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Marburg, Donnerstag, den 23. April

1874

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte», sowie die Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M-; Saascnstein & Vogler in Frankfurt a- M-, Berlin, Leip­zig, Cöln rc-; Rudolf Stoffe in Berlin, Frankfurt a. M- rc.

(OlifrljfHiltlif Icilung.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d- Blattes, sowie die Annoncen-Bureaux von G. L. Daube & Co. in Frankfurt a. M-; Jägerische Buchhandlung in Frankfurt a. M; Jnvalidendank, A. Rete- meyer in Berlin; Carl Schüß- ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 22 i gor., durch die Postämter 27 Zar sexcl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Sgr. Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr.

Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden Sgr- berechnet.

«^tftelttneen auf dieOder-. Zeitung" <O für die Monate Mai und Juni wer­de« von allen Postanstalten, für Marburg und Umgegend in der Expedition entgegen- gcnowmen.

Deutsches Keich.

Berlin, 21. April. Der Handelsmini ft er Dr. Achenbach hat wiederholt den Schutz der in gewerblichen Anlagen be< schästigten Arbeiter gegen Gefahren für Leben und Gesundheit zum Gegenstände von Ver fügungen gemacht. In den Berichten, welche darauf von den Provinzialbehörden erstattet worden, hatten einige derselben gegen die Zweckmäßigkeit de« Erlasses von Polizei Verordnungen zum Schutze der Arbeiter Be denken erhoben. Es wurde namentlich da gegen eingewendel, daß es bei dem raschen Fortschritt der gewerblichen Technik schwierig sei, wirksame Bestimmungen über die Ein­richtung und den Betrieb gewerblicher An lagen zu ertasten, ohne in störender Weise in die Entwickelung der Gerwerbe einzugreifen, daß Bestimmungen dieser Art häufig schon nach kurzer Zeit m Folg« inmittelst finge tretener Betriebsänderung ihre Bedeutung verlieren würden und daß allemeine Polizei- Verordnungen , auch wenn sie zur gehörigen Publizität gelangt seien, meistens eine ge ringere Wirksamkeit auSübten, als Ver­fügungen, welche für einzelne Fälle erlösten würden, zumal es nicht selten vorkomme, daß erstere selbst bei den zu ihrer Hand habung berufenen Polizeibehörden rasch in Vergessenheit geriethen. Der Handelsmi nistcr hat in einer neuen Verfügung daraus erwidert, daß den Uebelständen, welche dem letzteren Bedenken zu Grunde liegen, durch bessere Handhabung der Beaufflchligung der gewerblichen Anlagen abgeholfen werden könne, worüber er sich eine wettere Eröff imng Vorbehalt«. Die übrigen Bedenken antangend, so sei zwar anzuerkennen, daß die Rücksicht auf die für den Forlschrilt der Gewerbe unentbehrliche freie Bewegung in technischer Beziehung den Erlaß polizeilicher Bestimmungen für manche gewerbliche Be triebe erschwere. Indessen lasse die nicht unerhebliche Zahl und die Mannigfaltigkeir der Polizeiverordnungen, welche bereits er-

Ril gebrochenen Flügel».

Novelle von Adelheid von Auer.

(Fortsetzung.)

Fra« Birger war es hier insoforn in dollem Maße, als sie recht wohl bemerkt, daß Blum sich in sie verliebt, als das ihrer Eitelkeit geschmeichelt, als sie eS Mitleid und Schonung feiner Gefühle genannt, ihm dennoch freundlich, nicht abweifmd zu be­gegnen. Sie machte sich in Gedanken fo vertraut mit feiner Liebe, daß ein Geständ niß sie nicht einmal mehr überraschte; und Blum war verliebt und unverschämt genug, ein solches zu wagen. Er war überhaupt ein Mensch, der unter der Maske eiserner Ruh« ein leidenschaftliches Temperament ver­barg, «in Mensch, der nach Allem die Hand ausstreckt«, »a» ihm ßegehrenswerth erschien, und zwar so lange und so unverdrosten, bi- er e» erreicht hatte. Und daß die Liebe der schönen Frau zu erreichen war, das wurde ihm schnell klar; denn sie war leicht- stnnig, eitel, der Zerstreuung zugethan, sie hatte einen Mann, der sich nicht um sie tummerte und dm sie längst nicht mehr liebte.

