Marburg, Mittwoch, den 15. April.
187a
Ur 87
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Dnltsches «eich.
•• Berlin, 13. April. Da- am Sonnabend Nachmittag durch Se. Majestät den Kaiser definitiv genehmigte Compromiß m der Militärfrage, welche- bereits als Septennat" von den politischen Kreisen seinen Taufnamen erhalten hat, bildet natürlich fast ausschließlich den Gegenstand der öffentlichen DiScusston und erfährt, je nach der Parteistellung, die verschiedenste Beurtheilung pro et contra; die größte Mehrheit der für das Staats- und Reichswohl fich interesfirenden Bevölkerung Deutschlands wird mit Freuden die Nachricht begrüßen und sich von dem Alp eines drohen- dm Conflict« befreit fühlen. In Regie- rungskrcifen hatte man zwar auch für die ursprüngliche unveränderte Vorlage auf An nähme im Reichstag rechnen zu können geglaubt, nachdem in allen Theilen Deutschlands die einflußreichsten reichstreuen Elemente der Bevölkerung so entschieden auf eine der Regierung annehmbare Lösung der Frage gedrungen hatten, und die militärischen Rathgeber deS Kaisers hatten auch ihre Bedenk« gegen jede Abschwächung deS Organisationsplanes bi« zum letzten Augen- blick seftgehalten, indeffen das Gewicht der politischen Erwägungen ist zu Gunsten de« CompromisseS entscheidend in die Wagschale gefallen und bei unbefangener Erwägung der Dinge wird man nicht verkennen, daß die Regierung dadurch eine freiere Position und zuverlässigere Basis für ihre Politik im Allgemeinen gewonnen hat. Die reichs- treue Majorität wird durch Anschluß einer nicht geringen Zahl liberaler Mitglieder verstärkt, welche ohne diese« Entgegenkom- men ihre Bedenken gegen bedingungslose Annahme nicht überwunden haben würden, und der günstige Eindruck einer starken Majorität für die Militärvorlage wird auch für weitere Entscheidungen bestimmend sein. — Der pessimistisch« Anschauung, daß die Gegenwart aus Kosten der Zukunft sich Erleichterung und Gewinn verschafft habe, kann man keine Berechtigung zugestehen, denn damit wäre überhaupt der bis jetzt in der schwierigsten Zett deS Anfangs siegreich bewährten Kraft des nationalen Einheits
strebens die Lebensfähigkeit abgesprochen. Wenn unsere nationale Kraft nach sieben Zähren noch nicht zu wohlorganifirtem festgefügtem Bollwerk gegen innere und äußere Feinde sich herauSgebildet haben sollte, dann würde auch die formell geführte Haltung eines Paragraphen des MililärgesetzeS die fehlende sichere Grundlage nicht geben können. Auch der monarchische Sinn der im deutschen Volke lebt, hat sich durch Thaten Anspruch auf Vertrauen für die Zukunft erworben und keinen Anlaß gegeben, am wmigsten in der neueren Geschichte, zu der Befürchtung, daß vaterlandslose Communistm oder Papisten über ihn triumphieren könnten. — Der Landtag ist heute versammelt gewesen und hat weitere Vertagung bis gegen Ende dieses MonatS beschloffen mit der Ermächtigung für den Präsidenten die Einberufung f. Z. anzuordnen. — Der Justiz- Ausschuß deS Bundesrath hat in seinem Bericht über daS Preßgesetz mit Stimmen- cinheit oder nur einer dissentirender Stimme die Wiederherstellung der ursprünglichen Vorlage in den meisten vom Reichstag amendir- ten Bestimmungen beanttagt. Namentlich auch die Bestimmungen über die Beschlagnahme der Zeitungen und Druckschriften.
