Mann, er ließ dem Erkrankten jede Hülfe argedeihen und war zart genug, die leiseste Andeutung auf den Grund des Unwohlseins zu vermeiden. Es vergingen Stunden, ehe Felix sich genugsam erholt hatte, in sein Hotel zurückkehren zu können. Dott wurde er die Beute eines so hestigen Fieberanfalls, dem eine solche geistige wie körperliche Ab- spannung folgte, daß Tage vergingen, ehe er eS über sich gewann, den Entschluß zur Rückkehr zu fasten. Er schauderte vor dem Gedanken, mit welcher Nachricht er vor den Vater treten solle. — Die Geldverlegenheiten destelben, die ihn so zur Eile ge- trieben, hatte er vollständig vergesien: nur das eine fürchterliche Unglück beschäftigte Tag und Nacht seine Seele.
So war eS erst nach Ablauf einer Woche, daß sein Reisewagen wieder vor der Thür feine« väterlichen Hause- hielt. Einem Verbrecher, der zur Richtstätte abgefühtt wird, kann das Herz nicht in hoffnungsloserer Be Hemmung schlagen als ihm, da er ausstieg und den Hausflur betrat. Der alte treue Diener seines Vater« stürzte ihm entgegen „Gott sei Dank, daß Sie wieder da sind/ sagte er, „nun wird vielleicht Alles wieder gut werden, nun ist doch Einer da, der
Das schweizerische Volk hat am Sonntag, 19. April, über die Bundesrevision abgestimmt. Für die BundeSverfastung sind 280,000 Stimmen abgegeben gegen 141,880 verwerfende. Die Bundesrevision ist demnach angenommen vom Volke mit 2/a gegen i/3, von den Ständen mit 141'2 gegen 7^2 Stimmen.
Der König von Italien ist nach Rom zurückgekehrt, um während der wieder begonnenen Verhandlungen des Parlaments nicht abwefend zu fein. Die Zweite Kammer beschäftigt sich mit der Berathung der vom Finanzminister vorgelegten Gesetzentwürfe.
In Versailles tagt nur die Perma- nenz-Commisston; bietet diese den Blättern nur geringen Stoff, so beschäftigen sie sich um so mehr mit dem Bevorstehenden, und geben bereits einen Vorgeschrn ck von dem wie eS werden wird, wenn es dem Marschall Mac Mahon Ernst mit der 'Botschaft ist, die bald nach Wiedereröffnung der National- Versammlung eingehen soll, um die Orga nistrung des SeplenniumS zu beschleunigen. Zm jetzigen Unbestimmten kann man nicht länger bleiben, weil ohne das Vertrauen des Landes auf eine längere Ruheperiode die Geschäfte nicht wieder den früheren Schwung erreichen «erden; das Land muß aber viel verdienen, um den ungeheuren Lasten gewachst« zu bleiben, welche die Staatsschuld, die Kriegsentschädigung, die Neubildung des Heeres und die großartigen Festungsbauten um Paris und in dm öft lichcn Departements nothwendig erheischen
Die Nachrichten aus Spanien bewegen sich neuerdings in etwas einförmiger Abwechslung; wenn bereits gemeldet war, daß der Angriff auf die carlistifchen Positionen vor Bilbao begonnen worden, so ist doch wieder mitgetheilt worden, daß die Opera tionen um einige Tage verschoben seien; nach mehrfachem Ja und Nein steht die Sache nun so, daß der Schluß dieser Woche, wenn nicht die Entscheidung, so doch dm Versuch einer Entscheidung bringen soll. Man wird jedoch abwarten müssen, ob die Thatfachen der Ankündigung entsprechen werden.
Der e n l i s ch e Finanz-Minister hat dem Parlament und dem ganzen Lande in seiner Budget-Rede die freudige Ueberraschung be-
zum Rechten sehen wird, Einer, der vielleicht die Unschuld des Herrn herausbringt."
Felix strich strich sich mit der Hand über die Sttrn, ihm kam die Rede des altm Mannes so verwirrt vor. War denn ein neue« Unglück geschrhn — und welches? Er hatte kaum den Muth zu fragen I Er stand starr vor Bestürzung, als der alte Diener endlich unter Schluchzen und Thränen herausbrachtc, daß der Herr verhaftet fei, daß er Schulden haben solle, daß man behauptet, er habe Gelder veruntreut.--
»Herr des Himmels, ist'S nun bald genug?!" fragte Felix mit emporgerichteten Augen. Dann drehte er stehendm Fußes um, die geeigneten Mittel zu ergreifen, sich augenblicklich eine Unterredung mit feinem Bater zu verschaffe.« Diese traurige Gunst wurde ihm gewähtt, darf bekam er den Kelch des Leidens bis auf die Hefe zu leerm.