'Äetn erstes Geständniß wurde zwar noch tmt. halb tugendhaften Entrüstung zurückgewiesen, aber sie entfemte ihn nicht, ja sie ließ sich darauf ein, mit einem Manne, wr ihre Frauenwürde für nichts geachtet, ber verliebt in sie und viel klüger und rede- Sewandter war als sie, oft und viel über die Pflichten der Ehe zu diSputiren War'S «rn Wunder, toenn sie ihm zuletzt glaubte,

lasten, erkennen, daß ein weites Gebiet übrig bleibe, welches ohne Bedenken und mit Aussicht auf Erfolg der Regelung durch allgemeine Polizeiverordnungen unterzogen werden könne. Der Handelsminister empfiehlt daher, der Angelegenheit weitere Aufmerk­samkeit zuzuwenden und, wo nöthig, mit dem Erlöste von Polizeiverordnungen vor­zugehen. Für schwierige technische Fragen werde der Minister die Begutachtung der technischen Deputation für Gewerbe herbei­führen.

Wi« derRat. Ztg." aus London geschrieben wird, naht das Gedenkalbum, welches Sr. Majestät dem Kaiser zum An­denken an die englischen Sympathiemani- festationm überreicht werden soll, endlich seiner Vollendung. Die Verzögerung schreibt sich der späten Zustellung der Correctur- bogen Seitens eines der hauptsächlichste» Mitarbeiter zu. Das Album ist in Quartfor­mat, von etwa 400 Seiten. Der Einband ist von weißem Saffian, mit Goldverzierung, und mit den deutschen Farben. Die Abreise der Deputation, welche das Album über­reichen soll, ist nunmehr definitiv auf die nächstm Parlamentsferien zu Pfingsten festgesetzt. Um auf GrUnd des §. 12. des Reichsgesetzes über die Kriegsleistungen d. d. 13. Juni v. I. die Feststellung der Vergütungssätze für Vorspann und Spann­dienste vvrzubereiten, sollen die Ortsbehörden um Aeußerung aufgefordert werden, auf welche Beträge die in Rede stehenden Sätze nach ortsüblichen Preisen pro Tag festzu­stellen sein werden, und zwar nach den ihnen von den Laudräthen deshalb zu geben­den Anleitungen Die Commission zur Vorberathung der Reichs-ConcurSordnung, die ursprünglich Gemeinschuld-Ordnung heißen sollte, ist sehr thätig, txoch liegt eS in der Natur der Sache, daß die Arbeiten nicht so schnell vorschreiten.

Kiel, 20. April Zum Kriegsgericht gegen Kapitän zur See, Werner, theilt die Schles. Z." mit, daß die Aburtheilung nunmehr dem 10. Armeecorps (Hannover) übertragen ist. Niemand zweifelt daran, daß das Unheil schlimmsten Falles ein sehr mildes sein wird, wenn keine Freisprechung

daß die Pflichten der Ehe sich lösten mit der Liebe, daß fie einem Mann, dem fie gleichgiltig geworden, nichts schuldig sei?

Felix war leider nicht zu Hause, als das Verhältniß mit Blum begann. Vor seinen reinen unschuldigen Augen hätte sie vielleicht das Unrecht nicht begangen. Als er kam, war'S zu spät. Da hatte Blum schon längst so viel Semen verzweiflungSvoller Liebe ge spielt, hatte mit so viel Fäden das unvor­sichtige Herz umsponnen, daß es vollständig in seiner Gewalt war.

Sophie träumte noch einmal einen Liebes­traum, träumte ihn, vielleicht durch daS Ge- heimniß gesteigert, so leidenschaftlich erregt, al« ihre Oberflächlichkeit es ihr überhaupt gestattete. Blum hatte sehr geschickt all ihre Schwächen zu benutzen verstanden, sie un­widerruflich an seine Zuneigung zu fesseln. Ihre Liebe zum Gesang, ihr nie zu ver­nichten gewesener Wunsch, zu einer Lauf bahn zurückzukehren, die ihr alles daS ver­sprach, was ihr eitler Sinn begehrte, war eine seiner stärksten Waffen gewesen, sie zu dem Entschluß zu bringen, der von Anfang an sein Ziel, zu dem Entschluß, Alles im Stich zu lassen,. ihm zu folgen, durch ihn dem Berus zurückgegeben zu werden, der ihr vom Himmel bestimmt, und so auch seine Träume von Liebe, Glück, herumschweifendem Lebm und bequemem Reichthum zu erfüllen. Ihre Gleichgültigkeit gegen den Mann hatte er in Abneigung verwandelt, die Neigung für ihre Kunst zum Enthusiasmus, ihrm Wunsch nach Triumphen der Eitelkeit zur

erfolgt und daß dasselbe eventuell durch eine hier gewiß sehr gerechtfertigte 'Begnadigung seine Erledigung finden dürfte.