— Der achte Bericht der Commisston für Petitionen im Reichstage theilt mit, daß nicht weniger als 240 auf wesentliche Abänderungen der Gewerbeordnung gerichtete Petitionen eingegangen find: Dieselben sind von vielen Tausenden von Unterschriften, hauptsächlich auS dem Handwerkerstande, bedeckt; doch auch andere BerufSclassen haben sich denselbm angeschloffen. SämmÜiche Petitionen bilden gleichlautende Druckschriften, datirt „AuS Berlin, im Januar 1874, von wo sie anscheinend über ganz Deutschland verbreitet- worden sind. In dem Berichte des Referenten der Commission, Geh. Reg.« Rath Jacobi, heißt eS: Vor dem Eintritt in die Beurtheilung des materiellen Inhaltes der Petitionen läßt sich die Bemerkung nicht zurückhalten, daß die Faffung der Druckschriften theilweise sehr befremdet. Von einer Vorstellung, welche unter der Firma deS Centralcomites seiner selbstständigen Handwerker u. Fabrikanten Deuisch-
lcmdS" eingesührt wird, welche der Hauptstadt des deutschen Reiches entflammt, und in hundert und mehr Exemplaren die Zustimmung von Tausenden der Mitglieder des Gewerbestandes in ganz Deutschland gesucht und gefunden hat, hätte man doch wenigstens Das erwarten sollen, daß sie in einer correcten Sprache gemeinverständlich die Petita und der« Begründung vortragen würde. Statt deffen begegnen uns eine Ausdrucksweise und eine Satzbildung, welche hier und da sogar das Verständniß der wahren Meinung und Absicht der Petenten nicht ohne Mühe gestatten. Sv erscheint gerade diese Petition als eine neue, ernste Mahnung an Das, was unserem Handwerk am meisten und dringendsten noththut, an das Bedürfniß der Bildung, tüchtiger Schul- und Fachbildung, Soll das Handwerk noch einen golden« Boden haben, so kann cs ihn sicherlich nur in und mit der Bildung finden. Erfreulich ist eS, daß wenigstens irgendwo und ftgendwem die Mangelhaftigkeit der Faffung eingeleuchtet hat, und in Folge deffen eine von gebildeter Hand aus gegangene Umarbeitung der Petition, in 5 Exemplaren, aus Köln, Stettin, Posen, Königsberg i. Pr. und Husum vorliegt. Den einzelnen Petitionen ist eine von dem sogen. „Cmtralcomüs rc." unterzeichnete Zuschrift beigelegt, welche den Titel führt: „die Zustände des Handwerks und der Reichstag." Sie ergeht sich in wenig höflichen und wenig schicklichen Angriffen gegen den von der Petitionscommisston des vorigen Reichstags über gleichartige Anträge der Handwerker, wie die gegenwärtigen, erstatteten Bericht; und unterliegt vorzugsweise dem oben ausgesprochenen Befremden über die Unzulänglichkeit der Faffung. —- Soweit der Bericht, der im fiebrigen ziemlich umfangreich ist, und erkennen läßt, wie die Commission sich eingehend mit der Materie besaßt hat. Der Antrag der Commission geht zuletzt dahin: „Der Reichstag wolle beschließen: a) die Petitionen, soweit sie das gewewerbliche Hülfscaffenwesen betreffen, dem Reichskanzler mit der wicderholentlichen dringenden Aufforderung zu überweism: „den zuletzt mittelst Reichstags Beschluffes vom
Mil gebrschene« Flügel«.
Novelle von Adelheid von Auer.
(Fortsetzung.)
Felix Berger hatte die Liebe, die Begabung zur Musik von der Mutter geerbt. Seine Stimme zwar, wenn auch wohllautend, war nur schwach; sein Borttag war die Hauptsache bei seinem Gesang. Aber zum Gesang trieb seine Künstlernatur ihn auch eigentlich Nicht. Die Geige war sein Instrument und er handhabte dies schwerste und vollkommenste aller Instrumente schon jetzt, in seinem zwanzigsten Jahre, mit solchet Meisterschaft, daß er eine nicht unbedeutende Stelle in der herzogt. Kapelle einnahm und man für die Folge große Dinge von ihm erwartete. Der Genius, der aus seinen Augen strahlte und der, ist er echten göttlichen Ursprunges, dm Mcnschm, welchen er beseelt, immer eine Stufe über seine Mitbürger erhebt, würde Helenen vielleicht imponirt haben, aber die gutmüihige-Frmndlichkeit des jungmMqnueö, der Frohsinn, der seine Worte belebte, die Natürlichkeit seines Wesens schlug soviel verwandte Saiten in ihrem Gemülh an, daß fie bald jede Schüchternheft vergaß. Tante Florine war ganz erstaunt, wie unbefangen, wie von dem Herzen herunter fie mit dem jungen fremden Menschen plauderte.