Die Sache war in Kürze die:
Schon seit längerer Zeit waren die Ver- mögensverhältniffe des Geheimrath« irn höchsten Grade derangirt. Sein sowie seiner Frau Liebe zum Luxus, ein alberner aber leider weitverbreiteter Stolz, an äußerem Prunk Dmm nichts nachgeben zu wollm, die ihm nur an Mitteln, nicht an Rang übcrlegm warm, hatten Ansprüche in ihm erregt, die zu befriedigen weder sein Ge halt noch dir Zinsen seines Vermögen« hinreichten.
reiten können, daß der für das laufende Jahr berechnete Uebcrschuß der Einnahmen über die Ausgaben nicht nur die von Gladstone bereits angekündigten fünf, sondern gar die Höhe von sechs Millionen Pfund Sterling erreicht. Diese Mittheilung genügt schon, ihm eine dankbare Zuhörerschaft zu sichern, aus welcher selbst von gegnerischer Seite ihm vielfacher Beifall gezollt wurde — Auch das englische Volk hatte einem großen Tobten die letzten Ehrenbezeugungen zu geben, in der Westministerabtei ist die Leiche Livingstons beigesetzt worden, der feierliche Empfang derselben in Southampton und das Trauergeläute in London war bei Nation würdig, die in dem Verstorbenen einen ihrer kühnsten, beharrlichsten und trotz seines letzte« Mißgeschickes erfolgreichste« Forscher verehrt.
Der russische Großfürst Alexis wirb noch nicht i« diesem, sondern erst im nächstm Jahre wieder auf Seereisen gehen, und zwar Australien besuchen. Die aus deutscher Vorzeit stammenden Stadtverfaffungen in den baltischen Provinzen sollen, wie es heißt, durch eine der russischen ähnliche Städte Ordnung ersetzt werden.
Der von der Pforte als berechtigt anerkannte Patriarch der unirten Armenier, Kupelian, hat sechs vom Großvezier noch besonders beglaubigte Prälaten in die Provinzen gesandt, um dort seine Autorität zur Geltung zu bringen und die Küchen, Stiftungen rc. zu übernehmen. Azarian, der Vicar Hassun'S, ist nach Rom gereist, um sich weitere Verhaftungsbefehle zu holen. — Jerusalem ist von einer Hungersnoth be droht, und namentlich bie israelitische Bevölkerung befindet sich in einer beklagens werthen Lage. Die unter Gerhard Rohlss in die libysche Wüste ausgezogene deutsche Expedition ist am 17. d. in Kairo wieder eingetroffen.
Deutsches Reich.
** Berlin, 24. April. Es ist nun mehr als feststehend zu bettachten, daß die Schließung der Reichstagssession am Sonntag durch Se. Majestät den Kaiser erfolgen wird. — Das Befinden des Fürsten Bismarck hat unter dem Einfluß des prachtvollen Wetters raschere Fortschritte gemacht,
Sophie war viel zu leichtsinnig, um sich je um dergleichen Dinge zu kümmern oder je bei ihren Ausgaben zu rechnen — er, anfänglich theils zu sehr in sie verliebt, ihr irgend einen Wunsch zu versagen, theils auch in dieser Beziehung zu sehr mit ihren Neigungen übereinstimmend, um ihrer Verschwendung in irgend einer Weise Einhalt zu lhun. So lange Capital da war, machte er sich keine Sorge und, dachte er je an die Zukunft, so glich er die schwindende Größe deffelben mit dem zu erwartenden höhern Gehalte aus. Da doch in aller seiner Verschwendung noch ein gewißes System herrschte, eine Art von Ordnung, da er nicht Schulden machte oder, nahm er einmal eine Summe auf, diese zur ge- hörigm Zeit vom Capital abtrug, so gerieth er nie in den Verdacht, ein schlechter Wirth zu sein! Ebenso schützte ihn die Solidität seine« LebmSwandels vor der Anschuldigung, daß er zu große Verschwendung treibe. Er gab sehr große Summen aus, zwar für überflüssige, aber doch für reelle Dinge, und man meinte, wer so theure Liebhabereien, wie für Gemälde, Kunstgegenstände aller Art, Bibliothek, mit solcher Leichtigkeit befriedigen könne, der müsse nothwendig im Besitz eines großen Vermögens fein.