Elberfeld, 20. April Auf der Schützen­burg bei Keuter sollte gestern und heute ein Kongreß der Maurer und Steinhauer Rhein­lands , Westfalens und Hesten stattfinden. Es hatten sich zu demselben aber nur 6 bis 8 Delegirte aus genannten Provinzen, sowtt ungefähr 8 Mitglieder eingefunden. Die Delegirlen sind demzufolge, ohne zu tagen, heimwärts gereist.

Wie-bade«, 21. April. Gutem Ver nehmen nach wird Kaiser Wilhelm am 8. Mai hier eintreffen und einen Aufenthalt von 14 Tagen nehmen. Wie man dem Rh. Kur.* mittheilt, haben die Aerzte des Fürsten Bismarck bei der Auswahl des Bades, besten Besuch demselben für den Sommer anzurathen sei, auch Wiesbaden in Erwägung gezogen. Fürst Bismarck hat schon einmal in den fünfziger Jahren, als er noch Gesandter in Petersburg war, die hiesigen Thermen gebraucht. Pfarrer Houben in Balduinstein, welcher zur Her stellung seiner Gesundheit einen mehrwöchent lichen Urlaub genommen, wurde von dem Polizeigericht zu Diez für 7 AmtShand lungen a 50 Thaler mit 350 Thlr. eventuell 98 Tagen Gefängniß, für 8 andere ä 60 Thlr. zu 480 Thlr. oder 136 Tagen Ge sängniß verurtheilt. Also zusammen z« den früheren Strafen 830 Thlr. eventuell 234 Tage Gefängniß.

Braunschweig, 18. April. Das 92 Infanterieregiment, welches mit Hinznrech nung eines Husarenregiments die Militär macht Braunschweigs repräsentirt, befand sich längere Zeit dadurch -n einem Dilemma, daß ein RegimentSchef nach dem andern den Abschied nahm, um in preußische Dienste zu treten. Die betreffende» Offiziere sahen sich hierzu gezwungen, weil die in braun­schweigische» Diensten zu erlangende Charge nie über den Oberst-Charakter hinausgehen konnte. Im Momente befinvet sich dastelbe Regiment, jedoch aus anderen Gründen, wieder in derselben Verlegenheit. Der jetzige Chef desselben, Oberst Tschißky, erst vor etwa einem halben Jahre au« Glvgau

glühendste» Sehnsucht gesteigert. Ihren sanften nachgebenden Sinn hatte er herab- gcdrückt zur völligen Willenlosigkeit und ihre Phantasie zu verbrecherischer Liebe ent­flammt. So hatte er sie langsam und sicher unterjocht, hatte den Plan ihres künftige» Lebens entworfen, jede Einrede, jeden Wider­stand besiegt, jedes Unrecht fortgeklügelt, und der heutige Abend hatte nur bestimmt festgesetzt, was in seinem Kopfe längst be­schlossen und ersonnen war: Da trat Felix wie ein Bote des Gerichts zwischen die Sünder.

Ach, obgleich selbst frei von Schuld, litt er durch dieselbe vielleicht am meisten!

In seiner tiefen Verzweiflung merkte er es gar nicht, daß die Mutter vor ihm stand, daß sie sich liebkosend über sein Haupt ge­beugt, daß ihre Thränen auf dasselbe fielen.

Mein Felix, mein Sohn, vergieb mir,* bat sie mit ihren weichsten Tönen.

Er ließ die Hände vorn Antlitz finten und sah sie mit seinen großen, strahlenden Augen kummervoll, fast demüthig an. Dann sagt- er:Ich bin nicht Dein Richter, Mutter, der ist dort oben: ich bin nur Dein armer, niedergeschmetterter, ans allen Himmeln ge stürzter Sohn. Ich mag das Recht nicht haben, Dir zu zürnen oder zu vergeben."