„Hmt kann ich leider nicht fingen," sagte er, „aber ich komme wieder und dann fingen »ir zusammen, nicht wahr?"
Er war klug gewesen, diese Frage an Taute Florine zu richt«, die, wenn fie nicht übersehm wurde, eS fich gerne gestattete,
freundlich zu handeln, wenn auch in etwa« majestätischer Weise. Sie fing jetzt eine genaue Erörterung über die Beschaffenheit .von Helenens Stimme an; sie hatte deutlich herausgehört, daß diese noch um mehrere 'Töne fallen, daß sie bei geschickter Behandlung in eine Altstimme verwandelt werden könne, daß fie selbst einst Alt gesungen, was viel seltmer, für die Meisten auch ansprechender sei. Felix sollte seine Meinung abgeben, sein künstlerisches Urtheil, seine Beobachtungen während Helenens Gesang.
i „Ich habe weder beobachtet, noch geur- theilt," sagte er, „ich war auch gar nicht hier unten auf der Erde. Ich war, glaube ich, oben beim Abendstern, auf den schwebenden Wolken! oder trug mich der Stegen« bogen, der heut gegen Abektd eine so herrliche, glänzende Brücke über den Himmel gebaut? ■genug, ich meine, die Stimme ist, gerade so wie sie ist, schön," fie braucht nichts zu werden, um zu begeistern, zu entzückm."
Und dann mußte Helme das Lied wiederholen, da« ihn so machtvoll hinübergelockt.
„Wäre ich efat Zauberer," sagte er zuletzt, „durch dies Lied müßtm Sie milch rusm, und wehe, wenn ich dann nicht jede Bitte, jedm Wunsch gewährte. Die Melodie ist so rührend in ihrer einfach« Traurigkeit. Es mag wohl Schmerzen geben , die man selbst mit dem Freund nicht theilen mag, über dmm man lieber das Herz brechen läßt. Rinnen Sie Sich da« denken?"
„Nein," sagte Helme, „ich kann mir den Schmerz überhaupt nicht denken; man hat mich nur an die Freude gewöhnt; aber ich meine, wie man eine Freude nicht allein genießen mag, so kann man auch nicht anders, als seinen Schmerz in ein andere« Herz ausschütten."
„Ja, darum stirbt man eben, wenn man'S nicht thut," war die Erwiederung.
„Das beste Mittel gegen Kummer ist Beschäftigung," meinte Taute Florine, aus ihre Bücher blickend.
„Nein," sagte Heleue, „ihn aussprechen und sich ttösten raffen*.4*
Felix lächelte: „Sich aussprechen, sich trösten lassen, daS ist's," sagte er bann, „wenn nicht in Worten, so doch in Tönen. Ich meine, die Musik ist eine allmächtige Trösterin. Der Klang, der Ton, der sich hinausschwingt, Hilfe flehend, Trost suchend, wriß die Seele zu befrei«, so oder so."
Helene dachte still für sich das Gespräch sei doch gar zu ernst geworben; sie liebte eS nicht von so trüb« Dingen zu sprech«, und bennoch — als Felix sie aussprach, und fein Auge zu den Worten leudjtete, wie ein Strahl von Oben in die irdische Nacht hinein — da legtm sich auch die ernsten Gedanken schmeichelnd an ihr Herz.
Sie war ganz ttäumerisch, als Felix schied und ihr die Hand mit so freundlicher Herzlichkeit bot, al« gelte es eine alte Bekanntschaft zu besiegeln, nicht eine neue zu schließ«. Sie hörte auch gar nicht, was die Tante zu feinem Lobe sagte und wie sie
5. Mai 1873 in Erinnerung gebrachten Gesetzentwurf über das gewerbliche Hülfs caffenwesen bestimmt in der nächsten Sitzung vorzulegen; b) im Uebrigen über die Anträge der Petitionen, so weit sie nicht durch die Beschlüffe bezüglich des Gesetzentwurfs, betreffend die Abänderung einiger Bestimmungen der Gewerbeordnung, ihre Erledigung finde», zur Tagesordnung überzugehen."