Er war sehr klug und ließ stch nicht so leicht in die Karten sehen. So wurde sein Vermögen nach seinen Ausgaben taxitt, so gelang es ihm, die Unbescholtenheit seines
als man zu erwarten berechtigt war. Gestern hat der Reichskanzler zum ersten Mal schon einen Besuch in seinem Garten unternehmen können. — Dem im Ministerium des Auswärtigen beschäftigten Grafe« Hatzseldt ist ohne irgend denkbare Begründung, also wahrscheinlich tenbentiifer Weise, in der Presse rege Parteinahme für den Ultramon» taniSmus zum Vorwurf gemacht worden. Schon die bienstliche Stellung in der Nähe des Fürsten Bismarck müßte eine solche Verdächtigung in hohem Grade unwahrscheinlich machen; aber auch positive That- sachen, z. B. der Name des Grafen Hatz- felbt, welcher sich unter der anticlericalcn Adresse des Herzogs von Ratibor verzeichnet findet, widerlegen das Gerücht. — Der Reichstag hat heute das Religionsdienergesetz schon in zweiter Lesung durchgebracht und bas Preßgesetz dürfte wahrscheinlich heute auch bie dritte Lesung glücklich passiven. Präsident Delbrück hat die Zustimmung des Bundesraths zu den Vorschlägen der Commission verkündet; ausgeschloffen von dieser Billigung tft nur das Amendement zum §. 21, dessen Aufnahme wohl keine „conditio sine qua non“ bilden wird. Die Fonschrittspartei hat sich ernstlich für die Annahme deS Preßgesetzes interefftrt, da dieselbe jedoch auch ohne ihre Stimmen gesichert erscheint, ist sie in der glücklichen Lages, durch ablehnendes Votum sich als getreueste Opposition unbefleckt zu erhalten und unerschütterlich charakterfest zu erscheinen. „Jedem Thierchen fein Plaisirchen!"
Leipzig, 22. April. DaS hiesige „Tageblatt" erzählt: An Kaiser Wilhelms diesjährigem Geburtstag fand in üblicher Weise ein Festmahl der hiesigen, im activen Dienst befindlichen Offiziere statt. Ein Premier- Lieutenant deS Regiments Nr. 107, Herr v. U , von Geburt Hannoveraner, soll hierbei damit demonstrirt haben, daß er sich, als man bett Toast auf den Kaiser ausbrachte, weigerte, das Glas zu erheben. Das Verhalten des Herrn v. U. sei darauf zur Keitnt- niß seiner militärischen Vorgesetzten gebracht worden, und die alsbald eingetretene Folge fei gewesen, daß der genannte Offizier aus dem Dienst entlasten wurde.
Gieße«, 23 April. Daß die bevorstehende neue Justiz-Organisation auch für
Charakter« aufrecht zu erhalten, so stieg das Vertrauen zu ihm leider in demselben Grade, als seine Mittel schwanden: dadurch gerieth er immer mehr in Versuchung, dasselbe zu verrathen.
Man steuert wohl eine Weile ein leckes Schiff durch die Wogen, aber zuletzt ftran- det'S doch; Klugheit scheitert am Leichtsinn, ist sie nicht von dem strengsten RechtSgefühl unterstützt.
Er fing an, mit dm ihm anvertrauten Geldern zu speculiren, und verlor große Summen; er griff Mündelgelder an, natürlich mit der Absicht, sie wiederzuerstatten, — denn die Absicht hat fast Jeder, der sich zu so unglücklichen Schritten verleiten läßt, — und konnte nun saft mit Gewißheit den Zeitpunkt berechnen, wo Hilfe geschafft werden ober Ruin und Schande über ihn hereinbrechen mußte. Das ist aber eben der Fluch des Leichtsinns, daß er meint, seine Pläne und Anschläge könnten niemals fehl gehn, daß er an seine eigne Hirngespinnste glaubt.
Auch Berger hatte seine Pläne gemacht. Felix mußte eine reiche Heirath schließen; schlug dies fehl, so sollte Sophie wieder zum Theater und durch ihr noch in voller Blüthe stehendes Talent die Mittel schaffm, alle Verbindlichkeiten zu erfüllen und habet das gewohnte glanzvolle Leben fortzuführen. Freilich kostete es ihn viel Ueberwindung, an die Ausführung dieses Entschlusses nur