Aber Du sollst mich lieb haben", bat fie weiter,Du sollst nicht so entsetzlich traurig fein; Du liebst ja auch, kannst Du die Macht der Liebe nicht begreifen?*

Felix fuhr fast wild in die Höhe.Mut­ter, vergleiche nicht meine Liebe, aber

hierher kommandirt, gerieth bei dem letzten Manöver mit seinem Brigadegeneral in Dif­ferenzen, in deren Folge, obwohl ein Ehren­gericht zu Gunsten des Ersteren entschied, der Oberst dennoch um seine Dienstentlassung einkam. Diese ist gewährt und der sowohl hier in Braunschweig wie auch bei seinem im Elsaß stehenden Regimentc beliebte Of­fizier scheidet nach Ablauf eines ihm vom Kaiser gewährten sechswöchentlichen Urlaubs in diesen Tagen aus dem Heere aus.

Darmstadt, 20. April. Die neuen Verwaltungsgesetze werden, derMain Ztg." zufolge, am 1. Juli in Kraft treten, die Neuwahlen im Laufe des August stattfinden. Wie dasselbe Blatt mittheilt, wird die erste ordentliche Synode der evangelischen Landeskirche nicht vor September zusammen- berufen werden Ministerialrath Finger hat sich (nach derDarmst. Z.") gestern nach Berlin begeben, um an den Verhand­lungen des Justiz-Ausschusses über das Gerichtsverfafsungsgesetz, sowie die Civil- und Strafproceßordnung als diesseitiger Be­vollmächtigter theilzunehrnen.

Stuttgart, 21. April. Professor Gustav Bläser aus Berlin ist gestern in Cannstatt gestorben. Die Bildhauerkunst verliert in ihm einen tüchtigen Meister, den bedeutendsten Schüler Rauch's.

Straßburg, 18. April. Die hiesige kaiserliche Tabaksmanufaltur ist schon seit drei Jahren stete» Angriffen Seitens der Privatindustrie ausgesetzt, welche besonders in letzter Zeit geradezu auf sie hineinregneten. Als Ursache dieser Angriffe ist, kurz gesagt, die zu bezeichnen, daß die Manufactur theuerer einkauft und billiger verkauft als die Privatindustrie und dadurch allerdings den Aufschwung der letzteren theilweise hemmt. Dies muß derselben allerdings unangenehm sein; Thalsache ist aber, daß das Publikum dabei gewinnt und gut fährt und deshalb für die Beibehaltung des Geschäftes in seiner jetzigen Einrichtung wie ein Man» stimmt. Dennoch Hal die Regierung keineswegs die Absicht, das Geschäft für immer zu betreiben und wenn sie bis jetzt mit der Uebergabe desselben in Privathände zögerte, so rührt dies daher, weil die mit Privatunternehmern

nein", unterbrach er sich selbst,lass' uns davon schweigen. Möchte ich doch am liebsten meine Gedanken tödten, weil sie die eigene Mutter anjutlagen wagen."

Er war aufgeftanben und an's Fenster getreten. Er riß es auf und kühlte sein glühendes Haupt in der frische» winterlichen Luft. Der Himmel war uachtumhüllt wie seine Seele. Aber wie ein Gruß von Oben erklang da plötzlich Helenens Stimme. Durch die geschloffenen Fenster gehemmt, schwebte» die Töne sanft verhallend zu ihm hernieder. Er kannte das Lied, er verstand die Worte:

Geh zur Ruh, geh zur Ruh!

Schlummernd alle Sorgen schwinden, Und auch Du, und auch Du, Armes Herz, wirst Tröstung finden.

Auch für die Schande?" fragte er mit einem verzweifelnden Blick und schloß das Fenster.Gute Rächt Mutter," sagte er dann sehr sanft zu dieser, ober die Hand bot er chr nicht. ES war ihm, als sähe er die ihre »och ruhen in der jenes verhaßten Menschen, er konnte sich nicht entschließen, sie zu berühren.

Frau Berger saß noch lange, nachdem Felix sie verlaffen, in schweigendes Nachdenken versunken da.

Es ist nicht mehr zu ändern," sagte ste dann endlich,ich kann nicht mehr zurück und ich will auch nicht. Ich könnte de» Vor­wurf in feinen Blicke» nicht ertragen, ich will nicht wie eine Sünderin vor ihm (eben, die Mutter vor dem eigenen Sohn, es geht nicht, geht nimmermehr!" Und bann nahm