Prerch. Stargardt, 10. April. Der Bischof von Culm, Dr. von der Marwitz zu Peplin, wurde heute wegen gesetzwidriger Uebertragnng eines geistlichen Amtes an dm Vicar Anton Kaniecki zu Lessen und an Zbromöki in Zwiniarz zu 600 Thaler Geldbuße event. vier Monaten Gesängniß ver- urtheilt.
Darmstadt, 12. April. Mitte vorigen Monats hielt, wie erinnernd), Herr Julius Schulze auf Veranlassung des hiesigen Volksbildungs-Vereins und der Turngemeinde dahier einen eingehenden Vortrag über die Arbeiter-Frage, welcher mit vielem Beifall angenommen wurde. Es wird, namentlich cbm, wo jene Frage die Welt so lebhaft bewegt, von Interesse fein, zu erfahren, daß jener Vortrag nach stenographischer Aufzeichnung gedruckt worden und aus dem Verlag der Turngemeinde zu beziehen ist.
Münche«, 11. April. Unter endloser Betheiligung fand gestern Nachmittag 4 Uhr im südlichen Gottesacker die Beerdigung Kaulbachs — nach dem Wunsche des Verstorbenen ohne Geistlichkeit — statt. Der Schmerz über den großen Verlust zeigte sich aufs neue bei der Beerdigung. Eine zahllose Menschenmenge hatte bereits seit den ersten Nachmittagsstundm den Friedhof besetzt gehalten, welche sich bei der Beerdigung zu einem unauflösbaren Menschenknäuel entfaltete. Eine zahllose Fülle von Blumen und Lorbeerkränzen deckte Sarg und Grab, welches fich an der östlichen Seite des Gottesackers befindet. Den Leichenzug eröffneten eine Trauermustk nebst den Akademikern mit Fackeln, nach der Akademiefahne folgte der mit LorberrkrSnzm förmlich verhüllte Sarg, auf welchem die dem Verblichenen verliehenen höchsten Ordensdekoralionm prangten. In langer Reihe schloffen sich die nächsten an ihm nur tadelte, daß feine Manieren nach Art der meisten Genies, ein wenig frei und ungenirt wären. Der Händedruck sei auch eine Probe davon gewesen und Helene würde besser gethan haben, denselben mit verwundertem Gesicht zurückzuweisen statt ihn so naiv zu erroiebern.
Aus feine exaltirten Aenßerungen über ihren Gesang solle fie auch ja nicht soviel geben, das sei fajon de parier, das sei nicht so gemeint; 'denn gerade Felix als Mustkver- Itänoiger müsse die Mangelhaftigkeit ihrer Stiftung« sehr gut, noch besser wie andere Lmte, bmnheilen können und er habe ihr durch fein Lob nur Muth machen wollen. Genug, fie sagte alles Das, wodurch ältere, erfahrenere Leute sich der Jugend so angenehm zu machen und ihr Verttauen zu er« ringen verstehen. Aber sie konnte sich auch schnell überzeug«, wieviel Helene von der Lektion prosttirt hatte. Denn, als sie jetzt, vor ihr stehen blieb mit einem Gesicht, das Antwort zu erwarten schien, sagte jene bloß sehr freundlich:
„Gute Nacht, liebe Tante. Ja, das war ein vergnügter schöner Abend I Und Herr Berger gefällt mir recht gut."
Felix Berger wat der einzige Sohn seiner Eltern.
Sein Vater hatte fich sehr jung ver- heftathet. Er stand noch in seinen besten Jahren, aber sein Leben war unter gar trocken« Beschäftigungen verflossen und dies, wie eine etwas grämliche, verschlossene Ge- müthsart, hatten ihn vor der Zeit alt wer-